Corona-Krise wird die soziale Ungleichheit bei Kindern mit LRS verstärken

Eine Einschätzung von Lars Michael Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist

Es ist unstrittig, dass Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten bei Kindern durch soziale Probleme begünstigt werden können. Schon vor der aktuellen Krise gab es eine deutliche soziale Ungleichheit bei Familien mit lese-rechtschreib-schwachen Kindern. Der soziale Hintergrund der Familien spielt oft eine große Rolle, inwiefern Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben bewältigt wurden. Denn nicht alle Familien konnten sich eine nachhaltige Lerntherapie finanziell leisten. Unser Bildungs- und Sozialwesen hat seit vielen Jahren zu wenig für benachteiligte Familien getan.

Durch die derzeitige Corona-Krise besteht die Gefahr, dass sich die soziale Lage der Familien weiter verschlechtert. Denn der Shutdown mit seinem längeren Schulausfall wird vor allem lernschwache und sozial benachteiligte Kinder in eine prekäre Lage bringen, die sehr wahrscheinlich die sozialen Probleme der Kinder mit LRS verstärken wird. In Sachsen ist eine mögliche Steigerung der Zahl von LRS-Kindern infolge der Krise denkbar, denn die derzeitige Situation im Schulwesen begünstigt diese Probleme bei Kindern mit Lernschwächen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese Kinder nach der Krise in eine LRS-Klasse gehen müssen, wie es in Sachsen üblich ist. Schon vor der Krise war die Situation aus wissenschaftlicher und ethischer Sicht völlig unzureichend, denn in jedem Jahr gab es mehr Schüler, bei denen eine LRS festgestellt wurde. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Herangehensweise im sächsischen Schulwesen aus dem Gesichtspunkt der Inklusion und Menschenwürde umstritten ist. Durch Separation in die LRS-Klassen fördert man keine Integration der betroffenen Schüler und jedes Kind sollte unabhängig von seiner sozialen Herkunft eine individuelle Unterstützung erhalten. Dies ist bei Lernschwächen im Regelfall nur mit einer 1-zu-1-Förderung sinnvoll. Leider hat die staatliche Seite schon vor der Krise kaum etwas für die Betroffenen getan. Die rechtliche Lage durch die Gesetzgebung in § 35a SGB VIII schloss viele Betroffene aus der Förderung durch das Jugendamt aus, denn nicht alle Kinder sind von einer seelischen Behinderung bedroht. Durch die aktuelle Krise besteht die Gefahr, dass sich diese Schieflage in der staatlichen Unterstützung von lernschwachen Kindern und Jugendlichen weiter verstärkt.

Als Schlussfolgerung aus dieser Krise muss diese Herangehensweise unbedingt korrigiert werden. Denn wenn man diese benachteiligten Kinder weiterhin nicht bei der Bewältigung ihrer Lernschwierigkeiten unterstützt, können sozial-gesellschaftliche Konflikte wegen der sozialen Ungleichheit begünstigt werden. Die Zahl der betroffenen Familien ist schwer abzuschätzen, es ist davon auszugehen, dass rund ein Drittel der Bevölkerung unterschiedliche Probleme beim Lesen und Schreiben hat. Die Bewältigung dieser gesellschaftlichen Herausforderung war schon vor der Corona-Krise an Grenzen gestoßen, die jetzige Situation verschärft dieses Problem. Das Schulwesen wird deutlich an seine Grenzen kommen. Die Betroffenen sollten bei der Lockerung der aktuellen Maßnahmen nicht vernachlässigt werden. Gemeinnützige Einrichtungen und soziale Initiativen müssten von staatlicher Seite deutlich mehr unterstützt werden als vor der Krise. Dagegen sollten nicht-gemeinwohlorientierte Einrichtungen zweitrangig behandelt werden, weil bei ihnen vor allem ihr wirtschaftliches Fortkommen im Mittelpunkt der Tätigkeit steht. Darum wäre es wichtig, dass die sozialwirtschaftlichen Akteure sicher durch diese Krise kommen. Bisher gibt es keine staatlichen Schutzschirme für Sozialunternehmen! Diese Initiativen werden nach der Corona-Krise einen wichtigen Beitrag leisten, um Betroffene zu beraten, Diagnostiken durchzuführen und die psychosozialen und pädagogischen 1-zu-1-Förderungen zu unterstützen. Dieser gemeinwohlorientierte Auftrag darf nicht aus dem Fokus geraten, denn das Schulwesen wird diese Aufgabe nicht allein leisten können. Deswegen wäre eine Kurskorrektur während und nach der Krise wichtig! Dadurch könnten wir die Betroffenen nachhaltiger fördern und integrieren. Jedes Kind, dass wir vor psychischen Schäden bewahren können, ist ein wertvoller Gewinn für die Gesellschaft. Unsere Hoffnung ist, dass wir gemeinsam eine gute Lösung für alle Betroffenen finden.


