Expertenkommentar: Lesen und Schreiben – ungenügend

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Ein Kommentar von Lars Michael Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist zum MDR-Exakt-Beitrag vom 20.02.2019

Analphabetismus betrifft viele Menschen in Deutschland. Rund 7,5 Millionen Menschen gehören schon seit vielen Jahren zu diesem Personenkreis. Bis heute weiß man noch wenig über die Ursachen, weshalb wir in unserem Land der Dichter und Denker so viele Menschen haben, die unzureichend lesen und schreiben können. Dass die Bildungspolitik etwas für diese Menschen tut, ist richtig und wichtig. Inwiefern diese Bildungsprogramme den Betroffenen etwas bringen, ist bisher kaum durch wissenschaftliche Langzeitstudien belegt worden.

Legastheniker, die funktionale Analphabeten sind, gibt es nicht

Die Probleme von erwachsenen funktionalen Analphabeten wurden in dieser Sendung richtig dargestellt. Viele Betroffene haben multikomplexe Probleme, weshalb sie auch im Erwachsenenalter nicht richtig lesen und schreiben können. In der Sendung sprach man von sozialen Problemen, Kinderreichtum, Sonderschulbesuch etc. Das trifft auf viele Analphabeten zu. Die These, dass sich Legastheniker zu funktionalen Analphabeten entwickeln könnten, können wir aus unserer langjährigen Forschung und Praxis heraus nicht bestätigen. Den Analphabeten fehlen meistens die basalen Grundlagen der Grunddeutschdidaktik bzw. sie haben diese wieder verlernt. Das ist bei Legasthenikern auch im Erwachsenenalter nicht der Fall. Hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen Analphabeten und Legasthenikern, bei denen die Ursachen familiär bedingt sind.

Es ist umstritten, dass die LRS-Klassen vor funktionalem Analphabetismus schützen

Hier hat die MDR-Redaktion nicht gründlich genug recherchiert und die interviewten LRS-Lehrer konnten die verschiedenen Schwächen im Lesen und Schreiben fachlich nicht differenziert einordnen.

Eine Beschulung oder eine Separierung in einer LRS-Klasse ist aus wissenschaftlicher Perspektive unzureichend und strittig, denn nicht alle Betroffenen profitieren von dieser Sonderschule. Im Bericht wird dem Zuschauer sehr einseitig suggeriert, dass LRS-Klassen vor funktionalem Analphabetismus schützen könnten. Doch es gibt bisher keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass die Betroffenen bis in das Erwachsenalter hinein vom Besuch einer LRS-Sonderschule profitieren könnten. Hier macht man es sich zu einfach. In unserer wissenschaftlichen Arbeit wird deutlich, dass nur wenige Betroffene ihre Probleme durch eine LRS-Klasse vollständig kompensiert haben. Es profitieren also nicht alle Schüler von einer LRS-Klasse. Wir sind der Meinung, dass diese Sonderschulform eine mögliche Ergänzung zu anderen Maßnahmen darstellt. Für Familien mit LRS-Kindern gibt es noch andere Wege und Fördermöglichkeiten zur Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Der MDR-Bericht stellt das Thema LRS-Klassen nicht differenziert genug da. Unter Fachleuten und betroffenen Familien ist diese Separierung in eine Sonderklasse besonders aus der Perspektive der inklusiven Förderung umstritten.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, wenn LRS-Lehrer von Störbildern wie Lese-Rechtschreib-Störung oder von isolierter Lese-Störung sprechen und diese mit psychischen Behinderungen in Verbindung bringen. Diese Begriffe sollten schon aus der Perspektive der Menschenrechte kritisch hinterfragt werden. Denn Störbilder diskriminieren uns Betroffene! Hier wird deutlich, dass die Qualifikation der LRS-Lehrer nicht auf dem derzeitigen Stand der Forschung ist. Denn es gibt dabei keine Differenzierung der Probleme der Betroffenen. Wenn Fachleute die Probleme mit ihren komplexen Ursachen nicht unterscheiden können, ist eine qualifizierte Bewältigung durch eine LRS-Klasse strittig und darum nicht für jeden Schüler geeignet.

