Update: Einladung zur Dyslexie-Studie der TU Dresden


Liebe Betroffene, Liebe Familie,

die Fakultät Informatik Institut Angewandte Informatik der TU Dresden lädt zu einer Studie zur
Computernutzung ein.

Die Wissenschaftler dieser Studie arbeiten daran das Lesen, Schreiben und Suchen am Computer für Menschen mit Dyslexie (Lese-Recht-Schreibschwäche) zu vereinfachen.

In der Studie soll herausgefunden werden, welche PC-Einstellungen bei Betroffenen bevorzugt werden. Um dies genauer herauszufinden, suchen das Institut Teilnehmer für diese Studie. Der Beginn der Studie ist 20. Juli 2016.

Details zur Studie:

·  Studienbeginn: 20. Juli – 31. Dezember 2016

·  Die Studie wird ca. eine Stunde dauern.

·  Im ersten Teil werden ein paar demographische Daten erheben (Alter, Geschlecht,
Ausbildung/Beruf). Dann folgen ein paar Fragen zu möglichen Problemen oder auch
speziellen Wünschen beim Umgang mit Computer, Smartphone und Fernseher.

·   Im zweiten und dritten Teil der Studie führen die Teilnehmer jeweils 2-3 Aufgaben
mit einem von uns gestellten Gerät aus, zum Beispiel ein Symbol auf dem
Bildschirm finden oder einen Text lesen.

·   Wichtig: Ein bewerten
Fähigkeiten der Teilnehmer findet nicht statt. Es soll überprüft werden, wann
unsere Teilnehmer Schwierigkeiten haben, die Aufgabe zu erfüllen und welche
vorgeschlagenen Lösungen bevorzugt werden. Zum Beispiel, verschiedene Farbgebung
oder verschiedene Layout-Darstellungen.

Wenn Sie Interesse an diese Studie haben. Können Sie sich bei Frau Loitsch und Frau
Starruß anmelden. Die Studie kann vor zu Hause oder an der Fakultät für Informatik in Dresden durchgeführt werden. Ein kleines Dankeschön wird es dafür natürlich auch geben.

Als Legasthenie Coaching – Institut für Bildung und Forschung unterstützen wir die Studie und
freuen uns über Ihre rege Teilnahme. Bisher haben sich rund 14 Betroffene für die Studie gemeldet, es werden aber 30 Probanden gesucht. 

Kontakt

Technische Universität Dresden

Fakultät Informatik Institut Angewandte Informatik

Professur Mensch-Computer Interaktion

01062 Dresden


Ist der Regelaufbau nach Reuter-Liehr für die Rechtschreibförderung sinnvoll?

Rezension zum Regelaufbau nach Reuter-Liehr

Regelaufbau nach Reuter-Liehr Der Verlag Dr. Dieter Winkler aus Bochum stellte uns die Bände 1. und 2. des Regelaufbaus nach Reuter-Liehr zur Verfügung.

Die Methode kommt häufig bei vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. zertifizierten „Dyslexietherapeuten nach BVL“, bei Logopäden, Ergotherapeuten und an Schulen in der LRS-Lernhilfe, Nachhilfe oder Legasthenie-Behandlung sowie in der Psychotherapie zum Einsatz. Wir wollen in unserer Besprechung der Frage nachgehen, ob dieses Förderprogramm bei der Einzelförderung von Kindern mit Legasthenie sinnvoll ist.

Regelaufbau auf Basis lautgetreuer Lese-Rechtschreibfähigkeit
Band 1: (1. Aufl., 2011), mit 350 Seiten für 182 €, er beinhaltet: Training der orthographisch/morphemischen Strategie ohne Ausnahmeschreibungen: Morpheme und Großschreibung Band 2: (1. Aufl., 2014), mit 319 Seiten für 182 €, er beinhaltet: Training der orthographisch/morphemischen Strategie ohne Ausnahmeschreibung: Ableitungen und i-Endungen.

Ein psychotherapeutisch-linguistisches Behandlungsprogramm für Lese-Rechtschreibschwache

Beide Ringordner basieren auf dem wissenschaftlich erprobten lautgetreuen Lese-Rechtschreibprogramm nach Reuter-Liehr, welcher nun vom pharmanahen Bundesverband als Therapieprogramm empfohlen wird. Es basiert auf der Theorie der umstrittenen Richtlinien psychischer Störungen, in denen die Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) nach dem ICD-10 Manual klassifiziert wird. Demnach werden legasthene Menschen als therapiebedürftig eingestuft – was aus ethischer Sicht – ein bedenklicher Ansatz ist.

