Posts Tagged ‘Erwachsene’

Ich bin anders, aber ganz Normal! – Ein Leben mit Dyskalkulie und Legasthenie im Erwachsenenalter

Montag, Januar 30th, 2012

Bis Ende März, Anfang April wird es eine 20-minütige Aufklärungsreportage mit einem unserer Schützlinge geben. Jana Kunath wird uns von Ihrer Lebensgeschichte als Betroffene erzählen. Und uns ins alltägliche Leben einer Betroffenen erwachsenen mitnehmen.

Wie bei sehr vielen Betroffenen hat man nicht genauer hingesehen, dass Jana Kunath (23 Jahre) nicht lernbehindert ist. Sondern, die Probleme, die Sie mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen hat. Seit der Grundschulzeit, mit einer Kombination einer familiär bedingten Legasthenie/Dyskalkulie zu tun hatten. Sie durchlief wie die meisten eine Förderschule für Lernbehinderte. Lernte einen Beruf deutlich unter Ihren Fähigkeiten, obwohl Sie in der Lage ist, eine normale Ausbildung zu absolvieren.

Eines Tages bemerkte es aber eine Psychologin das Jana Kunaths Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen zusammenhängen müssen. Dass aber unabhängig von Ihrer „normalen“ Intelligenz. Ganz abgesehen davon haben wir die Beobachtungen bestätigen können, dass sie keine klassische Lernbehinderte ist. Sie ist zwar anders, aber normal wie alle anderen jungen Erwachsenen in ihrem Alter.

Seit dieser Zeit nahm Ihr Leben eine gute Wende! Genau über diese authentische Lebensgeschichte werden wir eine schöne Reportage drehen. Tabea Osswald wird uns bei der Regie und Umsetzung unterstützen.

Weitere Infos wird es an dieser Stelle in der kommenden Zeit geben!

Dyskalkulie bei Erwachsenen – Wenn Zahlen keinen Sinn ergeben

Donnerstag, Januar 5th, 2012

Es gibt viele Erwachsene, die nicht richtig Rechnen können, denen zumindest die einfachsten Grundrechenarten nicht gelingen, im Alltag anzuwenden. Sie können mit Größen, Mengen, Zeitabläufe, Maßeinheiten, Gewichten, Geld nicht viel anfangen – weil Zahlen für sie keinen Sinn ergeben, obwohl sie von der Intelligenz her durchschnittlich bis überdurchschnittlich normal sind.

Erwachsene, die mit dem Rechnen Probleme haben, gelten nicht selten aus Unwissenheit in unserer Gesellschaft als Lernbehinderte. Man muss aber auch wissen, dass die Forschung sich bisher recht wenig mit diesen Problem beschäftigt hat, zumindest hat sie es nicht umfassend. Nur als Lernstörung, wie es die WHO versteht, kann man die Probleme nicht einordnen. Das ist einfach zu pauschal und hilft den Betroffenen kaum etwas. Nein, es verstärkt eher noch die Probleme, da man die Schwierigkeiten zu therapieren versucht,
die man nicht therapieren kann. Es gibt zumindest keine wissenschaftlichen Belege dazu. Seit etwa 20 Jahren forscht man in diesem Bereich. Den Begriff Dyscalculia kennt man seit den 70er Jahren in Amerika als umschriebene Rechenstörung, genauer gesagt, als pauschalisierte Lernstörung. Deswegen ist auch die wissenschaftliche Betrachtung auf diesem Gebiet sehr diffus, besonders was die Diagnostik in ihrer Gesamtheit betrifft. Überwiegend werden falsche Diagnosen gestellt, Betroffene wissen selten Bescheid, welche Probleme sie wirklich haben. Nicht zu vergessen ist, dass eine Dyskalkulie überwiegend als Kombination Dsykalkulie/Legasthenie in Erscheinung tritt. Es ist unsere persönliche Erfahrung, und wir beobachten es auch in unserer praktischen und wissenschaftlichen Arbeit mit Betroffenen aller Alterklassen.

Zumindest weiß man heute, dass eine Dyskalkulie auch familiär bedingt ist, wie die Legasthenie schon durch die Genforschung belegt wurde. Zumindest liegen die Indizien dafür sehr nahe. Zum anderen gibt es auch umfangreiche erworbene Rechenschwächen, wie sie häufig bei einer erworbenen LRS zu beobachten ist. Da es keine wirklichen Klassifikationen gibt, ist die Diagnostik und Förderung sehr umfangreich, da es nur sehr wenige Spezialisten gibt, die Ursachen und Wirkungen Unterscheiden können. Von staatlicher Seite gibt es da auch keine optimale Förderung, von der Grundschule angefangen, bis hin zum Berufsleben.