Weiterführende Artikel:

Wie die Erziehung bei Kindern mit LRS gelingen kann

Erziehung LRSDas Thema Erziehung spielt bei der Bewältung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche bei Kindern eine wichtige Rolle. Wir wollen in diesem Beitrag einige Ratschläge für die Erziehung von Kindern mit Legasthenie oder LRS geben, die sich in der praktischen Arbeit bewährt haben.

Sicherlich gibt es kein Patentrezept für die optimale Erziehung dieser Kinder. Da die Kinder mit Lernschwächen verschieden sind, ist auch die Erziehung für diese Kinder unterschiedlich. Außerdem gibt es keine perfekten Eltern oder Kinder, wie man sie uns in fiktiven Geschichten schönmalt. Eltern haben ihre Vorprägungen und Kinder werden von der elterlichen Umwelt wieder geprägt. Dies soll keine Entschuldigung dafür sein, die Kinder nebenbei laufen zu lassen, indem sich Eltern sagen, diese erziehen sich schon selber. Oder die Schule oder andere persönliche Bezugspersonen erziehen die Kinder. Mit Sicherheit spielt die Kernfamilie eine wichtige Rolle in der Erziehung. Wenn Kinder schulische Lernschwierigkeiten haben, ist eine entwicklungsgerechte Erziehung für diese Kinder wichtig. Eine vollkommene Erziehung gibt es nicht, es werden immer Fehler dabei gemacht. Eltern sollten sich bei unlösbaren Konflikten an professionelle Fachleute wenden. In einigen Fällen kann ein Kinder- und Jugendpsychologe eine gute Unterstützung bieten. So müssen sich familiäre Konflikte nicht hochschaukeln. Gibt es länger anhaltende Konflikte in der Familie, wie sie bei Kindern mit Lernschwächen häufiger auftreten können, ist es durchaus vernünftig sich Hilfe zu holen. Sicherlich ist das Aufsuchen solcher Hilfen mit Scham behaftet, denn wer gesteht sich schon gern ein, dass er Probleme in der Familie hat. Frühe Hilfe und ein ehrlicher Umgang mit Problemen kann hier eine Hilfe sein.

Aus unser langjährigen Erfahrung und Forschung wissen wir, dass Lese-Rechtschreib-Probleme und Schwierigkeiten in der Erziehung der betroffenen Kinder in einem engen Zusammenhang stehen können, aber nicht automatisch müssen. Erziehungsprobleme treten bei LRS-Kindern erfahrungsgemäß häufiger auf. Das ist nichts Unnatürliches. Erlebt ein Kind schulische Probleme und kann es sie möglicherweise nicht bewältigen, weil die Schwierigkeiten nicht richtig erkannt werden, wird es diese innerlichen Konflikte mit seinem Verhalten zeigen. Denn es weiß keinen anderen Ausweg, um auf die ungelösten schulischen Schwierigkeiten aufmerksam zu machen. Mögliche Reaktionen sind dann Verhaltensprobleme wie Wutausbrüche, Unruhe, Hyperaktivität, Leistungs- und Motivationsverweigerung etc. Das bedeutet aber nicht immer, dass diese Kinder psychische Probleme haben müssen. In der Frühphase einer LRS braucht das nicht der Fall sein. Bleiben die Schwierigkeiten über einen längeren Zeitraum bestehen und werden sie nicht mit professioneller Hilfe bearbeitet, können sich daraus längerfristige psychische Störungen entwickeln. Aber nur in seltenen Fällen haben Lese-Rechtschreib-Schwächen im frühen Stadium einen Krankheitswert.

