Interview mit Isabelle Joswig, Unternehmensberaterin und Legasthenikerin

Q: Wo hast du dein Auslandsstudium gemacht?

A: Meinen Bachelor in „International Business“ (BWL mit internationalem Schwerpunkt) habe ich an der Maastricht University in den Niederlanden absolviert. Für den Master in „Managing People, Knowledge & Change“ (Personal- und Veränderungs-Management) hat es mich nach Schweden geführt, an die Lund University. Wusstet ihr, dass Legasthenie in der schwedischen Königsfamilie über Generationen vererbt wurde? Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich den Eindruck habe, dass meine Studienländer in Punkto Inklusion weit fortschrittlicher entwickelt sind als Deutschland.

Q: Wie hast du das Studium mit einer Zweitsprache geschafft?

A: Zu meinem Erstaunen ist mir das Studieren in Englisch bei weitem einfacher gefallen als zunächst angenommen. Ich hatte Kommilitoninnen, die mir ihre Zusammenfassungen zur Verfügung gestellt haben, sodass ich nicht alle Bücher und Artikel lesen musste. Ich habe in meinen Jahren als Studentin sehr viel Solidarität erfahren, obwohl ich mich nie offiziell „geoutet“ habe. Rückblickend würde ich das allerdings anders machen und die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel dankbar annehmen. Zugegebenermaßen hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten zu meinem Handicap zu stehen und wollte mir beweisen, dass ich nicht minder intelligent bin als andere. So habe ich es mir schwerer gemacht als nötig, zumal wir heute wissen, dass Legasthenie keinen Einfluss auf die allgemeine Intelligenz hat.

Q: Welche Vorteile hat ein Studium als Legasthenikerin an ausländischen Hochschulen?

A: Der für mich bedeutendste Vorteil ist, dass Rechtschreibfehler in der Zweitsprache bei weitem akzeptierter sind als in der Muttersprache. So bin ich nie groß aufgefallen oder aus dem Raster gestochen, anders als in der Schulzeit. Das Wissen wurde im Bachelor ausschließlich durch Multiple Choice Fragen geprüft und im Master durch Hausarbeiten, für die ich mehrere Tage Zeit hatte. Somit stand ich selten unter Zeitdruck und musste nie ohne Hilfsmittel und Rechtschreibprogramme Texte verfassen. Zudem ist die englische Sprache deutlich unkomplizierter, was es mir persönlich einfacher gemacht hat, Inhalte auswendig zu lernen.

Q: Wie stark schätzt du heute deine Legasthenie ein? Beschreibe einmal deine Schwierigkeiten!

A: Meine Legasthenie wurde im Kindesalter sehr früh erkannt, weshalb ich das Privileg hatte, frühzeitige Förderung durch z.B. Ergotherapie und Nachhilfe zu bekommen. Ich wurde aber nicht nur gefördert, sondern auch gefordert, indem – zu meinem damaligen Bedauern – jedes Jahr wieder ein Buch auf dem Geburtstagsgeschenke-Tisch zu finden war. Dadurch glaube ich, dass ich meine Symptome stark mildern konnte. Jedoch erlebe ich heute noch Einschränkungen beim sehr langsamen Lesen, was mich anstrengt und viel Konzentration abverlangt. Beim Schreiben lasse ich oft Worte aus, vertausche Buchstaben und bin auf Rechtschreibprogramme und nette Kolleginnen angewiesen, die wichtige Unterlagen korrekturlesen. Ich habe Schwierigkeiten, Namen und Informationen im Kurzzeitgedächtnis zu speichern und brauche manche Eselsbrücken, um mich an Details langfristig und nachhaltig zu erinnern.

Q: Man berichtet immer wieder, dass legasthene Menschen neben den Schwächen im Lesen und Schreiben spezielle Stärken haben. Wo erlebst du deine besonderen Stärken als legasthene Frau?