Das Konzept bezieht sich auf eine psychotherapeutisch-linguistische Behandlung und basiert als eins der wenigen Programme auf dem sprachwissenschaftlichen Prinzip der lautgetreuen Lese-Rechtschreibförderung. Der Einsatz des Materials eignet sich, für Schulkinder ab Anfang der 4. Klasse, nach Aussagen der Autoren würde es sich auch für funktionale Analphabeten eignen.

Ein geschlossenes Programm mit sprachwissenschaftlichen Hintergrund

Das Material in den beiden Ringordnern ist auf mehrfarbigen Papier bedruckt und mit einfachen Grafiken gestaltet worden. Die Texte und der Aufbau des Programms sind übersichtlich gestaltet. Die Aufmachung ist von hoher Qualität. Jeder der beiden Bände verfügt über eine einführende Erklärung und eine Darstellung des Programmaufbaus. Der Einsatz ist für den Laien unserer Meinung nach nicht geeignet, da dieser Ansatz eine sprachwissenschaftliche Qualifikation voraussetzt. Dieses Konzept wurde von Reutlinger seit 1992 weiterentwickelt. Der 2. Band wurde in der 1. Aufl. in diesem Jahr veröffentlicht. Das gesamte Programm zielt auf eine akusto-motorische Differenzierung, sozusagen: „Schreibe es so, wie Du es sprichst“ sowie eine pilotsprachliche Sprech- und Schreibweise ab – was dem Laut-Buchstaben-Bezug im Erwerb der Schriftsprache mit einer regelgeleiteten Rechtschreibförderung entspricht. Dieser Ansatz soll routiniert die Rechtschreibstrategien den Kindern vermitteln.

Dieser Ansatz ist in Deutschland einzigartig und lobenswert. Es wurde schon mehrfach in Studien von Sprachwissenschaftlern belegt, dass diese Herangehensweise die effektivste Methode ist, das Lesen und Schreiben zu erlernen, was die allgemeine Rechtschreibförderung an den Schulen betrifft. Legastheniker und LRS-Kinder sind mit ihren Schwächen sehr unterschiedlich, daher ist es fraglich, ob ein so geschlossenes Programm flexibel genug ist, den Ansprüchen qualifizierter Legasthenieförderung gerecht zu werden. Aus der Erfahrung heraus eignen sich geschlossene Programme in der Förderung nicht. Denn sie werden den Anforderungen einer guten Förderung nicht gerecht, dafür sind Betroffene zu unterschiedlich in ihren Förderschwerpunkten. Auch wenn die Methode sprachwissenschaftlich gut durchdacht ist, heißt es noch lange nicht, dass dieses Programm den Lernbedürfnissen der Betroffenen gerecht wird – dafür ist dieser Ansatz zu einseitig und unflexibel.

Die Wissenschaftlichkeit des Reuter-Liehr-Programms ist zu hinterfragen 

In einer Follow-up-Studie 2003-2004 wurde dieses Programm am Psychologischen Institut der Universität Göttingen durch Professor Marcus Hasselhorn und Frau Dipl.-Psych. Daniele Unterberg (Unterberg 2005, Reuter-Liehr 2007) evaluiert und auf die langfristige Wirksamkeit untersucht. Beim genaueren Hinsehen handelt es sich hierbei um eine kleine homogene Stichprobe, in der ersten Ausgangsstichprobe wurden 168 Fälle und in der zweiten 164 Probanden mit Legasthenie untersucht. In der klinischen Follow-up-Studie wurden 46 Legastheniker (Kinder, Jugendliche und  junge Erwachsene) über einen Zeitraum von durchschnittlich 3,02 Jahren mit einem Therapieabstand von sechs Monaten überprüft, um die Wirksamkeit dieses Programms zu belegen.

Nach unseren Recherchen wurde deutlich, dass man durchaus signifikante Kurz-und Langzeiteffekte bei dieser sehr kleinen medizinisch-psychologischen Stichprobe ableiten könnte. Diese Studie wurde von Fachleuten durchgeführt, die dem Bundesverband nahe stehen – es handelt sich also um keine unabhängige Studie. Wäre das Programm von unabhängigen Fachleuten überprüft worden, wäre der wissenschaftliche Befund objektiver.

