Interview mit Isabelle Joswig, Unternehmensberaterin und Legasthenikerin

Q: Wo hast du dein Auslandsstudium gemacht?

A: Meinen Bachelor in „International Business“ (BWL mit internationalem Schwerpunkt) habe ich an der Maastricht University in den Niederlanden absolviert. Für den Master in „Managing People, Knowledge & Change“ (Personal- und Veränderungs-Management) hat es mich nach Schweden geführt, an die Lund University. Wusstet ihr, dass Legasthenie in der schwedischen Königsfamilie über Generationen vererbt wurde? Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich den Eindruck habe, dass meine Studienländer in Punkto Inklusion weit fortschrittlicher entwickelt sind als Deutschland.

Q: Wie hast du das Studium mit einer Zweitsprache geschafft?

A: Zu meinem Erstaunen ist mir das Studieren in Englisch bei weitem einfacher gefallen als zunächst angenommen. Ich hatte Kommilitoninnen, die mir ihre Zusammenfassungen zur Verfügung gestellt haben, sodass ich nicht alle Bücher und Artikel lesen musste. Ich habe in meinen Jahren als Studentin sehr viel Solidarität erfahren, obwohl ich mich nie offiziell „geoutet“ habe. Rückblickend würde ich das allerdings anders machen und die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel dankbar annehmen. Zugegebenermaßen hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten zu meinem Handicap zu stehen und wollte mir beweisen, dass ich nicht minder intelligent bin als andere. So habe ich es mir schwerer gemacht als nötig, zumal wir heute wissen, dass Legasthenie keinen Einfluss auf die allgemeine Intelligenz hat.

Q: Welche Vorteile hat ein Studium als Legasthenikerin an ausländischen Hochschulen?

A: Der für mich bedeutendste Vorteil ist, dass Rechtschreibfehler in der Zweitsprache bei weitem akzeptierter sind als in der Muttersprache. So bin ich nie groß aufgefallen oder aus dem Raster gestochen, anders als in der Schulzeit. Das Wissen wurde im Bachelor ausschließlich durch Multiple Choice Fragen geprüft und im Master durch Hausarbeiten, für die ich mehrere Tage Zeit hatte. Somit stand ich selten unter Zeitdruck und musste nie ohne Hilfsmittel und Rechtschreibprogramme Texte verfassen. Zudem ist die englische Sprache deutlich unkomplizierter, was es mir persönlich einfacher gemacht hat, Inhalte auswendig zu lernen.

Q: Wie stark schätzt du heute deine Legasthenie ein? Beschreibe einmal deine Schwierigkeiten!

A: Meine Legasthenie wurde im Kindesalter sehr früh erkannt, weshalb ich das Privileg hatte, frühzeitige Förderung durch z.B. Ergotherapie und Nachhilfe zu bekommen. Ich wurde aber nicht nur gefördert, sondern auch gefordert, indem – zu meinem damaligen Bedauern – jedes Jahr wieder ein Buch auf dem Geburtstagsgeschenke-Tisch zu finden war. Dadurch glaube ich, dass ich meine Symptome stark mildern konnte. Jedoch erlebe ich heute noch Einschränkungen beim sehr langsamen Lesen, was mich anstrengt und viel Konzentration abverlangt. Beim Schreiben lasse ich oft Worte aus, vertausche Buchstaben und bin auf Rechtschreibprogramme und nette Kolleginnen angewiesen, die wichtige Unterlagen korrekturlesen. Ich habe Schwierigkeiten, Namen und Informationen im Kurzzeitgedächtnis zu speichern und brauche manche Eselsbrücken, um mich an Details langfristig und nachhaltig zu erinnern.

Q: Man berichtet immer wieder, dass legasthene Menschen neben den Schwächen im Lesen und Schreiben spezielle Stärken haben. Wo erlebst du deine besonderen Stärken als legasthene Frau?

A: Es ist ein ganz wundervolles Phänomen, welches ich bei vielen Menschen mit Behinderungen und Handicaps beobachte. Ich sage immer, dass ich durch meine Einschränkung eine Superpower entwickelt habe – meine Auffassungsgabe über visuelle Darstellungen, wie z.B. Video-Formate. Zudem habe ich eine sehr ausgeprägte Empathie entwickelt, welche mir in meinem Leben schon einige Türen geöffnet hat.