A: Es ist ein ganz wundervolles Phänomen, welches ich bei vielen Menschen mit Behinderungen und Handicaps beobachte. Ich sage immer, dass ich durch meine Einschränkung eine Superpower entwickelt habe – meine Auffassungsgabe über visuelle Darstellungen, wie z.B. Video-Formate. Zudem habe ich eine sehr ausgeprägte Empathie entwickelt, welche mir in meinem Leben schon einige Türen geöffnet hat.

Q: Manche Betroffenen haben einen eigenwilligen Wortschatz mit speziellen Wortkreationen, die von anderen als lustige Versprecher erlebt werden. Kannst du uns auch darüber berichten?

A: Sehr gerne. Ich habe einen eigenwilligen Wortschatz, den ich mittlerweile mit Freude in meinem Umfeld etabliere – „Isabellisch“. Kennt ihr schon die „Schnellvertreterin“? Jede bedeutende Person hat eine Schnellvertreterin, welche ganz schnell bereitsteht, sollte eine Vertretung gebraucht werden. Gut gefällt mir auch das Wort: „Selbstnatürlich“, an dem man merkt, dass ich höfliche Umgangsformen pflege.

Q: Was muss sich in Deutschland ändern, damit legasthene Menschen besser in Studium und Berufsleben integriert werden?

A: Zunächst ist es wichtig, unser Bildungssystem auf die Bedürfnisse von legasthenen Menschen auszurichten und die Lehrkräfte dahingehend zu schulen, diese schnell zu erkennen, um entsprechende Fördermaßnahmen in die Wege zu leiten. Weltweit liegt die Rate der Betroffenen bei 3-20%. Die Ungenauigkeit der Rate gibt Aufschluss darüber, dass noch heute viele Menschen nicht wissen, dass sie legasthen sind und demzufolge täglich mit den Konsequenzen und Herausforderungen kämpfen müssen. Zudem wünsche ich mir, dass Behinderungen im Allgemeinen entstigmatisiert werden. Wir können erst dann von Inklusion sprechen, wenn alle Menschen, gleich welche Diversitätsmerkmale sie auszeichnen, Teilhabe und Chancengleichheit erlangen und nicht länger kategorisiert oder diskriminiert werden.

Q: Was sind deine Visionen für die Zukunft?

A: Ich stehe als Aktivistin für mehr Weiblichkeit und Inklusion in der Wirtschaft und versuche durch faktenbasierte Beiträge Bewusstsein zu schaffen. Viele wissen nicht, dass durch mangelnde Diversität und unzureichende Inklusion in der Wirtschaft nicht nur ein Ungleichgewicht entsteht, sondern darüber hinaus auch unglaublich viel Potenzial verloren geht. Meine Vision ist es, ein Leitbild für die Wirtschaft zu etablieren, in dem die Zusammenarbeit in Parität im Fokus steht. In diesem sollte jeder Mensch für seine Stärken wahrgenommen und geschätzt werden, um das sich daraus ergebende ökonomische Potential auszuschöpfen.

 

Legasthenie im Medizinstudium

Legasthenie im Medizinstudium

Legastheniker können in den verschiedensten Berufen arbeiten, wie wir hier schon mehrfach berichtet haben. Das gilt auch für den medizinischen Bereich. Es ist bisher nicht bekannt, wie viele Mediziner von Legasthenie betroffen sind. Wir haben aber schon mehrfach Legastheniker gesehen, die Human- bzw. Veterinärmedizin studieren oder bereits in ihrem Bereich arbeiten.

Intellektuell (vom Wissen her) ist das Medizinstudium für die meisten Betroffenen kein Problem. Allerdings wird in diesen Fachbereichen gar nicht oder nur selten über das Thema Legasthenie gesprochen und man outet sich noch seltener als in anderen Studiengängen. Die Hürden für Legastheniker sind in Bereichen wie Sozialarbeit, Architektur und anderen Ingenieurberufen scheinbar wesentlich geringer. Dagegen ist es in elitären Studiengängen wie Medizin, Psychologie und Jura ein größeres Stigma, sich als Legastheniker zu outen. Dies löst bei den Betroffenen häufig Ängste oder Selbstzweifel bei der Studienwahl aus, obwohl diese Studenten oft sehr gute akademische Leistungen erbringen, wenn sie ihren Fähigkeiten entsprechend angeleitet und unterstützt werden.

