Ein Expertenbericht von Lars Michael Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist
Toxische Familienstrukturen können bei Betroffenen mit Lese-Rechtschreib-Schwächen eine Rolle spielen. Leider weiß die Forschung derzeit nicht, in welchem Maße diese dysfunktionalen Familien mit ihren psychischen Auswirkungen und Traumata bei der Entstehung der Lese-Rechtschreib-Schwächen eine Rolle spielen können. Dass diese ungünstigen familiären Umfelder eine wichtige Rolle spielen, kennen wir aus der eigenen Biografie und von vielen anderen Betroffenen.
Nicht immer sind solche ungesunden Familiendynamiken zu erkennen, sodass sie lange unentdeckt bleiben. Erst bei einer Therapie oder Reflexion werden sie erkennbar. Denn Kinder nehmen ihr Elternhaus, egal wie gesund oder ungesund es ist, immer als „normales Elternhaus“ wahr.
Seelische Gewalt und Herabsetzung
Aus meiner praktischen Arbeit und Forschung, der Auseinandersetzung mit Biografien von Erwachsenen, kommt es immer wieder vor, dass das soziale Umfeld zu Hause negative psychische Auswirkungen haben kann. Hier spielen seelische Gewalt und Herabsetzung immer wieder eine Rolle, warum Betroffene bis in das Erwachsenenalter psychische Belastungen erleben. Eltern sind mit der Erziehung überfordert. Sie ignorieren ihre Kinder mit den Lernschwierigkeiten oder werten sie ab. Sie belächeln sie, mobben sie, erniedrigen sie.
Das kann in den unterschiedlichsten Formen zutreffen, die dann bei Betroffenen – aus unserer Beobachtung heraus, was auch Kollegen der Psychologie bestätigen – mit dem Elternhaus und einer druckreichen schullichen Erfahrung, wie Leistungsdemütigung, Sitzenbleiben und Demütigungen bei Problemen im Lesen und Schreiben, eine Rolle spielen kann. Das ist ganz unabhängig von der Bildung und der sozialen Schicht einer Familie.
Abgebrochener Kontakt zur Familie
Immer wieder wird uns von Klienten berichtet, dass sie ihren Kontakt zur Familie abgebrochen haben. Zum einen, weil sie keinen emotionalen Halt und keine Unterstützung in der schulischen Entwicklung erhielten. Das zeigt sich dann in der Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche bis in das Erwachsenenalter.
Nicht selten haben die eigenen Eltern ungesunde Familienstrukturen erlebt, die sie sich – häufig unbewusst – in der Erziehung der eigenen Kinder fortgeführt haben. Hier sind eher mögliche psychische Erkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten im Bereich der Lese-Rechtschreib-Störungen zu suchen. Das darf aber nicht automatisch heißen, dass jeder Legastheniker oder jede Legasthenikerin von einer seelischen Krankheit beeinträchtigt ist. Deshalb ist der Fokus auf eine verallgemeinerte psychische Störung in diesem Bereich fehlplatziert.
Begleiterkrankungen und das Elternhaus als Stabilisator
Differenziert betrachtet, können seelische Erkrankungen als Begleiterkrankungen bei einer Legasthenie eine Rolle spielen – das ist richtig. Es trifft aber nicht alle. Was richtig ist: Betroffene haben vielleicht eine erhöhte Neigung zu seelischen Erkrankungen, weil das legasthene Hirn neurologisch anders beschaffen ist. Es ist denkbar, dass das Risiko, psychisch zu erkranken, höher ist als bei Nichtbetroffenen. Das muss aber nicht sein. Hier ist noch nicht alles wissenschaftlich erforscht.
Aus der fachlichen Beobachtung ist uns bekannt, dass gesunde Familien einen guten Beitrag dazu leisten können, dass Kinder nicht zu seelisch beeinträchtigten Erwachsenen werden: weil sie einen gesunden emotionalen Halt erfahren, besser erlernten Stress regulieren lernen und besser mit Widrigkeiten zurechtkommen. Denkbar ist, dass das Elternhaus als wichtiger Stabilisator der psychischen Gesundheit bei Betroffenen eine wichtige Rolle spielt.
Denn dysfunktionale Familien wirken sich – wenn sie nicht gelöst sind – nicht selten schlecht auf das psychische Wohlbefinden der Kinder bis in das Erwachsenenalter aus und können traumatisieren, was sich dann als psychische Belastung zeigen kann. Nicht die Legasthenie begünstigt also diese Erkrankungen, sondern die toxische Familiengeschichte. Diese sollte in der Biografiearbeit oder Psychotherapie bearbeitet werden, wo parallel eine gezielte Lerntherapie und ein Coaching gute Fortschritte erzielen können. Denn psychische Gesundheit und das gezielte Bearbeiten der Schwäche erzielen besonders in solchen Kontexten gute Fortschritte. Damit haben wir gute Erfahrungen gesammelt: Eine gesunde psychische Hilfe leistet einen wertvollen Beitrag bei der Bewältigung der Legasthenie im Erwachsenenalter.
Fazit: Ein stabiles Umfeld ist entscheidend
Sicherlich ist anzumerken, dass eine stabile Familie, die von Annahme und Zuwendung geprägt ist, eine gesunde Basis für eine gesunde Entwicklung ist. Diese hilft Kindern, Stress und Gefühle gut zu regulieren. Dies legt eine gute Basis dafür, dass Lernschwierigkeiten nicht zu seelischen Beeinträchtigungen führen müssen. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder ein stabiles Umfeld zu Hause erleben.
Leider, so zeigt die Praxis, sind stabile Familien nicht für alle Kinder gegeben. In unserer Fachwelt ist dieser Bereich noch wenig erforscht. Was sicher ist: Kinder mit Lernschwächen erleben nicht selten instabile Familienumfelder. Daher ist von einer Dunkelziffer auszugehen.
Lesen Sie einen weiteren Bericht, über die psychischen Folgen bei Legasthenie im Erwachsenenalter.

