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Wie können Betroffene mit LRS erwachsen werden?

Die Mythos: „LRS wächst sich aus“

 Dass sich eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) „auswächst“, haben bestimmt viele von Lehrern oder anderen Menschen gehört. Warum das nicht stimmt, zeigen wir in unserer praktischen Arbeit mit Klienten sowie in unserer geführten Diagnostik und Forschungsarbeit. Die Annahme, eine LRS oder spezifische erbliche Legasthenie verschwinde von selbst und ohne gezielte Maßnahmen, ist eine unwahre Erzählung, die man bis heute aus Schulen von Lehrern oder in öffentlichen Gesprächen hört.

Zutreffend ist, dass es Fälle gibt, in denen Betroffene ihre Schwierigkeiten bis ins Erwachsenenalter mit gezielter Förderung gut bewältigen. Ganz verschwinden tut die Schwäche jedoch nicht.

Die Herausforderungen beim Erwachsenwerden

Daher müssen Jugendliche mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche – unabhängig von deren Ursachen – erwachsen werden. Für manche ist dies eine größere Herausforderung. Denn nicht wenige haben mit dem Selbstwertgefühl zu kämpfen, haben Ängste oder trauen sich zu wenig zu. Nicht selten leiden Jugendliche an seelischen Folgeerkrankungen wie Depressionen oder anderen Störungen. Was wir häufig beobachten: Betroffene entwickeln Suchterkrankungen wie Spiel- oder Internetsucht, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Das muss nicht in jedem Fall so schwerwiegend sein, doch es kann vorkommen, dass junge Erwachsene zusätzlich psychische Probleme haben.

Obwohl LRS mit einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen einhergehen kann, ist die Annahme, dass sie automatisch zu psychischen Erkrankungen führt, wissenschaftlich nicht haltbar. Entscheidend sind vielmehr die Begleitumstände wie Förderung, soziales Umfeld und individuelle Bewältigungsstrategien.

LRS und psychische Gesundheit: Was sagt die Forschung?

Ob eine Lese-Rechtschreib-Schwäche automatisch ein psychisches Problem bedingt, ist umstritten. Richtig ist: Wurden die Schwierigkeiten in der Kindheit ignoriert, besteht die Gefahr, dass sie zu seelischen Problemen führen. Nicht ohne Grund ist die Lese-Rechtschreib-Störung daher im Manual der psychischen Störungen (ICD-10/11) der WHO aufgeführt. Dass dies bei allen Betroffenen zu seelischen Erkrankungen führt, bestätigt sich in der beruflichen Praxis jedoch nicht. Daher muss von einer sehr verallgemeinerten und undifferenzierten Kategorisierung gesprochen werden, die nicht auf alle Fälle zutrifft.

Ohne frühe Prävention durch eine gezielte Lerntherapie in der frühen Kindheit besteht die Gefahr, dass sich psychische Nebenerkrankungen entwickeln. Hier ist nicht die Legasthenie oder LRS der Auslöser, sondern ungünstige soziale Umweltbedingungen in Schule und Familie – wie soziale Benachteiligung, Familienkonflikte oder fehlende zielgerichtete Förderung in der Grundschulzeit. Dies sind nur einige der vielen Ursachen, die zu Störungen im Sozialverhalten führen können. Für uns ist dies eine weitere Erklärung dafür, dass Betroffene möglicherweise anfälliger für psychische Folgeerkrankungen sind, da das Gehirn neurologisch Sprache und Sinneseindrücke verarbeitet. Dass alle Menschen mit LRS psychisch krank sein müssten, teilen wir nicht. Hier muss man differenzierter betrachten.

Die Rolle des Elternhauses und der Förderung

Viel wichtiger ist es, Betroffene beim Erwachsenwerden zu unterstützen, ihr Selbstvertrauen und ihren persönlichen Wert zu fördern. Nicht selten sind Eltern mit dem Thema einer guten Identitätsförderung überfordert, da sie nicht nachvollziehen können, wie schwer es ist, sich mit dieser Schwäche nicht minderwertig zu fühlen.

Wichtig sind neben selbstwertfördernden Hobbys wie Sport, Musik, Technik oder Feuerwehr. Hier finden Betroffene viele Möglichkeiten, sich neben schulischen Leistungen gut zu entwickeln. Haben sie in anderen Bereichen gute Unterstützung erhalten, fällt es ihnen leichter, Ziele für die berufliche Entwicklung zu finden. Dabei spielen Schule und Elternhaus eine wichtige Rolle, um das Selbstvertrauen zu stärken. So besteht eine gute Chance, gesund erwachsen zu werden.

Berufliche Orientierung: Vorbildfunktion und gesellschaftliche Einflüsse

Aus Erfahrung wissen wir, dass dies bei jungen Erwachsenen unterschiedlich ist. Nicht wenige erhalten durch die berufliche Rolle der Eltern eine Vorbildfunktion: Ist der Vater Techniker oder Handwerker, die Mutter Krankenschwester, entwickeln sich bei den heranwachsenden Erwachsenen oft berufliche Vorlieben in ähnlicher Richtung. Dies lässt sich bei Betroffenen – ob bei jungen Männern oder Frauen – immer wieder beobachten: Das Berufsbild der Eltern prägt Interessen und Wege. Auch in einer Zeit, in der sich Berufsbilder wandeln, sind solche Entwicklungen erkennbar. Hier ist das Elternhaus eine wichtige Unterstützung.

Andere Familienmitglieder können ebenfalls prägend wirken – sei es der Großvater, der Tischlermeister ist, oder die Tante, die Bäckerin ist. Es gibt jedoch auch andere Entwicklungen: Da unsere Gesellschaft nicht homogen ist, gibt es Betroffene, die soziale Benachteiligung oder Arbeitslosigkeit vorgelebt bekommen. Ihnen fällt es dann schwerer, berufliche Vorstellungen zu entwickeln, da es keine konkrete Vorstellung davon gibt, wie Arbeit oder tägliche Routinen aussehen können. Noch komplexer wird es für Betroffene in Familien, in denen Elternteile behindert sind. Dass sie dennoch einen guten Beruf finden, ist jedoch nicht ausgeschlossen.

Fazit: Selbstbestimmung durch Unterstützung

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Elternhaus ist ein wichtiges Vorbild dafür, wie Kinder mit einer LRS zu selbstbestimmten Erwachsenen heranwachsen, die ein Leben in Selbstbestimmung führen können. Betroffene haben unterschiedliche Chancen und Möglichkeiten, sich entsprechend ihrer Fähigkeiten zu entwickeln. Wichtig ist: Wenn das Elternhaus diese Unterstützung nicht leisten kann, müssen gute Begleiter und Mentoren vorhanden sein, um sie in ihrer Identität zu bestärken und zu fördern.