Warum ist das Thema LRS-Klasse ein viel diskutiertes Thema?

Wir erleben es seit der Gründung unseres Instituts hier in Dresden, dass Sonderschulen in Form von LRS-Klassen ein viel diskutiertes Thema sind. Es braucht zu diesem Thema noch viel Aufklärungsarbeit bei Eltern, die Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten haben.

Warum sind LRS-Klassen ein viel diskutiertes Thema?

Objektiv gesehen sind LRS-Klassen selbst in der Fachwelt ein umstrittenes Thema. Sie existieren nur in Sachsen und Thüringen. Auch die Selbsthilfeverbände sind sich in ihrer Beurteilung uneins. Der Landesverband Legasthenie Sachsen spricht sich für eine derartige Beschulung aus. Dagegen spricht sich der Kindes- und Jugendpsychiater Gerd Schulte-Körne für eine Einzeltherapie bzw. Einzelförderung bei Legasthenikern aus und findet eine Gruppenförderung weniger hilfreich. Es gibt bei den Legasthenie-Verbänden unterschiedliche Auffassungen darüber, ob LRS-Klassen für legasthene Schüler geeignet sind oder nicht. Nach unseren Beobachtungen der letzten Jahre kann gesagt werden, dass sich diese Sonderbeschulung unterschiedlich auf die Kinder auswirkt. Diese Klassen können eine Ergänzung zur Bewältigung der Schwächen darstellen – sie müssen es aber nicht. Bei einigen Kindern kann es vorkommen, dass diese nach einer LRS-Klasse nur wenige Fortschritte gemacht haben. Hier spielen individuelle Lernprobleme und die familiäre Unterstützung eine große Rolle, ob die Schüler eine Legasthenie oder LRS bewältigen können. Diese Lernunterstützung in Gruppenform und einem eng begrenzten Zeitraum ist in nicht wenigen Fällen zu wenig.

Die Ursachen der Lese-Rechtschreib-Schwächen werden zu wenig berücksichtigt

Weil man die Ursachen für Lese-Rechtschreib-Schwächen bei einer LRS-Feststellung zu wenig berücksichtigt, kann es dabei zu Fehleinschätzungen kommen. Häufig fallen Kinder mit höherer Intelligenz und einer Lese-Rechtschreib-Schwäche nicht auf und fallen durch das LRS-Kriterium der Schule. Die meisten positiv getesteten Kinder fallen durch familiäre Probleme und deutliche sprachliche oder motorische Defizite auf und kommen dann in eine LRS-Klasse. LRS-Feststellungen bedeuten deshalb keine Individualdiagnostik, sondern sind ein grobes Gruppentest-Verfahren, was meistens nur eine symptomatische Einschätzung ermöglicht. Die Ursachen für diese unterschiedlichen Schwächen werden meistens nicht berücksichtigt, da den Fachleuten oft das Hintergrundwissen fehlt. Kinder werden erst dann gute Lernfortschritte erlangen, wenn die Ursachen für die Schwierigkeiten erkannt werden. Diese liegen nicht selten im sozialen Hintergrund der Familie (trifft bei LRS zu) oder Elternteile hatten ähnliche Schwierigkeiten in der Schule (trifft bei Legasthenie zu) oder das Kind erlebte bei normaler Intelligenz eine verlangsamte kindliche Entwicklung. Diese Hinweise fehlen in der Regel im LRS-Feststellungverfahren. Deshalb kommt es immer wieder zu falschen Einschätzungen.

