Begünstigen Sozialisierungserfahrungen erworbene LRS?

In diesem Aufsatz wollen wir der Frage nachgehen, inwiefern Lese-Recht-Schreibprobleme mit Sozialisierungserfahrungen zu tun haben können. Dabei spielen wichtige familiäre Vorprägungen und Vorbilder als auch kulturelle Aspekte eine wichtige Rolle, ob oder wie gut der reibungslose Schriftspracherwerb in der Grundschulzeit funktioniert.

Vor rund 30 Jahren waren einige Fachleute der Meinung, dass Lese-Recht-Schreibprobleme bei Kindern eine Frage der richtigen Erziehung und Herkunft war. Diese Frage hatte man dann verworfen. Aus heutiger Sicht gehören Erziehung und soziale Herkunft zum Thema der Sozialisierung in einer Familie. Hier werden die Grundlagen geschaffen, wie das Lesen und Schreiben bei den Kindern funktionieren wird. Daher gehört die Erziehung und der soziale Status der Familie zu den wichtigen Umweltfaktoren, die den Erwerb von LRS präventiv vermeiden können.

Denn Kinder brauchen ein stabiles Elternhaus, in dem es Regeln und soziale Sicherheit gibt. Inwiefern das Gemeinwesen hierbei eine Rolle spielt, wollen wir nicht erörtern. Das familiäre Umfeld spielt neben der sozialen Herkunft eine wesentliche Rolle für den Erfolg von Bildung. Dies wirkt sich in einem nicht zu unterschätzenden Maße auch auf den Erwerb der Schriftsprache aus. Sind die Eltern gebildet und widmen sie sich dem Lesen und Schreiben, dann besteht eine gute Chance, dass auch die Kinder in ihrer Kindheit Interesse am Lesen und Schreiben finden, vor allem, wenn sie dies den heranwachsenden Kindern spielerisch vormachen. Hier spricht man von Sozialisierung in der Familie bzw. von der familiären Prägung.

Haben Kinder ein Elternhaus, dass sich ihnen weniger widmet und sie weniger Erfahrungen mit dem Lesen und Schreiben (familiäre Lese- und Schreibsozialisierung) machen lässt – dann besteht die Gefahr, dass sie weniger Interesse am Lesen und Schreiben bekommen. Langfristig gesehen bedeutet das, dass sozial benachteiligte Kinder auch im Schriftspracherwerb benachteiligt sind. Das ist ein wichtiger Faktor für den Erwerb von LRS. Man sollte sich nur in einzelnen Familien ansehen, wie lang der Bücherschrank ist. Je weniger daheim gelesen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Lese-Recht-Schreibprobleme zu erwerben, die das Schulwesen nur in geringem Maße kompensieren kann. Denn es darf nicht vergessen werden, dass das deutsche Bildungswesen methodisch-didaktisch zu uneinheitlich ist. Hier werden häufig Fehler gemacht, wie z.B. die Nutzung des „Schweizer-Modells“ zum Erlernen der Schriftsprache. Dieses Zusammenwirken von familiärer Erziehung und Schulbildung spielt eine wichtige Rolle beim Erwerb einer LRS, ruft aber keine Legasthenie hervor. Denn Legastheniker haben in der Regel normale Sozialisierungserfahrungen. Dort ist es üblich, das zu Hause oft gelesen und geschrieben wird, auch wenn ein Elternteil Probleme mit dem Schriftspracherwerb hatte. Daher ist Legasthenie definitiv kein Sozialisierungsproblem und auch keins der sozialen Herkunft. Die Ursachen für Legasthenie sind vielfältig, das können Schwierigkeiten der Wahrnehmungsverarbeitung (z. B. phonologische Bewusstheit), familiäre Häufungen, aber auch neurologische Ursachen sein. Im Gegensatz dazu kann LRS in vielen Fällen durch das familiäre Umfeld erworben oder begünstigt werden, sofern keine sekundären Beeinträchtigungen (geringe Intelligenz, Erkrankungen der Augen und Ohren etc.) eine Rolle spielen.

