Ein Erfahrungsbericht von Lars Michael Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist
Legasthenie bewältigen: Warum Disziplin der Schlüssel ist
Wenn man mit seiner Legasthenie im Leben zurechtkommen möchte, braucht man – wie ein Sportler – Disziplin und Durchhaltevermögen. Was auch nach meiner Erfahrung in meinem Leben keine einfache Übung war. Bei jedem Betroffenen ist das unterschiedlich. Denn man muss lernen, im Leben mit Widerständen zurechtzukommen.
Hier braucht es Erfahrungen, die zeigen, dass sich das Dranbleiben und Weiterlernen lohnt. Hier braucht man ein Ziel und einen Fokus für sein Leben! Hat man ein Ziel vor Augen, wird man es leichter haben. Ziele und Motivation bekommt man in seinem Elternhaus vermittelt oder von der näheren Familie: den Großeltern, Tanten und Onkeln oder nahen Freunden.
Oder man lernt es durch ein Hobby in der Freizeit, indem man lernt:
- mit Disziplin im Tennisverein durch gute Matches den Ball zu spielen,
- Geige zu spielen und mit dem Streichbogen anspruchsvolle Stücke zu meistern,
- oder eine andere Fähigkeit zu trainieren, die Geduld und Übung erfordert.
Das alles braucht Übung, Motivation und Dranbleiben. Klingt unbequem. Um dazu zu lernen, muss man es sich im Leben unbequem machen.
Meine Kindheit: Scheitern, Scham und das Vermeiden von Kulturtechniken
Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich Anfang 30 war: wie ich an vielen Stellen scheiterte, wie ich nur schwer Texte lesen und verstehen konnte, wie meine Texte, die ich schrieb, unverständlich und voller Fehler waren. Ich hatte keine Übung. Einen schweren Legastheniker als Vater, der mit mir das Lesen und Schreiben in der Kindheit nicht einübte und trainierte.
Meine Mutter war bemüht, hatte aber wenig Geduld mit mir, weil sie nicht nachvollziehen konnte, dass ich das Lesen und Schreiben nicht gut hinbekam. So versuchte ich, diese wichtigen Kulturtechniken eher zu vermeiden. Was meiner persönlichen Entwicklung nicht sonderlich guttat. Denn ich traute mir wenig zu, und mein Selbstbewusstsein – heute nenne ich es Selbstwirksamkeit – war nicht oder nur wenig vorhanden. So lernte ich nicht wirklich, dranzubleiben.
Überbehütung vs. Vernachlässigung: Was Betroffenen wirklich schadet
Das erleben andere Betroffene anders. Ich kenne auch Betroffene, die in einem liebevollen Elternhaus viel Hilfe erhielten. So erlebten sie viel Behütung, die ihnen auch nicht guttat. Zu wenig Hilfe und Überbehütung, bei der man den Betroffenen zu viele Herausforderungen aus dem Weg räumt, sind für eine persönliche Entwicklung von uns Betroffenen eher ungünstig.
Das Nicht-Konfrontieren und Leugnen der Lese-Rechtschreib-Schwäche bringt keine wirkliche Bewältigung, sondern Scham und Mutlosigkeit. Andererseits ist das Ankennen der Schwäche und das zu starke Überbehüten für den Betroffenen ungünstig. Es bringt dem Betroffenen keine Selbstständigkeit im Leben. Denn jeder muss seine Legasthenie persönlich bewältigen, und hier braucht es Durchhaltevermögen und Motivation – sprich gute Disziplin.
Was mir geholfen hat, meine Legasthenie zu überwinden:
- Tägliches Training im Lesen und Schreiben, auch wenn es anstrengend war.
- Mentoren und Vorbilder, die mir zeigten, dass es möglich ist.
- Die Akzeptanz meiner Schwäche als Teil meiner Identität.
- Kleine Erfolge feiern, um Motivation zu behalten.
Wirklich keine leichte Übung, besonders wenn man verwöhnt war.
Der Wendepunkt: Eigenverantwortung und der schwere Weg nach oben
Als ich dann bemerkte, dass mir Bekannte und Mentoren sagten, ich müsse, wenn ich beruflich Erfolg haben wolle, ein gutes Durchhaltevermögen lernen. Zuvor wich ich dem Unbequemen aus, meckerte über meine Umstände und fand andere, die man für meine unbewältigten Probleme verantwortlich machen konnte. Es war leichter, die Opferrolle zu pflegen: das DDR-Wende-Opfer zu spielen.