Viele der Betroffenen stoßen hier auf Unverständnis. Professoren oder Kollegen zweifeln an ihrer beruflichen Eignung, indem sie darauf hinweisen, dass sie nicht fehlerfrei lesen und schreiben können. Daraus resultiert ein starker Leistungsdruck, der sich auf die psychische Gesamtverfassung der Studenten auswirken kann. Die Betroffenen gehen mit diesem Druck sehr unterschiedlich um, wobei der familiäre Hintergrund und die erlebte schulische Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.

Einige Legastheniker werden mit Sätzen konfrontiert wie „Wie kann man denn mit diesen Problemen einen solchen Beruf wählen? Das geht ja gar nicht!“. Das ist es, was einige betroffene Medizinstudenten in ihrem Alltag erleben. Oft werden die guten Fähigkeiten der Betroffenen nicht erkannt, weil bis heute angenommen wird, dass Legasthenie eine Krankheit oder Behinderung darstellt. Die Tatsache, dass die Legasthenie im Manual der ICD-10 als Lese-Rechtschreib-Störung aufgeführt wird, ist auch unter den angehenden Ärzten umstritten. Viele Mediziner sehen diese spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche als psychische Krankheit an. Deshalb ist es für viele Legastheniker ein großes Handicap, offen mit der Problematik umzugehen. Auf diese Weise werden die Betroffenen an einer besseren beruflichen Entwicklung gehindert. Mit einer pragmatischeren Herangehensweise könnten sie besser integriert werden, indem ihr persönliches und berufliches Potential unabhängig von den schriftsprachlichen Fähigkeiten erkannt und gefördert wird.

Legastheniker wählen nicht selten die Medizin als Studienfach. Das mag mit ihren meist guten naturwissenschaftlichen Kenntnissen zusammenhängen. Außerdem sind sie oft sehr sozial und mitfühlend. Daher eignen sie sich gut für diese Berufe, sofern sie akademisch leistungsfähig sind.

Es wäre gut, wenn die Fachbereiche aufgeklärter mit diesem Thema umgehen würden. Außerdem sollte das medizinische Krankheitsbild der Legasthenie als Lese-Rechtschreib-Störung hinterfragt werden. Denn es bedeutet für die Betroffenen oft eine Diskriminierung anstatt der notwendigen Integration ins Arbeitsleben.

Die Bildungspolitik sollte diesem Thema mehr Aufmerksamkeit widmen. Sonst verpassen wir hier weiterhin viele gute Möglichkeiten, das gute Potential legasthener Menschen zu nutzen.

 

Sollte man beim Bewerbungsgespräch zu seiner Legasthenie stehen?

bewerbungsgespräch legasthenieDer Umgang mit dieser speziellen, erblich veranlagten Lese-Rechtschreib-Schwäche ist so unterschiedlich wie auch die Betroffenen selbst unterschiedlich sind. Jeder Mensch hat seinen eigenen Hintergrund und einen individuellen Umgang mit der Schwäche erlernt. Auch im Bewerbungsprozess gehen die Betroffenen deshalb sehr unterschiedlich mit dieser Tatsache um. Dabei spielt auch der gewählte Fachbereich eine durchaus wichtige Rolle.

Wir wollen Ihnen an dieser Stelle ein paar Tipps und Ratschläge geben, wie man als Legastheniker am besten mit einer Bewerbung umgehen kann. Außerdem berichten wir über unsere Erfahrungen der letzten Jahre.