Inklusion und der Aspekt der Menschenwürde

In der Bildungspolitik steht das Thema Inklusion schon seit längerer Zeit auf der Agenda. LRS-Klassen sind aus dieser Perspektive umstritten, weil die betroffenen Schüler mit dieser Beschulungsform separiert und nicht integriert werden. Wir kennen Schüler, die nach der LRS-Klasse größere Schwierigkeiten hatten, in der 4. Klasse ihrer Heimatschule wieder fußzufassen. Aus dem Aspekt der Menschenwürde heraus steht jedem Kind eine individuelle Integration zu. Daraus ergeben sich Fragen, über die sich alle Beteiligten Gedanken machen müssen. Aus Berichten von Betroffenen und deren Eltern wissen wir, dass LRS-Klassen oft soziale Brennpunkte sind. Zumindest ist das aus den größeren Städten wie Dresden, Leipzig und Chemnitz zu hören. Hier stellt sich die Frage, ob diese Herangehensweise dann wirklich einen integrativen Zweck hat. Besser wäre es für die betroffenen Schüler, wenn sie ein sozial stabiles Lernumfeld erleben. Dadurch verbessern sich die Chancen, die Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb zu bewältigen. Leider wird der soziale Gesichtspunkt im Bildungswesen nicht berücksichtigt.

In Zeiten der Inklusion braucht es eigentlich keine LRS-Klassen, sondern die Lehrer an den Schulen sollten in der Lage sein, Kinder differenziert entsprechend ihrer Veranlagungen und Fertigkeiten zu unterstützen. Aus diesem Grund werden LRS-Klassen ein viel diskutiertes Thema bleiben und das Thema Menschenwürde sollte dabei nicht vernachlässigt werden. Kinder können durch diese Separationserfahrung langfristig einen seelischen Schaden nehmen. Uns sind einige Fälle von Erwachsenen bekannt, die mit dieser Erfahrung psychische Folgen davongetragen haben. Die Eltern sollten sich genau mit der Thematik auseinandersetzen und die Entscheidung für oder gegen eine solche Sonderschule gemeinsam mit dem Kind abwägen – sind sich Eltern unsicher, sollten sie sich von Experten beraten lassen, um eine objektive Entscheidung zu treffen. Viele Schulen sind bei der Beratung der Eltern leider häufig nicht objektiv. Den Familien steht das Recht zu, eine selbstständige und mündige Entscheidung zum Wohle des Kindes zu treffen. So kann die Bewältigung der Schwäche gelingen.

 

 

Warum sind LRS-Klassen aus wissenschaftlicher Sicht umstritten?

LRS-Klassen sind wissenschaftlich umstritten

LRS-Klassen gibt es nur in den neuen Bundesländern

Immer wieder erreichen uns Anfragen von Eltern, die unseren Rat haben möchten, ob sie sich für eine LRS-Klasse oder gegen eine solche Sonderklasse entscheiden sollen. Im Bildungswesen kennt man diese Klassen nur in Sachsen und Thüringen. In den anderen Bundesländern kennt man diese exklusiven LRS-Klassen nicht. Dazu gibt es aus der forschenden Praxis einige Argumente gegen diese Separierung in der Grundschulzeit. In diesem Fachaufsatz erklären wir die wissenschaftliche Sicht und die menschenrechtliche und inklusive Perspektive, warum LRS-Klassen umstritten sind.

LRS-Feststellverfahren an Stützpunktschulen sind häufig unzureichend und fehlerhaft

In der Grundschulzeit werden die Lese-Rechtschreib-Fähigkeiten der Schüler überprüft. Zeigen sich Auffälligkeiten beim Lesen und Schreiben, werden die Kinder ab 2. Klasse, 1. Halbjahr an LRS-Stützpunkte verwiesen. Das geschieht unabhängig davon, ob eine Lese-Rechtschreib-Schwäche aus schulrechtlichen Gesichtspunkten bestätigt werden kann oder nicht. Wird eine LRS bestätigt, empfiehlt man in der Regel den Besuch einer LRS-Klasse ab der 3. Klasse als Dehnungsjahr. In der praktischen Arbeit mit Schülern und Eltern wird deutlich, dass diese Testverfahren nicht selten ungenau sind.

Wir haben schon des Öfteren beobachtet, dass die LRS-Feststellung mit veralteten Tests und Normierungen durchgeführt werden. Es wurden Testverfahren für die LRS-Diagnostik verwendet, die von der Legasthenieforschung nicht für eine Testung empfohlen werden. Hierbei geht es darum, wie alt die Normierungen (Normierungen dürfen nicht älter als 10 Jahren sein!) der Tests sind und wie repräsentativ (für das jeweilige Land oder Bundesland, Stadt sowie Anzahl (N) der Testungen) die Ergebnisse sind.