Unsere Beobachtungen deuten auf diese Umweltbedingungen hin. Außerdem dürfen wir nicht die zunehmende soziale Ungleichheit vernachlässigen, da der soziale Status bei den Bildungschancen eine wesentliche Rolle spielt. Sie könnten in Zukunft noch deutlicher auseinanderdriften, dabei spielen eine globalisierte Welt und die Technisierung eine wichtige Rolle, die sozial schwächere und weniger gebildete Menschen noch mehr vom Broterwerb abkoppeln könnte. Denn die Zahl der Berufe bzw. Arbeitsstellen, bei denen das Lesen und Schreiben weniger gefordert wird, wird weiter abnehmen. So können sich LRS-Kinder langfristig zu funktionalen Analphabeten entwickeln. Es ist eine Frage der Zeit, wie diese Entwicklungen voranschreiten werden. Ob unser Gemeinwesen dafür eine Lösung findet, kann man nicht abschätzen. Vermutlich wird dazu mehr Bürgersinn gefordert sein, um dieser Problemstellung durch NGO`s, Kirchen und anderen Initiativen entgegenzuwirken.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Sozialisierungserfahrungen wie Erziehung und soziale Herkunft können für die Lese-Recht-Schreibprobleme von Kindern eine wichtige Rolle spielen. Sie können zumindest den Erwerb als wichtige Umweltbedingung mit begünstigen. Das verdeutlicht, dass die verschiedenen Ursachen für eine differenzierte Bewältigung berücksichtigt werden müssen. Darum ist die Diskrepanzdefinition der WHO, die die Lese-Recht-Schreibschwierigkeiten mit der Intelligenz gleichsetzt, für eine Eingruppierung der Probleme strittig. Denn diese Gleichsetzung ist nicht durch Studien belegt. Daher müssen die Sozialisierungserfahrungen im vielfältigen Ursachenkomplex eine bedeutendere Rolle spielen als bisher angenommen.

Haben wir eine hausgemachte Rechtschreibkatastrophe?

Lese- und Rechtschreibprobleme haben scheinbar in den letzten Jahren zugenommen. Dies liegt mit Sicherheit nicht an uns Legasthenikern. Neben dieser sehr speziellen Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) gibt es viele andere Ursachen, die als Auslöser für den Erwerb von Lese-Rechtschreibschwächen (LRS) zu beobachten sind. Wir haben oft mit verunsicherten Eltern über die möglichen Probleme gesprochen, die vermutlich ein Hinweis für hausgemachte Rechtschreibschwierigkeiten sind, welche von unserem Bildungswesen begünstigt werden.

Eine wesentliche Ursache für den Erwerb von LRS stellt die Unterrichtsqualität an den Grundschulen dar, die für die Eltern undurchsichtig ist. Uns Fachleuten geht es damit häufig nicht anders! Denn man kann oft nicht richtig nachvollziehen, nach welcher Methode Lehrer in ihren Schulkursen den richtigen Schrifterwerb vermitteln. Scheinbar gibt es hier einen wichtigen Hinweis darauf, warum die Probleme zu hausgemachten Schwierigkeiten in der Grundschulzeit werden. Haben nämlich Lehrer keine Vorgaben, wie sie den Kindern didaktisch das Lesen und Schreiben vermitteln sollen, herrscht mit großer Wahrscheinlichkeit ein methodisches Chaos. Das Kultusministerium gibt nur den Lehrplan vor, aber leider nicht die Methode für den Schriftspracherwerb.

Deswegen beobachten wir ein Durcheinander an den Dresdner Grundschulen, weil jede Schule ihre Methode wählen darf, die sie für passend hält. Häufig werden keine wissenschaftlich überprüften Methoden für den Anfangsunterricht verwendet. Das kann nur zu Problemen führen! Zusätzlich wird häufig das umstrittene und wissenschaftlich nicht belegte Schweizer-Modell verwendet, bei dem die Kinder durchs Lesen mittels der Anlauttabelle das Schreiben erlernen sollen. Nicht selten beobachten wir, dass viele Kinder dann in der Grundschule durch die falschen Methoden Probleme in der Rechtschreibung bekommen, worin wahrscheinlich eine maßgebliche Ursache für den hausgemachten Erwerb von LRS liegt. Darum werden Kinder mit wirklichen Legasthenien gar nicht erkannt. Deshalb haben wir ein sehr schwammiges Bild, wo die Ursachen dieser Lernprobleme zu suchen sind. So sind auch die LRS-Feststellungen der Schulen häufig sehr unklar, weil man nicht die Ursachen und didaktischen Fehler des Unterrichts mitberücksichtigt.

