Ursachen- und Wechselwirkungsmodel der Lese-Rechtscheib-Schwierigkeiten

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Das Forscherteam von Legasthenie Coaching – Institut für Bildung und Forschung hat nun ein wissenschaftlich begründetes (Grounded Theory) Ursachen- und Wechselwirkungsmodel der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten entwickelt, was die Ursachen der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, in LRS (erworben) und Legasthenie (veranlagt) theoretisch in seinen Ursachen und Wechselwirkungen differenziert Kategorisieren kann. Hierbei handelt es sich, um ein sozial- und bildungswissenschaftliches Model im Feld der Legasthenieforschung und ist ein wissenschaftlicher Durchbruch für die Forschung, auf unserem Feld. Es kann die komplexen Ursachen der Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben mit ihren Zusammenhängen, theoretisch besser erklären. Als bisherige Theorien.

Dazu werden künftig weitere vertiefende Fachaufsätze für unsere wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht und die Webseitenrubrik: LRS und Legasthenie, auf den neusten Stand der Forschung bringen, indem wir diesen Model im Detail genauer in seinen Ursachen und Wechselwirkungen erklären. Für diese Theorie benötigten wir einige Jahre Praxis- und Forschungsarbeit. So ist es uns gelungen, für den deutschsprachigen Raum eine neue sozialwissenschaftliche Theorie zu entwickelt, an der sich unsere Forschung und Arbeit mit den Betroffenen orientiert. Diese Theorie soll dabei helfen, die Ursachen und Zusammenhänge besser einzuschätzen und zu verstehen, statt alle Schwierigkeiten zu verallgemeinern, orientieren wir uns am Subjekt. Sozusagen am einzelnen Fall. So wird eine umfassende Hilfe für die Betroffenen künftig einfacher werden. Erkennt man die Ursachen und Zusammenhänge in ihren Wechselwirkungen, so besteht die Chance beizeiten, die richtigen Hilfsmaßnahmen zu ergreifen. 

Eltern-Kind-Bindung und emotionale Entwicklung sind wichtige Faktoren zur Bewältigung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche

Eltern-Kind-Bindung und emotionale Entwicklung sind wichtige Faktoren zur Bewältigung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche

Eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung fördert allgemein eine gute Bindungsfähigkeit und psycho-emotionale Entwicklung bei Kindern. Besonders bei Kindern mit Lernschwächen wie Legasthenie oder LRS ist sie ein wichtiger Schutzfaktor für eine stabile Entwicklung in der Schulzeit, die sich bis in das Erwachsenenalter auswirkt.

In der frühen Kindheit werden wichtige Grundlagen gelegt, damit sich eine resiliente Persönlichkeit entwickeln kann. Psychologie und Neurowissenschaft haben dafür wichtige Indikatoren erforscht, die nach unseren Beobachtungen auch für die Entwicklung bei Lese-Rechtschreib-Schwächen und Rechenschwächen eine Rolle spielen können. Außerdem gibt es individuelle Unterschiede, neuronale Grundlagen und protektive Faktoren für die Entwicklung emotionaler Fertigkeiten.

In der heutigen Forschung gewinnt der Zusammenhang von Stresserfahrungen in der frühen Kindheit und der Entwicklung emotionaler Fähigkeiten, die wichtig für allgemeine soziale Fähigkeiten sind, immer mehr an Bedeutung. Die Mehrzahl solcher sozialen Fertigkeiten entwickelt sich im Laufe der Kindheit und Jugend überwiegend aus zwischenmenschlichen Beziehungen und ist daher besonders anfällig für den Einfluss früher Stresserfahrungen. Zu diesen Stressoren gehören neben körperlicher oder sexueller Gewalt auch das Erleben von emotionaler Vernachlässigung oder emotionaler Gewalt durch primäre Bezugspersonen. Wiederkehrende Erfahrungen dieser Art übersteigen häufig die Bewältigungskompentenzen eines Kindes und führen somit zu einem andauernden Stresserleben, dass sich bis ins Erwachsenenalter hinein ungünstig auf die gesundheitliche Entwicklung auswirken kann.