Erfüllt die Testung nicht die Kriterien, kann es zu Normverschiebungen kommen – was genauer heißt, dass die LRS-Feststellung fehlerhaft sein kann. Betroffene Schüler werden nicht richtig erkannt oder es werden zu viele Schüler als „Auffällig“ getestet. Die Kinder sollten nicht in Gruppen getestet werden, sondern es ist immer eine Einzeltestung statt einer Gruppentestung ratsam, so erhöht man die Konzentration des Schülers in der Testumgebung (Validität) und die Objektivität der Ergebnisse. In Dresden und Sachsen werden die LRS-Feststellungen meistens in Gruppen durchgeführt, so dass aus Sicht der Forschung keine validen und objektiven Ergebnisse möglich sind.

Häufig fehlt im gesamten Feststellungsverfahren eine gründliche Anamnese zu den Ursachen der vermuteten Lese-Rechtschreib-Probleme. Denn es muss im Vorfeld geklärt werden, wie die gesamte Entwicklungsgeschichte des Kindes verlief. Ein häufig vernachlässigter wichtiger Aspekt ist, welches Lernmodell für das Lesen und Schreiben an der Schule angewandt wird. Studien deuten darauf hin, dass das Schweizer-Modell (Schreiben nach Gehör) einer Legasthenie zum Verwechseln ähnliche LRS-Probleme bei Kindern hervorrufen kann. Diese sind gewiss keine Legasthenie, sondern hängen mit der Unterrichtsmethodik und Qualität des Deutschunterrichts zusammen. Leider werden diese Punkte kaum berücksichtigt.

Unseren Erkenntnissen nach gelingt es dem Schulwesen nicht immer, die Probleme der Kinder im Lesen und Schreiben richtig einzuschätzen. Für eine differenziertere Förderung reicht die jetzige Herangehensweise nicht aus. Hier ist dringender Handlungsbedarf im Bildungswesen geboten, denn unsere Kinder sollten eine bestmögliche Förderdiagnostik und Hilfe zur Bewältigung erhalten. Nur so entsteht eine chancengleiche Entwicklung der betroffenen Kinder.

Exklusion in eine LRS-Klasse kann sich negativ auf die seelische Entwicklung auswirken

In Zeiten der Inklusion ist eine Exklusion in eine LRS-Klasse schon aus der Menschenrechtsperspektive umstritten. Diese Separation kann aus dieser Perspektive durchaus als „Verletzung der Menschenwürde“ interpretiert werden. Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Wie sollen in einer LRS-Klasse 13 – 14 Kinder mit den unterschiedlichsten Problemen individuell gefördert werden? Vor allem, wenn man sich die Probleme bei der LRS-Feststellung genauer ansieht. Außerdem ist es nicht ratsam, die Kinder aus ihrem gewohnten Lernumfeld herauszunehmen. Es besteht die Gefahr, dass diese Kinder erst recht in ihrer seelischen Entwicklung beeinträchtigt werden, wenn sie signalisiert bekommen, dass mit ihnen etwas nicht „stimmt“ und sie in eine Art Sonderschule müssen. Uns sind einige Erwachsene bekannt, die seelisch unter dieser Situation gelitten haben. Dadurch haben sie bis heute ihre Schwäche nicht bewältigen können. Daraus ergibt sich natürlich die Frage, ob diese LRS-Klassen überhaupt einen messbaren und nachhaltigen Nutzen haben. Dieser ist bis heute durch keine Studie belegt worden.