Außerdem wird auch die Methode häufig gewechselt. In der 1. Klasse lernen Kinder nach dem Schweizer-Modell, in der 2. Klasse wird dann zum Fibel-Modell gewechselt. Schon dieser Wechsel verursacht bei den Kindern größere Probleme, um mit dem Schriftspracherwerb nicht durcheinander zu kommen. Was das Schweizer-Modell betrifft, gibt es schon seit vielen Jahren in der Fachwelt Streit und keinen wirklichen Konsens. Denn es gibt einige Indizien dafür, das dieses Reformpädagogische-Modell vom Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen[1] wahrscheinlich ein wesentlicher Verursacher im Erwerb von LRS zu sein scheint. Zahlreiche Wissenschaftler und Pädagogen, wie beispielsweise Renate Valtin[2], kritisieren inzwischen das von Reichen entwickelte Konzept scharf. Untersuchungen zeigen eine teilweise drastische Verschlechterung der Rechtschreibung beispielsweise bei Grundschülern der vierten Klasse gegenüber Vergleichsgruppen, die von Anfang an die korrekte Rechtschreibung gelernt haben. Besonders für Legastheniker, Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit fremdsprachlichem Migrationshintergrund ist diese Unterrichtsmethode problematisch[3] .

Das Gleiche beobachten wir auch bei Kindern, die an Grundschulen mit der analytisch-synthetischen Methode (Fibel-Methode)[4] unterrichtet wurden. Diese machen bei der Diagnostik wesentlich weniger orthografische Fehler und können in der Regel auch flüssiger lesen, obwohl Legasthenien bei Kindern in diesen Familien vorliegen. Aus Klassen mit dem Schweizer-Modell berichten uns Eltern, dass manchmal 5-6 Kinder einer Jahrgangsstufe Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Diese werden dann häufig zur LRS-Feststellung geschickt! Unserer Meinung nach ist die Methode nach Jürgen Reichen eine problematische Unterrichtsmethode. Sie wird häufig an den Schulen in Dresden, die sich in freier Trägerschaft befinden, angewandt. Aber auch staatliche Grundschulen haben seit der Wendezeit diese Methode verstärkt eingesetzt. Wir sehen, bei allen positiven Entwicklungen an privaten Schulen, in diesem Bereich die meisten Probleme. Uns sind jedenfalls nur wenige Privatschulen in Dresden bekannt, die nach dem Fibel-Modell unterrichten. Nicht selten wird das Schweizer-Modell als Unterrichtsmethode gewählt, oder es gibt einen Methodenmix (methodenintegrierende Verfahren, oder „offene Lernangebote“).

Wir sehen, das es bei den Kindern, die mit offenen Methoden oder nach der Reichen-Methode unterrichtet werden, mehr Rechtschreibschwierigkeiten gibt als in Klassen mit dem klassischen Modell. Kindern mit einer Legasthenie wird es noch wesentlich schwerer fallen. Diese Modelle versprechen zwar Offenheit und Kreativität, sind aber für den systematischen Lese- und Rechtschreiberwerb eher ungeeignet. Nicht selten beobachten wir diese Schwierigkeiten an den Privatschulen, aber auch an staatlichen Schulen, zumindest was die Rechtschreiblehrgänge betrifft. Es gibt aber auch Schulen, die die klassische Fibel-Lern-Methode anwenden. Darauf sollten Eltern bei der Suche nach einer passenden Schule unbedingt achten, besonders wenn es in der Familie mehrere Legastheniker gibt!

Das ist nur eine kurze Beschreibung der Probleme, die wir an Grundschulen in Dresden und Sachsen auf unserem Fachgebiet beobachten. Häufig ist dann bei einer LRS-Feststellung und LRS-Förderung an den Schulen oder Nachhilfeeinrichtungen mit ähnlichen Problemen zu rechnen, weil häufig nicht methodisch ausreichend auf die Kinder eingegangen werden kann.

Fazit:

Sieht man sich die Probleme genauer an, kann man hier von einer größeren Wahrscheinlichkeit ausgehen, dass wir wesentlich weniger Kinder mit Lese-Recht-Schreibschwäche (LRS) haben müssten. Und Legastheniker würden wir viel deutlicher erkennen, wenn es nur in unserer Fachwelt mehr Differenzierung zwischen LRS und Legasthenie gäbe. Dabei wird es schon anhand der methodischen Probleme im Anfangsunterricht deutlich, dass es sich hierbei um hausgemachte Probleme handeln muss. Kinder mit einer Legasthenie werden daher oft mit LRS-Kindern gleichgesetzt, deshalb werden diese häufig nicht richtig erkannt! Sie erhalten auch deswegen keine bestmögliche Diagnostik und Förderung, da man die hausgemachten Umweltprobleme mit dem Lesen und Schreiben im Bildungswesen nicht berücksichtigt.