Deshalb können die Eltern präventiv einen positiven Anteil an der Erziehung ihrer Kinder haben, um eine drohende seelische Behinderung der Kinder zu vermeiden. Es gibt Fälle, wo trotz guter Erziehung Verhaltensprobleme auftreten, das kann gehäufter bei Frühchen oder anderen Entwicklungsverzögerungen, bei psycho-emotionalen Vorerkrankungen oder Traumatisierungen vorkommen. Aber das betrifft nicht die Mehrheit der Kinder mit Lese-Rechtschreib-Problemen.

Mit einer kindgerechten Erziehung können Eltern positiv auf die Lernschwierigkeiten der Kinder einwirken, sodass Verhaltensprobleme vermieden oder abgemildert werden. Es wird nicht gelingen, jegliche Probleme zu vermeiden, das heißt, Schwierigkeiten in der Erziehung wird es immer geben. Familien benötigen manchmal externe Hilfe zum Beispiel durch Psychologen, das Jugendamt oder andere Familienberatungshilfen vor Ort. Trotzdem haben Eltern den größten Anteil der Erziehung zu leisten. Je besser die Lebens- und Lernumfelder der Kinder mit Lernschwächen sind, desto größer ist die Chance, diese Schwierigkeiten in der Schulzeit zu bewältigen. Denn soziale Verhaltensauffäligkeiten stehen oft im Zusammenhang mit der Erziehung der Kinder. Die Eltern müssen dazu befähigt werden, diesen Part bestmöglich eigenverantwortlich wahrzunehmen.

Die familiären Konstellationen haben sich in den letzten Jahren verändert, heutzutage leben die Kinder in unterschiedlichen familiären Zusammensetzungen neben dem klassischen Familienbild verheirateter Eltern aus Mutter und Vater. Entwicklungspychologisch ist eine stabile Familiensituation für die Kinder wichtig. Umso stabiler die Eltern-Kind-Bindung ist, desto besser wird die Erziehung der Kinder gelingen. Das trägt dann auch zu einem besseren Gelingen der zu bewältigenden schulischen Anforderungen bei. Denn außerfamiliäre Einrichtungen (Krippe, Kindergarten, Schule) haben natürliche Grenzen in der Erziehung. Wenn das familiäre Sozialgefüge problembelastet ist, sind die Entwicklungschancen der Kinder häufig ähnlich schwierig. Entsprechend wird sich die Bewältigung der Lernprobleme gestalten.

Aus unserer Sicht haben sich folgende Punkte für eine gute Erziehung herausgestellt:

  • Verbote als Gebote umformulieren
  • Nicht lügen
  • Streit sollte nicht vor den Kindern ausgetragen werden
  • Geduldig und nicht nachgiebig sein
  • Grenzen setzen
  • Konsequenzen aufzeigen
  • Verständnis zeigen und fordern
  • Belohnungen und Bestrafungen (zeitnah im richtigen angemessenen Verhältnis)
  • Etikette und Moral sowie Werte vermitteln und einfordern
  • Familiäre Rituale und Traditionen leben
  • Annahme, die signalisiert, du bist geliebt und gewollt
  • Sich Zeit für die Kinder nehmen

Diese Tipps sind grundsätzlich wichtig für eine gesunde psychische Entwicklung, wie sie sich durch eine liebevolle und fördernde Erziehung der Kinder entwickeln kann – unabhängig von der derzeitigen Familienkonstellation. Sie kann seelische Schädigungen bei Kindern vorbeugen helfen. Elternteile haben hier eine große Verantwortung. Zusätzlich gibt es in der Stadt „Hilfe zur Erziehung“ bei Beratungsstellen freier oder kirchlicher Träger oder bei den Jugendämtern.

 

Eltern-Ratgeber: Hilfe mein Kind mit Legasthenie, soll psychisch gestört sein!?