Diese frühen Erfahrungen können sich so ungünstig auswirken, dass Schüler während ihrer kindlichen Entwicklung seelische Schäden davontragen können. Betroffene Schüler erleben von ihren Eltern beispielsweise geringe Annahme und Wertschätzung, weil sie sie mit leistungsstärkeren Kindern in der Schule vergleichen. Kinder erleben diese Reaktionen der Eltern als Abwertung und können dadurch Verhaltensstörungen entwickeln. Diese Stresserfahrungen können bis in das Erwachsenenalter hinein zu depressiven Störungen führen und sich auf die emotionale Entwicklung nachhaltig ungünstig auswirken.

Versuchen wir an einem Beispiel zu zeigen, was wir in der praktischen Arbeit mit Kindern mit Legasthenie oder LRS beobachten.

In der ersten Schulklasse hat ein Kind gravierende Schwierigkeiten beim Erlernen der Schriftsprache, dies wird aber nicht früh genug erkannt. Das Kind wird in der Klasse dafür gehänselt, dass es sehr stockend liest und sich mit den ersten Schreibversuchen schwertut. Die Eltern fühlen sich damit überfordert und es kommt zu Konflikten in der Eltern-Kind-Beziehung, weil das Kind scheinbar faul oder nicht intelligent genug ist. Unbewusst werden dem Kind Vorhaltungen gemacht, was das Kind in seiner persönlichen Entwicklung als Person abwertet. Das löst im Kind Trotzreaktionen und häufigen Lernunwillen aus, passiert das öfters, lösen diese Umweltsituationen Stress aus. Die Situation verschärft sich, wenn das Kind keine frühe Hilfe erhält. Die Probleme werden dann erst im 1. Halbjahr der 2. Klasse erkannt. Es kommt zu einem zweitägigen LRS-Feststellungsverfahren. Endet dieses mit einem positiven Befund („LRS“), wird dem Kind in Sachsen und Thüringen eine Sonderschule in Form einer LRS-Klasse empfohlen. Das Kind soll aus dem gewohnten Lernumfeld herausgenommen werden, weil die bisherige Schule mit dem LRS-Kind überfordert ist. Kinder können sehr sensibel sein und erleben eine überforderte Umwelt als zusätzlichen Stressor. Dem Kind wird signalisiert, das mit ihm etwas nicht stimmen muss und es erlebt dadurch möglicherweise eine Abwertung seines Selbst. Solche oder ähnliche Erfahrungen können für das Kind emotionalen Stress bedeuten, der hier durch institutionelle und elterliche emotionale Gewalt ausgelöst wird. Die Reaktionen der Kinder können individuell sein, weil Kinder mit Lese-Rechtschreib-Problemen solche Erfahrungen unterschiedlich bewältigen. Im hier dargestellten Fall besteht ein erhöhtes Risiko, dass das Kind durch diese Erfahrungen seelische Schäden davonträgt.

Die Ursachen der Folgeschädigungen sind darum nicht in der Lese-Rechtschreib-Schwäche und beim Kind selbst zu suchen. Sondern die Reaktionen der Umwelt (Eltern-Kind-Beziehung und schulisches Umfeld) können sich ungünstig auf Kinder mit Legasthenie auswirken, insbesondere wenn die Lernprobleme in der Familie gehäufter vorkamen und von den Eltern nicht bewältigt wurden. Schlechte Umweltbedingungen begünstigen zusätzlich den Erwerb von Lese-Rechtschreib-Schwächen.

Das Wissen aus der Neurowissenschaft und Psychologie ist auch in unserem Fachbereich für die Prävention von seelischen Störbildern wichtig. Die Annahme der Klinischen Psychologie, dass die Lese-Rechtschreib-Störung automatisch ein seelisches Störbild darstellt, ist in der Fachwelt umstritten. Was wäre denn, wenn die Umweltbedingungen in der Eltern-Kind-Beziehung und Schule eine gesunde emotionale Entwicklung des Kindes fördern? Leider gibt es zurzeit keine Untersuchungen auf diesem Gebiet im Bereich der Legasthenieforschung. Denn es dominiert das medizinische Störbild einer irreversiblen, nicht zu bewältigenden seelischen Störung.

