Einladung zur Studienumfrage: Berufliche Laufbahn von Menschen mit Legasthenie

Frau Chiara Thill von der Medical School Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Corinna Jung möchte in ihrer Studie zur Masterarbeit der Frage nachgehen: Möglichkeiten und Chancen auf eine frei wählbare berufliche Laufbahn von Menschen mit Legasthenie. Die Thematik ist bis heute sehr präsent in unserer Gesellschaft und deswegen habe ich großes Interesse daran zu forschen, um gegen die Stigmatisierung dieser Personengruppe vorzugehen. Das Ziel dieser Forschung ist eine Rückmeldung von Legasthenikern und Legasthenikerinnen zu erhalten, um somit eine bessere Aufklärung für die Gesellschaft zu erzielen.

Die Zielgruppe sind Erwachsene mit Legasthenie, die zwischen 18 und 30 Jahren sind. Hier folgt der Link zur Studie https://cj2302.customervoice360.com/uc/msb-ct-22021501/597e/  wir freuen uns über Ihre Teilnahme.

 

Auf Arbeit ist Legasthenie ein Stigma

Auf Arbeit ist Legasthenie ein StigmaIm persönlichen Leben kommt es oft zu einer Stigmatisierung legasthener Menschen. Viele Arbeitgeber können die vielfältigen Probleme der Legastheniker im Arbeitsumfeld nicht nachvollziehen. Deshalb ist die Legasthenie auch auf der Arbeit häufig mit einem Stigma behaftet.

Erwachsene Legastheniker finden sich in der Arbeitswelt mit ihren Stärken im fachlichen Umfeld und den dazu vorhandenen Schwächen beim Lesen und Schreiben nur selten richtig verstanden und wahrgenommen. Einerseits werden sie häufig als „Behinderte“ wahrgenommen, andererseits wissen nur wenige Arbeitgeber, was es tatsächlich bedeutet legasthen zu sein. Hier ist noch viel Aufklärung nötig.

Deshalb wagen Betroffene sich nur selten in der Arbeitswelt als Legastheniker zu outen. Sie schämen sich, ihre Schwäche dem Arbeitgeber mitzuteilen. Aber jeder, der dieses Stigma in seinem Leben bewältigt, hat gute Chancen, die Schwierigkeiten im Arbeitsumfeld zu kompensieren. Dafür braucht es gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Nur wenige Betroffene wollen als „Behinderte“ wahrgenommen und verstanden werden. Der größte Teil nimmt sich als normal wahr und versucht seine spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche zu akzeptieren. Die im Berufsleben Erfolgreichen haben sich vor allem auf ihre Stärken konzentriert, sodass die vorhandene Legasthenie nicht als störend wahrgenommen wurde. Das betrifft viele versierte Handwerker, Rechtsanwälte, Chefärzte oder erfolgreiche Unternehmer.

Häufig war das familiäre Umfeld der Betroffenen maßgeblich dafür verantwortlich, welches sie in der frühen Kindheit unterstützt und gefördert hat. Dadurch konnten sie gute Fähigkeiten zur Kompensation ihrer Schwäche erwerben und sie sind deshalb psychisch stabil geblieben. Viele Menschen, die ein solch stützendes Umfeld nicht erlebten, wurden dagegen unsicher und instabil. Sie erlebten ihre Legasthenie häufig als Stigma, was sich dann auch im Berufsleben niederschlagen kann.

Das Leben legasthener Menschen verläuft wie bei allen anderen Menschen recht unterschiedlich, das zeigt sich in ihren Kindheiten, der schulischen wie beruflichen Ausbildung genauso wie in den beruflichen Kontexten. Daher wird auch ein mögliches Stigma von ihnen sehr unterschiedlich erlebt.