Q: Manche Betroffenen haben einen eigenwilligen Wortschatz mit speziellen Wortkreationen, die von anderen als lustige Versprecher erlebt werden. Kannst du uns auch darüber berichten?

A: Sehr gerne. Ich habe einen eigenwilligen Wortschatz, den ich mittlerweile mit Freude in meinem Umfeld etabliere – „Isabellisch“. Kennt ihr schon die „Schnellvertreterin“? Jede bedeutende Person hat eine Schnellvertreterin, welche ganz schnell bereitsteht, sollte eine Vertretung gebraucht werden. Gut gefällt mir auch das Wort: „Selbstnatürlich“, an dem man merkt, dass ich höfliche Umgangsformen pflege.

Q: Was muss sich in Deutschland ändern, damit legasthene Menschen besser in Studium und Berufsleben integriert werden?

A: Zunächst ist es wichtig, unser Bildungssystem auf die Bedürfnisse von legasthenen Menschen auszurichten und die Lehrkräfte dahingehend zu schulen, diese schnell zu erkennen, um entsprechende Fördermaßnahmen in die Wege zu leiten. Weltweit liegt die Rate der Betroffenen bei 3-20%. Die Ungenauigkeit der Rate gibt Aufschluss darüber, dass noch heute viele Menschen nicht wissen, dass sie legasthen sind und demzufolge täglich mit den Konsequenzen und Herausforderungen kämpfen müssen. Zudem wünsche ich mir, dass Behinderungen im Allgemeinen entstigmatisiert werden. Wir können erst dann von Inklusion sprechen, wenn alle Menschen, gleich welche Diversitätsmerkmale sie auszeichnen, Teilhabe und Chancengleichheit erlangen und nicht länger kategorisiert oder diskriminiert werden.

Q: Was sind deine Visionen für die Zukunft?

A: Ich stehe als Aktivistin für mehr Weiblichkeit und Inklusion in der Wirtschaft und versuche durch faktenbasierte Beiträge Bewusstsein zu schaffen. Viele wissen nicht, dass durch mangelnde Diversität und unzureichende Inklusion in der Wirtschaft nicht nur ein Ungleichgewicht entsteht, sondern darüber hinaus auch unglaublich viel Potenzial verloren geht. Meine Vision ist es, ein Leitbild für die Wirtschaft zu etablieren, in dem die Zusammenarbeit in Parität im Fokus steht. In diesem sollte jeder Mensch für seine Stärken wahrgenommen und geschätzt werden, um das sich daraus ergebende ökonomische Potential auszuschöpfen.

 

Das reMarkable 2 Tablet als Schreibhilfe

Wir sind immer auf der Suche nach innovativen Schreibhilfen. Das handschriftliche Schreiben sollte auch von einem Legastheniker nicht verlernt werden. Daher unsere Frage: Wie kann das handschriftliche Schreiben gefördert und mit moderner Technik kombiniert werden? Das war unsere Motivation das neue Tablet reMarkable 2 zu testen.

Seit einigen Jahren suchen wir nach einer Lösung für den beruflichen Alltag. Einige Hersteller wollen uns das handschriftliche Schreiben erleichtern, aber die Ergebnisse waren bisher nicht überzeugend. Ein norwegischer Hersteller will jetzt mit seinem Schreibtablet reMarkable diese Marktlücke schließen. Laut Eigenwerbung ist es das fortschrittlichste Gerät auf dem Markt. Es wird, wie in der IT-Branche üblich, in Hongkong produziert und erreichte uns 12 Tage nach der Bestellung.

Die Verpackung war ansprechend, alle Teile vorhanden, der Gesamteindruck hochwertig. Das Gerät macht einen guten Eindruck. Das Schreibtablet hat einen stolzen Preis von 577 Euro inklusive des Covers und eines Pen mit Radiergummi. Da es aber das übliche Rückgaberecht gibt, wagten wir das Experiment. Ehrlich gesagt, ich war skeptisch, ob das Gerät praxistauglich ist und uns Legasthenikern das Schreiben im Alltag erleichtern kann. Aber es ist durchaus ein geeignetes Hilfsmittel.

