Fallbeispiel eines 34-jährigen Legasthenikers

(c) Alle Rechte vorbehalten von army,kai /Flickr.com

Erwachsene mit Legasthenie

Ein 34-jähriger berichtete, dass er schon in der Schulzeit Probleme mit dem Lesen und der Rechtschreibung hatte. In der Kindheit ging er in keine LRS-Klasse, weil er nicht dem staatlichen Förderkriterium entsprach. Trotzdem hatte er immer Probleme in der Schule, die er mit seiner guten Intelligenz und Allgemeinbildung kompensieren konnte. Daher fiel er im Bildungswesen nicht auf, dass er legasthen ist.

Er schaffte mit viel Mühe seine mittlere Reife, mit einem passablen Ergebnis und lernte bei einem Meisterbetrieb Maurer. Den Abschluss machte er mit einem guten Ergebnis, weil ihm der sehr praxisnahe Beruf, sehr viel Freude machte. Dann arbeitete er einige Jahre als Geselle in seinem Ausbildungsbetrieb. Er zeigte viel Talent und konnte selbständig arbeiten, er war als Problemlöser in der Firma bekannt. Denn er konnte sich sehr schnell in komplexe Arbeitsabläufe hineinversetzen.

Nach einiger Zeit bemerkte er, dass er sich in der Firma nicht beruflich weiterentwickeln konnte. Er entschloss sich für ein Studium zum Bauingenieur an der HTW in Dresden. Nur in seiner Facharbeit bemerkte er, dass er Probleme in der Rechtschreibung hatte. Seine Freundin machte ihm in seinen späteren Job drauf aufmerksam, dass er eine Lese-Recht-Schreibschwäche (Legasthenie) haben musste.

Das Studium schaffte er erfolgreich mit einem Diplom-Abschluss und bekam schnell einen Job als Bauprojektmanager einer größeren mittelständischen Firma. Hier hatte er eine Sekretärin, trotzdem bereitete die viel Schreibarbeit sehr viel Stress und wurde zeitweilig depressiv. Erst im Alter mit 34 Jahren wurde klar, dass er Legastheniker ist. Sein Vater war es auch! Um, seinen Job zu behalten musste er etwas gegen seine spezielle Lese-Recht-Schreibschwäche tun.

Er konnte nur sehr stockend Lesen und seine Texte waren mit vielen Rechtschreibfehlern übersät. In seiner Firma war er recht beliebt, weil er mit gut mit seinen Mitarbeitern umgehen konnte. Er war ein Teil der Geschäftsführung und arbeitete an großen Bauprojekten. Seine Kollegen schätzten ihn, wegen seiner Kreativität und Problemlösungskompetenz.

Dieser Erwachsene Legastheniker konnte nach einem längeren Prozess seine Probleme im Lesen und Schreiben kompensieren. Da er ein stabiles soziales Umfeld hatte, was seine Kompetenzen und Fähigkeiten erkannte, konnte er sich im Vergleich zu anderen Legasthenikern, sich gut entwickeln. Schrittweise wurden die Minderwertigkeitskomplexe abgebaut, da er lernte, dass seine Legasthenie eine normale Veranlagung ist. Die nichts mit Dummheit oder Faulheit, Krankheit zu tun hat.

Dieser Ingenieur erlebte es, dass er sein Potenzial als Legastheniker, gerade wegen dieser scheinbaren „Schwäche“ zu seinen Vorteil in seiner beruflichen Entwicklung nutzen konnte. Dieses uns bekannte Beispiel eines Erwachsenen Legasthenikers aus Dresden, zeigt uns, das man mit diesen Problemen sein Leben meistern kann – man muss es nur angehen.

 

 

 

Können Erwachsene Legastheniker Lesen und Schreiben lernen?