Lese-Rechtscheibstörung oder isolierte Rechtschreibstörung (Legasthenie) werden im Manuel WHO (ICD-10), als psychische Störung aufgeführt. Hierbei handelt es sich, um eine grobe medizinische Einordnung, die bei vielen Fachleuten umstritten ist. Wir wollen in diesem Artikel uns Gedanken machen, warum dieses Störbild, so nicht stimmen kann. Eltern und Fachleute sollten diese Definition, nicht kritiklos übernehmen. Denn mit dieser Sichtweise schaden wir den Betroffen und hindern sie ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Lese-Rechtschreibschwächen sind von Natur aus, kein zwangsläufiges Indiz für seelische Probleme bei Kindern im Grundschulalter. Auch wenn es uns die pharmanahen Legasthenieverbände (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.), so einreden wollen, das alle unsere Kinder mit Legasthenie, psychisch gestört seien. Wenn man die Probleme verschleppt, sie nicht frühzeitig in der Grundschule richtig erkennt, besteht die Gefahr das legasthene Kinder seelische Störungen entwickeln können. Was nicht bedeutet, das spezielle Lese- Rechtschreibschwächen (Legasthenie) einen Automatismus besitzen, eine seelische Störung zu werden. Sie können häufig durch ein geringes Selbstbild, daraus die Folge sein. Was nach unserer Sicht, mögliche psychosoziale Verhaltensprobleme und Persönlichkeitstörungen begünstigen kann. Daher ist die Annahme, dass Kinder mit einer Legasthenie, an einer seelischen Störung leiden, mit Vorsicht zu genießen. Dieses angebliche Störbild darf nicht gedankenlos und leichtsinnig übernommen werden. Denn so eine Denkrichtung stammt aus der medizinisch-psychologischen Forschung, die nur die Defizite legasthener Menschen sieht, und nicht akzeptieren will, dass es Menschen gibt, die einen anderen Zugang zum Schrifterwerb haben.

Redet man Kindern eine Krankheit, die Legasthenie oder Lese-Rechtschreibstörung und insolierte Rechtschreibstörung heißt, ein. Werden die Kinder bestimmt kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln können. Weil, es ihnen die Umwelt (Gesellschaft, Schule und Elternhaus) versucht dies einzureden. So eine Sicht ist veraltet und sollte,  zum Wohl des Kindes, nicht verwendet werden. Auch die grobe Definition von Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) im Bildungssystem ist für eine bestmögliche Förderung und Intervention, zu undifferenziert. Hier muss man genauer wissen, wo die Ursachen der Probleme im Schriftspracherwerb herrühren könnten.

Sind diese Lernschwächen vielleicht von einen anreizschwachen familiären Umfeld in der Familien, erworben worden? Da nicht selten Eltern, aus zeitlichen oder sozialen Gründen, dem Kind zu wenige Anreize bieten, um zu Hause zu lernen. Könnten auch hier Ursachen gefunden werden. Liegt es vielleicht an den Lernmethoden oder Lernumfeld in der Schule (Schweizer-Modell, Lehrerwechsel), was nicht umfassend genug ist? Oder ist vielleicht ein Elternteil von einer Legasthenie betroffen? Sicherlich ist es hilfreich auch nach den Ursachen der geistigen- und emotionalen, wie auch sprachlichen und motorischen Entwicklung zu sehen. Es müssen auch Erkrankungen der Augen und Ohren ausgeschlossen werden. Trotzdem muss man wissen, dass die Einschätzung der Intelligenz bei Kindern mit Teilleistungsschwächen mit Fehlern behaftet ist. Da die Teilleistungen häufig unterschiedlich sind (auditive und visuelle Bereiche etc.) Hier kann es zu Fehleinschätzungen kommen. Daher sollten nur spezielle Fachleute sich die Entwicklung der Kinder ansehen. Hier beobachten, wir die häufigsten Fehler, weil Schulen und schulpsychologische Beratungsstellen, die Kinder mit ihren Schwächen, nicht richtig einschätzen können. Meistens fehlt die Qualifizierung und Spezialisierung auf diesem Gebiet. Das Gleiche gilt bei LRS-Stützpunkten an staatlichen Schulen. Die Kriterien, ob ein Kind eine Förderung erhalten soll, oder nicht, sind in der Regel für Eltern unverständlich. Da die Förderkriterien scheinbar willkürlich sind. Diese Herangehensweise der Schulen sind in der Fachwelt umstritten. Denn jedes Kind sollte mit Lese-Recht-Schreibschwächen aller Art im Bildungswesen individuell gefördert werden. Das ist, nach unseren Beobachtungen in Dresden und im gesamten Bundesland Sachsen, nicht geben. Nur Bayern macht da eine vorbildliche Ausnahme, indem man LRS und Legasthenie differenziert. 