Das Schreibtablet ist sehr einfach und intuitiv bedienbar. Man kann damit nicht nur schreiben, sondern auch malen, Skizzen anfertigen und es als Reader nutzen.

Das Schreibgefühl ist bei diesem Tablet sehr angenehm, man könnte meinen, man schreibt auf einem echten Blatt Papier. Die Texterkennung ist gut, die Anzahl der Erkennungsfehler ist gering und es werden sogar Rechtschreibfehler erkannt. Leider kann man den Text nicht auf dem Gerät abspeichern, sondern ihn nur per Email versenden. Hier gibt es noch Verbesserungsbedarf.

Unser Fazit:

Wir haben den Kauf nicht bereut, denn dieses Gerät ist eine gute Lösung. Mit ihm kann man seine Handschrift trainieren und sich dabei auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich auf das Schreiben, Lesen und Nachdenken. Auch ein Einsatz im schulischen Alltag wäre denkbar. Für Kinder in der Lerntherapie könnte das reMarkable auch als Whiteboard-Ersatz verwendet werden.

Das Gerät ist augenschonend und trainiert das Gedächtnis (Merkfähigkeit) und die Motorik. Das handschriftliche Schreiben wirkt auch gegen den kognitiven Abbau („Digitale Demenz“ – Manfred Spitzer). Wichtig ist auch, eine gesunde Balance zwischen der Arbeit am PC und anderen Tätigkeiten zu finden.

 

Weitere Tests findet ihr auch unter:

Test: reMarkable 2, das unnötigste Gimmick das ich mir jemals gekauft habe oder wirklich nützlich? | Techtest

Paper Tablet Remarkable 2: Test des elektronischen Notizbuchs – IMTEST

Hier geht es zur Website des Herstellers: Home | reMarkable

 

LRS-Klassen sind nicht für alle Schüler hilfreich

Wir haben uns in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema LRS-Klassen beschäftigt und mehrere Aufsätze dazu veröffentlicht. Dieses Thema ist in der Fachwelt, aber auch bei den betroffenen Familien heftig umstritten. Mit unserer umfangreichen Erfahrung stellen wir uns immer wieder die Frage: Was ist der langfristige Nutzen der LRS-Klassen für die Betroffenen?

Betroffene und ihre Eltern können oft nicht objektiv beurteilen, inwieweit ihnen der Besuch einer LRS-Klasse bei der Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Problematik geholfen hat. Ein Grund dafür ist, dass die Ursachen der vielfältigen Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten oft unbekannt sind. Unser Bildungswesen ist oft nicht in der Lage, die verschiedenen Lese-Rechtschreib-Schwächen (erworbene LRS) und die Legasthenie (erblich bedingt) zu unterscheiden. Umweltfaktoren wie der soziale Hintergrund der Familien, in denen die betroffenen Schüler aufwachsen, stellen einen nicht zu unterschätzenden kompensatorischen Faktor dar. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass in den zweijährigen LRS-Klassen meist 14-16 Schüler unterrichtet werden. Damit ist keine individuelle 1:1-Betreuung der Kinder möglich. Außerdem kann sich der Unterricht in LRS-Klassen als stigmatisierender „Behindertenstatus“ auf die psycho-emotionale Entwicklung bis in das Erwachsenenalter hinein auswirken.

Die Lehrer an den LRS-Schulen sind sonderpädagogisch ausgebildete Fachleute und geben sich viel Mühe bei der Unterstützung ihrer Schüler. Dies kann zu kurzfristigen Lerneffekten beim Lesen und Schreiben führen. Darüber hinaus erfahren viele Schüler dieser Klassen eine psychische Entlastung, weil der große Leistungsdruck des regulären Grundschulunterrichts entfällt. Diese Lerntransfers sind nicht als langfristige Effekte zur Bewältigung der Schwächen zu verstehen, sondern stellen eine mögliche Unterstützung für die Grundschulstufe dar. Nur in wenigen Fällen haben wir beobachtet, dass Kinder mittels einer LRS-Klasse ähnlich gute schriftsprachliche Leistungen erbringen wie nicht betroffene Schüler. Ehemalige LRS-Schüler haben im Erwachsenenalter oft deutliche Rückstände beim Lesen und Schreiben. In einigen der von uns geführten Interviews kamen Betroffene zu dem Schluss, dass die LRS-Klassen im Nachhinein betrachtet keine großen Fortschritte gebracht haben. Das berichteten uns Menschen aus allen sozialen Schichten.

