Legasthenie im Medizinstudium

Legasthenie im Medizinstudium

Legastheniker können in den verschiedensten Berufen arbeiten, wie wir hier schon mehrfach berichtet haben. Das gilt auch für den medizinischen Bereich. Es ist bisher nicht bekannt, wie viele Mediziner von Legasthenie betroffen sind. Wir haben aber schon mehrfach Legastheniker gesehen, die Human- bzw. Veterinärmedizin studieren oder bereits in ihrem Bereich arbeiten.

Intellektuell (vom Wissen her) ist das Medizinstudium für die meisten Betroffenen kein Problem. Allerdings wird in diesen Fachbereichen gar nicht oder nur selten über das Thema Legasthenie gesprochen und man outet sich noch seltener als in anderen Studiengängen. Die Hürden für Legastheniker sind in Bereichen wie Sozialarbeit, Architektur und anderen Ingenieurberufen scheinbar wesentlich geringer. Dagegen ist es in elitären Studiengängen wie Medizin, Psychologie und Jura ein größeres Stigma, sich als Legastheniker zu outen. Dies löst bei den Betroffenen häufig Ängste oder Selbstzweifel bei der Studienwahl aus, obwohl diese Studenten oft sehr gute akademische Leistungen erbringen, wenn sie ihren Fähigkeiten entsprechend angeleitet und unterstützt werden.

Viele der Betroffenen stoßen hier auf Unverständnis. Professoren oder Kollegen zweifeln an ihrer beruflichen Eignung, indem sie darauf hinweisen, dass sie nicht fehlerfrei lesen und schreiben können. Daraus resultiert ein starker Leistungsdruck, der sich auf die psychische Gesamtverfassung der Studenten auswirken kann. Die Betroffenen gehen mit diesem Druck sehr unterschiedlich um, wobei der familiäre Hintergrund und die erlebte schulische Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.

Einige Legastheniker werden mit Sätzen konfrontiert wie „Wie kann man denn mit diesen Problemen einen solchen Beruf wählen? Das geht ja gar nicht!“. Das ist es, was einige betroffene Medizinstudenten in ihrem Alltag erleben. Oft werden die guten Fähigkeiten der Betroffenen nicht erkannt, weil bis heute angenommen wird, dass Legasthenie eine Krankheit oder Behinderung darstellt. Die Tatsache, dass die Legasthenie im Manual der ICD-10 als Lese-Rechtschreib-Störung aufgeführt wird, ist auch unter den angehenden Ärzten umstritten. Viele Mediziner sehen diese spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche als psychische Krankheit an. Deshalb ist es für viele Legastheniker ein großes Handicap, offen mit der Problematik umzugehen. Auf diese Weise werden die Betroffenen an einer besseren beruflichen Entwicklung gehindert. Mit einer pragmatischeren Herangehensweise könnten sie besser integriert werden, indem ihr persönliches und berufliches Potential unabhängig von den schriftsprachlichen Fähigkeiten erkannt und gefördert wird.

Legastheniker wählen nicht selten die Medizin als Studienfach. Das mag mit ihren meist guten naturwissenschaftlichen Kenntnissen zusammenhängen. Außerdem sind sie oft sehr sozial und mitfühlend. Daher eignen sie sich gut für diese Berufe, sofern sie akademisch leistungsfähig sind.

Es wäre gut, wenn die Fachbereiche aufgeklärter mit diesem Thema umgehen würden. Außerdem sollte das medizinische Krankheitsbild der Legasthenie als Lese-Rechtschreib-Störung hinterfragt werden. Denn es bedeutet für die Betroffenen oft eine Diskriminierung anstatt der notwendigen Integration ins Arbeitsleben.

Die Bildungspolitik sollte diesem Thema mehr Aufmerksamkeit widmen. Sonst verpassen wir hier weiterhin viele gute Möglichkeiten, das gute Potential legasthener Menschen zu nutzen.

 

Aus der Perspektive eines Betroffenen: Ist man als Legastheniker wirklich behindert?

