3 Min LesezeitLRS-Klassen und ihre Langzeitwirkungen

LRS-Klassen sind bei Eltern, Betroffenen und in der Fachwelt ein vieldiskutierter Streitpunkt. In der Diskussion geht es meistens um eine Beschulung einer LRS-Klasse, ohne dabei die Bedeutung der Langzeitwirkung dieser frühen Separationserfahrung in der Kindheit im Hinblick auf die langfristige soziale und berufliche Integration zu analysieren. Diesen Fragen wird im Bildungswesen nicht nachgegangen.

In den letzten Jahren erleben wir in der praktischen Arbeit mit Eltern und ihren Kindern diese Problematik mit den LRS-Klassen. Diese sind bis heute ein ostdeutsches Phänomen, in den alten Bundesländern kennt man keine LRS-Klassen. Nur noch Sachsen und Thüringen halten an diesen Sonderklassen in Zeiten eines inklusiven Bildungswesens fest. Eine kritische Analyse über den Sinn und Zweck dieser LRS-Klassen gibt es nicht. Es hat den Anschein, dass es sich hierbei um ein Politikum handelt – weil es heutzutage viele Kinder mit Problemen im frühen Schriftspracherwerb gibt, scheint es eine bildungspolitische Legitimation dafür zu geben, Kinder in LRS-Klassen zu separieren, ohne die Langzeitwirkungen dieser Sonderklassen zu hinterfragen. Studien zeigen, dass frühe Exklusionserfahrungen Kinder langfristig an einer Integration in die Arbeitswelt hindern können.

Aus der Perspektive der Legasthenieforschung ist diese Herangehensweise problematisch. Erstens können die Schwierigkeiten der Kinder aus genetischen Anlagen oder aus verschiedenen Umweltfaktoren herrühren. Und zweitens verläuft die Bewältigung dieser Schwäche im Kindes- und Jugendalter unterschiedlich. Die Kinder entwickeln sich nicht gleich, sondern es ist eine deutliche Heterogenität wahrscheinlicher. Daher ist die Separierung in eine Sonderklasse vermutlich als Symptom der Überforderung eines unreformierbaren Bildungswesens zu deuten. Es ist wohl einfacher, diese Kinder ohne differenzierte Betrachtung ihrer individuellen Probleme in eine LRS-Klasse auszugliedern. Die Langzeitwirkungen auf die Biografien der Betroffenen werden nicht berücksichtigt.

Bis heute gibt es keine Studien über die Langzeitwirkungen der schulischen Integration durch LRS-Klassen. In der Schweiz gab es bisher eine empirische Studie zur Bedeutung von Integrationserfahrungen in der Schulzeit für die soziale und berufliche Situation der Betroffenen. LRS-Klassen bedeuten eine Separation in eine Sonderklasse, die Förderschulen für Lernbehinderte ähneln. Diese INTSEP-Studie unter der Leitung von Professor Urs Haeberlin (Heilpädagogisches Institut der Universität Freiburg (Schweiz)) gibt einige Hinweise darauf, dass sich Sonderschulen für Lernbehinderte langfristig nachteilig auf die soziale und berufliche Entwicklung von Betroffenen mit Lernschwächen auswirken kann. Lese-Rechtschreibschwächen gelten im Bildungswesen nicht als Lernbehinderungen, ondern sie sind bei den Teilleistungsschwächen angesiedelt. Unserer Beobachtung nach zu urteilen, gibt es in diesem Bereich sehr ähnliche Erfahrungen, die Zusammenhänge mit der Problematik „LRS-Klasse als Sonderschulform“ in Bezug auf die soziale und berufliche Entwicklung erkennen lassen.

Bisher haben wir keine Beweise dafür, dass eine LRS-Klasse – bis in das junge Erwachsenenalter hinein – eine optimale Bewältigung der Schwierigkeiten erreichen würde. Bei einem großen Teil der Schüler wurde in der LRS-Klasse die Schwäche nicht so optimal kompensiert, dass sie dadurch die gleichen Lernchancen in der Berufsausbildung oder im Studium erhielten. Es gibt keine erkennbaren Unterschiede, ob ein Kind in einer LRS-Klasse war oder nicht. Betroffene haben sich ohne eine Sonderklasse häufig persönlich und sozial besser entwickelt. Dafür sind viele Umweltbedingungen verantwortlich, die mit dem sozialen Umfeld in den Familien und dem Lernumfeld zusammenhängen. Erfahren die Kinder Geborgenheit und Wertschätzung sowie ein tolerantes und aufgeschlossenes Lernumfeld, welches pragmatisch mit den Lernproblemen der Kinder umgeht, ist es wahrscheinlicher, dass Betroffene sich langfristig sozial, psychisch sowie emotional besser entwickeln werden. Dafür wird ein flexibles und tolerantes Bildungswesen benötigt, dass die Kinder nicht durch LRS-Klassen stigmatisiert, sondern integriert, um ihnen bestmögliche Startbedingungen im Leben zu ermöglichen.