Deutliche Langzeiteffekte zeigten sich uns bisher in nur sehr wenigen Fällen. Unseren Schätzungen nach sind nachhaltige Kompensationseffekte nur bei etwa 10 Prozent der ehemaligen LRS-Schüler festzustellen, die restlichen 90 Prozent haben durch die LRS-Klassen keine oder nur geringe Fortschritte gemacht. Wir fragen uns schon lange, warum das so ist. Unser Bildungswesen scheint nicht gewillt zu sein, diese Problematik anzugehen. Aus unserer Sicht fehlt es in diesem Bereich an fachlicher Kompetenz. LRS-Klassen spiegeln die Wissenschaft der späten 1980er Jahre wider. Dieses überholte Konzept sollte besonders in Zeiten der Inklusion schnellstmöglich überdacht werden. Leider hat sich da in den letzten Jahren nichts geändert.

Das Bildungswesen nimmt objektive Kritik an diesen Zuständen nicht ernst. Es ist nicht zu erwarten, dass sich in den nächsten Jahren in diesem Bereich etwas ändert. Man kann davon ausgehen, dass die Zahl der LRS-Fälle auch infolge der Covid-19-Pandemie und der sie begleitenden staatlichen Maßnahmen weiter ansteigen wird. Denn die Schulschließungen werden sich negativ auf den Schriftspracherwerb in der Grundschule auswirken. Das wahre Ausmaß dieser Folgen wird sich erst in den kommenden Jahren herausstellen.

Die Eltern sollten sich rechtzeitig mit diesem Thema auseinandersetzen. Für sie ist es eine anspruchsvolle Aufgabe, sich dabei für den richtigen Weg zu entscheiden. Deshalb wünschen sie sich eine gute Beratung durch die LRS-Stützpunkte und ihre Heimatschulen. Diese unabhängige Beratung vermissen wird leider viele Eltern, da ihnen nur die LRS-Klasse als einziger Weg zur Überwindung der Lese-Rechtschreib-Schwächen angeboten wird. Das wird von einigen Eltern verständlicherweise kritisiert. Die Schulen sollten objektiv über die verschiedenen Fördermöglichkeiten für lese-rechtschreib-schwache Kinder informieren und sie entsprechend unterstützen. Eltern, die sich dagegen entscheiden, ihre Kinder in eine LRS-Klasse zu schicken, haben oft Probleme mit den Lehrern an ihrer Schule. Manchen Lehrern fehlen das notwendige Verständnis und das Einfühlungsvermögen, wenn die Eltern einen anderen individuellen Weg wählen. Die Schulen sollten flexibler auf die individuelle Situation der Kinder eingehen. Dem steht aber häufig der staatliche Verwaltungsapparat im Weg, der eine individuelle Hilfe erschwert. In den letzten Jahren haben wir eine Reihe von Schulen gesehen, die sich gut auf die Lernbedürfnisse der Kinder einstellen. Schulen in freier Trägerschaft schneiden in diesem Bereich besonders gut ab. In einer Gesellschaft, die sich immer mehr individualisiert, muss sich vor allem das öffentliche Bildungswesen verändern.

Unser Fazit: Für die meisten Kinder bedeutet der Besuch einer LRS-Klasse nur kurzfristige Erfolge bei der Bewältigung ihrer Schwächen. Die Lerneffekte sind geringer als bei einer 1:1-Betreuung. LRS-Klassen entsprechen nicht dem ethischen Gesichtspunkt einer individuellen Inklusion im Schulwesen. Außerdem werden die sehr unterschiedlichen Ursachen für eine erworbene LRS oder eine familiär veranlagte Legasthenie nicht ausreichend differenziert. Dies erschwert eine umfassende individuelle Förderung. Daher profitieren nicht alle Betroffenen von einer LRS-Klasse.