Erwachsene fallen aber auf, dass sie sich völlig normal verhalten und in den allgemeinen Fächern durchschnittlich bis gute Ergebnisse erzielen. Bei einem Dyskalkuliker geht es um den Erwerb rechnerischen Grundfertigkeiten, es geht hierbei nicht darum, dass er nicht rechnen kann, sondern es geht um den Grunderwerb des Rechnens. Sie liegt eindeutig an den unterschiedlichen Funktionen der Teilleistungen, wie bei einer Legasthenie. Darum nennt man auch die Dyskalkulie die Schwester der Legasthenie. Die überwiegend als Kombination auftritt und nach unseren Beobachtungen auch familiär bedingt sind. In unserer langjährigen Arbeit ist uns noch kein Betroffener aufgefallen, der keine kombinierte Variante hatte. Trotzdem kann eine Legasthenie isoliert von einer Dyskalkulie auftreten. In der Wissenschaft gibt es leider keine Studien dazu, die diese Schwierigkeiten zusammen betrachtet haben. Zumindest ist uns keine Studie bekannt. Es gibt sie nicht einmal im Bereich Legasthenie und LRS.

Eine Dyskalkulie ist auch eine andere Denkfähigkeit und Lernfähigkeit, wie die Legasthenie. Das Hirn ist in diesen Bereich anders organisiert, die Sinnesfunktionen, die für das reibungslose Lernen dieser Fähigkeiten zuständig sind, verursachen die Probleme durch eine besondere erbliche Besonderheit in der Verarbeitung im Sprachzentrum, die für die visuelle Verarbeitung von Mengen zuständig ist. Nichts anderes ist eine Dyskalkulie. Trotzdem kann man auch als erwachsener Dyskalkuliker die Schwierigkeiten mit dem Rechnen überwinden und kann das Rechnen wie andere Nicht-Betroffene noch erlernen.

Viele Erwachsene haben das bei guter Intelligenz meistens nur einen Hauptschulabschluss erreicht, da sie meistens an den hartnäckigen Problemen beim Erwerb der Grundrechenarten in der Schule gescheitert sind. Alltägliches Rechnen im Kopf macht ihnen große Probleme, weil sie die Grundrechenarten nicht verinnerlicht haben. Besonders wenn sie Einkaufen gehen, können sie nicht die gekauften Artikel abschätzen oder Zusammenzählen, wie groß der Geldbetrag ist. Sie haben einfach keinen Sinn, wie groß die Menge an Mehl ist, die benötigt wird, wenn sie beispielsweise einen Kuchen backen möchten. Auch Zeitabläufe, wie Stunden, Wochen, Monate, Jahre machen große Probleme – sie haben für andere scheinbar wenig Sinn dafür.

Wenig Sinn für Zahlen zu haben, macht den Betroffenen sehr große Probleme sich im Alltag zu orientieren, an diesen Schwierigkeiten wird der Zugang für eine angemessene Ausbildung in der Regel scheitern. Für die meisten wird diese Entwickelung zum Teufelskreis, da wenige Fachleute sich damit auskennen diese Probleme zu überwinden.

Beobachtet man aber einen Dyskalkuliker, wird einem auffallen, dass er in den allgemeinen Aufgaben völlig normal sich verhält. Er wird sich unauffällig im Leben bewegen können, er kann sich auch völlig Normal sprachlich Artikulieren, was auch ein sehr wichtiger Indiz für eine durchschnittlich normale Intelligenz bedeutet. Wie schon erwähnt muss man eine Dyskalkulie und Legasthenie immer im engen Zusammenhang sehen und verstehen, wie auch diagnostizieren. Leider wird dies sehr selten so gehandhabt, da man die Probleme meistens isoliert voneinander betrachtet. Darum erhalten die meisten Betroffenen keine umfassende Diagnose der Ursachen und Wirkungen ihrer wirklichen Probleme, da die Förderung sehr unterschiedlich ist.

Auch kombinierte Probleme kann man sehr gut durch umfassende Förderung im Erwachsenenalter in den Griff bekommen.