Fazit: Frühe Stresserfahrungen in der Kindheit, eine ungünstige Eltern-Kind-Beziehung sowie das schulische Umfeld können die emotionale Entwicklung beeinträchtigen, weil Kinder mit diesen frühen Stressoren überfordert sein können. Sie begünstigen bis in das Jugend- und Erwachsenenalter depressive Erkrankungen und mögliche seelische Schädigungen. Diese können sich bei Schulkindern mit Aggression, Wutausbrüchen sowie anderen Verhaltensstörungen als Gegenreaktion äußern. Es gibt keinen Automatismus für eine medizinische Lese-Rechtschreib-Störung, auch wenn die Legasthenie gehäufter in Familien auftritt – die Wechselwirkung mit den Umweltfaktoren darf nicht übersehen werden. Diese Faktoren müssen demnach ein Verstärker sein, der seelische Erkrankungen und den Erwerb von LRS begünstigt. Darum sind die frühe Bewältigung und die Vermeidung der Stressoren (elterliche und institutionelle seelische Gewalt) eine wichtige präventive Ressource, die sich durch Wertschätzung, Annahme, elterliche Liebe sowie verständnisvolle und fördernde Hilfe in der Schule äußern sollte. Eine gute Bindung zu Eltern und Lehrpersonal kann Kinder zusätzlich vor möglichen Verhaltensproblemen schützen oder diese zumindest abmildern. Sie sind wichtige Schutzfaktoren für eine langfristige Bewältigung der Legasthenie oder LRS.

Die aktuellen biologischen Hintergründe der Legasthenie, was Lehrer und Eltern wissen müssen

Am 2. Juni 2012 sprach Prof. Dr. Galaburda, von der Harvard Medical School, Boston, Massachusetts, USA. Er sprach zur Fachtagung des EÖDL und DVLD an der Universität Salzburg vor 300 Fachleuten aus 15 Nationen. Galaburda gilt sei den 90er Jahren zu den führenden internationalen Hirnforschern auf dem Gebiet der Dyslexia Research (Legasthenieforschung).

Er meinte als Erstes das die Legasthenie das beste Beispiel einer wechselseitigen Beziehung zwischen Kultur und Biologie sei. Sie ist ein Modell kognitiver Entwicklungsstörungen. Um eine Legasthenie in einem Kind hervorzubringen, braucht es mehrere Auslöser. Es Bedarf der Kombination von kulturellen Vorprägungen, genetischen Hintergründen und einer aus dem Rahmen fallenden Hirnenentwicklung. Erst dann kann von einer Legasthenie (Dyslexia) sprechen.

Alle drei Bereiche spielen zusammen. Kein einzelner ist der Auslöser für diese spezielle Lese- und Rechtschreib-Schwäche. Galaburda bestätigt damit auch das die Legasthenie eine familiär bedingte Lese- und Recht-Schreibschwäche ist. Sie muss von verschiedenen nicht veranlagten Schwächen, man spricht auch von erworbenen Lese- und Rechtschreib-Schwächen (LRS), die unterschieden werden müssen. Denn diese können mit anderen Erkrankungen: des Gehörs, der Augen, Intelligenzmangel, wie auch unzureichender Lese- und Schreibförderung. Wie auch sozial schwache Verhältnisse können die Lernschwächen fördern die von einer Legasthenie (Dyslexia) abgrenzt werden müssen.*

In den 80er Jahren** entdeckte Galaburda schon damals die unterschiedliche Organisation der beiden Gehirnhälften. Er untersuchte damals die Gehirne von verstorbenen Nicht-Legasthenikern im Vergleich zu Legasthenikern. Und entdeckte eine ungewöhnliche Organisation der Hirnfunktionen. Die auf eine andere vorgeburtliche Hirnentwicklung in der Schwangerschaft  zurückgehe: Bestimmte Areale der rechten Hirnhälfte hatten sich bei Betroffenen während der Bildung der Großhirnrinde überdurchschnittlich stark entwickelt. Die stärker ausgeprägte Hälfte würde mit der linken konkurrieren. Um später die zuständigen Areale in der linken Hirnhälfte, die für das Lesen und Schreiben zuständig sind zu kontrollieren. Diese damalige Beobachtung haben sich durch Galaburdas Forschung bis heute bestätig. Schon in den 90er Jahren entdeckte er biologisch genetische Zusammenhänge, die sich bis heute immer mehr bestätigen ließen.

Verschiedene Forscher auf der Welt haben verschiedene Gene ausfindig gemacht, die für diese Hirnentwicklung zuständig sein sollen.