Dass ich Mut und Eigenverantwortung lernen musste, das Erlernen des Lesens und Schreibens in die Hand zu nehmen, war kein einfacher Weg für mich. Das erforderte viel Übung und tägliches Training. Ja, bis heute! In der täglichen Arbeit als Experte bin ich mit meiner eigenen Schwäche konfrontiert. Wo ich vor vielen Jahren erlebte, dass gelesene Texte mir ganz neue Denk- und Wissenshorizonte erweiterten und ich lernte, über mich geglaubte Denkmuster zu hinterfragen, wollte ich den schweren Berg erklimmen, um diese Schwäche zu bewältigen. Das erforderte von mir viel Anpassungsvermögen. Denn schwierige Herausforderungen hatte ich genug.
Die Belohnung: Wie Disziplin meine Schwäche in eine Stärke verwandelte
Meine langjährige Disziplin hatte sich bewährt und trägt heute ihre Früchte. Man braucht rund 1000 Stunden, um in einer Domäne richtig gut zu werden. Heute lese ich rund 30 Sachbücher und schreibe mit der Hand oder am PC. Meine Schwäche wurde zu meiner beruflichen Leidenschaft. Als Legasthenie-Experte zu arbeiten, ist heute meine Lebensaufgabe geworden, weil ich selbst erlebt habe, dass es das wert ist, die Schwäche zu bewältigen.
Technische Hilfsmittel vs. echte Bewältigung: Warum der mühevolle Weg der richtige ist
Wer meint, dass es nur technische Hilfsmittel oder KI braucht, um die Schwäche zu bewältigen, ist – das ist meine Meinung als Experte – auf einem Irrweg. Nur durch direktes, manuelles Lesen und Schreiben mit allen Sinnen wird sich das auf die langfristige Bewältigung der Legasthenie auswirken. Auch wenn es ein mühevoller Weg ist.
Warum manuelle Methoden so wichtig sind:
- Nachhaltige Wirkung: Das Schreiben mit der Hand oder das Lesen eines Buches trainiert das Gehirn langfristig.
- Selbstständigkeit: Ohne Hilfsmittel zu funktionieren, stärkt das Selbstvertrauen.
- Kognitive Entwicklung: Aktives Lesen und Schreiben fördert kritisches Denken und Kreativität.
Technische Hilfsmittel sind eine gute Stütze, aber das Lesen und Schreiben muss auch ohne diese Hilfsmittel gut gelingen.
Warum, werden sich viele fragen? Man kann doch KI nutzen oder nur Text-to-Speech! Doch das Schreiben mit der Hand oder das Lesen eines Buches wirkt sich viel nachhaltiger auf das lernende Gehirn aus. Nutzt man nur Hilfsmittel, wird man bestimmt nicht intelligenter. Sondern – so meine These – wird man eher verdummen, wenn man seine wertvollen Denkfähigkeiten nur Maschinen überlässt. Es findet damit keine persönliche Weiterentwicklung statt. Das wäre sehr schade!
Meine Entscheidung: Warum ich auf Tools verzichte und auf mich selbst setze
Heute kenne ich viele Tools, die man nutzen kann. Ich nutze die wenigsten. Sondern ich will meine Fähigkeiten im Lesen und Schreiben nicht einer Maschine übergeben. Sondern meine Konzentration und Geisteskraft gehören mir. Denn gerade in herausfordernden Zeiten des Umbruchs und Wandels braucht es Menschen, die nachdenken, reflektieren, soziale, empathische und kreative Fähigkeiten besitzen.
Diese unterscheiden uns und von diesem überhöhten Hype künstlicher Intelligenz, die keine echte Intelligenz besitzt. Echte Intelligenz und Herzenswärme besitzen wir Menschen! Das wird uns immer unterscheiden! Deshalb lohnt es sich, seine Legasthenie im Erwachsenenalter zu bewältigen.
Fazit: Keine Angst vor der Veränderung – die Bewältigung lohnt sich!
So braucht man keine Angst zu haben in Zeiten der Veränderung! Sondern kann guten Mutes sich auf die Veränderung ausrichten und sich freuen, was für tolle Lernabenteuer es gibt. Ohne Bewältigung der Legasthenie wird man eher ein Angsthase bleiben, der nicht gelernt hat, seine Schwäche auszugleichen und damit seine Stärken zu entwickeln.
Hören Sie gerne in unseren Legasthenie-Coaching-Podcast rein! Sagen, Sie es weiter das es diesen einzigaritgen Podcast in deutsprachigen Raum gibt.