Unser Fazit ist:

Aus wissenschaftlichen und menschenrechtlichen Gesichtspunkten sind LRS-Klassen zwar ein schulpolitisches Förderinstrument. Es gibt aber keine Belege dafür, dass sie einen nachhaltigen Nutzen für die Betroffenen haben. Denn eine LRS-Klasse muss für die betroffenen Schüler qualitativ so nachhaltig sein, dass diese Schwäche damit ausgeglichen werden kann. Viele Berichte von Betroffenen deuten darauf hin, dass die Schwierigkeiten durch den Besuch einer LRS-Klasse nur selten optimal kompensiert wurden. Nicht wenige Erwachsene haben rückblickend noch immer signifikant schlechtere Leistungen im Lesen und Schreiben, sie unterscheiden sich kaum von denen, die keine LRS-Klasse besucht haben.

Wissenschaftlich gesehen sind LRS-Klassen umstritten. Eine Separation sollte zum Wohle des Kindes vermieden werden. Vermeidet man im Kindesalter die Exklusion in eine LRS-Klasse, besteht die Chance, dass sich die Kinder seelisch stabiler entwickeln und ihre Schwäche durch eine individuelle Einzelförderung besser bewältigen können. Ob Eltern sich für eine LRS-Klasse oder dagegen entscheiden, obliegt der Abwägung der Erziehungsberechtigten.

Bildungspolitisch gesehen sollte abgewogen werden, ob diese LRS-Klassen noch zeitgemäß sind und den versprochenen Nutzen erfüllen. Eine Abschaffung dieser Sonderklassen wäre durchaus denkbar und bildungsökonomisch sinnvoll. Dies würde erfordern, dass unser Bildungswesen eine differenziertere Hilfestellung ermöglichen würde, anstatt die Kinder zu separieren.

 

Kommentar zum Expertenrat des MDR: Legasthenie und Dyskalkulie

Ein Kommentar von Lars Michael Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist

Expertenrat Legasthenie und DyskalkulieDer MDR-Expertenrat thematisierte wieder einmal das Thema „Legasthenie und Dyskalkulie“, diesmal mit der Lerntherapeutin und Leiterin des Duden Instituts für Lerntherapie Ria Schmidt aus Dresden. Die kommerzielle Franchisekette bietet schon seit 20 Jahren integrative Lerntherapie im Bereich Lese-Recht-Schreibschwäche und Rechenschwäche an.

Es ist gut, dass dieses Thema wieder einmal in den Medien thematisiert wurde. Es wurden viele Dinge angesprochen, die wir auf der Sachebene teilen. Kritisch zu betrachten ist die Darstellung der Ursachen, der Diagnose und Einzelförderung von LRS, Legasthenie und Dyskalkulie – die Erklärungen hierzu waren nicht ausdifferenziert genug, um die Öffentlichkeit aufzuklären.

Richtig ist – Lese-Recht-Schreibschwächen und Rechenschwäche bedeuten keine Krankheit. Warum spricht man dann von Therapie? Gesunde Kinder benötigen keine Therapie! Es ist ein Widerspruch in sich, wenn man dann von einer Therapie spricht.

Die Lese-Recht-Schreibschwächen haben unterschiedliche Ursachen. Zum einen gibt es familiäre Häufungen, wie sie in Studien und in unserer Statistik beobachtet werden. Man kann dabei von ca. 50-60 Prozent der Lese-Recht-Schreibschwächen ausgehen, die fachlich richtig als Legasthenie beschrieben werden. Hier spielt ein Anlagen-Umwelt-Komplex eine wichtige Rolle, der auf diese spezielle Lese-Recht-Schreibschwäche (Legasthenie) hindeutet.

Dann gibt es erworbene bzw. vorübergehende Schwächen im Schriftspracherwerb, die als LRS zusammengefasst werden sollten. Maßgeblich sind hier Ursachen in der Umwelt der Betroffenen, wie die Lernsozialisation, das soziale Umfeld der Familie und die Lernmethodik im Hinblick auf die Unterrichtsqualität im Fach Deutsch. Außerdem können weitere Entwicklungsprobleme der Kindheit wie eine geringere Intelligenz, Sprache, Motorik sowie Erkrankungen der Augen und Ohren für die Lernschwäche im Schriftspracherwerb verantwortlich sein.