Seit 2003 hat man Finnland einige Legasthenie-Gene in verschiedenen Laboren usfindig und bestätigen können. Die geläufigsten Gene, die man durch unterschiedliche Studien belegt hat, sind folgende Gene: DYX1C, DCDC2 und KIAA0319. Diese Gene hat man in verschiedenen Labors der Welt entdeckt. Sie verursachen eine andere Schallverarbeitung im Gehör. Im vertikalen kortikothalamischen System verursachen sie eine ungleichmäßige Konzentration und eine andere neuronale Migration. Die sich der linken Schläfenregion des Hinterhauptes die für die gleichmäßige Verarbeitung der Teilleistungen (Sinnesfunktionen) zuständig ist. Diese verursacht bei Legasthenikern ungleiche Teilleistungen (Sehen, Hören, Konzentration etc.). Die für die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sorgen, obwohl die Sinnesorgane gesund sind und die Intelligenz normal ist. Aus diesen Zusammenhängen ist das Gehirn eines Legastheniker von Natur aus anders beschaffen. Es verfügt über eine asymmetrische Hirnstruktur im Gegensatz zu Nicht-Legasthenikern. Die sehr wahrscheinlich auch die speziellen Fähigkeiten und Begabungen bei Legasthenikern zuständig ist, die es primär zu Fördern gilt. Da, eine andere Organisation dieser Gehirne andere Denkwege ermöglicht. Dadurch zeigt sich oft die gute Auffassungsgabe, Kreativität, Querdenken und viele Fähigkeiten mehr.

 

Mit Laborversuchen an Mäusen mit dem Genen DCDC2 und KIAA0319 konnte Galaburda diese genetischen Veränderungen nachweisen. Mit Experimenten die Hypothesen der 80er Jahre konnten nun eindeutig belegt werden. Er zeigte sehr eindeutig, dass diese Versuche mit bildgebenden Scanverfahren an Legastheniker-Gehirnen im Vergleich zu Nicht-Betroffenen belegt werden konnten. Diese sind für diese andere Hirnentwicklung zuständig.

Galaburda fragte man, ob die Legasthenie eine Krankheit sei? Er sagte: „It is a disease only in the extent that it handicaps you severely in the society you are living in. ***“ Übersetzt das heißt dies „Es ist eine Krankheit nur in dem Maße, wie schwer man diese Menschen beeinträchtigt, in unserem gesellschaftlichen Umfeld in dem Legastheniker leben.“ Also sie ist keine Krankheit, sondern hängt an einem toleranten Umfeld unserer Gesellschaft!

Wenn unsere Gesellschaft mit diesen Menschen respektvoll umgeht, und Ihnen ein optimales Lebens- und Lernumfeld ermöglicht.

Entwickeln diese Menschen auch deutlich diese seltener krankhafte Begleitsymptome. Daher muss auch das Ziel sein, legasthene Kinder so führ wie möglich zu erkennen, um sie umfassend pädagogisch zu fördern. Dieser Vortrag bestätigt auch den pädagogischen Ansatz von Dr. Kopp-Duller der Präsidentin des EÖDL, sie entwickelte die AFS-Methode. Dies ist international die fortschrittlichste Methode im pädagogischen Bereich, um Kinder und Jugendliche umfassend zu fördern.

 

 

 

 

Man sollte die Legasthenie als eine Normvariante menschlicher Begabungen auffassen und diese Normvariante im Schulsystem berücksichtigen und respektieren.**** Nun liegt es an uns als Teil dieser Gesellschaft. Ob wir Legastheniker weiterhin als kranke, behinderte oder gestörte brandmarken. Oder sie als gesellschaftliche Normvariante akzeptieren. Eltern und wir Legastheniker müssen die Gesellschaft darüber aufklären, um das Thema endgültig zu enttabuisieren. Dass die kommenden Generationen deutlich bessere Chancen im Bildungswesen erhalten.

Quellen: http://en.wikipedia.org/wiki/Dyslexia * Prof. Stanislas Dehaene, Lesen, Neuronale Migration S. 281-287** Fachtagung.com, Audioaufzeichnungen des Vortrags Seite 12, unten, von Dr. Albert Galaburda*** http://www.legasthenie.com****

Webseite von Dr. Albert Galaburda http://dyslexialab.net/cvs/galaburdacv.html