Weitere Berichte zum Thema:

 

Legasthenie im Medizinstudium

Legasthenie im Medizinstudium

Legastheniker können in den verschiedensten Berufen arbeiten, wie wir hier schon mehrfach berichtet haben. Das gilt auch für den medizinischen Bereich. Es ist bisher nicht bekannt, wie viele Mediziner von Legasthenie betroffen sind. Wir haben aber schon mehrfach Legastheniker gesehen, die Human- bzw. Veterinärmedizin studieren oder bereits in ihrem Bereich arbeiten.

Intellektuell (vom Wissen her) ist das Medizinstudium für die meisten Betroffenen kein Problem. Allerdings wird in diesen Fachbereichen gar nicht oder nur selten über das Thema Legasthenie gesprochen und man outet sich noch seltener als in anderen Studiengängen. Die Hürden für Legastheniker sind in Bereichen wie Sozialarbeit, Architektur und anderen Ingenieurberufen scheinbar wesentlich geringer. Dagegen ist es in elitären Studiengängen wie Medizin, Psychologie und Jura ein größeres Stigma, sich als Legastheniker zu outen. Dies löst bei den Betroffenen häufig Ängste oder Selbstzweifel bei der Studienwahl aus, obwohl diese Studenten oft sehr gute akademische Leistungen erbringen, wenn sie ihren Fähigkeiten entsprechend angeleitet und unterstützt werden.

Viele der Betroffenen stoßen hier auf Unverständnis. Professoren oder Kollegen zweifeln an ihrer beruflichen Eignung, indem sie darauf hinweisen, dass sie nicht fehlerfrei lesen und schreiben können. Daraus resultiert ein starker Leistungsdruck, der sich auf die psychische Gesamtverfassung der Studenten auswirken kann. Die Betroffenen gehen mit diesem Druck sehr unterschiedlich um, wobei der familiäre Hintergrund und die erlebte schulische Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.

Einige Legastheniker werden mit Sätzen konfrontiert wie „Wie kann man denn mit diesen Problemen einen solchen Beruf wählen? Das geht ja gar nicht!“. Das ist es, was einige betroffene Medizinstudenten in ihrem Alltag erleben. Oft werden die guten Fähigkeiten der Betroffenen nicht erkannt, weil bis heute angenommen wird, dass Legasthenie eine Krankheit oder Behinderung darstellt. Die Tatsache, dass die Legasthenie im Manual der ICD-10 als Lese-Rechtschreib-Störung aufgeführt wird, ist auch unter den angehenden Ärzten umstritten. Viele Mediziner sehen diese spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche als psychische Krankheit an. Deshalb ist es für viele Legastheniker ein großes Handicap, offen mit der Problematik umzugehen. Auf diese Weise werden die Betroffenen an einer besseren beruflichen Entwicklung gehindert. Mit einer pragmatischeren Herangehensweise könnten sie besser integriert werden, indem ihr persönliches und berufliches Potential unabhängig von den schriftsprachlichen Fähigkeiten erkannt und gefördert wird.

Legastheniker wählen nicht selten die Medizin als Studienfach. Das mag mit ihren meist guten naturwissenschaftlichen Kenntnissen zusammenhängen. Außerdem sind sie oft sehr sozial und mitfühlend. Daher eignen sie sich gut für diese Berufe, sofern sie akademisch leistungsfähig sind.

Es wäre gut, wenn die Fachbereiche aufgeklärter mit diesem Thema umgehen würden. Außerdem sollte das medizinische Krankheitsbild der Legasthenie als Lese-Rechtschreib-Störung hinterfragt werden. Denn es bedeutet für die Betroffenen oft eine Diskriminierung anstatt der notwendigen Integration ins Arbeitsleben.

Die Bildungspolitik sollte diesem Thema mehr Aufmerksamkeit widmen. Sonst verpassen wir hier weiterhin viele gute Möglichkeiten, das gute Potential legasthener Menschen zu nutzen.