LegasthenikerHäufig bekommen wir die Frage gestellt: ob ein Erwachsener mit einer Legasthenie das Lesen und Schreiben neu erlernen kann. Die Antwort, lautet grundsätzlich: JA! Sonst würden Sie hier keine Texte auf dieser Seite lesen können, unsere Arbeit gäbe es auch nicht. Hätte man sich nicht mit bald Ende zwanzig diesem Thema selbst gestellt, um es genauer zu erkunden, wäre es mit dem Schreiben und Lesen auch nicht weit, her – es wären eben verkümmerte Fähigkeiten, wie man sie bei den meisten Betroffenen beobachten würde.

Hätte man vielleicht nichts daran getan, wäre man vielleicht versehentlich im Alphabetiserungskurs bei den funktionalen Analphabeten gelandet. Die nichts direkt mit vererbten Legasthenien zu tun haben. Eine Legasthenie ist eine völlig normale Anlage des Menschen, die uns mit einer anderen Fähigkeit ausgestattet hat, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Denn jeder kann es von uns lernen! Uns ist noch keiner begegnet, um der es nicht gelernt hat! Bei erworbener Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS), die mit körperlichen Erkrankungen zu tun haben kann, wird es sicherlich auch Grenzen beim Erlernen dieser wichtigen Fähigkeiten geben können.

Aber bei uns Erwachsenen gibt es meisten nur persönliche Hindernisse oder Ängste, die uns in der Schulzeit geprägt haben, dem Lesen und Schreiben auszuweichen. Oder wir hatten immer jemanden der uns den Briefwechsel, Behördengänge, erledigt hat, um diese wichtigen Fähigkeiten zu vernachlässigen. In der Schule, bekam man sowieso gesagt: „Naja, der ist halt eben zu doof, oder zu faul und bekommt es eben nicht auf die Reihe.“ – in der Familie dachte man aus Unwissenheit auch nicht anders darüber. Obwohl meistens in den Familien, wenn es sich, um eine Legasthenie tatsächlich handelt, ein Elternteil diese Probleme auch hat. Die meisten Familien reden überhaupt nicht darüber, sie sträuben sich regelrecht! Darum sind diese Probleme immer mit einem unausgesprochen Tabu behaftet. Unsere Gesellschaft geht auch nicht besser mit dieser Thematik, um, weil man auch bis heute von einer Krankheit, Behinderung, oder Störung ausgeht. All das hat aber nichts mit diesen, Beschreibungen oder Umschreibungen zu tun. Weil, sich diese unwahren Aussagen viele Betroffenen angenommen haben, konnten sich viele bis in ihr Erwachsenenalter nicht entsprechend der angelegten guten Fähigkeiten entwickelt. Bei einer Legasthenie handelt sich es nicht, um Unvermögen oder Dummheit! Nein – wir benötigen nur, eine viel umfassendere Herangehensweise, das Lesen und Schreiben, wie alle anderen, zu erlernen. Nichts anderes!

Sicherlich ist es nicht einfach, sich im Erwachsenenalter als Legastheniker sich diesen Herausforderungen zu stellen, aber es wird den Alltag erleichtern, das allgemeine Lebensgefühl verbessert sich, weil man sich den täglichen Aufgaben gewachsen sein kann, die einem andere früher erledigt haben. Besonders wenn man Stück für Stück, fliesender liest, den Textinhalt besser versteht, um auch gedankliche Rückschlüsse bilden zu können, so kann man die Tagesabläufe besser ordnen, besser Ziele planen und umsetzten usw. Auch auf der Arbeit wird es weniger Missverständnisse geben, weil man die besprochenen Aufgaben auch niederschreiben kann. So wird das Leben eine neue Ordnung erhalten und deutlich leichter werden! Das ist Freiheit pur! Wer den Willen dazu hat, kann es schaffen. Man muss sich nur Hilfe von einem Experten suchen, der die Probleme aus dem eigenem erleben kennt.

Wir erleben es hier immer wieder hier in Dresden, dass man es auch als Erwachsener Legastheniker schaffen kann – diese Weg zu gehen. Es ist unsere Aufgabe, anderen Betroffenen auf diesen Weg zu begleiten!