Ein Kommentar von Lars Michael Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist

Legasthenie behindert

Lars M. Lehmann, Legasthenie-Experte und Fachjournalist

Ja, ich habe es am eigenen Leib erfahren, dass man als Legastheniker als behindert angesehen wird. Damals zur DDR-Zeit galt man mit Lernproblemen beim Lesen und Schreiben recht schnell als lernbehindert und musste auf eine „Hilfsschule“ gehen. Zu dieser Zeit kannte man den Begriff „Legasthenie“ nicht. Heute ist es zwar etwas humaner geworden, wenn ich mir die Entwicklung in Mitteldeutschland seit der Wende 1989 ansehe. Trotzdem weiß man über unsere Herausforderungen als Legastheniker nur wenig. Im heutigen Bildungswesen ist man zwar offener oder inklusiver geworden. Dennoch wissen viele Fachleute, die mit Betroffenen arbeiten, recht wenig darüber und können sich nicht in unsere Lebens- und Gefühlswelt hineinversetzen.

Eine Schublade oder ein Etikett „behindert“ oder „krank“ hat man für uns schnell parat. Ich halte es für einen Fehler, dass selbst der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. uns Betroffene so sieht. Denn der Verband kämpft schon seit Jahren für eine anerkannte Behinderung oder Krankheit, die im medizinischen Manual der ICD-10 als umschriebenes psychisches Störbild gelistet ist. Deswegen bin ich auch kein Mitglied in diesem Verband.

In den 90er Jahren erfuhr ich erst über Umwege, dass ich kein gängiger Lernbehinderter war, sondern verschiedene Fachleute meinten, dass ich ein normal intelligenter Legastheniker sei. Folgerichtig dachte ich, dass ich jede Bildungschance erhalten müsste und forderte sie bei Behörden und Ministerien ein. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich nicht, dass wir Betroffenen als Behinderte eingeordnet wurden. Deshalb war es nicht einfach, über die Agentur für Arbeit eine passende berufliche Rehabilitation zu erhalten. Denn die Behörde sah einen als Behinderten, was mir rückblickend nichts brachte. Die Behörde war nicht in der Lage, eine individuelle Integrationsmaßnahme zu fördern.  Sondern man bekam in der Regel nur gesagt, was man nicht darf und nicht kann. Das passte nicht zu meinen beruflichen Vorstellungen, die ich hatte.

Vor rund 20 Jahren wollte ich Fotograf werden, weil ich dafür familiär geprägt war und die entsprechende Begabung dazu hatte. Hier in Ostdeutschland spielte sicherlich die schwierige wirtschaftliche Lage eine Rolle. Obwohl ich mehrfach die Chance hatte, eine Ausbildung bei einem Fotografen zu machen, stellten sich die Behörden quer, weil in meinem Fall ein Berufsförderungswerk in Bad Pyrmont zuständig war. Das verstand ich damals nicht. Denn mit einer Legasthenie braucht man aus heutiger Sicht mehr Zeit für schriftliche Arbeiten, die Rechtschreibung war in diesem Fach weniger von Bedeutung. Hier zählen etwas Mathematik, technisches Verständnis, ein hohes Maß an Kreativität und Offenheit mit Menschen zu arbeiten. Diese Voraussetzungen erfüllte ich durch reichlich Praxiserfahrung. Das berufliche Reha-Assessment sah das damals anders. Und mein Berufswunsch musste den Vorstellungen der Behörden weichen. Gezwungenermaßen wurde ich zum Siebdrucker umgeschult, womit ich nicht viel anfangen konnte. Hier wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass ein „Behindertenstatus“ nichts bringen kann. Keine wirkliche Integration, sondern Ausgrenzung. Das war Integration gegen die zu integrierende Person. Es sollte aber umgekehrt sein: Man sieht das Potenzial und fördert es dementsprechend. Darum kann man mich vielleicht verstehen, warum ich einen Behindertenstatus eher kritisch sehe. Eine Legasthenie ist eine Schwäche, die man mit viel Mut und Selbstmotivation kompensieren kann, insofern man psychisch stabil genug ist. Deshalb braucht man keinen Behindertenstatus dafür. Ich hätte mir unter einem Berufsförderungswerk vorgestellt, dass man dort einen auf die individuellen Lernschwierigkeiten zugeschnittenen Förderunterricht bekommt. Das hätte in der freien Wirtschaft besser funktioniert. Aus meiner Sicht sind solche Einrichtungen nicht wirklich zeitgemäß.

