Lese-Rechtschreib-Schwäche und Störungen der frühkindlichen Entwicklung

Bei der Arbeit mit Betroffenen und ihren Familien wird uns oft die Frage gestellt, inwiefern eine LRS mit der frühen kindlichen Entwicklung im Zusammenhang stehen kann. In der Fachwelt ist es unstrittig, dass Probleme während der frühkindlichen Entwicklung zu Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb führen können. Doch das trifft nicht auf alle Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten zu.

In diesem Aufsatz wollen wir der Frage nachgehen, welche Ursachen es in der frühkindlichen Entwicklung geben kann, sodass Kinder in den frühen Grundschuljahren Probleme beim Lesen und Schreiben entwickeln. Wichtig sind dabei sprachliche und motorische Störungen, bei denen z.B. eine Frühgeburt oder andere geburtliche Komplikationen eine Rolle spielen. Diese können sich auf die Entwicklung von Sprache und Motorik der Kinder negativ auswirken. Andererseits spielen soziale Umweltfaktoren im Familiengefüge eine große Rolle, wie starkes Stresserleben während der Schwangerschaft, familiäre Konflikte, ein schwacher sozioökonomischer Status, Gewalt oder Vernachlässigung, um nur ein paar Punkte zu nennen. Diese Punkte spielen eine bedeutende Rolle für spätere Defizite in der schriftsprachlichen Entwicklung der Kinder.

Diese Ursachen sind uns in der Forschung und Praxis der letzten Jahre aufgefallen und auch allgemeiner Konsens in der Fachwelt.

Aber es gibt in der Fachwelt noch einige offene Fragen zu dieser Thematik: Fördern diese Ursachen den Erwerb einer LRS? Spielen diese Indikatoren bei einer Legasthenie als Störung der kindlichen Entwicklung eine wichtige Rolle? Oder anders gefragt: Ist die Legasthenie eine Entwicklungsstörung, die von erblichen Veranlagungen herrührt und sich dann negativ auf die kognitiven Abläufe in der neurologischen Verarbeitung von Signalen auswirkt? Für solche Fragestellungen gibt es bislang noch keine ausreichende Forschung.

Uns ist klar, dass ungünstige Umweltfaktoren die Schwierigkeiten beim Lernen begünstigen können. Das wird auch von vielen Forschern erwähnt, ist aber leider noch zu wenig erforscht.

Aus der Praxis wissen wir, dass es auch Kinder gibt, die keine Entwicklungsprobleme in ihrer frühen Kindheit hatten und trotzdem Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Hier sind noch viele Fragen offen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es Ursachen in der frühkindlichen Entwicklung gibt, die bei den Lese-Rechtschreib-Schwächen eine Rolle spielen. Man kann das aber nicht für alle Betroffenen verallgemeinern. Es können auch Menschen eine LRS bekommen, die eine unauffällige kindliche Entwicklung aufweisen. Die Ursachen dafür sind bis heute noch nicht vollständig geklärt.

Kann vorgeburtlicher Stress den Erwerb von Lese-Rechtschreib-Schwächen begünstigen?

In der Forschung ist bisher nicht abschließend geklärt, ob und wie vorgeburtlicher Stress eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bei Kindern begünstigen kann. Aus der Entwicklungspsychologie und der Resilienzforschung wissen wir, dass sich eine stressige Schwangerschaft ungünstig auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann. In der wissenschaftlichen Literatur und in den von uns geführten Interviews haben wir einige Hinweise gefunden, wie sich starker Stress auf die Kindesentwicklung auswirkt. Diese Umweltbedingungen können Kinder in ihrer psycho-emotionalen Entwicklung und der gesamten Lernbiografie bis in das Erwachsenenalter hinein nachhaltig prägen. Das kann schließlich Lernprobleme wie eine erworbene Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Konzentrationsprobleme und Störungen des Sozialverhaltens begünstigen (Schneider, 2012).

Starker negativer Stress der Mutter aufgrund von partnerschaftlichen Konflikten, der Trennung vom leiblichen Vater oder dem Verlust nahestehender Personen während der Schwangerschaft kann ein erhöhtes Stressrisiko für die kindliche Entwicklung bedeuten. Rund 30 Prozent der Familien in den USA erleben ein sehr stressiges familiäres Umfeld in der Kindheit (Maren Keller, 2020). Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch in Deutschland und im deutschsprachigen Raum etwa 25 bis 30 Prozent der Kinder in ein schwieriges familiäres Umfeld hineingeboren werden.

