Gute Erziehung legt die Grundlage zur Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Erziehung ist eine gute Basis für die Bewältigung der Lese-Recht-SchreibschwächeUnsere Erziehung gibt vor, wer wir werden und was wir tun (Parens, 2017). So titelt Prof. Henri Parens, MD der Thomas Jefferson University, in einem Fachaufsatz, der im Buch „Bindung und emotionale Gewalt“ des bekannten Bindungsforschers Karl Heinz Brisch herausgegeben wurde. Die Eltern-Kind-Bindung ist eine wichtige Grundlage für die Erziehung und emotionale Entwicklung der Kinder. Sie bildet die Basis dafür, wie sich das Selbst und langfristig das Selbstbild des Kindes entwickeln wird. Diese Erkenntnisse sind wichtig für die Legasthenieforschung, denn eine gute Erziehung ist eine wichtige Grundlage dafür, dass sich Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwächen langfristig bis ins Erwachsenenalter gut entwickeln können. Oder die Kinder haben durch ungünstige Umweltbedingungen und Bindungsmuster eine geringere Bindungsfähigkeit, woraus psycho-soziale Verhaltensstörungen bis hin zu einer seelischen Behinderung entstehen können.

Deshalb muss auch die Definition der Lese-Rechtschreib-Störung als generalisiertes Krankheitsbild Kritik aushalten. Hier müssen wir uns die Fragen stellen: Kommen lese-rechtschreib-schwache Kinder mit einer Krankheit auf die Welt? Oder werden sie erst durch ihre Umwelt, durch ihre Erziehung, das Schulwesen und die Gesellschaft zu auffälligen Kindern?

Ein medizinisches Störbild Lese-Rechtschreib-Störung verhindert holistisches Fallverstehen und vernachlässigt Erziehung und Bildung

Die medizinisch-psychologische Fachwelt betrachtet die Lese-Rechtschreib-Störung häufig als ein pathologisches Konstrukt. Man misst die Auffälligkeiten im Lesen und Schreiben, in vielen Fällen dazu auch die Intelligenz, die Konzentration und vergleicht sie dann mit der entsprechenden Altersklasse. Statistisch gesehen mag man damit auffällige Kinder entdecken. Häufig entdeckt man sie aber nicht, weil die gemessenen Ergebnisse je nach Tagesform schwanken können.

Viel wichtiger aber ist die Frage: Wie hat sich das Kind im Verlauf seines Lebens psycho-emotional entwickelt? Hierbei spielt die Erziehung, die auf der Bindungsfähigkeit zu den Eltern beruht, eine wichtige Rolle, inwiefern langfristig Lese-Rechtschreib-Schwächen durch genauere Kenntnis der Entwicklungsgeschichte kompensiert und bewältigt werden.

Ein Aspekt dabei ist, es muss Indikatoren dafür geben, warum seelische Gewalt oder gar Vernachlässigung sowie eine geringe Bindungsfähigkeit zu Lernschwächen im Lesen und Schreiben führen können. Diese Dimensionen wurden bisher in der Legasthenieforschung nur wenig berücksichtigt.

Aus dieser Betrachtungsweise heraus wird deutlich, dass die Diagnose Lese-Rechtschreib-Störung für eine nachhaltige Hilfe nicht ausreicht. Hierzu braucht es ein holistisches Fallverstehen, welches die gesamte Entwicklung der Betroffenen einbezieht. Deshalb ist der familiäre Hintergrund als Bindungs- und Erziehungsinstitution für das Verstehen des Einzelfalls unumgänglich. Darum greift eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fähigkeiten als medizinisches Störbild (Krollner, 2018) zu kurz. Diese Definition etikettiert und stigmatisiert die Betroffenen. Aus ethischer und menschenrechtlicher Perspektive sollte diese Definition aus der ICD-10-GM gestrichen werden.

Institutionelle Prägungen beeinflussen und formen die Erziehung und Bildung

Familien erziehen ihre Kinder von Anfang an unter dem Druck der in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschenden Ideen und Vorstellungen. Diese institutionellen Prägungen beeinflussen und formen die jeweilige Erziehung und dadurch die psycho-emotionale Entwicklung der Kinder. Deshalb spielt die Erziehung eine wichtige Rolle für die kognitive Lernfähigkeit und Reifung der Kinder. Erfahren Kinder Liebe und Angenommensein, werden sie daraus eine gesunde Bindungsfähigkeit entwickeln können, die sie psycho-emotional zu resilienten Kindern werden lässt. Je stabiler die Kinder mit Lernschwächen heranwachsen können, desto besser können sie ihre Legasthenie bewältigen. Andere Kinder wiederum werden keine LRS erwerben, wenn ihre Umwelt (Familie und Schulwesen) bestmögliche Bedingungen bietet.

Andererseits muss es möglicherweise am Erziehungsstil und der familiären Vorprägung und ihrer Familienhistorie liegen, ob sich Kinder fehlentwickeln oder das Leben in seiner Entwicklung gelingen kann. Dabei scheinen gesellschaftliche und öffentliche Bildungsinstitutionen durch eine vorgeprägte Gruppenidentität eine Rolle im dynamischen Entwicklungsprozess zu spielen. Vermutlich spielt die Kernfamilie eine größere Rolle, wie wir in ihr geprägt werden und was aus den Kindern später einmal werden kann. Je günstiger die Bedingungen sind, desto besser werden Betroffene mit Lese-Rechtschreib-Schwäche durch das Schul- und spätere Erwachsenenleben gelangen. Deshalb legt die Familie durch ihre Erziehung eine wichtige Basis für das Lernen allgemein (Lehmann, 2018).

Quellen:

Krollner, D. B. (2018). F81.-Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. http://www.icd-code.de. ICD-10-GM, Version 2018, Systematisches Verzeichnis: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Zugriff am 5.5.2018. Verfügbar unter: http://www.icd-code.de/icd/code/F81.0.html

Lehmann, L. M. (2018, April 17). Eltern-Kind-Bindung und emotionale Entwicklung sind wichtige Faktoren zur Bewältigung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. http://www.legasthenie-coaching.de. Internetpräsenz von Legasthenie Coaching – Institut für Bildung und Forschung gUG (haftungsbeschränkt), Zugriff am 5.5.2018. Verfügbar unter: https://www.legasthenie-coaching.de/eltern-kind-bindung-und-emotionale-entwicklung-sind-wichtige-faktoren-zur-bewaeltigung-einer-lese-rechtschreib-schwaeche/

Parens, H. (2017). Bindung und emotionale Gewalt (Fachbuch Klett-Cotta). Das bösartige Vorurteil – Ein Weg zur Entladung emotionaler Gewalt (Band Bindung und emotionale Gewalt, S. 145–178). Klett-Cotta.

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