Kommt es zu falschen Einschätzungen, kann es für das Kind problematisch werden. Denn es kann in der Schule, zu Über- oder Unterforderung kommen. Das begünstigt psychosoziale Probleme. Grundschulen haben häufig eine bequeme Lösung, indem sie diese Kinder sehr schnell in eine LRS-Klasse ausgliedern. Was noch zusätzlich, dem Kind signalisiert, dass es scheinbar nicht normal, wie alle anderen Kinder das Lesen und Schreiben erlernen kann. Dadurch besteht die Gefahr, dem Kind einen seelischen Schaden für gesamte Leben zuzufügen. Weil, mit dieser Herangehensweise dem Kind verdeutlicht, den Anforderungen der Gesellschaft, nicht zu genügen. Vermutlich sind diese beschriebenen Umweltfaktoren, mit Schuld daran, dass Kinder mit einer Legasthenie zu verhaltensgestörten Jugendlichen werden könnten. Obwohl sie von Natur aus völlig normale Kinder sind!

Unser Rat:

Sie sollten sich nicht von den Lehrern oder anderen Fachleuten verunsichern lassen, wenn diese einen Verdacht auf Legasthenie oder LRS stellen. Hier sollten Sie Ruhe bewahren und sich einen zweite Meinung einholen. Bestätigt sich der Verdacht einer Lernschwäche, ist es wichtig, das Kind in seinen Ressourcen zu fördern. Denn das Kind soll nach seinen individuellen Möglichkeiten durch die Schulzeit kommen. Das möglichst seelisch unbeschadet! Erleben Kinder eine gute Grundschulzeit, werden sie auch bis ins Erwachsenenalter davon profitieren. Aus der Forschung ist bekannt, dass viele Legastheniker, durch negative Erfahrungen in der Schule, seelische Probleme entwickeln werden. Man geht von rund 50 Prozent aus, die Verhaltensstörungen in Verbindung mit einem geringen Selbstwertgefühl entwickeln werden. Süchte bis hin zur Gewaltbereitschaft sind der Teufelskreis undifferenzierter Lernschwächen, die sich bis in das Erwachsenenalter hindurchziehen werden. Soweit sollte man es nicht kommen lassen!

Im frühen Stadium bei Grundschülern kann davon ausgegangen werden, dass es bei den meisten Kindern seelische Probleme präventiv vermieden werden können. Deswegen sollte man genauer hinsehen, was die Ursachen dieser Lese- und Rechtschreibschwächen sind. So kann die weitere schulische Entwicklung der Kinder gelingen.

 

Indizien und Beobachtungen von Störungen im Sozialverhalten bei Legasthenikern und Dyskalkulikern

Dieser Artikel befasst sich mit den Beobachtungen der psychosozialen Probleme bei Legasthenikern und Dyskalkulikern im Jungend- und jüngeren Erwachsenenalter (bis 35 Jahren) aus pädagogisch und psychologischer Sicht.

Zuerst muss klargestellt werden, dass eine Legasthenie und Dyskalkulie im primären Stadium im Kindesalter, in der Regel keine Probleme in der psychosozialen Entwicklung bedeuten. Wird aber eine dieser familiär bedingten Lernschwächen nicht frühzeitig in der Grundschule bis zum Teeniealter mit adäquater Förderung kompensiert, kommt es unweigerlich zu Störungen im Sozialverhalten, die sich langfristig zu „Störungen des Sozialverhaltens“ ausprägen können. Diese können sich bis in das Erwachsenenalter schwerwiegend verfestigen und in der Regel, nach unseren Erfahrungen, mit einer hochspezialisierten pädagogischen Verhaltensmodifikation (ähnlich der Verhaltenstherapie), wieder kompensiert werden – was aber einen langwierigen Lern- und Änderungsprozess im Sozialverhalten des Betroffenen bedeutet.

