Auf Arbeit ist Legasthenie ein Stigma

Auf Arbeit ist Legasthenie ein StigmaIm persönlichen Leben kommt es oft zu einer Stigmatisierung legasthener Menschen. Viele Arbeitgeber können die vielfältigen Probleme der Legastheniker im Arbeitsumfeld nicht nachvollziehen. Deshalb ist die Legasthenie auch auf der Arbeit häufig mit einem Stigma behaftet.

Erwachsene Legastheniker finden sich in der Arbeitswelt mit ihren Stärken im fachlichen Umfeld und den dazu vorhandenen Schwächen beim Lesen und Schreiben nur selten richtig verstanden und wahrgenommen. Einerseits werden sie häufig als „Behinderte“ wahrgenommen, andererseits wissen nur wenige Arbeitgeber, was es tatsächlich bedeutet legasthen zu sein. Hier ist noch viel Aufklärung nötig.

Deshalb wagen Betroffene sich nur selten in der Arbeitswelt als Legastheniker zu outen. Sie schämen sich, ihre Schwäche dem Arbeitgeber mitzuteilen. Aber jeder, der dieses Stigma in seinem Leben bewältigt, hat gute Chancen, die Schwierigkeiten im Arbeitsumfeld zu kompensieren. Dafür braucht es gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Nur wenige Betroffene wollen als „Behinderte“ wahrgenommen und verstanden werden. Der größte Teil nimmt sich als normal wahr und versucht seine spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche zu akzeptieren. Die im Berufsleben Erfolgreichen haben sich vor allem auf ihre Stärken konzentriert, sodass die vorhandene Legasthenie nicht als störend wahrgenommen wurde. Das betrifft viele versierte Handwerker, Rechtsanwälte, Chefärzte oder erfolgreiche Unternehmer.

Häufig war das familiäre Umfeld der Betroffenen maßgeblich dafür verantwortlich, welches sie in der frühen Kindheit unterstützt und gefördert hat. Dadurch konnten sie gute Fähigkeiten zur Kompensation ihrer Schwäche erwerben und sie sind deshalb psychisch stabil geblieben. Viele Menschen, die ein solch stützendes Umfeld nicht erlebten, wurden dagegen unsicher und instabil. Sie erlebten ihre Legasthenie häufig als Stigma, was sich dann auch im Berufsleben niederschlagen kann.

Das Leben legasthener Menschen verläuft wie bei allen anderen Menschen recht unterschiedlich, das zeigt sich in ihren Kindheiten, der schulischen wie beruflichen Ausbildung genauso wie in den beruflichen Kontexten. Daher wird auch ein mögliches Stigma von ihnen sehr unterschiedlich erlebt.

Haben Betroffene ihre berufliche Passion gefunden, empfinden sie ihre Schwäche nicht so stark, als wenn sie in Berufen arbeiten müssen, die nicht ihren Fähigkeiten und Begabungen entsprechen. Manche Betroffene werden vom Arbeitsamt / Jobcenter in Maßnahmen gesteckt, die für sie unpassend sind. Wenn die Berufsberater sich nicht mit den Chancen und Schwierigkeiten der Betroffenen auskennen, kann das für diese wirklich zu einem erlebten Stigma werden. Dagegen wird der Tischlergeselle, der seine Leidenschaft in seinem Beruf ausleben kann, diese Erfahrungen nicht als Ablehnung erleben. Denn er fokussiert sich auf seine handwerklichen Fertigkeiten, also seine natürlichen Ressourcen. Der Fokus auf die vorhandenen Fähigkeiten mindert das Risiko eines Stigmas.

Viele Arbeitgeber kennen sich mit dem Thema Legasthenie nicht aus. Jeder Betroffene muss sich selbst für seine Rechte starkmachen. Dabei kann ein offenes und ehrliches Gespräch mit dem Chef von großem Nutzen sein. Man sollte dabei nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern sich um eine vertrauensvolle Atmosphäre bemühen. Dann hat man eine gute Chance, dem Arbeitgeber von seinen Schwierigkeiten beim fehlerfreien Schreiben oder dem Verständnis gelesener Texte zu berichten.

Das Outing der Legastheniker gegenüber dem Arbeitgeber ist nicht immer einfach, denn die Arbeitswelt der Betroffenen ist sehr unterschiedlich. Allgemein ist das Arbeitsumfeld gegenüber Menschen mit verschiedenartigen Handicaps heutzutage toleranter geworden. Aber vor allem in der freien Wirtschaft ist das noch ein großes Problem.

Es gibt kein Patentrezept, wie man eine Stigmatisierung der Betroffenen im Arbeitsumfeld vermeiden kann. Ihre Voraussetzungen sind auch hier sehr unterschiedlich, zum Beispiel ob sie Firmengründer sind oder als Angestellte arbeiten. Hier wäre ein gezieltes Coaching sinnvoll, um sich individuell gute Werkzeuge und Hilfestellungen zu erarbeiten. Das können Arbeitgeber und Betroffene gemeinsam angehen.

Warum haben wir so viele funktionale Analphabeten?

Wir haben in Deutschland eine hohe Zahl funktionaler Analphabeten, sie werden auf rund 7,5 Millionen Erwachsene (16 – 64 Jahre) geschätzt – und es gibt einige Hinweise, warum wir in unserem hochentwickelten Industrieland so viele funktionale Analphabeten haben.