In Bezug auf Rechenschwächen / Dyskalkulie verhält sich der Ursachen-Komplex sehr ähnlich. Auch dort gibt es, wie bei LRS und Legasthenie, Lehr- und Lernschwächen. Diese Schwächen haben verschiedene Ausprägungen, die im Bildungswesen häufig nicht richtig differenziert und erkannt werden. Die Synonyme Lese-Recht-Schreibschwäche und Rechenschwäche bedeuten nur grobe Umschreibungen als Lernschwächen im Schriftsprach- und Rechenerwerb, ohne die Ursachen dafür genauer zu erkennen.

Für eine qualifizierte Förderung braucht es eine differenzierte Förderdiagnostik, da eine LRS-Feststellung im Bildungswesen oder durch SPZ und Schulpsychologen für eine Förderung und Bewältigung unzureichend ist. Erfahrungsgemäß sind Legasthenien in der Förderung und Kompensation langwieriger, sie benötigen meist ein intensiveres Training als die LRS, sofern diese nicht mit Entwicklungsverzögerungen einhergehen.

Für den Laien noch einmal genauer erklärt: So wie es Grippale Infekte gibt, gibt es auch Erkältungen mit ähnlichen Krankheitssymptomen, sodass Ärzte häufiger ihre Mühe haben, die Ursachen zu unterscheiden. So verhält es sich auch mit den Lese-Recht-Schreib- und Rechenschwächen, die zwar ähnliche Symptome, aber unterschiedliche Ursachen haben.

Daher sind die Feststellungen im Bildungswesen allgemein als unzureichend einzustufen. Es ist fraglich, ob ohne Diagnostik eine differenzierte Bewältigung der LRS und Legasthenie sowie Rechenschwäche möglich ist, wie es die Expertin berichtet.

Außerdem ist die Gesetzgebung, wonach betroffene Schüler nach §35a von einer seelischen Behinderung bedroht sein müssen, aus der Menschenrechtsperspektive kritisch zu sehen. Diese Eingruppierung greift zu kurz, denn ein wichtiges Bestreben muss sein, unsere Kinder vor einer seelischen Behinderung zu bewahren, wie es das Jugendhilfegesetz vorsieht. Denn sekundäre psychosomatische Erkrankungen sind dann aus verhaltenstherapeutischer Sicht nur mühsam für die Betroffenen zu bewältigen. Dort besteht die Gefahr, dass Betroffene eine irreparable seelische Behinderung davontragen. Daher ist von dieser Herangehensweise aus ethischer Sicht abzuraten. Ähnlich schwierig verhält es sich mit dem Bildungspaket „Bildung und Teilhabe“, da es eine differenzierte Förderung nicht für 22,50 Euro pro Stunde gibt. Es ist fraglich, ob sozial schwächere Familien von dieser Herangehensweise der Bildungspolitik profitieren. Tendenziell ist davon auszugehen, dass sozial schwächere Familien damit ins Hintertreffen geraten werden. Denn sie können so nicht die Hürden überwinden, um eine qualitativ hochwertigere Einzelförderung zu erhalten. Darum ist diese Herangehensweise im Bildungswesen und der Politik  unverständlich.

Hier können Sie die kommendierte Sendung noch einmal nachhören.

Neuer Spiegel-Bericht zum Thema: „Studenten mit Legasthenie“ – diskriminiert von Legasthenie betroffene Menschen

Wir beobachten mit großem Interesse die neusten Berichte zu unserem Sachthema „Legasthenie“, der neuste Artikel bei SpiegelOnline (28.01.2014)[1] indem man mit einer sehr überzogenen „Vom Fehlerteufel besessen“ Überschrift gewählt hat, stimmt uns sehr nachdenklich und erinnert uns an sehr schlimme Zeiten unserer vergangenen Deutschen Geschichte – wo man eben Menschen, die nicht der „Norm“ entsprachen als ‚Besessene[2]‘ einstufte. Weil, diesen so nicht unkommentiert, stehen lassen möchten, werden werden wir ihn kommentieren.

