Lese-Rechtschreib-Probleme können mit dem Sozialgefüge der Familie zusammenhängen

Lese-Rechtschreib-Probleme können mit dem Sozialgefüge der Familie zusammenhängen

Das bedeutet nicht, dass Lese-Rechtschreib-Schwächen immer mit dem Sozialgefüge der Familie zusammenhängen müssen. Aber sie spielen häufig eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zumindest sind sie ein wichtiger Faktor, ob diese Schwierigkeiten in der Schulzeit bis zum Erwachsenenalter kompensiert werden können – oder die Bewältigungschancen bei Betroffenen geringer ausfallen. Möglicherweise kann das Zusammenspiel von sozialem Gefüge in der Familie und Lese-Rechtschreib-Problemen zu seelischen Erkrankungen führen. Das ist ein weiteres Argument, dass Lese-Rechtschreib-Schwächen nicht automatisch zu seelischen Behinderungen führen müssen. Denn das Umfeld der Familie ist eine wichtige Dimension bei der Suche nach den Ursachen jedes einzelnen Falles. So kann es eine reale Chance geben, diese Schwäche im Schriftspracherwerb zu bewältigen.

Lese-Rechtschreib-Probleme sind vielfältiger Natur. Die wichtige Rolle des Sozialgefüges der Familien der Kinder wird aber in den fachweltlichen Diskussionen zu wenig oder nur am Rande betrachtet. Sicherlich wäre es ein Fehler, wenn man alle Auffälligkeiten dem Sozialgefüge der Institution Familie zuordnen würde. Es gibt nach unserer Beobachtung nicht wenige Lese-Rechtschreib-Probleme bei Kindern, die in schwierigen oder problembelasteten Familien gehäufter vorkommen können. Hierbei spielt nicht selten die sozialökonomische Situation der Familie eine Rolle. Sozial schwächere Familien sind nicht immer dazu befähigt worden, den Kindern ein stabiles familiäres Umfeld vorzuleben. Andererseits können auch Familien der Mittelschicht ähnliche Belastungen aufweisen. Nach unserer Schätzung leben Kinder und Jugendliche mit Lese-Rechtschreib-Schwächen zu rund einem Drittel in Familien mit Problemen im Sozialgefüge, die sich in unterschiedlicher Art äußern können. Das muss nicht automatisch ein Indiz von sozialer Schwäche sein, sondern es wird deutlich, dass es in der heutigen sich rasant verändernden Umwelt Anpassungsprobleme in Familie und Gesellschaft gibt, die Eltern mit ihren Kindern überfordern können. Zum einen liegt es an der veränderten Arbeitswelt und wahrscheinlich am veränderten Anpassungs- und Leistungsdruck im gesellschaftlichen Umfeld der Familien. Dies kann auch in den Mittelstandsfamilien zusätzliche Schwierigkeiten im Sozialgefüge auslösen.

Hier nun einige Beispiele dafür, welche Probleme bei lese-rechtschreib-schwachen Kindern und Jugendlichen beobachtet werden. Eine wichtige Rolle spielt die familiäre Stabilität. Kinder von geschiedenen Eltern können Schwierigkeiten im Lernen bekommen, weil das schwierigere Sozialgefüge der Eltern-Kind-Beziehung oft Verhaltensprobleme und schulische Motivations- und Leistungsverweigerung begünstigt. Ein stabiles familiäres Gefüge ist ein wichtiger Faktor zur Kompensation der Lernschwierigkeiten in der Schule. Bei Kindern von Langzeitarbeitslosen haben einige Elternteile häufiger eine geringere Schulbildung und berufliche Qualifikation erreicht. Dazu sprechen sie häufiger einen starken Soziolekt (Dialekt), der sich beim Lernen einer lautgetreuen Schriftsprache als hinderlich erweisen kann. Das bedeutet aber nicht, dass ein reiner hochdeutscher Ausdruck orthografische und grammatikalische Probleme gänzlich verhindern kann. Ein starker Soziolekt kann die Ausdrucks- und Rechtschreibprobleme in einem nicht geringen Maße ungünstig beeinflussen. Er ist nach unserer Beobachtung ein häufiger Einflussfaktor für den Erwerb von LRS.

Dazu können häusliche körperliche wie auch psycho-emotionale Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum der Eltern oder psychische Erkrankungen der Eltern das Sozialgefüge der lese-rechtschreib-schwachen Kinder und Jugendlichen belasten. Außerdem können unterschiedliche Erziehungsauffassungen der Eltern eine große Rolle spielen.

