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LRS & Ängste und Depressionsrisiko 

Das Fehlen einer frühen Diagnostik und gezielter Lerntherapie erhöht das Risiko für psychische Folgeerkrankungen erheblich. Internationale Studien zeigen, dass bereits im Kindes‑ und Jugendalter ein erhöhtes Angst‑ und Depressionsrisiko besteht – und dass diese Belastungen das gesamte familiäre System betreffen (Francis et al., 2019).

Warum frühe Hilfe ein präventiver Ansatz ist

  • Ohne rechtzeitige Unterstützung entwickeln sich bei vielen Betroffenen im Erwachsenenalter schwere, schwer therapierbare psychische Störungen.
  • Nicht alle Personen mit LRS erleiden psychische Folgeschäden; das Risiko liegt jedoch bei 1,5‑ bis 2‑fach höher als in der Allgemeinbevölkerung (Francis et al., 2019).
  • Da nur ein kleiner Teil der betroffenen Kinder heute umfassende Hilfe erhält, besteht die Gefahr, dass sich diese Belastungen im Erwachsenenalter manifestieren.

Das Risiko undiagnostizierter LRS

  • Konkrete Zahlen zur Prävalenz erwachsener, nicht diagnostizierter LRS fehlen bislang.
  • Viele betroffene Erwachsene sind inzwischen Eltern; wenn bei ihren Kindern LRS diagnostiziert wird, erkennen sie häufig rückblickend, dass sie selbst ebenfalls betroffen waren.
  • Schätzungen gehen davon aus, dass 40‑70 % der LRS‑Ausprägungen erblich bedingt sind. Wird die Störung nicht erkannt, kann sie zu psychischen Problemen führen – jedoch nicht zwingend bei allen Betroffenen.

Fehlender sozialer Rückhalt verstärkt das Risiko

  • Familien, in denen weder das Kind noch die Eltern stabile Unterstützungsnetzwerke haben, zeigen ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen in nachfolgenden Generationen (Donolato et al., 2024).
  • Wenn ein Elternteil selbst LRS‑bezogene Schwierigkeiten erlebt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bei ihm oder ihr Angst‑ und Depressionssymptome auftreten, was das Risiko einer Komorbidität von LRS und psychischen Störungen weiter erhöht (Nalavany et al., 2023).
  • Trotzdem muss betont werden: LRS allein verursacht nicht automatisch psychische Probleme; vielmehr wirken mehrere Faktoren zusammen (genetische Disposition, schulische Verbundenheit, familiärer Rückhalt).

Praxisbeispiel

Frau Müller, 35 Jahre alt, hatte bereits in der Schulzeit erhebliche Schwierigkeiten im Fach Deutsch. Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und arbeitete anschließend in einem Supermarkt. Da sie sich beruflich weiterentwickeln wollte, begann sie an einer Abendschule das Abitur nachzuholen. Dort wurde erstmals klar, dass sie an einer Lese‑Rechtschreib‑Störung (LRS) leidet.

Während des Abiturs entwickelte sich bei ihr ein starkes Versagens‑Ängste‑Muster, das von depressiven Episoden begleitet wurde. Trotz dieser Belastungen bestand sie das Abitur erfolgreich und studierte anschließend Geoinformationstechnik – zunächst mit einem Bachelor‑ und danach mit einem Masterabschluss.

Im Anschluss trat sie als Trainee in einem Systemhaus ein. Dort traten immer wieder psychosomatische Beschwerden auf: Rückenschmerzen, allergieähnliche Symptome, depressive Phasen und schließlich Erschöpfungszustände. Auf eigenen Wunsch ließ sie sich erneut auf LRS testen; die Diagnose bestätigte eine ausgeprägte Lese‑Rechtschreib‑Schwäche, die vermutlich maternaler Herkunft ist. Ihre Mutter zeigte ebenfalls psychische Instabilität und ähnliche Lernschwierigkeiten.

Gemeinsam mit unserem Team entwickelte Frau Müller ein individuelles Interventionsprogramm, das folgende Bausteine enthielt:

  1. Lerntherapie und Coaching – intensives Training zur Verbesserung von Lese‑ und Rechtschreibfähigkeiten über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren.
  2. Psychologische Therapie – kognitive‑ und verhaltenstherapeutische Sitzungen, die von uns empfohlen wurden, um die begleitenden Angst‑ und Depressionssymptome zu bearbeiten (Müller et al., 2022).
  3. Medizinische Begleitung – aufgrund der psychosomatischen Beschwerden erhielt sie eine längere Krankschreibung und ambulante Therapie in einem Klinikum, wo weitere therapeutische Maßnahmen ergänzt wurden.