Erstveröffentlichung vom 10.März 2014, überarbeitet am 23.06.2016

Kommentar und Richtigstellung: Willkommen in der Republik der produzierten Lese-Rechtschreibschwachen (LRS)!

legasthenikerDer geschätzte Journalistenkollege Ralph Gehrke, betitelte seine Meinung bei der WELT: Willkommen in der Republik der Legastheniker.“ Sicherlich ist die Wahrnehmung richtig, dass wir an unseren Schulen immer mehr Schüler mit Schwachen Lese- und Rechtschreibkompetenzen haben – diese Beobachtung machen wir auch. Dies hat aber nichts damit zu tun, dass dies alles Legastheniker sind! Hier spricht man korrekterweise von erworbenen Lese-Rechtschreibschwächen!

Um es richtigzustellen, müsste es heißen: Willkommen in der Republik der produzierten Lese-Rechtschreibschwachen (LRS)! Denn Legastheniker haben richtigerweise nichts mit erworbenen Lese-Rechtschreibschwachen zu tun. Sondern sie haben von Natur aus mit den Schriftspracherwerb komplexere Probleme, die bis heute nur teilweise erforscht sind. Sicherlich fördert unsere gegenwärtige Situation im Bildungswesen die Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb noch mehr – weil, Schulen kaum in der Lage sind sich dem Thema differenziert zu widmen, an Schulen ist alles LRS, was bei Kindern Lese- und Rechtschreibprobleme macht. Die Pharmanahnen Selbsthilfeverbände (Bundesverband Legasthenie) stufen alle als therapiebedürftige Lese-Rechtscheibgestörte (Legastheniker!) ein – beides ist falsch!

Und wenn dann der unbedarfte Laie solche Meinungen in großen Tageszeitungen liest, trägt es nicht zur Aufklärung bei. Mit Sicherheit hat sich der Umgang mit der Schriftsprache durch die Nutzung neuer Medien, verändert. Und scheinbar hat sich allgemein die Qualität des Deutschunterrichts an unseren Schulen auch verändert, oder gar verschlechtert. Das sind aber überwiegend Umweltbedingungen, die mit erblichen Anlagen, wie der Legasthenie (Dyslexia) nichts zu tun haben. Schüler die deswegen nicht richtig erkannt werden, bekommen noch mehr Probleme. Denn erkennt man nicht die Ursachen der Probleme, können langfristig handfeste Verhaltensprobleme daraus werden. Unabhängig von LRS oder Legasthenie!

Nach unserer Sicht, ist eine Schule erst gut, wenn sie einen sehr guten Deutschunterricht liefert. Trotzdem ist dann die Problematik Legasthenie oder LRS nicht aus der Welt geschafft, sondern man bekäme vielleicht einen besseren und differenzierteren Blick auf die Probleme der Schüler – denn meisten ist LRS ein hausgemachtes Problem!

Eine gute Schule steht und fällt, nach unserer Meinung mit einen vernünftigen systematischen Deutschunterricht. Egal, ob die Schule privat oder öffentlich ist.

Unser Fazit:

Unsere Medien haben wenige Sachkenntnisse über unsere Problematik als Legastheniker zu berichten, das Thema ist zu komplex. Das immer wieder eine vernünftige Rechtschreibkompetenz angemahnt wird, ist richtig und wichtig. Denn sie wird künftig nicht unwichtiger werden – wer meint, dass diese unwichtig wäre, ist auf dem Holzweg, auch wenn moderne Technologien vieles einfacher machen. Damit besteht auch die Chance als Legastheniker gute Texte zu schreiben, wenn er nur die richtige didaktische Kompetenz vermitteln bekommt – denn was will man denn bei einem Legastheniker therapieren? Legastheniker zu sein, bedeutet nur mit einen speziellen Merkmal oder Begabungsprofil zu lernen. Denn es gilt sich auf die Kompetenzen zu konzentrieren! Nicht wenige haben gute Fertigkeiten, die unsere Gesellschaft braucht. Daher kann man auf solche oberflächlichen Medienberichte verzichten, auch wenn sie die Symptome und Umweltprobleme unseres Bildungs- und Gesellschaftsumfeldes grob anreißen.