Für mich hatten diese Erfahrungen aber auch etwas Gutes. Ich konnte mich einfach nicht auf den Staat verlassen, sondern musste lernen, in Eigenverantwortung meinen beruflichen Weg zu gehen. Einfach war dieser Schritt nicht. Er war unbequem. Heute kann ich auf diese Erfahrungen mit einem Schmunzeln und in Dankbarkeit zurückblicken. Diese Erfahrungen waren neben meiner Forschung ein gutes Rüstzeug für meine heutige Arbeit mit den betroffenen Schützlingen. Denn es gibt keinen Grund, warum wir als Legastheniker zur Gruppe „behinderter Menschen“ zählen sollten.

Man darf nicht leugnen, es gibt sicherlich Erwachsene, die aufgrund schlechter Lebensbedingungen nicht ausreichend gefördert wurden und neben der Legasthenie psychische Folgeerkrankungen bekommen haben. Hier mag es Einzelfälle geben, bei denen eine seelische Behinderung gegeben ist. Aber das gilt nicht für alle Betroffenen, weshalb die klinische Psychologie, die eine Legasthenie als Behinderung einordnet, keine Hilfe zu deren Bewältigung ist.

Meine langjährige Erfahrung zeigt: Man muss die Problematik Legasthenie und LRS wesentlich differenzierter sehen. Die Ursachen und die individuellen Probleme sowie die vorhandenen Lernvoraussetzungen sind bei den Betroffenen unterschiedlich. Dabei scheint der sozioökonomische Hintergrund der Betroffenen eine wichtige Rolle zu spielen. Erhalten Betroffene in ihrer Kindheit und Jugend Hilfe zur Bewältigung ihrer Schwäche, dann werden sie seltener seelische Probleme neben der Legasthenie oder LRS entwickeln. Die LRS ist meistens eine durch Umwelteinflüsse erworbene Schwäche, während die Legasthenie oft erblich veranlagt ist. Hier braucht es mehr Forschung. Nur wenn wir die Ursachen erkennen und uns mit der frühen präventiven Förderung auskennen, können wir die Betroffenen bei der Bewältigung und Kompensierung ihrer Schwäche begleiten, was ein individuelles Fallverstehen erfordert. In der heutigen deutschsprachigen Fachwelt passiert auf diesem Gebiet zu wenig, eine rein medizinisch diagnostizierte Rechtschreibstörung bringt den Betroffenen keine wirkliche Integration. Der Fokus muss auf Differenzierung und Prävention in der Kindheit und wenn nötig im Erwachsenenalter liegen. Erwachsene benötigen dann erfahrene und einfühlsame Experten an ihrer Seite, die möglichst diese Probleme selbst durchlebt und bewältigt haben.

Es mag sein, dass wir immer vom Selbsthilfeverband und von politischer Seite Unterstützung einfordern. Ich glaube aber, es ist eine sozialromantische Utopie, dass uns das Gemeinwesen umfassend integrieren kann. Die langjährige Praxiserfahrung zeigt, man wird als Betroffener nur durch Mut und mündige Selbsthilfe seinen Platz in der Gesellschaft finden. Von staatlicher Seite kann man das nicht erwarten. Sicherlich benötigen benachteiligte Betroffene auch Hilfe. Hier ist die Zivilgesellschaft gefordert, anderen Menschen unterstützend zur Seite zu stehen. Vom Staat ist auf lange Sicht keine Hilfe zu erwarten. Wer darauf hofft, wird sicherlich sehr enttäuscht werden.

Wir bieten umfassende Hilfe für erwachsene Legastheniker

Legasthenie Coaching bietet Beratung, Diagnostik und Einzelförderung für erwachsene Legastheniker

Legasthenie Coaching – Institut für Bildung und Forschung Dresden bietet Erwachsenen mit Legasthenie und anderen Lese-Rechtschreib-Schwächen individuelle Beratung für die berufliche Laufbahn und Bewältigung der Schwäche an.