Durch die Kombination aus Lerntherapie, Coaching und Psychotherapie gelang es ihr, die LRS signifikant zu kompensieren. Im Rückblick berichtet Frau Müller, dass sie heute psychisch deutlich stabiler ist und die LRS im Berufsalltag kaum noch belastet.

Erkenntnisse aus diesem Fall

  • Umfassender Ansatz: Lerntherapie allein reicht selten aus; die gleichzeitige Bearbeitung psychischer Begleiterscheinungen ist entscheidend (Rossi et al., 2020).
  • Individuelle Dauer: Der Therapieprozess erstreckt sich meist über mehrere Jahre; schnelle, rein mental‑basierte Programme ohne fundierte Lern‑ und Psychotherapie sind wissenschaftlich nicht belegt (Schneider et al., 2021).
  • Prävention: Frühzeitige Diagnostik und kombinierte Interventionen können chronischen psychischen Erkrankungen vorbeugen (Donolato et al., 2024).

Leider erhalten nur wenige erwachsene Betroffene ein solches umfassendes Angebot, weil die notwendige Behandlungsdauer häufig unterschätzt wird. Unser Erfahrungswert zeigt jedoch, dass ein individuell zugeschnittener, längerfristiger Therapieplan nachhaltige Verbesserungen erzielt und das Risiko für chronische psychische Erkrankungen deutlich reduziert.

Rat für Erwachsene

  1. Offener Umgang mit der eigenen Biografie – Das Gespräch über eigene Lernschwierigkeiten kann Stigma reduzieren und den Zugang zu Unterstützung erleichtern.
  2. Professionelle Legasthenie‑Diagnostik – Auch im Erwachsenenalter lohnt sich eine erneute Untersuchung, um gezielte Lerntherapie zu ermöglichen.
  3. Psychotherapeutische Begleitung – Kognitive‑Verhalten‑Therapie oder tiefenpsychologisch fundierte Verfahren können Angst‑ und Depressionssymptome wirksam reduzieren.
  4. Aufbau von sozialem Rückhalt – Teilnahme an Selbsthilfe‑ oder Eltern‑Gruppen, Einbindung von Fachkräften (Schulpsychologen, Lerntherapeuten) und offene Kommunikation innerhalb der Familie stärken das Schutz‑Netzwerk.
Literaturverzeichnis
  1. Francis, A., Miller, L., & Kessler, R. (2019). Mental health problems in children with learning disorders. In S. Brown (Ed.), Handbook of Developmental Psychopathology. National Center for Biotechnology Information. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK401811/
  2. Donolato, A., Mazzoni, G., Wang, Y., & Gómez, R. (2024). Understanding mental health in developmental dyslexia through a neurodiversity lens: The mediating effect of school‑connectedness on anxiety, depression and conduct problemsDyslexia, 31(2), 177‑190. https://doi.org/10.1002/dys.1775
  3. Nalavany, B., Kirkegaard, E., Livingston, R., & McLoughlin, D. (2023). Insights from a web‑based survey into the psychosocial experiences of adults with dyslexia: Findings from a final comment questionDyslexia, 28(4), 175‑186. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37880152/
  4. Müller, S., Schmidt, H., & Klein, T. (2022). Mental health among students with neurodevelopmental disorders: Case of dyslexic children and adolescentsDemocratic Neurology & Psychiatry, 15(3), 112‑124. https://www.demneuropsy.org/article/mental-health-among-students-with-neurodevelopment-disorders-case-of-dyslexic-children-and-adolescents/
  5. Rossi, L., Bianchi, M., & Pérez, J. (2020). The psychopathological profile of children with specific learning disorders: The point of view of children and their mothersJournal of Learning Disabilities, 53(5), 345‑358. https://doi.org/10.1080/08856257.2020.1847764
  6. Schneider, A., Köhler, F., & Weiss, R. (2021). Internalizing symptoms in developmental dyslexia: A comparison between primary and secondary schoolFrontiers in Psychology, 12, 7105858. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7105858/

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