3 Min LesezeitRezension: Der orthografische Fehler

Dieser Band bietet einen Überblick über die orthografische Fehlerforschung seit ihren Anfängen vor rund 100 Jahren. Dazu werden aktuelle Verfahren wie standardisierte Tests und qualitativ-entwicklungsorientierte Fehleranalysen behandelt.

Gleich in der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass unsere Schüler nach 10 Jahren Schulbesuch ohne ausreichende Rechtschreibkenntnisse die Schule abschließen. Gleichzeitig gibt es immer weniger sprachdidaktische Forschungsvorhaben zum Schriftspracherwerb. Eine qualifizierte Deutschlehrerausbildung tendiert gegen Null. Man bezieht sich auf den daran angelehnten Buchtitel: „Rechtschreibung mangelhaft“ von Gerhard Augst (1974). Die Forschung auf diesem Gebiet hat sich in den letzten 42 Jahren nicht weiterentwickelt, wie die Autoren es in diesem Sachbuch verdeutlichen.

Der vorliegende Band gibt es einen Überblick in die frühe orthographische Fehlerforschung und beschreibt detailliert die psychologisch-ätiologische Fehlerforschung mit ihren Fehlerarten, Typologien und Fehlern. Zudem wird auf strukturelle und anwendungsorientierte Fehlersysteme eingegangen. Bis hin zur weiteren Vertiefung folgt die deskriptiv-quantifizierende Fehlerforschung, die die Erforschung der Fehlersysteme, Fehlertypologie, Fehlerkategogrien und die weiteren deskriptiven Untersuchungen und Übersichten beschreibt.

In einem weiteren Kapitel wird auf die Orthographiesystematik und Entwicklungsorientierung der Fehlerforschung eingegangen. Um nur einige wichtige Schwerpunkte herauszustellen, wird auf die qualitativen Fehleranalysen mit seinen Phasenmodellen des Orthographie-Erwerbs eingegangen. Dort werden die bekannten Stufenmodelle nach FRITH und VALTIN sowie das Modell nach BRÜGELMANN & BRINKMANN beschrieben.

Im vierten Kapitel werden die aktuellen Instrumente und weiteren Verfahren zu Fehler- und Förderanalyse in ihren methodischen Grundlagen zur Messung von Rechtschreibleistungen, besonders im Bezug auf qualitative/quantative Fehleranalysen, in ihren theoretischen Hintergründen beschrieben. Dann folgen HSP und die AFRA sowie OLAF als Fehleranalysen für die gängigen Diagnose- und Förderkonzepte. Anschließend folgt ein Vergleich zum Einsatz von qualitativen Fehleranalyse-Instrumenten in der Förderung.

In einem weiteren Kapitel gehen die Autoren auf den Orthographie-Erwerb unter besonderen Bedingungen ein, z.B. bei gravierenden Rechtschreibproblemen, LRS/Legasthenie sowie bei Deutsch als Zweitsprache. Dazu bietet der Band einen umfangreichen Anhang mit einer Phonem-Graphem-Korrespondenz in Deutsch, mit Verzeichnissen der Tabellen, erwähnten Tests und Handbüchern, Literaturverzeichnis und Sachregister.

Abschließende Einschätzung
Dieser Band verdeutlicht hervorragend den wissenschaftlichen Stand der orthographischen Fehlerforschung. Es beschreibt anschaulich die verschiedenen Theorien und Modelle die im Lese-Rechtschreiberwerb bekannt sind. Es ist in diesem Band besonders gelungen, wissenschaftlich fundierte Argumente für qualitative Fehleranalyse-Instrumente, die für den Praktiker sinnvoll sind, zu geben. Besonders die Oldenburger Fehleranalyse (OLFA) deutet auf ein wertvolles Analyse- und Förderkonzept hin. Es eignet sich gut für die qualitative Fehleranalyse und Förderung bei LRS und Legasthenie gleichermaßen. Uns hat hierbei besonders gefallen, dass auf die angenommenen Differenzierungen zwischen LRS und Legasthenie der Fachwelt selten Rücksicht genommen wird. Es wird verdeutlicht, dass es viele Therapie- und Förderkonzepte gibt, die nicht wissenschaftlich auf ihre Evidenz untersucht worden sind. In diesem Band finden wir als Praktiker und Forscher viele Hinweise die uns deutlichmachen, dass es noch sehr viel Forschung bedarf – dass Interdisziplinär, um Legasthenikern und von LRS-Betroffenen eine noch bessere Förderung bieten zu können.
Nach unserer Erfahrung könnte die qualitative Fehlerforschung einen wichtigen Ansatz liefern. Auch die Therapieansätze der klinisch-psychologischen Fachrichtung (Bundesverband Legasthenie) überzeugen bisher wenig, denn sie sind, wie viele Ansätze, sehr grob und nicht differenziert in der Diagnose und Förderung einsetzbar.

Uns wird in diesem Sachbuch verdeutlicht, dass langfristig ein qualitativer Ansatz in der Förderdiagnose und Förderung durchgesetzt werden sollte, denn dies könnte ein geeigneter Ansatz zur Früherkennung und präventiven Förderung sein. Davon können alle Betroffenen mit Lese-Recht-Schreibproblemen profitieren.

Der orthografische umschl_orthfehlFehler
Grundzüge der orthografischen Fehlerforschung und aktuelle Entwicklungen. Jun.-Prof. Dr. Katja Siekmann ist Sprachdidaktikerin mit dem Schwerpunkt Schriftsprach-/Orthographie-Erwerb insbesondere der Diagnose und Förderung rechtschreibschwacher Schülerinnen und Schüler an der Universität Münster und Prof. Günther Thomé ist Sprachwissenschaftler und -didaktiker an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er ist studierte Linguistik für diverse Sprachen. Seit 30 Jahren erforscht er den Schriftspracherwerb im Deutschen als Erst- und Zweitsprache auf der Grundlage von Fehleranalysen.
ISBN: 978-3-942122-07-8
303 S., Preis: 29,80 Euro

Das Buch kann beim isb. Institut für sprachliche Bildung – Verlag bestellt werden.