Lars_Michael_Lehmann von Legasthenie CoachingDer Gründer des Instituts Lars Michael Lehmann ist selbst Legastheniker und ein erfahrener Experte auf diesem Gebiet. Mit seiner Arbeit ist er im deutschsprachigen Raum bekannt geworden. Er musste sich von der Sonderschule für Lernbehinderte persönlich und fachlich zum Experten und Wissenschaftler weiterentwickeln. Deshalb weiß er sehr genau, welche Herausforderungen es geben kann, sich als Betroffener für den richtigen Beruf zu entscheiden. Heute ist bekannt, dass Legastheniker die meisten Berufe ausüben können. Ausnahmen sind zum Beispiel sprachwissenschaftliche Berufe wie Germanist oder Berufe mit schwieriger schriftlicher Korrespondenz in Deutsch oder einer Fremdsprache.

Betroffene erhalten bei Legasthenie Coaching eine kostenfreie Erstberatung und eine wissenschaftlich fundierte Feststellung der Schwere der Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. Damit können Betroffene einen Nachteilsausgleich für die Berufsausbildung oder das Studium erhalten, der mehr Zeit bei schriftlichen Arbeiten beinhaltet. Das Institut hilft bei der Antragstellung des Nachteilsausgleiches bei der IHK, der Handwerkskammer oder Hochschulen bzw. Universitäten.

Es lohnt sich auch im Erwachsenenalter etwas gegen die Legasthenie zu tun, auch wenn sie häufig das ganze Leben über bestehen wird. Kompensiert werden kann sie mit Hilfe einer speziellen lerntherapeutischen Einzelförderung und einem berufsorientierten Coaching. Leider gibt es für diese Förderung keine staatliche Unterstützung. Betroffene können bei Legasthenie Coaching einen formlosen Antrag auf einen finanziellen Zuschuss stellen, wenn sie eine Bedürftigkeit nachweisen können. Das betrifft Bezieher von BAföG, Arbeitslosengeld 1 bzw. 2 sowie anderen Sozialleistungen.

Die Bewältigung einer Legasthenie im Erwachsenenalter verläuft bei jedem Betroffenen unterschiedlich und hängt von der Schwere der Schwäche, dem schulischen Kontext und der persönlichen Lernbereitschaft ab. Es gibt Betroffene, die ihre Schwäche gut bewältigt haben und erfolgreich im Berufsleben stehen. Andere haben zusätzliche seelische Probleme entwickelt, die eine Bewältigung der Legasthenie erschweren können. Deshalb ist die Arbeit mit Erwachsenen wesentlich komplexer als das bei Kindern und Jugendlichen der Fall ist.

Das Institut hat langjährige Erfahrung im genauen Erkennen der Schwäche und in der Bewältigung der Legasthenie im Erwachsenenalter. Ziel ist es, die Betroffenen dahingehend zu unterstützen, ihre Lernschwäche entsprechend ihrer Möglichkeiten zu kompensieren, damit sie ein unabhängiges und selbstbestimmtes Berufs- und Privatleben führen können. Andererseits sollen die Betroffenen, wenn nötig, wieder seelisch gesund werden, wozu auch andere psychologische Hilfen genutzt werden sollten. Denn Legastheniker können ihre Schwäche nur dann bewältigen, wenn sie seelisch stabil sind.

Indizien und Beobachtungen von Störungen im Sozialverhalten bei Legasthenikern und Dyskalkulikern

Dieser Artikel befasst sich mit den Beobachtungen der psychosozialen Probleme bei Legasthenikern und Dyskalkulikern im Jungend- und jüngeren Erwachsenenalter (bis 35 Jahren) aus pädagogisch und psychologischer Sicht.

Zuerst muss klargestellt werden, dass eine Legasthenie und Dyskalkulie im primären Stadium im Kindesalter, in der Regel keine Probleme in der psychosozialen Entwicklung bedeuten. Wird aber eine dieser familiär bedingten Lernschwächen nicht frühzeitig in der Grundschule bis zum Teeniealter mit adäquater Förderung kompensiert, kommt es unweigerlich zu Störungen im Sozialverhalten, die sich langfristig zu „Störungen des Sozialverhaltens“ ausprägen können. Diese können sich bis in das Erwachsenenalter schwerwiegend verfestigen und in der Regel, nach unseren Erfahrungen, mit einer hochspezialisierten pädagogischen Verhaltensmodifikation (ähnlich der Verhaltenstherapie), wieder kompensiert werden – was aber einen langwierigen Lern- und Änderungsprozess im Sozialverhalten des Betroffenen bedeutet.