Die Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche benötigt klare Strukturen in der Erziehung und eine systematische häusliche Förderung der Kinder. Heutzutage spielt in vielen Familien die Nutzung von Tablets, Smartphones und Computern in der Freizeit eine wichtigere Rolle als das Spielen in der freien Natur mit anderen Kindern. Ein ungeregelter Umgang mit diesen Medien kann Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb begünstigen. Früher war es der Fernseher, heute sind es die erwähnten technischen Geräte, häufig zusätzlich zu TV-Angeboten, die den Erwerb der Schriftsprache ungünstig beeinflussen, da nicht wenigen Eltern die Kompetenz fehlt, wie sich ein vernünftiger Umgang mit der Medienvielfallt in der Freizeitgestaltung der Kinder praktisch umsetzen lässt. Wahrscheinlich betrifft dies alle sozialen Schichten gleichermaßen. Es besteht die Gefahr, dass sozial benachteiligte Familien ein geringeres Maß dieser Erziehungskompetenzen aufweisen, weil sie oft deutlich problembelastetere Sozialstrukturen aufweisen. Diese unzureichende Selbsthilfe- und Erziehungskompetenz begünstigt auch bei normal entwickelten Kindern, dass sie Schwierigkeiten in der schriftsprachlichen Entwicklung aufweisen und langfristig eine LRS erwerben können – unabhängig von einer familiären Veranlagung.

Diese und ähnliche Beispiele erleben wir in unserer praktischen Arbeit mit den Betroffenen. Die Lese-Rechtschreib-Schwächen sind nicht im Kind als medizinisches Störbild zu suchen, sondern diese Schwierigkeiten werden vom sozialen Gefüge der Familie zusätzlich begünstigt. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern die notwendigen Erziehungskompetenzen erlangen, damit diese zusätzlichen Schwierigkeiten der Kinder erkannt und neben der Einzelförderung bewältigt werden können.

Unser Fazit ist:

Es ist möglich, dass sich das Sozialgefüge in der familiären Umwelt der Kinder ungünstig entwickeln kann. Die Herkunftsfamilie legt wichtige Grundlagen für den Erwerb der Schriftsprache. Deshalb ist nicht nur das Schulwesen für die frühe Aneignung der Lese- und Schreibfähigkeiten zuständig, auch die Kernfamilie aus Eltern und Kindern ist eine nicht zu unterschätzende Stütze und Bildungsinstitution, die den schulischen Weg der Kinder bahnen kann. Hier wird deutlich, es ist nicht einfach, dass sozial benachteiligte Kinder aus instabilen Familien langfristig die gleichen Bildungschancen erhalten, wenn sie keine stabilen sozialen Gefüge kennen. Diese Ungleichheit kann ein Sozialwesen mit seinem Bildungswesen nicht in Gänze ausgleichen. Darum ist es wichtig, dass Kinder in stabilen familiären Gefügen aufwachsen, um Lernproblemen in der Schulzeit vorzubeugen.

Soziale Akzeptanz unterstützt die Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Soziale Akzeptanz unterstützt die Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Soziale Akzeptanz bedeutet zwischenmenschliches Verstehen und Verstanden-Werden mit einer Funktion, die über den Zweck der zwischenmenschlichen Kommunikation hinausgeht. Oft erlebt der legasthene oder lese-rechtschreib-schwache Mensch in seinem sozialen Umfeld (Elternhaus, Schulwesen, öffentliche Gesellschaft) wenig soziale Akzeptanz. Diese umweltintentionelle Determinante bedeutet eine Wechselwirkung mit der Umwelt, die eine Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Problematik positiv begünstigen oder stark beeinträchtigen kann.

Studien zeigen, dass die Motivationssysteme unseres Gehirns nur dann anspringen, wenn Menschen soziale Zuwendung oder Wertschätzung erfahren. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass lese-rechtschreib-schwache Kinder seltener seelische Schäden davontragen, wenn sie Wertschätzung durch soziale Zuwendung und Anerkennung erfahren. Zuwendung und soziale Einbindung fördern die seelische Widerstandsfähigkeit, sodass die Kinder keine psychische Krankheit entwickeln müssen, die sich später im Erwachsenenalter zu hartnäckigen seelischen Behinderungen entwickeln können. Deshalb kann die Separation in eine Sonderschule (LRS-Klassen) psychische Probleme bei den Kindern begünstigen. Eine LRS-Klasse kann für die Kinder die Abwertung ihrer Persönlichkeit bedeuten, was sich dann häufig durch Verhaltensprobleme, Versagensängste und Motivationsverlust äußern kann. Eine inklusivere Herangehensweise, bei der man diese Kinder nicht separiert, sondern sie im Klassenverband belässt und individuell fördert, begünstigt eine seelisch stabilere Entwicklung als bei Kindern, die eine soziale Ausgrenzung durch die LRS-Klasse erfahren.