Wir werden demnächst über einen erwachsenen Schützling berichten, der uns an dieser Stelle in Form eines Filmbeitrages berichten wird.

Ratgeber: Legasthenie im Erwachsenenalter

Mittwoch, Dezember 14th, 2011

Es gibt viele Erwachsene hier in Dresden und Sachsen, die von einer Legasthenie betroffen sind. Nach Schätzungen der EDA (European Dyslexia Association) geht man von rund 30 Millionen Europäern aus, die Probleme mit den Lesen und Scheiben haben. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es sehr unterschiedliche Aussagen, wie hoch die Zahlen sind. Die Zahlen variieren von 5-25 Prozent. Wahrscheinlich sind 15 Prozent nicht unrealistisch, es wären auf die Dresdner Landeshauptstadt immerhin 76.000 Einwohner die Betroffen sind. Und in Sachsen wären es demnach rund 670.000 aller Altersklassen.

Mit solchen Zahlenspielen kann man nur darstellen, dass wir mit sehr großer Sicherheit ein großes Problem mit Menschen die Schwierigkeiten mit dem Erwerb des Lesens und Schreibens haben. Mehr aber auch nicht! Hier werden alle Probleme sehr grob zusammengefasst.

Es gibt sehr große Unterschiede zwischen familiär bedingten (Legasthenie) und erworbenen (LRS) Problemen mit den Lesen und Schreiben verursachen. International gesehen gibt es aber keine wirkliche Unterscheidung der Probleme, da man sie nur als Dyslexia (seit 1940) kennt. Bis heute ist schon einiges in der Forschung geschehen, aber es gibt darüber keinen wirklichen Konsens, wie man diese Schwierigkeiten klassifizieren müsste. Darum haben wir schon seit vielen Jahrzehnten ein großes Problem in der Diagnostik und individuellen Förderung dieser Menschen. Weil, man sich weniger mit den Ursachen und Wirkungen beschäftigt hat und eben nur die Symptome allgemein zusammen gefasst hat.

Die Realität ist es eben deutlich Komplexer, als eine sehr grobe Zusammenfassung nach einer ICD-10-Klassifizierung der WHO. Daher sind alle Versuche zum Scheitern verurteilt, weil man an den falschen Stellen die Ursachen und Auswirkungen sucht, den sie sind nicht immer mit einer Lernstörung oder mit seelischen Problemen zu begründen.

Bis heute gibt es darüber keinen Konsens über die Unterscheidung der Probleme mit den Lesen und Schreiben. Der Psychiater Paul Ranschburg erfand den Begriff Legasthenie, der aber von nachhaltigen geistigen Rückständen höheren Grades ausging. Daher kamen viele Betroffene auf eine Sonderschule für Lernbehinderte, diese Definition wirke bis heute noch nach, daher haben diese Probleme bis heute einen überbetonten medzinsch-psychologischen Ansatz. Dieser bildete für die meisten Methoden die Grundlage zur Lerntherapie dieser umschriebenen Lernstörungen. Darum gibt es unzählige Förderansätze, die für die Hilfesuchenden nicht verständlich sind. In den 50er Jahren widerlegte die Schweizer Psychologin Dr. Maria Lindner die Sichtweisen von Ranschburg und setzte sich für eine normale Beschulung legasthener Schüler ein, in dieser Zeit wurden die Schüler ganz praktisch in die Schule integriert. Was bis in die 60er Jahre in den alten Bundesländern der Fall war. Danach ging man wieder große Schritte zurück, man bezeichnete die Probleme als Lernstörung und Teilleistungsstörung und betonnte ohne Unterscheidung der Ursachen und Wirkungen übermäßig den medzinisch-psychologische Aspekt, woraus der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. entstand. So war die Entwicklung bis zur Wendezeit in den alten Bundesländern, und die Ansätze wurden auch hier in den neuen Bundesländern teilweise übernommen.

Zu DDR-Zeiten waren wir von jeglicher internationaler Forschung abgekoppelt. Sicherlich war die Definition von Ranschburg noch geläufig, da viele Betroffene auf eine Sonderschule oder in eine LRS-Klasse kamen. Von staatlicher Seite hat sich bis heute nichts zum Positiven geändert, dass haben wir persönlich erlebt und beobachten es auch bei sehr vielen Betroffenen im Erwachsenenalter in der praktischen Arbeit. Die Lage ist unverändert schwierig besonders wenn es, um die Förderung und Integration geht.