Sicherlich spielen hier einige Umweltfaktoren für die Entwicklung eine Rolle, die mit den sozialökonomischen Verhältnissen (familiäres Umfeld, sozialer Status, Lernumfeld in der Schule, Methodik etc.), als wesentliche Rolle für die Entwicklungen psychosozialer Probleme sind. Erlebte der Jugendliche oder junge Erwachsene wenig Annahme, Wertschätzung und Liebe in seiner Familie mit seiner Legasthenie oder Dyskalkulie oder wurde nicht richtig in den Klassenverband in der Schule integriert ( wurde zum Außenseiter oder Klassenkasper..), können diese Probleme damit gefördert werden. Daher besteht die Gefahr, dass sich diese Schwierigkeiten mit schweren Folgen verfestigen können. Nicht selten werden Legasthenien und Dyskalkulien im Grundschulalter richtig diagnostiziert, daher reagieren auch häufig die Eltern oder das Lernumfeld mit Unverständnis, Leistungsdruck oder gar mit Ablehnung. Genau hier entwickeln sich im primären Stadium einer Legasthenie oder Dyskalkulie, häufig diese Störungen im Sozialverhalten, die häufig auch von der medizinisch-psychologischen Richtung als „psychische Störung“ eingeordnet werden. Dies ist ethisch eher bedenklich Ansatz, wird aber in den letzten 40. Jahren von pharmanahnen (BVL e. V.) vertreten, der dieses Thema sehr einseitig pathologisiert und als Stör- und Krankheitsbild etabliert hat. Nach unseren langjährigen Erfahrungen ist diese Herangehensweise strikt abzulehnen, denn es ist fatal, wenn man im eigentlichen Sinne, gesunde und normalentwickelte Kinder von vornhinein als psychisch gestört einordnet.

Ein wesentlich pragmatischer Ansatz wäre: „Wenn man diese Lernschwächen als Teil unserer Lernvielfalt, einfach respektieren und tolerieren würde, statt sie zu stigmatisieren.“ Denn diese Menschen haben in vielen anderen Bereichen spezielle Begabungen, die gefördert werden sollten. Der Fokus einer Störung bedeutet keine Integration, sondern Diskriminierung und soziale Isolation, bis in das reifere Erwachsenenalter. Wir kennen diese Entwicklungen persönlich und beobachten diese in unserer praktischen Arbeit bei unseren Schützlingen. So wird diese Thematik durch die Legasthenieverbande eher noch verschlimmern, daher ist Integration in die Mitte unserer Gesellschaft, in der gegenwertigen Situation fast unmöglich. Jedes Kind und Betroffene hat erstklassige pädagogische Förderung verdient, statt LRS-Klassen und Legasthietherapien, die am Ende wirklich zu schweren seelischen Problemen führen können. Denn, wenn man den Betroffenen eine Störung einredet, werden sie niemals eine normale Entwicklung erleben, dass mit komplexen Folgen für die gesamte persönliche Entwicklung und Integration.

Aus Beobachtungen, Forschung, sowie eigener Erfahrung kennen wir die Auswirkungen dieser sozialen Verhaltensprobleme fast aus dem Effeff (auch ganz persönlich!). Man hat es am eigenen Leibe erfahren, wie es sich anfühlt, legasthen und dyskalkul zu sein. Die Verhaltensänderung der antrainierten sozialen Verhaltensprobleme dauerte eine lange Zeit, war und ist kein einfacher Prozess. Durch die nichterkannte Lernschwäche entwickelten sich Versagensängste, was ein instabiles Selbstbild mit schweren Folgen für die gesamte psychosoziale Entwicklung darstellte. Detaillierte Erfahrungen werden demnächst geschildert, denn sie werden häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis Mitte dreißig beobachtet.

Uns belegt die wissenschaftliche Literatur, das, wenn man diese Schwächen nicht  im Lesen, Schreiben oder Rechnen nicht erkennt, wird es häufig auch zu Versagensängsten kommen, die zu Problemen in der psychosozialen Entwicklung führen werden. Sie sind also nicht direkt ein Problem von Legasthenikern oder Dyskalkulikern, sondern sind die Folge, einer ungenauen Beobachtung und Einschätzung der Probleme im frühen Grundschulalter, sowie auch häufig unzureichender Hilfsansätze – um die Schwäche zu kompensieren.

