War die DDR-Bildungspolitik für Schüler mit Lernschwierigkeiten human?
Bis heute bestehen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland in der Handhabung von Lernschwächen. Diese lassen sich auf die divergierenden bildungspolitischen Ansätze in der DDR und der Bundesrepublik zurückführen.
Bildungspolitik in der DDR: Selektion und Ideologie
In der DDR wurden Kinder mit Lernschwierigkeiten, insbesondere mit Lese-Rechtschreib-Schwächen (LRS), häufig in Sonderschulen für Lernbehinderte eingestuft. Die Einstufung erfolgte durch die Abteilung Volkbildung in den Landkreisen und war nicht allein von pädagogischen Gutachten abhängig. Vielmehr flossen auch die politische Haltung der Familie – etwa eine kritische Einstellung gegenüber dem Regime oder eine kirchliche Bindung – sowie deren soziale Stellung in die Entscheidung mit ein. So konnten auch intelligente Kinder auf Sonderschulen verwiesen werden, wenn ihre Eltern beispielsweise aus der SED austraten. Dies führte zu einem de facto zweigliedrigen Bildungssystem, in dem Chancengleichheit nicht gewährleistet war (Bundeszentrale für politische Bildung [bpb], o. D.-a; MDR, o. D.).
In Diktaturen werden Abweichungen vom ideologischen „Normbild“ oft benachteiligt. In der DDR führte dies dazu, dass Kinder mit Lernschwächen oder aus systemkritischen Familien häufiger in Sonderschulen eingestuft wurden. Die Diskrepanz zwischen ideologischem Anspruch und gelebter Praxis war typisch: Obwohl das sozialistische Ideal die Gleichheit aller Bürger betonte, wurden Menschen mit Lernschwächen oft als Belastung wahrgenommen. Sie erhielten nur unzureichende Unterstützung und waren gesellschaftlich sowie finanziell benachteiligt. Theoretisch war zwar eine gezielte Förderung für Kinder mit Lernschwächen vorgesehen, in der Praxis profitierten jedoch vor allem Kinder von SED-Kadern von besseren Bildungsmöglichkeiten (bpb, o. D.-a; MDR, o. D.).
Förderung von Kindern mit Lernschwächen: DDR vs. BRD
In der DDR wurden ab den 1970er-Jahren spezielle LRS-Klassen eingeführt. Diese dienten jedoch eher der Separation als der individuellen Förderung. Im Gegensatz dazu setzte die BRD ab den 1970er-Jahren – beeinflusst durch die 68er-Bewegung – auf Integration in Regelschulen und gezielte Förderangebote. Während in der DDR die Stigmatisierung der Betroffenen durch die Einstufung als „lernbehindert“ oder „bildungsunfähig“ weit verbreitet war, wurden in den alten Bundesländern, Österreich und der Schweiz bereits in den späten 1970er-Jahren inklusive Ansätze verfolgt (Bundeszentrale für politische Bildung [bpb], o. D.-b; Legasthenie-Coaching, o. D.-a).
Noch heute gibt es in Sachsen und Thüringen LRS-Klassen – ein Überbleibsel der DDR-Bildungspolitik, das in den alten Bundesländern unbekannt ist. Studien zeigen, dass die Separationserfahrung in LRS-Klassen Betroffene trotz guter Intelligenz an einem höheren Schulabschluss hindern kann. Diese frühe Stigmatisierung hat langfristige Auswirkungen auf die soziale und berufliche Integration (Legasthenie-Coaching, o. D.-a, o. D.-b).
Sozialer Aufstieg nach der Wende
Für Menschen mit Lernschwächen in der DDR ergaben sich erst nach 1989 neue Chancen. Die Demokratisierung ermöglichte es Betroffenen, individuelle Förderung einzufordern und sozialen Aufstieg zu erreichen. Allerdings war dieser Aufstieg oft nur denen vorbehalten, die sich aktiv für Förderung einsetzten – eine Haltung, die in der DDR nicht gefördert wurde. Viele Betroffene, insbesondere die sogenannte „Wendegeneration“, hatten Schwierigkeiten, sich an die plötzliche Freiheit und Eigenverantwortung anzupassen. Studien zur Transformationsforschung zeigen, dass in Ostdeutschland bis heute eine stärkere Erwartungshaltung gegenüber staatlicher Fürsorge besteht, während im Westen Eigeninitiative und Selbstverantwortung stärker ausgeprägt sind (Deutscher Bundestag, 2018; ResearchGate, 2016).
Langfristige Auswirkungen: Ost-West-Unterschiede
Die Unterschiede in der Sozialisation zeigen sich noch immer in den Biografien der „Wendegeneration“. Während in der DDR Kollektivierung und Einschüchterung vorherrschten, gehen Betroffene in den alten Bundesländern heute selbstbewusster mit ihren Schwierigkeiten um. Im Osten Deutschlands wirkt das Erbe der DDR-Sozialisation nach: Viele Menschen sind es gewohnt, sich auf staatliche Strukturen zu verlassen, während im Westen eine stärkere Bereitschaft besteht, das Leben selbst in die Hand zu nehmen (Legasthenie-Coaching, o. D.-b; ResearchGate, 2016).
Literaturverzeichnis
Bundeszentrale für politische Bildung. (o. D.-a). Alles andere als ausgeforscht. Aktuelle Erweiterungen der DDR-Forschung. Abgerufen von https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/218370/alles-andere-als-ausgeforscht-aktuelle-erweiterungen-der-ddr-forschung/
Bundeszentrale für politische Bildung. (o. D.-b). Behinderung und Bildungsungleichheiten. Abgerufen von https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/509222/behinderung-und-bildungsungleichheiten/
Deutscher Bundestag. (2018). Soziale Mobilität in Deutschland. Abgerufen von https://www.bundestag.de/resource/blob/634368/071d34cdd0f392f049f3cc4894f2b61e/WD-9-095-18-pdf-data.pdf
Legasthenie-Coaching. (o. D.-a). LRS-Klassen und ihre Langzeitwirkungen. Abgerufen von https://www.legasthenie-coaching.de/lrs-klassen-und-ihre-langzeitwirkungen/
Legasthenie-Coaching. (o. D.-b). Ein Erlebnisbericht über einen Schüler einer LRS-Klasse. Abgerufen von https://www.legasthenie-coaching.de/ein-erlebnisbericht-ueber-einen-schueler-einer-lrs-klasse/
MDR. (o. D.). Schulsystem der DDR. Abgerufen von https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/erziehung-bildung/schulsystem-ddr-100.html
ResearchGate. (2016). Soziale Mobilität in Ost- und Westdeutschland im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Abgerufen von https://www.researchgate.net/publication/302150104_Soziale_Mobilitat_in_Ost-_und_Westdeutschland_im_ersten_Jahrzehnt_nach_der_Wiedervereinigung
Wikipedia. (o. D.-a). Bildungssystem in der DDR. Abgerufen von https://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_der_DDR
Wikipedia. (o. D.-b). Sonderpädagogik. Abgerufen von https://de.wikipedia.org/wiki/Sonderp%C3%A4dagogik