Auch nach unseren Beobachtungen und persönlichen Erfahrungen, wissen wir, wie schwer es ist als Legastheniker in unserem Bildungswesen zu überleben, dass ist aber nicht dieser speziellen Lese-Recht-Schreibschwäche geschuldet, sondern es liegt am toleranten Umgang unserer Umwelt (Schulwesen, Akzeptanz unserer Gesellschaft etc.), das man Menschen, die von Natur aus andere Lernfähigkeiten besitzen, umgeht. Hierfür braucht es keinen Einordnung in behindert oder gar seelisch gestört, wie es häufig unsere pharmanahen Legasthenieverbände (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.) in Deutschland tun; nein das muss man als Diskriminierung interpretieren. Und wenn man uns als vom Fehlerteufel besessene, tituliert, muss man sich schon Fragen, ob der Verfasser den Pressekodex bedacht hat.  Denn es steht im Kodex sehr deutlich, Ziffer 1 steht:  Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde, ist der Presse oberstes gebot[3]. Daher sollte man sich bestimmt fragen, ob mit dieser gewählten Überschrift, den Bogen nicht für eine Medienwirksame Schlagzeile überzogen hat.

Das die Medien nur sehr selten im Sinne von uns legasthenen Menschen berichten hat vermutlich verschiedene Ursachen. Einerseits gibt es in unserer Fachwelt wenig Konsens zum Sachthema zu finden, anderseits ist die Thematik sehr komplex, um das Medienleute darüber objektiv berichten. Und als letzteren Punkt, ist die Thematik auch ein Politikum, was häufig durch eine ideologische Brille gesehen wird. Auch wenn die Medien meinen, Unabhängig zu sein, auf unserem Gebiet, sind sie es nicht. Denn es werden immer die Gleichen Verbandsfunktionäre befragt, obwohl es einige andere Fachleute gibt, die wesentlich differenzierter über die dieses Problem berichten könnten. Das zum Thema: Unabhängigkeit und Objektivität, der Medien.

Auch im Hochschulbereich beobachten wir das Hochschullehrer häufig wenig wissen über diese speziellen Lernprobleme haben. Sicherlich sind uns schon einmal Ausnahmen begegnet, wo einmal ein Professor ein Legastheniker war, der auch unsere Gutachten fürs Studium an der Universität Dresden akzeptierte. Dieser Student konnte, dann sein Studium erfolgreich fortsetzen. Das ohne eine Einordnung einer seelischen Störung, wie es die Verbände gern wünschen.

Legasthenie muss man nicht als Behinderung oder Krankheit einordnen sondern, wie es bekannte Hirnforscher Professor Albert Galabutra von der Harvard Medical School  bei der 18. Fachtagung des EDÖL in Salzburg, einmal sagte: „Es ist eine Krankheit nur in dem Maße, wie schwer man diese Menschen beeinträchtigt, in unserem gesellschaftlichen Umfeld in dem Legastheniker leben.“[4], verstehen. Daher spielt ein toleranter und wesentlich pragmatischerer Umgang mit uns Betroffenen, als Umweltfaktor eine wesentliche Rolle, ob wir uns entsprechend unserer Fähigkeiten, in unsere Gesellschaft integriert werden, statt stigmatisiert zu werden. Darüber sollte sich die Fachwelt Gedanken, wie man den uns zugesicherten Menschenrechten gerechter wird.

Der Großteil der Betroffenen lehnt eine Einordnung einer Krankheit oder Behinderung ab, weil es nicht wirkliche Gründe dafür gibt. Es muss eher darum gehen, wie könnten man die Rahmenbedingungen anpassen, das es selbstverständlich ist, wie Philipp Wettmann ein Studium zur Computerlinguistik zu absolvieren. Darum sollte man uns nicht als „leidende“ o.ä. einordnen. Sondern man sollte sich Gedanken machen, wie diese Menschen mit ihren vorhandenen Potenzialen fördert, das so umfassend wie möglich. Daher ist ein individueller Nachteilsausgleich ein Menschenrecht, was in unserer Gesellschaft selbstverständlich, sein sollte, hierfür braucht es kein Hochschulrahmengesetzt für behinderte mit Legasthenie. Das ist eher ein diskriminierender Ansatz!