Haben Betroffene ihre berufliche Passion gefunden, empfinden sie ihre Schwäche nicht so stark, als wenn sie in Berufen arbeiten müssen, die nicht ihren Fähigkeiten und Begabungen entsprechen. Manche Betroffene werden vom Arbeitsamt / Jobcenter in Maßnahmen gesteckt, die für sie unpassend sind. Wenn die Berufsberater sich nicht mit den Chancen und Schwierigkeiten der Betroffenen auskennen, kann das für diese wirklich zu einem erlebten Stigma werden. Dagegen wird der Tischlergeselle, der seine Leidenschaft in seinem Beruf ausleben kann, diese Erfahrungen nicht als Ablehnung erleben. Denn er fokussiert sich auf seine handwerklichen Fertigkeiten, also seine natürlichen Ressourcen. Der Fokus auf die vorhandenen Fähigkeiten mindert das Risiko eines Stigmas.

Viele Arbeitgeber kennen sich mit dem Thema Legasthenie nicht aus. Jeder Betroffene muss sich selbst für seine Rechte starkmachen. Dabei kann ein offenes und ehrliches Gespräch mit dem Chef von großem Nutzen sein. Man sollte dabei nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern sich um eine vertrauensvolle Atmosphäre bemühen. Dann hat man eine gute Chance, dem Arbeitgeber von seinen Schwierigkeiten beim fehlerfreien Schreiben oder dem Verständnis gelesener Texte zu berichten.

Das Outing der Legastheniker gegenüber dem Arbeitgeber ist nicht immer einfach, denn die Arbeitswelt der Betroffenen ist sehr unterschiedlich. Allgemein ist das Arbeitsumfeld gegenüber Menschen mit verschiedenartigen Handicaps heutzutage toleranter geworden. Aber vor allem in der freien Wirtschaft ist das noch ein großes Problem.

Es gibt kein Patentrezept, wie man eine Stigmatisierung der Betroffenen im Arbeitsumfeld vermeiden kann. Ihre Voraussetzungen sind auch hier sehr unterschiedlich, zum Beispiel ob sie Firmengründer sind oder als Angestellte arbeiten. Hier wäre ein gezieltes Coaching sinnvoll, um sich individuell gute Werkzeuge und Hilfestellungen zu erarbeiten. Das können Arbeitgeber und Betroffene gemeinsam angehen.

Die Stärken legasthener Kinder erkennen und fördern

Kinder mit einer Legasthenie sollten nicht nur über ihre spezifischen, anlagebedingten Schwächen im Schriftspracherwerb definiert werden. Vielmehr müssen die Stärken dieser Kinder bereits in den ersten Grundschuljahren erkannt und entsprechend gefördert werden. Dies kann eine wichtige Prävention vor seelischen Folgeerkrankungen sein.

Im deutschsprachigen Raum orientiert sich die Fachwelt meistens an den Defiziten der legasthenen Kinder. Dabei werden ihre individuellen Stärken oftmals in den Hintergrund gedrängt. Eltern können hier einen positiven Einfluss nehmen, wenn sie die Kinder nicht mit ihrer eigenen schulischen und beruflichen Biografie vergleichen. Auch wenn Kinder gute Lernfähigkeiten geerbt haben, sind sie trotzdem von Geburt an eigenständige Persönlichkeiten, die es zu fördern und zu begleiten gilt.

Eltern, die sich einer Legasthenie in ihrer eigenen Biografie bewusst sind, können oft mit Verständnis und Einfühlungsvermögen auf ihre Kinder eingehen. Dabei spielt die Biografie der Betroffenen eine wichtige Rolle, denn legasthene Eltern sind unterschiedlich mit ihrer Situation umgegangen. Einige konnten ihre Legasthenie erfolgreich kompensieren, während andere ihre Schwierigkeiten nie bewältigt haben. Das spiegelt sich auch in der Erziehung der eigenen Kinder wider.

Wenn Lernprobleme bei Kindern erkannt werden, ist eine individuelle und wissenschaftlich fundierte Feststellung der Legasthenie sehr wichtig. Dann besteht eine reelle Chance, dass legasthene Kinder ihre Schwierigkeiten gut bewältigen. Dies sollte bereits während der Grundschulzeit geschehen. Je früher die Probleme erkannt und bewältigt werden, desto mehr vermeidet man seelische Lasten bei den Kindern. Hierbei spielt ein stabiles familiäres und schulisches Umfeld eine entscheidende Rolle, welches die vorhandenen Stärken der Kinder fördert. Das können zum Beispiel verschiedene sportliche Aktivitäten, die Kinder-Uni für naturwissenschaftlich begabte Kinder, eine musikalische Erziehung oder kreative AGs sein. Legasthene Kinder sind oft in vielerlei Hinsicht begabt. Das gilt es in den Mittelpunkt zu stellen und zu fördern. Dann wachsen diese Kinder zu seelisch gesunden Persönlichkeiten heran.