 

Neuer Spiegel-Bericht zum Thema: „Studenten mit Legasthenie“ – diskriminiert von Legasthenie betroffene Menschen

Wir beobachten mit großem Interesse die neusten Berichte zu unserem Sachthema „Legasthenie“, der neuste Artikel bei SpiegelOnline (28.01.2014)[1] indem man mit einer sehr überzogenen „Vom Fehlerteufel besessen“ Überschrift gewählt hat, stimmt uns sehr nachdenklich und erinnert uns an sehr schlimme Zeiten unserer vergangenen Deutschen Geschichte – wo man eben Menschen, die nicht der „Norm“ entsprachen als ‚Besessene[2]‘ einstufte. Weil, diesen so nicht unkommentiert, stehen lassen möchten, werden werden wir ihn kommentieren.

Auch nach unseren Beobachtungen und persönlichen Erfahrungen, wissen wir, wie schwer es ist als Legastheniker in unserem Bildungswesen zu überleben, dass ist aber nicht dieser speziellen Lese-Recht-Schreibschwäche geschuldet, sondern es liegt am toleranten Umgang unserer Umwelt (Schulwesen, Akzeptanz unserer Gesellschaft etc.), das man Menschen, die von Natur aus andere Lernfähigkeiten besitzen, umgeht. Hierfür braucht es keinen Einordnung in behindert oder gar seelisch gestört, wie es häufig unsere pharmanahen Legasthenieverbände (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.) in Deutschland tun; nein das muss man als Diskriminierung interpretieren. Und wenn man uns als vom Fehlerteufel besessene, tituliert, muss man sich schon Fragen, ob der Verfasser den Pressekodex bedacht hat.  Denn es steht im Kodex sehr deutlich, Ziffer 1 steht:  Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde, ist der Presse oberstes gebot[3]. Daher sollte man sich bestimmt fragen, ob mit dieser gewählten Überschrift, den Bogen nicht für eine Medienwirksame Schlagzeile überzogen hat.

Das die Medien nur sehr selten im Sinne von uns legasthenen Menschen berichten hat vermutlich verschiedene Ursachen. Einerseits gibt es in unserer Fachwelt wenig Konsens zum Sachthema zu finden, anderseits ist die Thematik sehr komplex, um das Medienleute darüber objektiv berichten. Und als letzteren Punkt, ist die Thematik auch ein Politikum, was häufig durch eine ideologische Brille gesehen wird. Auch wenn die Medien meinen, Unabhängig zu sein, auf unserem Gebiet, sind sie es nicht. Denn es werden immer die Gleichen Verbandsfunktionäre befragt, obwohl es einige andere Fachleute gibt, die wesentlich differenzierter über die dieses Problem berichten könnten. Das zum Thema: Unabhängigkeit und Objektivität, der Medien.

Auch im Hochschulbereich beobachten wir das Hochschullehrer häufig wenig wissen über diese speziellen Lernprobleme haben. Sicherlich sind uns schon einmal Ausnahmen begegnet, wo einmal ein Professor ein Legastheniker war, der auch unsere Gutachten fürs Studium an der Universität Dresden akzeptierte. Dieser Student konnte, dann sein Studium erfolgreich fortsetzen. Das ohne eine Einordnung einer seelischen Störung, wie es die Verbände gern wünschen.

Legasthenie muss man nicht als Behinderung oder Krankheit einordnen sondern, wie es bekannte Hirnforscher Professor Albert Galabutra von der Harvard Medical School  bei der 18. Fachtagung des EDÖL in Salzburg, einmal sagte: „Es ist eine Krankheit nur in dem Maße, wie schwer man diese Menschen beeinträchtigt, in unserem gesellschaftlichen Umfeld in dem Legastheniker leben.“[4], verstehen. Daher spielt ein toleranter und wesentlich pragmatischerer Umgang mit uns Betroffenen, als Umweltfaktor eine wesentliche Rolle, ob wir uns entsprechend unserer Fähigkeiten, in unsere Gesellschaft integriert werden, statt stigmatisiert zu werden. Darüber sollte sich die Fachwelt Gedanken, wie man den uns zugesicherten Menschenrechten gerechter wird.