Dass 8000 Studenten, sollen von einer Legasthenie oder Dyskalkulie betroffen sein, sind vermutlich nur eine vage Schätzungen. Wahrscheinlich gibt es wesentlich mehr Legastheniker an den Hochschulen, als es uns Statistiken aufzeigen können. Denn welcher Legastheniker will, schon als behinderter oder kranker eingeordnet werden? So wird man Betroffenen auch kein Hilfsangebot machen können, weil sie sich nicht outen werden, dass sie als Legastheniker an einer Universität studieren. Dann beißen sie lieber alle Zähne zusammen, fallen lieber nicht auf und Studieren mit ihren Lernproblemen. Statt sich vom Staat benachteiligen zu lassen. So beobachten wir es häufig auch in unserer Arbeit mit Erwachsenen in Dresden. Daher hat Frau Hönighaus vom BVL e. V. nicht Recht, denn welcher angehende Akademiker wird zu einer „scheinbaren“ Behinderung stehen, wofür es keine wissenschaftlichen Beweise gibt; das Legasthenie und Dyskalkulie eine Krankheit ist. Denn hierfür fehlen jegliche Beweise! Die Einordnung der ICD-10, ist nur ein vages Störbild, was zwar der Pharmalobby ein dienliches Störbild ist (für pharmazeutische Therapien usw.), was auch, wie bei dem Thema ADHS/ADS nur ein theoretisches Konstrukt mit vielen widersprüchen ist. Daher ist dieser Ansatz für Betroffene, der von den Verbänden vertreten wird, bedenklich und auch umstritten. Leider blenden unsere Medien, dies in den meisten Berichten völlig aus.

Das bis heute im Schulwesen viele Legastheniker selten ein Abitur schaffen, liegt nicht an dieser speziellen Lese-Recht-Schreibschwäche oder Rechenschwäche (Dyskalkulie), sondern, vermutlich am starren und unflexiblen Bildungswesen, was sich nur schwer an die Lernbegebenheiten von uns Betroffenen anpassen kann. Dies wird sich mit Sicherheit auch in den nächsten Jahren aufgrund unseres Fachkräftemangels negativ auswirken. Denn es ist sehr bedenklich, dass unser Bildungssystem zuwenig durchlässig ist, besonders wenn besonderen Begabungen unser nachkommenden Generationen vernachlässigt. Dies wird sich vermutlich, künftig sehr zum Nachteil unseres Gemeinwesens auswirken, bzw. die Auswirkungen sind schon jetzt in der Arbeitswelt zu beobachten.

Daher sollte man den sehr einseitigen medizinisch-psychologischen Ansatz der hiesigen Legasthenieverbände hinterfragen. Wichtiger wäre es, das diese Schwächen bis zum Erwachsenenalter, so gut kompensiert werden, dass gar nicht erst seelische Störungen daraus entstehen müssen. Jedenfalls ist dieser Störbild-Ansatz der Legasthenieverbände, für uns Legastheniker und Dyskalkuliker keine Hilfe. Denn so werden wir keine umfassende Hilfe und Integration erfahren. Sondern man sollte uns nicht nur an unseren Defiziten messen, sondern an unsere guten Fähigkeiten, die es dringend zu fördern gilt. Daher ist der Störbild-Ansatz der Legasthenieverbände, ein Griff aus der Mottenkiste, der einer guten objektiven Aufklärung im Wege steht.

Sieht man sich die Situation genauer an, sind wir von einer bestmöglichen Bildung und Integration weit entfernt, was sicherlich mit an den Legasthenieverbänden liegt und daher nicht nur am Bildungswesen und der gesellschaftlichen Akzeptanz -sondern wahrscheinlich an der sehr einseitig-sigmatisierenden Aufklärung, dieser Verbände.

 


[1] http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studium-mit-legasthenie-viele-studenten-leiden-still-a-945830-druck.html

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Besessenheit

[3] http://www.presserat.info/inhalt/der-pressekodex/pressekodex.html