Die Probanden kamen überwiegend aus einer homogenen Gruppe, da diese eine Förderung und Therapie gemäß SGB 35 a VIII erhielten und damit eine seelische Behinderung bzw. eine Gefährdung nachweisen mussten. Dies bildet nicht die tägliche Praxis ab, denn nicht alle Legastheniker sind von seelischen Problemen bedroht. Daher kommt bei sehr vielen Fällen eine Förderung durch das Jugendamt nicht infrage. Erhalten Familien Hilfe vom Staat, so ist von einem sozial schwächeren Milieu auszugehen. Denn Familien aus bessergestellten Verhältnissen kümmern sich überwiegend selbst und verlassen sich nicht auf die Hilfe des Staates. Nur rund 30 Prozent der Antragsteller einer LRS-Therapie bekommen eine Förderung oder die  Therapie vom Jugendamt bezahlt. Außerdem ist diese Gesetzgebung kompliziert und für die Betroffenen nicht hilfreich. Darum kann man von einer homogenen Stichprobe in dieser Studie ausgehen. Eine unabhängige Vergleichsstudie mit einer größeren nicht-homogenen Stichprobe wäre glaubwürdiger gewesen. Es fehlt außerdem eine Vergleichsstudie von unabhängigen Fachleuten, die nicht dem Bundesverband Legasthenie angehören. Daher ist die Wissenschaftlichkeit des Therapieprogramms fraglich.

Unsere Einschätzungen und Empfehlungen:

Es ist lobenswert, dass dieses Programm auf einem sprachwissenschaftlichen Konzept basiert. Den Kriterien einer differenzierten Einzelförderung hält es nicht stand, da ein unabhängiger wissenschaftlicher Beleg aus der Bildungsforschung fehlt. Betroffene sollten nicht in der Gruppenförderung mit einem routinierten Programm gefördert werden, sondern jeder benötigt eine bestmögliche eins zu eins Betreuung. Daher sollte es als Ergänzung in der Förderung eingesetzt werden. Sollten Eltern bemerken, das dieses Programm als einziges Therapieprogramm zur Behandlung einer Lese-Rechtschreibschwäche oder als LRS-Förderung verwendet wird, sollte die Seriosität und die fachliche Qualifikation der Lehrer und Therapeuten der Nachhilfeinstitute hinterfragt werden. Der Preis dieses Programms ist mit 182 € zu teuer, da es höchstens als ergänzendes Material für eine qualifizierte Förderung reicht.

Wenn Sie sich das Programm ansehen wollen, können Sie sich auf der Internetseite des Dr. Winkler Verlages informieren.

Erstveröffentlichung am 28.10.2014, überarbeitete Fassung vom 14.06.2016.

 

 

Legasthenie im Seniorenalter

Lebensbericht und Praxiserfahrung einer 72-jährigen Seniorin mit Legasthenie 

Ein Bericht über die biografische Entwicklung einer Legasthenikerin im Seniorenalter und wie sie dazu kam, sich in ihrem vorangeschrittenem Alter der Lese-Recht-Schreibschwäche zu widmen.

Frau W* wurde 1945 auf dem Lande in Sachsen geboren, ihre Eltern zogen mit ihr in eine sächsische Großstadt, in der die Seniorin noch heute als Witwe lebt. Sie ging seit 1951 in die Schule, noch vor der größeren Reform des Jahres 1959. Zu dieser Zeit gab es noch keine POS. Sie besuchte die 8. Klasse und lernte später Kellnerin und arbeitete bis zur Rente in der Gastronomie. Dieser Beruf machte Frau W. Freude, weil sie gern mit Menschen arbeitete. So konnte sie gut ihre Schwäche auf Arbeit verbergen, für die sie sich ein Leben lang schämte.

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Sie gründete mit einem Ingenieur eine Familie und gebar in den 60er Jahren einen Sohn, der in der Schule Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatte. Mit viel Mühe und Hilfe des Vaters schaffte es der Sohn wie sein Vater zum Ingenieur. Sie behalfen sich mit Nachhilfe. Die Mutter hatte ihr ganzes Leben die gleichen Schwierigkeiten. Sie konnte sie aber durch ihre gute Auffassungsgabe und Kommunikationsfähigkeit bei der Arbeit gut verbergen. Niemand bemerkte auf der Arbeit, dass sie größere Probleme mit dem Lesen und Schreiben hatte.

Ihr Mann erledigte alle schriftlichen Aufgaben zu Hause, sie kümmerte sich um die praktischen Dinge im Haushalt. Er versuchte ihr immer wieder das Lesen und Schreiben beizubringen, was nur wenige Früchte trug. Sie hatte keinen Zugang zum Schriftspracherwerb. Sie schilderte, dass in der Schule damals niemand auf sie Rücksicht nahm. Sie wurde halt mit durchgeschliffen, wenn sie sich an die Schulzeit erinnert.