LRS und Legasthenie wie auch der funktionale Analphabetismus sind Schwächen im Schriftspracherwerb, die unterschiedliche Probleme benennen und auch in der Öffentlichkeit wie Fachwelt unterschiedliche Bedeutung haben. Sie haben unterschiedliche Ursachen, für den Laien zeigen sich aber häufig ähnliche Symptombilder. Es gibt Schwächen, die durch familiäre Häufungen und neurologische Besonderheiten verursacht worden sind. Sie müssen trotzdem keine Krankheiten oder Behinderungen bedeuten. Ob sich daraus seelische Behinderungen entwickeln, hängt vor allem von der sozialen Umwelt und einer frühen Förderung ab. Eine erworbene Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), die häufig durch psychische Besonderheiten bzw. von der sozialen Umwelt verursacht wird, ist von einer Legasthenie zu unterscheiden.

In diesem LRS-Personenkreis kann es durchaus Fälle geben, die mit einer nicht-bewältigen LRS im Erwachsenenalter zu funktionalen Analphabeten werden können. Hier spielt sicherlich der Anfangsunterricht in der Grundschule und die soziale Herkunft eine wichtige Rolle, weshalb Betroffene zu Analphabeten werden können. In wenigen Fällen können auch andere Lernbehinderungen oder organische Krankheiten der Augen und Ohren eine Rolle spielen. Die Ursachen der LRS unterscheiden sich hierbei deutlich von denen bei einer Legasthenie. Deshalb unterscheiden sich Menschen mit LRS und Legasthenie deutlich voneinander und die in dieser Sendung dargestellten Thesen sind gewagt.

Die Heilpädagogin Kerstin Lemke hat es in dieser Sendung auf dem Punkt gebracht, dass funktionale Analphabeten ein nachwachsendes Problem in unserem Schulsystem darstellen, dass durch Alphabetisierungs-Kurse bei Erwachsenen nicht bewältigt wird. Wir kennen keine Beispiele, in denen die Betroffenen durch diese Kurse ihre Probleme vollständig bewältigt haben. Erstens ist es recht spät, wenn 50-jährige ihre Schwierigkeiten bewältigen wollen, hierbei gibt es psychosoziale Grenzen. Je älter ein Analphabet ist, desto schwerer wird es ihm fallen, die Probleme zu bewältigen. Bei vielen Fällen spielen auch psychische Probleme eine Rolle, die man mit so einem Kurs nicht aufarbeiten kann. Vielleicht könnte eine individuelle Einzelfallhilfe mehr bewirken. Dafür hat leider unsere Gesellschaft kein Geld übrig.

LRS-Klassen werden diese hohen Fallzahlen wahrscheinlich nicht reduzieren können. Sehr wahrscheinlich werden die Langzeitwirkungen dieser bildungspolitischen Maßnahmen überschätzt, weil sie nicht nachhaltig genug sind. Will man den Problemen wirklich entgegenwirken, benötigt das Bildungswesen eine deutlich bessere Unterrichtsqualität im Fach Deutsch und eine differenzierte Förderung für den Einzelfall. Hiervon könnten auch sozial schwächere Familien profitieren, sodass sie eine LRS gar nicht erst erwerben müssen. Das wäre eine wichtige Prävention für den Analphabetismus im Erwachsenenalter. Diese Ursachen sind schon seit einigen Jahrzehnten bekannt, aber bisher tut sich in der Qualität des Deutschunterrichtes an unseren Schulen wenig. Man hat eher den Eindruck, dass der Deutschunterricht in seiner Qualität in den letzten Jahren nicht besser geworden ist.

Wenn das Kultusministerium prognostiziert, dass wir bis 2030 immer noch 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland haben werden, sollte sich die Bildungspolitik Gedanken machen. Alphabetisierungs-Kurse sind gut gemeint, aber sie sollten kein Instrument nach dem Gießkannenprinzip sein, weil es auf der bildungspolitischen Agenda steht. Diese Problematik darf auch in Wahlzeiten nicht als sozialpolitische Floskel missbraucht werden. Den Betroffenen ist damit nicht geholfen!

Es wäre wünschenswert, wenn die Medien differenzierter über das Thema berichten würden.