Nach Aussage von Klassen[1] hatten bei einer Untersuchung schon im Jahre 1971 von 500 Legasthenikern im Alter zwischen 6,0 und 18,11 Jahren 65 % Angstsymptome. Diese wurden von Erziehern oder Eltern bei den Untersuchungen geschildert. Besonders während der psychologischen Untersuchungssituation und der Lesetherapie im Klassenzimmer. Diese Beobachtungen kann man als Indiz für eine negative Entwicklung im Sozialverhalten deuten, die man mit einer richtigen Diagnostik, wertschätzenden und liebenden Haltung von seitens der Eltern und dem Lehrer-Schüler-Verhältnis präventiv in Griff bekommen könnte. Leider hier ist häufig aus Unwissenheit der wirkliche Knackpunkt, der an verschiedenen Faktoren hängt. Die wir an anderer Stelle erläutern werden.

Frühe Angsterlebnisse besonders in der Grundschulzeit werden sich unweigerlich auf die ganze Entwicklung der psychosozialen Entwicklung bis hin zum Lernverhalten, als auch der Identitätsbildung und psychischen Widerstandfähig (Resilienz) Auswirkungen haben, sofern nicht professionell pädagogisch-didaktisch und mithilfe der Gesundheitsberufe interveniert wurde. Daher stellt eine Legasthenie und Dyskalkulie keine Krankheit, Störung oder gar Behinderung dar, sondern sie kann sich als schwerwiegende Sekundärproblematik mit einer Vielzahl von Störungen im Sozialverhalten und der Persönlichkeit aus psychosoziologischer Sicht entwickeln, die weitgehend mit dem richtigen Umgang mit  diesen Lernschwächen vermieden werden könnten.

Aber hier zeigen sich, die meisten Probleme, weil der verbreitete Ansatz der Legasthenieverbände auf Störbilder abzielt, statt auf hochqualifizierter Intervention und spezialisierter Verhaltensoptimierung. Bis heute hat man in der Forschung diese Zusammenhänge in Praxis noch kaum untersucht. Dennoch liegen, nach Beobachtungen unserer langjährigen Arbeit die Zusammenhänge sehr nahe, dass eben das Verhalten unserer Umwelt sich wesentlich auf die sekundären psychosozialen Folgeerscheinungen, auf die seelische Entwicklung auswirken können. Daher ist die medizinisch-psychologische Rolle, in der wissenschaftlichen Erkenntnis nur ein Puzzle der sehr komplexen Erkenntnisse dieser Schwächen.

Ein deutlich wichtiger Aspekt ist die soziologische Beobachtung (Makro- und Mikrosystem) und Fachdidaktik im Anfangsunterricht,  die sehr wahrscheinlich als Umweltfaktoren auf die Entwicklung sekundärer Probleme sich maßgeblich auswirken. Nach unserer Sicht ist die Dominanz einerseits der sehr einseitigen störbildorientieren Legasthenieverbände und der Unwille zur Differenzierung im Bildungswesen (LRS und Legasthenie), mit als Ursachenherd unserer Probleme zu identifizieren. Zum einen mag es Unwille, oder gar Berufsblindheit vieler Fachdisziplinen eine der Ursachen sein. Dass sich schon seit vielen Jahren sich wenig für die Betroffenen bewegt. Pragmatismus statt Stigmatisierung, ist in der ganzen Sachdiskussion, wenig zu finden. Die meisten Fachdisziplinen auf diesen Gebiet, tun ihre wissenschaftliche Rolle überbewerten. Daher hilft nur ein fachübergreifender Ansatz einer deutlich moderneren Legasthenie- und Dyskalkulieforschung maßgeblich in der Bildungsforschung.

Unsere Erkenntnisse und Beobachtungen, besonders im Sozialverhalten und deren Störbildern bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, werden wir, demnächst an dieser Stelle aus der eigenen Biografie und ähnlicher Fälle beschreiben. Denn es sind uns Zusammenhänge aufgefallen, die sich als wiederkehrende Muster im Sozialverhalten bei Legasthenikern und Dyskalkulikern, gleichermaßen zeigen.


[1]
                (vgl S. 128f) Klassen, E. (1971). Das Syndrom der Legasthenie – Unter besonderer physiologischer, psychopathologischer, testpsychologischer und sozialer Korrelate.