Erst wesentlich später wurde ihr klar, dass sie Legasthenikerin sein musste. Denn ihrem Sohn ging es im Vergleich zu ihr recht ähnlich. Nur mit außerschulischer privater Förderung war es dem Sohn möglich, das Gymnasium zu besuchen. Noch heute schreibt er nicht fehlerfrei. Daher gibt es ein Indiz, dass die Legasthenie familiär bedingt ist.

Vor 6 Jahren ging die Frau nach 45 Jahren Arbeit in der Gastronomie in Rente. Sie begriff nie, warum sie bei guter Intelligenz Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte. Ihr Mann hatte nicht die Geduld mit ihr, darum wurde die Schwäche nie richtig bewältigt. Er meinte häufiger, sie wäre zu dumm dazu, Lesen und Schreiben richtig zu beherrschen. Ihr Mann war Ingenieur im Maschinenbaubereich, er konnte es nicht nachempfinden. Dazu schien ihm das Einfühlungsvermögen zu fehlen, was mit Sicherheit einige Konflikte in der Familie brachte. Trotzdem gab es keinen offenen Umgang im familiären Umfeld von Frau W. mit der Schwäche. Sie erfuhr im Laufe der Zeit durch Medienberichte, dass diese Probleme „Legasthenie“ hießen.

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Nun versuchte sie das Thema für sich aufzuarbeiten, durch die Rente hat sie Zeit dafür. 2010 meldete sie sich bei einer staatlichen Anlaufstelle für funktionale Analphabeten und bekam einen Lehrgang bei einem kommerziellen Träger, der Maßnahmen für diese Zielgruppe anbot. Sie ging freiwillig in den Kurs und wollte etwas lernen. Aus der Praxis wissen wir, dass funktionale Analphabeten eine komplexe Zielgruppe sind, für die es bis heute kaum wirksame Maßnahmen gibt, um diese Menschen zu integrieren. So beschreibt es die Fachwelt und wir beobachteten in unserer Arbeit in Dresden einige Erwachsene, die mit ähnlichen Maßnahmen nicht zufrieden waren. Dies hinterließ den Eindruck, dass Betroffene sich mehr von diesen Hilfsmaßnahmen erhofften. Diese Eindrücke können aber nicht auf die Gesamtsituation übertragen werden.

Wir haben den Eindruck, dass diese Maßnahmen für funktionale Analphabeten selten auf ihre Qualität hin evaluiert sind. Denn das Milieu dieser Gruppe ist multikausal. Die Biografie unserer Rentnerin zeigte: Die Schwierigkeiten bei den Teilnehmern der Maßnahme waren sehr unterschiedlich. Nicht wenige waren langzeitarbeitslose Alg II-Bezieher, die von ortsansässigen Jobcentern diese Maßnahme zugewiesen bekamen.

Sie war die Einzige im Kurs, die aus dem aktiven Arbeitsleben kam. Sie besuchte den Kurs mit der Hoffnung, Hilfe zu erhalten. Die Erwartungen erfüllten sich nicht, obwohl sie ein Zertifikat erhielt, dass sie an diesem Kurs erfolgreich teilgenommen hatte. Der Kurs dauerte 12 Monate, das Resultat des Kurses ist unklar.

Frau W. liest auch nach dem Kurs sehr stockend auf dem Niveau eines Grundschülers. Auch das Handschriftliche geht sehr mühsam.

Uns ist aufgefallen, dass legasthene Menschen immer wieder mit funktionalen Analphabeten verwechselt werden. Über das Phänomen dieser Gruppe von Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen und Schreiben schwertut, streitet sich die Fachwelt schon viele Jahre. Denn viele Ursachen haben scheinbar mit sozialer Ungleichheit zu tun, aber nichts mit Legasthenie.

Nun hat sich Frau W* entschlossen, eine Einzelförderung an unserem Institut zu machen. Da die Rentnerin nur eine geringe Rente erhält, bekommt sie an unserem Institut für ein geringes Entgelt Unterstützung. Die Maßnahme wird 24 Monate dauern, wir sind sehr gespannt, wie sich die Seniorin entwickeln wird. Dieser Bereich ist in der Legasthenieforschung noch gänzlich unbekannt.

Wir werden weiter darüber berichten und sind gespannt, welche neuen Erkenntnisse wir beobachten werden.

*Frau W. ist die anonymisierte Kürzung des Namens der Seniorin.

Wie kann man als Erwachsener Legastheniker, seine Schreibhemmungen überwinden?