Hier können Sie sich den gesamten Beitrag in der MDR-Mediathek ansehen: https://www.mdr.de/mediathek/video-276620_zc-89922dc9_zs-df360c07.html

Eltern tun sich häufig schwer im Umgang mit LRS

Eltern tun sich häufig schwer im Umgang mit LRS

Wir beobachten häufig, dass sich Eltern mit der Problematik Lese-Rechtschreib-Schwäche schwertun. Sie sind zu wenig über die Schwierigkeiten ihrer Kinder aufgeklärt oder es wird zu spät darauf reagiert. Erst wenn die Lese-Rechtschreib-Probleme in der Schule festgestellt werden, beschäftigt man sich damit. Aber es sollte schon möglichst früh darauf reagiert werden, wenn die Kinder im ersten Schuljahr Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Denn frühe Hilfe ist die beste Prävention, damit die Kinder keine seelischen Schäden davontragen müssen.

Hatte ein Elternteil in seiner Schulzeit Probleme mit dem Lesen und Schreiben, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch die Kinder ähnliche Schwierigkeiten haben. Unsere Statistik zeigt eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent dafür auf, andere Studien gehen von höheren Zahlen aus. Der Ansatz, dass Kinder erst im 1. Halbjahr der 2. Klasse auf LRS getestet werden, greift unserer Meinung nach zu spät. Eine frühere Förderung wäre als Prävention vor seelischen Schäden wichtig und sinnvoll, wenn es bereits bei den Eltern ähnliche Schwierigkeiten gab. Hierfür fehlt leider häufig das Verständnis bei den Eltern und Lehrern. Von einem früheren Förderansatz sind wir in Deutschland weit entfernt. Erst wenn die Kinder auffällig werden, wird darauf reagiert. Dies kann ein Grund dafür sein, dass einige Kinder zusätzliche psychoemotionale Probleme entwickeln.

In Deutschland wird man schnell stigmatisiert, wenn es Probleme beim Lesen und Schreiben gibt. In unserer Leistungsgesellschaft gehören diese Fertigkeiten einfach dazu, die Kinder müssen reibungslos funktionieren, um den Ansprüchen in der Schule und später in der Berufswelt zu genügen. Das erzeugt zusätzlichen Druck auf die Eltern und ihre Kinder. Eltern können sich unterschiedlich gut in die Lage der Kinder hineinversetzen. Daraus ergeben sich die unterschiedlichen Reaktionen wie Mitgefühl, übertriebene Fürsorge oder Ignoranz. Dabei spielen auch die verschiedenen Erziehungsstile eine wichtige Rolle. Ein harter autoritärer oder antiautoritärer Erziehungsstil kann den Kindern gleichermaßen seelischen Schaden zufügen. Ein liebevoller und zielgerichteter Erziehungsstil, der eine gesunde psychoemotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern entwickelt und fördert, ist hilfreich für eine gute resiliente Entwicklung. In der Erziehung von LRS-Kindern werden häufig Fehler gemacht, weil die Eltern mit diesen Problemen überfordert und unsicher sind. Hier sollte eine Erziehungsberatung genutzt werden, die sich mit den Lernproblemen der Kinder auskennt.

Kinder mit einer LRS kommen nicht selten aus problembelasteten Elternhäusern oder aus Familien, wo die Eltern ähnliche Schwierigkeiten hatten, die sie nicht bewältigen konnten. Dies erschwert oft die Bewältigung der Lernprobleme bei den Kindern. Der soziale Aspekt sollte bei einer Lese-Rechtschreib-Problematik nicht unterschätzt werden. Gibt es in der Familie weniger soziale Probleme, steigt die Chance einer frühen Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Probleme. Denn ein stabiles soziales Umfeld bringt den Kindern optimale Bedingungen. Das hat auch mit dem sozial-ökonomischen Kontext der Familien zu tun, denn sozial schwächere Betroffene sind in unserem Bildungssystem benachteiligt. Das erkennt man auch auf unserem Fachgebiet. Wahrscheinlich gibt es einen Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und psychosozialer Stabilität bei diesen Kindern. Deshalb sollten diese Kinder in der Grundschulzeit nicht in einer LRS-Klasse separiert werden, denn diese Exklusion kann die sozialen Schwierigkeiten exponentiell verstärken.