Werden die Probleme dagegen nicht erkannt oder gar ignoriert, können emotionale Schwierigkeiten bei den Kindern die Folge sein. Diese Schwierigkeiten können dann ihr Selbstbild und ihre Lernmotivation beeinträchtigen. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern die Lernprobleme ihrer Kinder nicht vernachlässigen oder ignorieren. Eine unerkannte Legasthenie kann sich bis weit ins Erwachsenenalter hinein ungünstig auf die psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken.

Unser Fazit ist: Eine frühe Feststellung der Legasthenie und die Förderung der Kinder mittels einer individuellen Lerntherapie wirken sich günstig auf die Entwicklung ihrer vorhandenen Begabungen und Ressourcen aus.

 

Berufsberatung bei Legasthenie und LRS

Viele junge Erwachsene mit Legasthenie bzw. einer Lese-Rechtschreib-Schwäche stehen bei der Berufswahl vor einer großen Hürde. Wir haben in den letzten Jahren einige Erfahrungen gesammelt, welche Herausforderungen dabei auftreten können.

Zuerst mussten wir feststellen, dass sich die Anlaufstellen für die Berufsberatung nur selten mit dem Thema „Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten und Berufswahl“ auskennen. Entsprechend kompliziert ist für viele eine kompetente Einschätzung und Beratung, welche Berufe für Erwachsene mit LRS oder Legasthenie geeignet sind. Diese Probleme haben wir bei den IHKs und HWKs, den Hochschulen und Universitäten, aber auch bei der Agentur für Arbeit und den Jobcentern beobachtet.

Da die schulischen und familiären Hintergründe der Betroffenen vielfältig sind, sind auch die Voraussetzungen und Möglichkeiten der Berufswahl sehr unterschiedlich. Die berufliche Integration über die Arbeitsagentur bzw. das Sozialamt ist nicht selten mit großen Hürden verknüpft. Sozial schwächeren Betroffenen fällt es besonders schwer, eine maßgeschneiderte berufliche Integration zu erhalten. Die Beratungsstellen kennen sich zu wenig mit dieser Thematik aus. Deshalb laufen viele Integrationsmaßnahmen ins Leere und es droht Langzeitarbeitslosigkeit.

Wenn Legastheniker ihre Schwierigkeiten nicht bewältigt haben, wird ihre berufliche Integration mit zunehmendem Alter immer komplexer, da bei ihnen oft noch andere sekundäre Erkrankungen psychischer Natur hinzukommen. Leider stehen dann meistens die seelischen Belastungen im Fokus und die Legasthenie wird zu wenig berücksichtigt. Die schrittweise Bewältigung der Legasthenie kann in der Regel dabei helfen, die psychischen Erkrankungen aufzuarbeiten, wenn man sie richtig einzuordnen weiß. Dann besteht eine gute Chance, diese Probleme erfolgreich zu bewältigen. Leider kennen sich viele Behörden im Bereich berufliche Integration damit nicht aus. Auch Berufsbildungs- und -förderungswerke bzw. ähnliche Institutionen im Bereich der beruflichen Rehabilitation sind oft mit dieser Thematik überfordert.

Bei Betroffenen ohne seelische Belastungen ist die berufliche Integration häufig um vieles einfacher. Aber auch da haben wir unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Wir empfehlen jedem Betroffenen deshalb eine spezialisierte Berufsberatung.

In der Arbeitswelt geht man heute zumeist offener mit der Problematik Legasthenie und LRS um, auch wenn sich das von Branche zu Branche unterscheidet. Trotzdem sind die allgemeinen beruflichen Chancen der Betroffenen heute besser als noch vor 10 bis 15 Jahren.