Der Großteil der Betroffenen lehnt eine Einordnung einer Krankheit oder Behinderung ab, weil es nicht wirkliche Gründe dafür gibt. Es muss eher darum gehen, wie könnten man die Rahmenbedingungen anpassen, das es selbstverständlich ist, wie Philipp Wettmann ein Studium zur Computerlinguistik zu absolvieren. Darum sollte man uns nicht als „leidende“ o.ä. einordnen. Sondern man sollte sich Gedanken machen, wie diese Menschen mit ihren vorhandenen Potenzialen fördert, das so umfassend wie möglich. Daher ist ein individueller Nachteilsausgleich ein Menschenrecht, was in unserer Gesellschaft selbstverständlich, sein sollte, hierfür braucht es kein Hochschulrahmengesetzt für behinderte mit Legasthenie. Das ist eher ein diskriminierender Ansatz!

Dass 8000 Studenten, sollen von einer Legasthenie oder Dyskalkulie betroffen sein, sind vermutlich nur eine vage Schätzungen. Wahrscheinlich gibt es wesentlich mehr Legastheniker an den Hochschulen, als es uns Statistiken aufzeigen können. Denn welcher Legastheniker will, schon als behinderter oder kranker eingeordnet werden? So wird man Betroffenen auch kein Hilfsangebot machen können, weil sie sich nicht outen werden, dass sie als Legastheniker an einer Universität studieren. Dann beißen sie lieber alle Zähne zusammen, fallen lieber nicht auf und Studieren mit ihren Lernproblemen. Statt sich vom Staat benachteiligen zu lassen. So beobachten wir es häufig auch in unserer Arbeit mit Erwachsenen in Dresden. Daher hat Frau Hönighaus vom BVL e. V. nicht Recht, denn welcher angehende Akademiker wird zu einer „scheinbaren“ Behinderung stehen, wofür es keine wissenschaftlichen Beweise gibt; das Legasthenie und Dyskalkulie eine Krankheit ist. Denn hierfür fehlen jegliche Beweise! Die Einordnung der ICD-10, ist nur ein vages Störbild, was zwar der Pharmalobby ein dienliches Störbild ist (für pharmazeutische Therapien usw.), was auch, wie bei dem Thema ADHS/ADS nur ein theoretisches Konstrukt mit vielen widersprüchen ist. Daher ist dieser Ansatz für Betroffene, der von den Verbänden vertreten wird, bedenklich und auch umstritten. Leider blenden unsere Medien, dies in den meisten Berichten völlig aus.

Das bis heute im Schulwesen viele Legastheniker selten ein Abitur schaffen, liegt nicht an dieser speziellen Lese-Recht-Schreibschwäche oder Rechenschwäche (Dyskalkulie), sondern, vermutlich am starren und unflexiblen Bildungswesen, was sich nur schwer an die Lernbegebenheiten von uns Betroffenen anpassen kann. Dies wird sich mit Sicherheit auch in den nächsten Jahren aufgrund unseres Fachkräftemangels negativ auswirken. Denn es ist sehr bedenklich, dass unser Bildungssystem zuwenig durchlässig ist, besonders wenn besonderen Begabungen unser nachkommenden Generationen vernachlässigt. Dies wird sich vermutlich, künftig sehr zum Nachteil unseres Gemeinwesens auswirken, bzw. die Auswirkungen sind schon jetzt in der Arbeitswelt zu beobachten.

Daher sollte man den sehr einseitigen medizinisch-psychologischen Ansatz der hiesigen Legasthenieverbände hinterfragen. Wichtiger wäre es, das diese Schwächen bis zum Erwachsenenalter, so gut kompensiert werden, dass gar nicht erst seelische Störungen daraus entstehen müssen. Jedenfalls ist dieser Störbild-Ansatz der Legasthenieverbände, für uns Legastheniker und Dyskalkuliker keine Hilfe. Denn so werden wir keine umfassende Hilfe und Integration erfahren. Sondern man sollte uns nicht nur an unseren Defiziten messen, sondern an unsere guten Fähigkeiten, die es dringend zu fördern gilt. Daher ist der Störbild-Ansatz der Legasthenieverbände, ein Griff aus der Mottenkiste, der einer guten objektiven Aufklärung im Wege steht.

Sieht man sich die Situation genauer an, sind wir von einer bestmöglichen Bildung und Integration weit entfernt, was sicherlich mit an den Legasthenieverbänden liegt und daher nicht nur am Bildungswesen und der gesellschaftlichen Akzeptanz -sondern wahrscheinlich an der sehr einseitig-sigmatisierenden Aufklärung, dieser Verbände.

 


[1] http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studium-mit-legasthenie-viele-studenten-leiden-still-a-945830-druck.html

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Besessenheit

[3] http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html