Aus den von uns durchgeführten Befragungen von Kindern und Erwachsenen wird deutlich, dass die vorhandenen psychischen Probleme wahrscheinlich weniger mit den Lernschwierigkeiten zu tun haben. Wir nehmen an, dass die beobachteten psycho-emotionalen Probleme bei Legasthenikern oder LRS-Betroffenen maßgeblich auf familiäre Hintergründe in der Eltern-Kind-Bindung bzw. der Beschulung in einer LRS-Klasse als sozialen Umweltfaktor hinweisen.

Wenn diese Kinder in der Familie wenig emotionale Zuwendung, Wertschätzung und Verständnis erfahren, kann das soziale Ausgrenzung und Probleme im Selbstbild bewirken. In diesem Fall werden Verhaltensauffälligkeiten, Isolation und Aggression begünstigt. Vermutlich entsteht daraus der Teufelskreis der Lernstörungen, der bei den Kindern langfristig seelische Behinderungen und Suchterkrankungen auslösen kann.

Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder im Elternhaus durch Wertschätzung eine beständige Eltern-Kind-Bindung erfahren. Diese Selbstbindungserfahrung ist für die ersten zwei bis drei Lebensjahre wichtig. Solche Erfahrungen werden diese Kinder resilienter durch den Schulalltag begleiten. Diese positiven Erfahrungen machen die Kleinkinder weniger stark anfällig für psychische Erkrankungen. Das kann wiederum Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwächen stärken.

Erfahren die Kinder trotz schulischer Lernprobleme Liebe und Annahme und keine Separation in eine LRS-Klasse als ausgrenzende Erfahrung, besteht die Chance, dass sich diese Kinder gesund entwickeln können. Dazu ist das Elternhaus als Institution für die Förderung einer stabil entwickelten Persönlichkeit nicht zu unterschätzen. Diese Grundlage kann die Kinder widerstandsfähiger machen, besonders vor Ausgrenzungserfahrungen und Ablehnungen durch die Umwelt. Deshalb entwickeln sich wahrscheinlich die Betroffenen je nach Umwelterfahrungen recht unterschiedlich. Es kann ein weiterer Hinweis dafür sein, dass sich Lese-Rechtschreib-Schwächen nicht automatisch zu einer chronischen seelischen Krankheit oder gar Behinderung entwickeln müssen. Haben die Betroffenen gute familiäre Bedingungen, werden sie seltener Versagensängste, Überforderung oder Motivationsprobleme infolge ihrer Lernschwächen entwickeln.

Sie werden trotz ungünstiger Lernbedingungen wahrscheinlich besser durch die Schulzeit kommen, als wenn sie im Elternhaus und Schulwesen starke Defizite in ihrer sozialen Akzeptanz erleben. Sind Kinder in der Familie akzeptiert und angenommen, können sie Konflikte in der Schule besser bewältigen, als wenn sie ein instabiles Elternhaus erleben.

Zusammenfassung

Zur sozialen Akzeptanz gibt es Hinweise in unserem Forschungsfeld, dass eine frühe und gute Eltern-Kind-Bindung einen wichtigen Schutzfaktor vor psycho-sozialen Problemen darstellt. Vermutlich sind diese Indikatoren ein wichtiger Hinweis darauf, dass Betroffene trotz ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche keinen seelischen Schaden nehmen müssen. Die Betroffenen, die in problembelasteten Familien aufwachsen, in eine LRS-Klasse gingen, wenig Annahme und Zuwendung im Kindesalter erfahren, werden häufiger psycho-soziale Auffälligkeiten und Lernschwächen entwickeln, die sie bis in das Erwachsenenalter begleiten können. Darum haben viele Betroffene im Erwachsenenalter seelische Beeinträchtigungen.

Die genaueren Zusammenhänge müssen noch erforscht werden. In der Praxis erleben wir es nicht selten, dass die sozialen Umfelder der Betroffenen einen wichtigen Hinweis liefern, wie mehr oder weniger gut die Lernprobleme bewältigt werden können. Das ist wiederum ein Hinweis darauf, dass eine generalisierte Lese-Rechtschreib-Störung als Behinderung oder Krankheit so wahrscheinlich nicht existiert, sondern ein theoretisch konstruiertes Störbild sein muss.

Schlussbemerkung: Diese Hinweise verdeutlichen, dass die Förderung der Kinder ein individuelles Fallverstehen voraussetzt. Ohne diesem wird keine nachhaltige Bewältigung oder gar Überwindung der Lese-Rechtschreib-Probleme möglich sein. Eine Förderung muss auf die gesamte persönliche Entwicklung abzielen, bevor an der Fehlersymptomatik im Lesen und Schreiben lerntherapeutisch gearbeitet werden kann. Von dieser Herangehensweise sind wir im deutschsprachigem Raum weit entfernt.