Aus unserer langjährigen Forschung wissen wir, dass sich der vorgeburtliche Stress auf die gesamte Lernentwicklung wie auch auf die emotionale Regulierung auswirkt. In einzelnen Interviews wurde uns berichtet, dass die Schwangerschaft recht stressig war. Folgende Aussagen belegen das: „Die Schwangerschaft war sehr stressig, weil ich mich vom Vater des Kindes getrennt habe“ oder „Ich hatte viel beruflichen Stress während der Schwangerschaft“ oder „Der Vater des Kindes war Alkoholiker und hat mich während der Schwangerschaft geschlagen“. Solche oder gleichartige Aussagen zur familiären Situation während der Schwangerschaft der Mütter sind uns bekannt. Andere schlussfolgern sehr deutlich: „Meine Schwangerschaft war sehr stressig“. Diese Kinder haben dann Probleme in ihrer kindlichen Entwicklung erlebt, die je nach Situation unterschiedlich stark ausgeprägt waren. Für uns sind solche Aussagen wichtige Indizien dafür, dass sich der vorgeburtliche Stress ungünstig auf die kognitive Reifung, die emotionale Regulierungsfähigkeit sowie die sprachliche und motorische Entwicklung auswirken kann. Dieser Stress kann außerdem den Erwerb einer Lese-Rechtschreib-Schwäche begünstigen und als wichtiger Auslöser dafür gesehen werden.

Deshalb ist davon auszugehen, dass sich vorgeburtlicher Stress ungünstig auf die schriftsprachliche Entwicklung der Kinder auswirken kann. Häufig zeigen diese Kinder auch sprachliche und motorische Beeinträchtigungen.

Viele Kinder mit einer erworbenen Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) haben mit ihrer Mutter während der Schwangerschaft vorgeburtlichen Stress erlebt. Diese Zusammenhänge beobachten wir besonders häufig bei Kindern, die während der frühen Grundschulzeit sehr starke Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb aufweisen. Viele dieser Kinder müssen, wie es in Sachsen üblich ist, eine Sonderschule besuchen, die man als „LRS-Klasse“ bezeichnet.

Zusammenfassend kann man sagen: Es ist wahrscheinlich, dass sich vorgeburtlicher Stress bei Kindern mit Lern- und Lese-Rechtschreib-Schwächen ungünstig auf die Lernentwicklung in der Schule auswirkt – auch wenn noch nicht alle Ursachen dafür erkannt wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass vorgeburtlicher Stress Lernschwierigkeiten beim Sprach- und Schriftspracherwerb begünstigt, die mit der frühkindlichen Entwicklung im Zusammenhang stehen. Ein wichtiges Indiz dafür ist die frühe motorische Entwicklung der betroffenen Kinder. Viele Kinder mit Lese-Rechtschreib-Problemen hatten keine oder nur eine weniger intensive Krabbelphase, was ein Hinweis auf mögliche Probleme im späteren Schriftspracherwerb sein kann. Dazu können Schwierigkeiten im psycho-sozialen Bereich kommen, die sich durch Konzentrationsprobleme und andere Verhaltensstörungen äußern. Hier zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang, dass ungünstige soziale Umweltbedingungen in der vorgeburtlichen Phase allgemeine Lernschwächen wie auch den Erwerb einer LRS begünstigen können. Es braucht aber auch hier noch mehr Forschung, um alle Wechselwirkungen im Detail zu verstehen.

Literatur:

Schneider, Lindenberger (2012). ‘7 Vorgeburtliche Entwicklung und früheste Kindheit’, in Entwicklungspsychologie (7.Auflage), Beltz, S. 160–164. Verfügbar auf: https://www.beltz.de/fachmedien/psychologie/buecher/produkt_produktdetails/33417-entwicklungspsychologie.html.

Maren Keller, (2020) ‘Am tiefsten des U.’, in Spiegel Wissen Ausgabe 02/2020, Spiegel Verlag, S. 34-39. Verfügbar auf: https://magazin.spiegel.de/SPWI/2020/2/