Für die meisten Betroffenen ist es ein großes Hemmnis, die Legasthenie bei ihrer Bewerbung zu erwähnen. Denn diese Problematik ist mit einem Stigma behaftet, die Umwelt setzt Legasthenie häufig mit Krankheit oder Behinderung gleich. Diese Etikettierung bedeutet für die Betroffenen, dass man den Wert ihrer persönlichen und fachlichen Fähigkeiten unterbewerten könnte. Vor nicht allzu langer Zeit war die Annahme geläufig: Wer nicht fehlerfrei lesen und schreiben kann, ist nicht intelligent genug, um qualifizierte und anspruchsvolle Berufe auszuüben. Viele Fachleute, unter ihnen auch Pädagogen und Psychologen, meinten, man solle dann einen geringwertigeren Beruf ausüben, zum Beispiel etwas Handwerkliches. Sicher war und ist diese Vorgehensweise für manche Legastheniker eine mögliche Nische. Dort konnten sehr versierte Betroffene gute Erfolge erzielen. Eine ganze Reihe von Legasthenikern hat es dabei zu einem Meisterbrief im Handwerk oder in Ingenieurberufen gebracht. Wir kennen einige Betroffene, die sich in verschiedensten Bereichen gut ins Berufsleben integrieren konnten. Andererseits erleben wir aber auch, dass nicht wenige Legastheniker die Hochschulreife erreicht und ein Studium abgeschlossen haben.

Bei vielen Mitmenschen ist die Problematik „Legasthenie“ nur wenig bekannt. Es ist halt für viele eine unerklärliche Schwäche, die man mit dem Synonym LRS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche bezeichnet. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, was es bedeutet Legastheniker zu sein. Fälschlicherweise werden sie mit Analphabeten in Verbindung gebracht. Andere stilisieren Betroffene zu Genies hoch oder sie meinen, diese seien wie Albert Einstein „Hochbegabte“. Letztere gibt es natürlich auch, aber sie stellen nicht die Mehrheit der Legastheniker. Unseren Schätzungen nach könnten vielleicht 5-10 Prozent der Betroffenen in die Kategorie Hochbegabung passen. Die Mehrheit von rund 90 Prozent ist wie bei der gesamten Bevölkerung durchschnittlich intelligent.

Es wird deutlich, dass viele Arbeitgeber und Personalabteilungen wenig mit der Problematik Legasthenie anfangen können. Auch viele erwachsene Betroffene kennen sich zu wenig damit aus. Meistens dominiert dann das Störbild „Legasthenie“, dass der Bundesverband Legasthenie vertritt. Diese Herangehensweise und der daraus folgende Umgang mit der Schwäche sind zur Bewältigung durch die Betroffenen wenig nützlich. Denn es gibt zu wenige Belege, um aus der Schwäche eine Erkrankung oder gar Behinderung zu konstruieren. Einzelne Fälle fallen sicherlich in diese Kategorie. Konnten die Betroffenen ihre Schwierigkeiten nicht bis zum Erwachsenenalter kompensieren, können seelische Sekundärerkrankungen eine Rolle in ihrem Leben spielen. Das bedeutet aber nicht, dass Legastheniker an sich krank oder behindert sein müssen. Dafür müssen andere Faktoren wirken, die mit der Umwelt der Betroffenen im Zusammenhang stehen können. Denn eine Legasthenie ist nur eine spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche, die mit Schwächen und für das Arbeitsleben durchaus nützlichen Begabungen einhergeht.

Wenn man diese Hintergründe kennt, hängt es häufig vom Beruf ab, ob sich der Betroffene outen kann. Das ist in sozialen, handwerklichen oder ähnlichen praktischen Berufen einfacher. In Berufen mit Führungsverantwortung liegt es am Arbeitgeber und an der Branche. Da Betroffene meistens an ihren beruflichen Leistungen gemessen werden, spielt die Legasthenie eine geringere Rolle. Der Betroffene muss halt genauso funktionieren wie der Nicht-Betroffene. Es gibt keine Bevorzugung für Legastheniker. Diese sollte es auch nicht geben, da Betroffene nur mit einer bewältigten Schwäche im Arbeitsleben Fuß fassen können.