Erfahrungsbericht von Lars Michael Lehmann, Legasthenieexperte und Fachjournalist

Ich weiß, was es für Gefühle, in einem auslösen kann, wenn man Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat. Meine Eltern und Lehrer konnten, diese Schwierigkeiten in der Schulzeit nicht einordnen. Wohlbemerkt, dass bei guter Intelligenz! Sie meinten, ich wäre zu dumm oder gar zu faul, fehlerfrei zu lesen und schreiben zu lernen. Am Ende, glaubte ich diesen Vorurteilen, und hatte eine Schreibhemmung daraus entwickelt. Viel später, reichlich spät, im jungen Erwachsenenalter, musste ich die Probleme in Angriff nehmen – schließlich konnte ich diese Schreibhemmung gut bewältigen! 

Niemand kann diese Hemmungen verstehen, wenn er diese nicht am eigenen Leibe erfahren hat. Diese können Versagensängste auslösen und man verspasst, sich selber, ganz unbemerkt eine Etikette: „Störung“, und bildet sich ein, dass mit einem etwas nicht stimmen muss. In der Soziologie nennt man dies: Selbstetikettierung, in dem man sich ein „Defizit“, so lange einbildet, dass es wirklich zum handfesten Problem werden kann. Mediziner diagnostizieren dann gern, die umstrittene Lese-Recht-Schreibstörung, die als psychisches Störung von der WHO definiert wurde – mir blieb, so eine Eingruppierung erspart. Zu DDR-Zeit, war man automatisch lernbehindert und musste auf die Sonderschule gehen. Diese Teilleistungschwäche, gehörte vor 30 Jahren in der DDR zu den Lernbehinderungen. Heute separiert man diese Kinder in LRS-Klassen in Dresden und Sachsen, was auch nicht weniger diskriminierend ist. Man hat mit der Integration von Betroffenen im Bildungswesen, keine wirklichen Fortschritte gemacht.

Nach langer Auseinandersetzung, begriff ich, das eine Legasthenie keine Krankheit bedeutet – auch die Bezeichnung: „Behinderung“ passte, in diesem Fall nicht. Sicherlich gibt es Bestrebungen, besonders von Seiten des Bundesverbandes Legasthenie, dass man alle Legastheniker als behinderte oder kranke einstufen will. Ich frage mich: Wer soll davon etwas haben? Das hilft niemanden die Lese-Recht-Schreibschwäche zu bewältigen – sondern es bringt, noch viel mehr Hemmungen. Wenn man sich nämlich, ein Störbild einbildetet, was aus den Labors der pharmazeutischen Industrie stammt – wird man eins bekommen. Wer sich ein Defizit einbildet, kann es auch nicht wirklich bewältigen. Nach meiner Sticht, ist diese Eingruppierung: „Eine Bequemlichkeitsdiagnose, mit der ganze Industriezweige Geld verdienen wollen.“ Den Betroffenen, ist damit ganz sicher nicht geholfen! Nein, es wird häufig ein Teufelskreis daraus, den man schwer entrinnen kann.

Nun werden sich meine Leser fragen: Wie ich es geschafft habe, diese Hemmung zu überwinden? Mir sagte einmal eine befreundete Pädagogin: „Du musst Deine Schwäche, zum Beruf machen!“, dies gelang mir viele Jahre später. Sie hatte damit recht. So lernte ich Schritt für Schritt, besser und flüssig lesen und verbesserte mich in meinen Rechtschreibfähigkeiten. Ich verschlang sämtliche Sach- und Fachbücher, rund um das Thema: „Legasthenie“ – quer durch alle Fachgebiete. Es war für mich die passende Lektüre, in der ich Antworten für meine Probleme fand. Im Laufe dieser Zeit, entwickelte ich viel Spaß am Lesen und Schreiben – denn ich bemerkte, ich wurde nach einiger Zeit besser in meinen Lese-Rechtscheibfähigkeiten. Wo, ich das begriff, verlor ich meine Hemmungen – von meinem Umfeld wurde ich ermutigt, weiter an der Bewältigung zu arbeiten.

Niemand traute mir diesen Entwicklungssprung zu! Ich bin überzeugt, dass es vielen Erwachsenen auch gelingen kann. Ja, es kostet viel Mühe! Man macht nicht sofort schnelle Fortschritte. Langfristig gesehen, kann es aber einen gelingen. Man muss nur den Mut dazu finden – dann wird man diese Teilleistungschwäche bewältigen. Ein wichtiger Punkt, nach meiner Erfahrung ist immer die nötige Lernbereitschaft
und Motivation, aus alten Verhaltensmustern auszubrechen. An der Intelligenz wird es mit Gewissheit nicht scheitern. Sondern man muss sich seinen Fähigkeiten bewusst werden! Dann gewinnt man Selbstbewusstsein und traut sich wieder etwas – im Leben zu.