Sicherlich spielen hier einige Umweltfaktoren für die Entwicklung eine Rolle, die mit den sozialökonomischen Verhältnissen (familiäres Umfeld, sozialer Status, Lernumfeld in der Schule, Methodik etc.), als wesentliche Rolle für die Entwicklungen psychosozialer Probleme sind. Erlebte der Jugendliche oder junge Erwachsene wenig Annahme, Wertschätzung und Liebe in seiner Familie mit seiner Legasthenie oder Dyskalkulie oder wurde nicht richtig in den Klassenverband in der Schule integriert ( wurde zum Außenseiter oder Klassenkasper..), können diese Probleme damit gefördert werden. Daher besteht die Gefahr, dass sich diese Schwierigkeiten mit schweren Folgen verfestigen können. Nicht selten werden Legasthenien und Dyskalkulien im Grundschulalter richtig diagnostiziert, daher reagieren auch häufig die Eltern oder das Lernumfeld mit Unverständnis, Leistungsdruck oder gar mit Ablehnung. Genau hier entwickeln sich im primären Stadium einer Legasthenie oder Dyskalkulie, häufig diese Störungen im Sozialverhalten, die häufig auch von der medizinisch-psychologischen Richtung als „psychische Störung“ eingeordnet werden. Dies ist ethisch eher bedenklich Ansatz, wird aber in den letzten 40. Jahren von pharmanahnen (BVL e. V.) vertreten, der dieses Thema sehr einseitig pathologisiert und als Stör- und Krankheitsbild etabliert hat. Nach unseren langjährigen Erfahrungen ist diese Herangehensweise strikt abzulehnen, denn es ist fatal, wenn man im eigentlichen Sinne, gesunde und normalentwickelte Kinder von vornhinein als psychisch gestört einordnet.

Ein wesentlich pragmatischer Ansatz wäre: „Wenn man diese Lernschwächen als Teil unserer Lernvielfalt, einfach respektieren und tolerieren würde, statt sie zu stigmatisieren.“ Denn diese Menschen haben in vielen anderen Bereichen spezielle Begabungen, die gefördert werden sollten. Der Fokus einer Störung bedeutet keine Integration, sondern Diskriminierung und soziale Isolation, bis in das reifere Erwachsenenalter. Wir kennen diese Entwicklungen persönlich und beobachten diese in unserer praktischen Arbeit bei unseren Schützlingen. So wird diese Thematik durch die Legasthenieverbande eher noch verschlimmern, daher ist Integration in die Mitte unserer Gesellschaft, in der gegenwertigen Situation fast unmöglich. Jedes Kind und Betroffene hat erstklassige pädagogische Förderung verdient, statt LRS-Klassen und Legasthietherapien, die am Ende wirklich zu schweren seelischen Problemen führen können. Denn, wenn man den Betroffenen eine Störung einredet, werden sie niemals eine normale Entwicklung erleben, dass mit komplexen Folgen für die gesamte persönliche Entwicklung und Integration.

Aus Beobachtungen, Forschung, sowie eigener Erfahrung kennen wir die Auswirkungen dieser sozialen Verhaltensprobleme fast aus dem Effeff (auch ganz persönlich!). Man hat es am eigenen Leibe erfahren, wie es sich anfühlt, legasthen und dyskalkul zu sein. Die Verhaltensänderung der antrainierten sozialen Verhaltensprobleme dauerte eine lange Zeit, war und ist kein einfacher Prozess. Durch die nichterkannte Lernschwäche entwickelten sich Versagensängste, was ein instabiles Selbstbild mit schweren Folgen für die gesamte psychosoziale Entwicklung darstellte. Detaillierte Erfahrungen werden demnächst geschildert, denn sie werden häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis Mitte dreißig beobachtet.

Uns belegt die wissenschaftliche Literatur, das, wenn man diese Schwächen nicht  im Lesen, Schreiben oder Rechnen nicht erkennt, wird es häufig auch zu Versagensängsten kommen, die zu Problemen in der psychosozialen Entwicklung führen werden. Sie sind also nicht direkt ein Problem von Legasthenikern oder Dyskalkulikern, sondern sind die Folge, einer ungenauen Beobachtung und Einschätzung der Probleme im frühen Grundschulalter, sowie auch häufig unzureichender Hilfsansätze – um die Schwäche zu kompensieren.