Hier sollte jeder selbst abwägen, inwiefern das Thema Legasthenie bei einer Bewerbung angesprochen wird. Sicherlich wäre es ratsam, grundsätzlich mit offenen Karten zu spielen. Wird das Thema nicht angesprochen, kann es langfristig zu Konflikten in der Firma kommen, wenn zum Beispiel zu viele Rechtschreibfehler in der beruflichen Korrespondenz mit Mitarbeitern und Kunden passieren. Das kann in Personalabteilungen zu größeren Problemen führen, weil dort meist wenig Verständnis für die Betroffenen vorhanden ist. Sicherlich gibt es da auch Unterschiede zwischen den einzelnen Firmen. Es liegt an der jeweiligen Personalführung, wie mit den betroffenen Mitarbeitern umgegangen wird. Darum sollte immer genau überlegt werden, ob und wie man das Thema Legasthenie beim Bewerbungsgespräch anspricht.

Zusammenfassung

Ob man das Thema „Legasthenie“ bei Bewerbungen anspricht, sollte jeder für sich selbst abwägen. Oft hängt es vom Beruf ab, wie man mit der Problematik umgeht. In kreativen, sozialen und praktisch-orientierten Berufen geht man mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche meist pragmatischer um als in anderen Berufen (Jura, Medizin, Geisteswissenschaften, BWL o. Ä.). Zusätzlich sollte man sich Rat bei Fachleuten suchen, die sich mit dieser Materie auskennen. Fach- und Führungskräfte können dazu auch ein persönliches und berufliches Coaching nutzen, bei dem man lernt, selbstbewusster mit seiner Schwäche umzugehen.

Studium mit Legasthenie – Hindernisse und Herausforderungen

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Ein Studium ist für einen Legastheniker eine große Herausforderung. Aus unserer langjährigen Arbeit mit den Betroffenen wissen wir, dass sich dieses Studium auf sehr unterschiedliche Art und Weise entwickeln kann.

In den 16 Bundesländern ist nicht einheitlich geregelt, wie der Nachteilsausgleich mittels eines Legasthenie-Attestes an Universitäten und Hochschulen prüfungsrechtlich angewandt wird. Das kann dazu führen, dass dies an jeder Fakultät innerhalb einer Universität oder sogar je nach Dozent und Professor unterschiedlich gehandhabt wird. Außerdem gibt es sehr verschiedene Kenntnisstände der Hochschullehrer zu dieser Problematik.

Einerseits gibt es ganz pragmatische Umgänge mit der Problematik, bei denen die Legasthenie- bzw. LRS-Atteste berücksichtigt werden. Anderenorts ist man sehr konservativ und stellt häufig die persönliche Studienreife und Intelligenz der Studenten infrage.

Auch die individuellen Schulbiografien der Betroffenen und die Bewältigung ihrer Legasthenie haben einen großen Einfluss darauf, wie einfach oder kompliziert das Studium für sie sein kann. Denn auch legasthene Menschen sind keine homogene Gruppe. Da die Ursachen und Fallverläufe bei legasthenen Studenten vielfältig sind, ist ein Legasthenie-Attest (mit seelischer Behinderung laut ICD-10) umstritten, um an einer Universität mit Nachteilsausgleich studieren zu dürfen. 

Universitäten fordern häufig Legasthenie-Attest mit Krankheitswert

Häufig werden an den Universitäten und Hochschulen die Begriffe Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und Lese-Rechtschreib-Störung (Legasthenie) gleichbedeutend verwendet, obwohl in der Fachwelt angenommen wird, dass es sich hierbei um verschiedene Schwächen handelt. Vielen Betroffenen ist die Tragweite ihrer Einstufung nicht bewusst oder sie scheuen sich davor, als psychisch gestört eingruppiert zu werden. Das ist aus der Sicht der Betroffenen sehr verständlich. Denn wer will zu einer seelischen Behinderung stehen, wenn es bisher nur wenige wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass diese Schwierigkeiten automatisch zu einer seelischen Problematik führen müssen. Richtig ist, dass viele Erwachsene aufgrund ihrer nicht bewältigten Legasthenie oder LRS psychische Schädigungen davongetragen haben. Aber nicht alle Betroffenen sind seelisch erkrankt, diese Verallgemeinerung existiert so nicht.