Eine wirkliche Legasthenie liegt schon seit Generationen als familiär bedingte Anlage vor, die sehr facettenreich auftreten kann. Sie hat jedenfalls eindeutig nichts mit Unvermögen oder Dummheit zu tun, sondern gehört schon immer zu uns Menschen. Eine große Rolle spielt auch unsere kulturelle Entwicklung der letzten 250. Jahre, wo das Lesen und Schreiben immer wichtiger wurde. Wer bis heute eben nicht diese Fähigkeiten ausreichend beherrscht, gilt in der Öffentlichkeit als schwach, krank und behindert. Sicherlich mag es erworbene Probleme zur Unterscheidung geben, die eine Beeinträchtigung des Lernens erschweren können. Darum muss man die Probleme auch unterscheiden, um den Betroffenen überhaupt helfen zu können. Deswegen sind die Probleme mit dem Lesen und Schreiben nicht dieselben!

Daher kann man in der Diagnostik auch bei einem Erwachsenen die Ursachen nicht anhand eines LRS-Tests erkennen, sondern hierfür braucht es langjährige fachübergreifende Erfahrungen, um die wirklichen Ursachen zu erkennen. Meistens haben junge Erwachsene schon im Leben viel erlebt, durchliefen eine Sonderschule oder eine LRS-Klasse, oder mogelten sich anders durch die Schullaufbahn. Die Probleme sind deswegen nicht weniger geworden. Sicherlich sind die Ursachen in der unzureichenden frühen differenzierten Diagnostik und umfassenden Förderung zu suchen. Ein Großteil hat beides nicht erfahren. Weswegen dies auch gravierende Auswirkungen in der ganzen persönlichen Entwicklung hatte. Jeder Betroffene erlebt dies sehr unterschiedlich, es spielt auch der familiäre und soziale Status eine wichtige Rolle.

Deswegen sind auch die Probleme der Erwachsenen sehr unterschiedlich, eine ganze Menge entwickelt im Laufe der Zeit auch seelische Folgeerkrankungen, weil man die Wurzel des Problems nicht genauer erkannt, hat. Denn eine differenzierte Diagnostik kann diese sekundären Erkrankungen präventiv vermeiden, weil eine Legasthenie ganz selten seelische Probleme in der Kindheit verursacht. Nur langfristig werden die Probleme hinzukommen und die wirklichen Ursachen überdecken. Rund 40 Prozent der Betroffenen entwickelt deswegen leider Folgeerkrankungen, weil sie nie eine richtige Diagnose und Förderung erhalten haben. Die Dunkelziffer kann durchaus höher sein.

Für Erwachsene Legastheniker gibt es dennoch die Möglichkeit die Probleme mit dem Lesen und Schreiben in den Griff zu bekommen. Eine Legasthenie ist kein unüberwindbares Übel, sondern man kann sich entscheiden, entweder man kann nur Straßenschilder Lesen oder man wird vielleicht sogar später einmal ein Schriftsteller.

Hat man die Probleme erkannt, gibt es gute Chancen auch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter die Schwierigkeiten zu überwinden, es liegt an der Motivation sich dem Thema zu widmen. Es ist zwar für einen jungen Erwachsenen deutlich schwerer, aber es ist mit viel Mut und Rückhalt, möglich ein Leben wie alle anderen zu führen.

Es liegt ja nicht an der Intelligenz, sondern, wir lernen einfach anders das Lesen und Schreiben. Nicht wenige haben viele gute Fähigkeiten, die es zu fördern gilt. Darin muss auch ein wichtiger Fokus liegen. Stures Lese- und Rechtschreibtraining bringt da wenig, sondern die Förderung der ganzen Persönlichkeit ist für die umfassende Hilfe deutlich wichtiger. Denn der Betroffene braucht wieder ein gesundes Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten.

Nicht wenige haben Fähigkeiten auch besonders im sprachlichen Ausdruck, warum sollten sie es nicht lernen Ihre Gedanken auf ein Blatt Papier zu bekommen oder Literatur zu Lesen, die Ihnen Freude macht? Ein Legastheniker wird seine Freude am Lernen neu entdecken, wenn er über seine Interessen gefördert wird. Darum gibt es keine routinierte Förderung, die einem Schema die den betroffenen hilft.