Nach Aussage von Klassen[1] hatten bei einer Untersuchung schon im Jahre 1971 von 500 Legasthenikern im Alter zwischen 6,0 und 18,11 Jahren 65 % Angstsymptome. Diese wurden von Erziehern oder Eltern bei den Untersuchungen geschildert. Besonders während der psychologischen Untersuchungssituation und der Lesetherapie im Klassenzimmer. Diese Beobachtungen kann man als Indiz für eine negative Entwicklung im Sozialverhalten deuten, die man mit einer richtigen Diagnostik, wertschätzenden und liebenden Haltung von seitens der Eltern und dem Lehrer-Schüler-Verhältnis präventiv in Griff bekommen könnte. Leider hier ist häufig aus Unwissenheit der wirkliche Knackpunkt, der an verschiedenen Faktoren hängt. Die wir an anderer Stelle erläutern werden.

Frühe Angsterlebnisse besonders in der Grundschulzeit werden sich unweigerlich auf die ganze Entwicklung der psychosozialen Entwicklung bis hin zum Lernverhalten, als auch der Identitätsbildung und psychischen Widerstandfähig (Resilienz) Auswirkungen haben, sofern nicht professionell pädagogisch-didaktisch und mithilfe der Gesundheitsberufe interveniert wurde. Daher stellt eine Legasthenie und Dyskalkulie keine Krankheit, Störung oder gar Behinderung dar, sondern sie kann sich als schwerwiegende Sekundärproblematik mit einer Vielzahl von Störungen im Sozialverhalten und der Persönlichkeit aus psychosoziologischer Sicht entwickeln, die weitgehend mit dem richtigen Umgang mit  diesen Lernschwächen vermieden werden könnten.

Aber hier zeigen sich, die meisten Probleme, weil der verbreitete Ansatz der Legasthenieverbände auf Störbilder abzielt, statt auf hochqualifizierter Intervention und spezialisierter Verhaltensoptimierung. Bis heute hat man in der Forschung diese Zusammenhänge in Praxis noch kaum untersucht. Dennoch liegen, nach Beobachtungen unserer langjährigen Arbeit die Zusammenhänge sehr nahe, dass eben das Verhalten unserer Umwelt sich wesentlich auf die sekundären psychosozialen Folgeerscheinungen, auf die seelische Entwicklung auswirken können. Daher ist die medizinisch-psychologische Rolle, in der wissenschaftlichen Erkenntnis nur ein Puzzle der sehr komplexen Erkenntnisse dieser Schwächen.

Ein deutlich wichtiger Aspekt ist die soziologische Beobachtung (Makro- und Mikrosystem) und Fachdidaktik im Anfangsunterricht,  die sehr wahrscheinlich als Umweltfaktoren auf die Entwicklung sekundärer Probleme sich maßgeblich auswirken. Nach unserer Sicht ist die Dominanz einerseits der sehr einseitigen störbildorientieren Legasthenieverbände und der Unwille zur Differenzierung im Bildungswesen (LRS und Legasthenie), mit als Ursachenherd unserer Probleme zu identifizieren. Zum einen mag es Unwille, oder gar Berufsblindheit vieler Fachdisziplinen eine der Ursachen sein. Dass sich schon seit vielen Jahren sich wenig für die Betroffenen bewegt. Pragmatismus statt Stigmatisierung, ist in der ganzen Sachdiskussion, wenig zu finden. Die meisten Fachdisziplinen auf diesen Gebiet, tun ihre wissenschaftliche Rolle überbewerten. Daher hilft nur ein fachübergreifender Ansatz einer deutlich moderneren Legasthenie- und Dyskalkulieforschung maßgeblich in der Bildungsforschung.

Unsere Erkenntnisse und Beobachtungen, besonders im Sozialverhalten und deren Störbildern bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, werden wir, demnächst an dieser Stelle aus der eigenen Biografie und ähnlicher Fälle beschreiben. Denn es sind uns Zusammenhänge aufgefallen, die sich als wiederkehrende Muster im Sozialverhalten bei Legasthenikern und Dyskalkulikern, gleichermaßen zeigen.


[1]
                (vgl S. 128f) Klassen, E. (1971). Das Syndrom der Legasthenie – Unter besonderer physiologischer, psychopathologischer, testpsychologischer und sozialer Korrelate.