Ob ein akademischer Weg gelingt, liegt an der eigenen Bewältigungskompetenz

Entsprechend ihrem Hintergrund werden betroffene Erwachsene psychische Probleme davongetragen oder sich trotz ihrer Legasthenie stabil entwickelt haben. Das liegt nicht zuletzt an der Förderung und Kompensation der Schwächen in der Kindheit. Entsprechend kann die psycho-soziale Entwicklung bis in das Erwachsenenalter hinein ablaufen und die Basis für einen mehr oder weniger gelingenden akademischen Weg legen.

Hier müssen weitere soziale Aspekte eine Rolle spielen, ob Erwachsene ein Studium bewältigen können oder durch eine psychische Instabilität dabei scheitern werden. Psychische Probleme entstehen bei den Betroffenen nicht wegen ihrer Legasthenie, sondern sie liegen an ihrer individuellen Fallentwicklung, die im engen Zusammenhang mit der Kindheit und dem sozialen Umfeld steht.

Der Bundesverband Legasthenie fordert, dass alle Betroffenen eine seelische Behinderung (nach ICD-10) nachweisen müssen, um einen Nachteilsausgleich zu erhalten. Diese Herangehensweise ist wie bei vielen anderen, genauso schwer einzugrenzenden, seelischen Behinderungen sehr umstritten. Es mag bei einzelnen Fällen mit Legasthenie Sinn machen, diese als seelisch behindert einzustufen. Das trifft aber nicht auf alle Betroffenen zu. Deshalb muss diese Herangehensweise Kritik aus menschenrechtlicher und ethischer Sicht aushalten.

Wir fordern schon lange, dass die Lese-Rechtschreibung-Störung aus dem Krankheitsregister psychischer Krankheiten (lt. ICD-10) gestrichen werden soll. Denn der Nutzen einer Diagnose Lese-Rechtschreib-Störung als Anreiz für eine positive Bewältigung dieser ändert selten etwas am Ist-Zustand der Betroffenen. Eine Störung mit Krankheitscharakter, wie man die Legasthenie im medizinischen Kontext umschreibt, wird beim Betroffenen nicht den Willen zur Kompensation auslösen, sondern eher Lethargie und wenig Bereitschaft, selbst etwas gegen seine Schwäche zu unternehmen. Wir haben schon einige Erwachsene erlebt, die mit dieser Diagnose keinen eigenen Willen und keine eigene Bewältigungskompetenz entwickelt haben. Viele fühlen sich so einer Diagnose hilflos ausgeliefert, weil man scheinbar eine nicht zu bewältigende Krankheit hat, die man mit Eigenmotivation und Mut zur Selbsthilfe nicht bewältigen kann. Das macht die Betroffenen unreflektiert zu therapiebedürftigen Subjekten, die Hilfe vom Gemeinwesen verlangen, statt eigenverantwortlich ohne staatliche Hilfe die Probleme zu bewältigen.

Häufig brachte Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII wenig Bewältigungseffekte

Uns sind Fälle von Erwachsenen bekannt, die in der Kindheit über den §35a SGB VIII durch das Jugendamt eine Therapie erhalten haben. Diese Eingliederungshilfe wird meistens über ein bis zwei Jahre von den Ämtern gewährt. Dies hängt oft vom Sozialetat der Kommune ab, in der die Betroffenen aufwachsen. Ein weiterer Aspekt ist die Qualität der Förder- oder Therapieangebote. Bisher gibt es keine Studien, wie gut die Förderangebote der Ämter sind. Wahrscheinlich gibt es im Bundesgebiet größere Unterschiede dabei. In den meisten Fällen haben wir keine deutlichen Kompensationseffekte feststellen können, sodass Betroffene von diesen Maßnahmen profitiert hätten. Die Gründe dafür sind bisher unklar.

