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LRS & Legasthenie: 5 Wege, Vorurteile abzubauen – mit Fachwissen & Empathie 

In einer Leistungsgesellschaft, die Lernschwächen wie LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche) oder Legasthenie oft missversteht, sind Betroffene regelmäßig mit Vorurteilen konfrontiert. Als Legasthenie-Experte, der seine eigene Schwäche zum Beruf gemacht hat, kenne ich diese Erfahrungen nur zu gut: Demütigungen, Mobbing oder abwertende Kommentare wie „LRS hat mit Dummheit zu tun“ oder „Betroffene sind Analphabeten“ hinterlassen tiefe seelische Wunden. Solche Vorurteile können sogar zu psychischen Erkrankungen führen.

Mangelnde Aufklärung zum Thema LRS

Doch warum entstehen diese Vorurteile? Ein Grund ist die mangelnde Aufklärung. Viele Menschen verstehen nicht, dass LRS komplexe Ursachen hat und sich nicht einfach auf „Faulheit“ oder „mangelnde Intelligenz“ reduzieren lässt. Für Außenstehende ist die Schwäche oft unsichtbar – sie zeigt sich vor allem beim Lesen und Schreiben, und selbst dann nicht immer gleich stark. Das macht es schwer, nachzuvollziehen, mit welchen Herausforderungen Betroffene täglich kämpfen.

LRS ist keine automatisierte Krankheit

Hinzu kommt, dass Medienberichte über Legasthenie oft unpräzise oder klischeehaft sind. Wenn LRS fälschlicherweise als „Krankheit“ oder „Behinderung“ dargestellt wird, verfestigt sich dieses Bild in der Öffentlichkeit. Dabei ist LRS weder das eine noch das andere – auch wenn es in Einzelfällen mit psychischen Begleiterkrankungen wie ADHS einhergehen kann. Die falsche Etikettierung durch Verbände wie den BVL (Bundesverband Legasthenie) hat in den letzten 50 Jahren leider dazu beigetragen, dass das Thema stigmatisiert wird. Statt Aufklärung zu fördern, wurde es pathologisiert – ein großer Fehler, der bis heute nachwirkt.

Dabei ist unsere Gesellschaft kein inklusiver Ponyhof, sondern oft eine „freie Wildbahn“, in der Betroffene um Anerkennung kämpfen müssen. Doch Aufgeben ist keine Option.

Hier sind fünf konkrete Schritte, wie Familien und Betroffene Vorurteile aktiv abbauen können:

 

  1. Intelligenz und LRS sind unabhängig voneinander
    LRS hat nichts mit schwacher Intelligenz zu tun. Im Gegenteil: Viele erfolgreiche Menschen wie Bill Gates oder Steve Jobs hatten Legasthenie. Ihr Lebensweg beweist, dass Kreativität, Problemlösungsfähigkeit und andere Stärken oft besonders ausgeprägt sind.
  2. LRS ist keine Frage von Motivation oder Faulheit
    Bei Betroffenen wird Sprache im Gehirn langsamer verarbeitet – das hat nichts mit mangelndem Willen zu tun. Wer LRS hat, strengt sich oft mehr an als andere, um die gleichen Ergebnisse zu erreichen.
  3. Offenheit statt Tabu: LRS ist oft erblich bedingt
    LRS tritt häufig familiär gehäuft auf. Ein offener Umgang mit dem Thema in der Familie entlastet Betroffene und verhindert, dass sich Scham entwickelt.
  4. LRS ist keine Behinderung – aber sie kann zu einer führen
    Unbehandelt kann LRS sekundäre psychische Probleme wie Ängste oder Depressionen auslösen. Doch mit der richtigen Förderung und einem unterstützenden Umfeld lassen sich diese Folgen vermeiden.
  5. Perspektivwechsel: Empathie statt Vorurteile
    Versetzen Sie sich in die Lage der Betroffenen. Wie fühlt es sich an, ständig auf Fehler hingewiesen zu werden? Wie anstrengend ist es, sich in einer Welt zu behaupten, die Schrift als selbstverständlich voraussetzt? Verständnis beginnt mit Zuhören.

Diese Punkte haben mir in meiner Arbeit als Experte geholfen – und sie haben mir selbst den Weg geebnet, psychisch gesund mit meiner Legasthenie zu leben. Denn weniger Vorurteile bedeuten weniger Druck. Und weniger Druck bedeutet mehr Kraft, um die eigenen Stärken zu entfalten.

Fazit: Aufklärung, Offenheit und Empathie sind die Schlüssel, um LRS zu entstigmatisieren. Es liegt an uns Betroffenen, den ersten Schritt zu tun – aber es ist auch an der Gesellschaft, zuzuhören und Vorurteile aktiv zu hinterfragen.

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