Soziale Ungleichheit spielt auch bei Studenten mit Legasthenie eine Rolle

Familien, die ihren Kindern eine private Förderung häufig über die gesamte Schulzeit finanzieren konnten, haben die Probleme oft besser bewältigen können. Hier wird deutlich, dass das Thema soziale Ungleichheit und unterschiedliche Bildungschancen auch bei der Bewältigung der Legasthenie eine wichtige Rolle spielt. Bei guter Förderung werden die Betroffenen ihre Bildungschancen ausbauen. Ansonsten erhalten sie keine Chancen und entwickeln ohne Förderung und Bewältigungshilfe erst recht seelische Krankheiten. Dementsprechend wird dann die berufliche und persönliche Entwicklung der Betroffenen nicht ohne Hürden verlaufen.

Man darf auch nicht den sozialen Hintergrund der Betroffenen vernachlässigen. Wir haben ungleiche Aufstiegschancen in unserer Gesellschaft, die mit der sozialen Herkunft und Bildung der Elternhäuser zusammenhängen. Dementsprechend werden legasthene Menschen die Chance haben, ihre Probleme zu bewältigen oder deswegen sozial benachteiligt werden. In der praktischen Arbeit mit den Betroffenen fällt uns dies deutlich auf. Je nach ihrem Hintergrund können Legastheniker gut im Leben klarkommen oder sie fallen häufig durch das soziale Raster unseres Gemeinwesens.

Die Digitalisierung unserer Arbeitswelt wird die soziale Ungleichheit noch deutlicher werden lassen. Vermutlich wird es zu deutlichen Verwerfungen und sozialen Problemen für die Betroffenen kommen, weil Lese-Rechtschreib-Schwächen und deren Bewältigung in engem Zusammenhang mit sozialer Armut und niedrigen Bildungschancen stehen. Das hat auch Auswirkungen auf die Studienmöglichkeiten von Legasthenikern.

Die heutige Situation ist dringend reformbedürftig. Wir benötigen eine differenziertere Herangehensweise anstatt der stereotypischen Annahme einer seelischen Behinderung, die aber nicht auf alle Betroffenen zutrifft. Erwachsene Legastheniker mit seelischen Folgekrankheiten sollen die bestmögliche Hilfe erhalten. Wer seelisch stabil und gesund ist, benötigt andere individuelle Hilfen zur Kompensation und als Prävention vor seelischen Krankheiten.

Wenn man sich alle dargelegten Zusammenhänge genauer ansieht, wird deutlich, warum es für Betroffene nicht einfach ist, einen akademischen Weg einzuschlagen. Häufig liegt das an der individuellen Bewältigung der Legasthenie oder dem sozioökonomischen Hintergrund der Herkunftsfamilie. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass wir ungleiche Aufstiegschancen in Deutschland haben, d.h. die Herkunft und die Bildung der Eltern spielen für die Bildung und Karriere der Kinder und Jugendlichen eine wesentliche Rolle. Dies kann man von der Allgemeinheit auch auf den Personenkreis der Betroffenen mit Legasthenie oder anderen Lese-Rechtschreib-Schwächen übertragen. Diese haben bei einem ungünstigen sozialen Hintergrund noch weniger Chancen im Leben.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Betroffenen bei dieser Herangehensweise (Legasthenie oder LRS als Krankheit mit seelischer Behinderung zu bezeichnen) eine Chance haben, aus dem Teufelskreis der Lernstörungen herauszukommen. Denn die Legasthenie ist kein Grund, diese Menschen als Behinderte zu deklarieren. Sie brauchen pragmatische Hilfe zur Bewältigung ihrer Schwächen, die wahrscheinlich ohne Zutun der Zivilgesellschaft nicht möglich sein wird. Denn die Praxis zeigt uns, dass unser Gemeinwesen mit dieser Aufgabe überfordert ist. Deshalb sind mündige Selbsthilfe und eigenes Engagement gefragt. Einen anderen Weg wird es nicht geben.