Durch unsere allgemeine Schulpflicht haben alle Bürger das Lesen und Schreiben erlernt. Darum spricht man nicht von Analphabeten, so wie wir sie in den Ländern der Dritten Welt kennen. In vielen armen Ländern ist noch heute der Alphabetisierungsgrad sehr gering. In einigen Ländern liegt er unter 20 Prozent.

Daher haben wir in Deutschland „funktionale“ Analphabeten – sie haben alle das Lesen und Schreiben in der Schule gelernt, aber diese Fähigkeiten in der Regel nur ungenügend im Alltag angewendet bzw. haben sie diese aus unterschiedlichen Gründen wieder verlernt. Solche Gründe sind häufig: soziale Ungleichheit, psychische Erkrankungen sowie niedrige Schul- und Berufsabschlüsse. Die Folgen einer Suchterkrankung spielen bei funktionalen Analphabeten eine wichtige Rolle, die man ebenfalls als Ursache nennen kann. Künftig werden zu dieser Gruppe viele Menschen aus der gegenwärtigen Flüchtlingskrise hinzukommen, die noch größere Schwierigkeiten, als funktionalen Analphabeten, wie wir sie kennen. Zu diesem Personenkreis gehören, wahrscheinlich viele Analphabeten, die keine Schule besucht haben. Daher ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieser Personenkreis in Deutschland sich um einige hunderttausend Menschen erhöhen könnte. Auch die soziale Lage aller Betroffenen könnte sich stark verändern, weil sich die soziale Frage nach der beruflichen Integration und gesellschaftlichen Teilhabe in diesem Bereich verändern wird. Hierbei wird es Chancen und Risiken geben – hier wird sich zeigen, inwiefern das Gemeinwesen in der Lage sein wird, eine Lösung für alle Beteiligten zu finden – egal welche Herkunft die Menschen haben. Da bis heute in diesem Bereich wenig getan wurde, bestehen dort Risiken einer weiteren Polarisierung des sozialen Gleichgewichts, besonders im unteren Drittel der Bevölkerung – wo viele funktionale Analphabeten anzutreffen sind.

Bei genauerem Hinsehen, ist der funktionale Analphabetismus eine komplexe Umschreibung der Probleme im Lesen und Schreiben bei Erwachsenen in unserer Gesellschaft. Bisher hat die Bildungs- und Sozialpolitik einige Projekte gestartet, um der Problematik Herr zu werden. Inwiefern es unserer Gesellschaft langfristig gelingen wird, diese Menschen in unser Gemeinwesen zu integrieren, ist bislang unklar. Denn eine nachhaltige Integration dieser Erwachsenen gestaltet sich sehr schwierig. Die Ursachen und in vielerlei Hinsicht sozialen Auswirkungen, mit denen diese Menschen zu kämpfen haben, sind sehr langwieriger Natur und komplexer, als dass es Sinn macht, sie nur in Alphabetisierungskursen zu alphabetisieren. Nicht wenige benötigen eine langjährige Begleitung, um die Probleme langfristig zu bewältigen – sofern sie überhaupt zu bewältigen sind. Je älter diese Menschen werden, desto geringer sind die Chancen einer langfristigen Eingliederung. In einigen Kursen ist die Abbruchquote mit 11 Prozent ziemlich hoch. Auch die Hürden, sich im Erwachsenenalter nochmals auf eine Schulbank in der Volkshochschule zu setzten – um die Probleme in den Griff zu bekommen – sind bei vielen Betroffenen recht ausgeprägt. Viele geben zeitliche Gründe oder gar geringe Motivation an, um einen Kurs durchzuhalten.

Nun muss man sich dazu die Frage stellen: Warum haben wir in unserem reichen Land so viele Erwachsene, die funktionale Analphabeten sind? Einige Ursachen wurden als Indiz genannt. Eine sehr große Rolle spielt in unserem Land das soziale Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich. Die stagnierenden Zahlen im Bereich Harz IV bzw. der sozialen Grundsicherung zeigen uns, dass nicht wenige aus dem beschriebenen Personenkreis dort zu finden sind.

Die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik redet schon seit Jahrzehnten darüber, die Bedingungen dieser Menschen zu verbessern. Bis heute hat sich in diesem Bereich ein großer Bildungsmarkt etabliert, der funktionale Analphabeten beschulen und integrieren will. Bis heutige wird die Qualität und Effizienz dieser Bildungsangebote in der Fachwelt diskutiert. Nachweislich wirksame Hilfen sind bisher recht rar.

Dazu muss angemerkt werden, dass nicht wenige Probleme bei den Betroffenen schon im Kindesalter kompensiert werden könnten. Erwerben die Kinder aus welchen Gründen auch immer eine Lese-Recht-Schreibschwäche, so besteht die Gefahr, dass daraus funktionale Analphabeten werden könnten. Hierbei spielt der soziale Aspekt eine wichtige Rolle, dass diese Menschen evtl. langfristig benachteiligt werden. Die Folgen für unser Gemeinwesen sind hierbei nicht zu unterschätzen.

Leider hat bis heute die Sozial- und Bildungspolitik in diesem Bereich keine nachhaltige und wirksame Hilfe für diese Menschen entwickelt. In der Vergangenheit wurden viele Chancen im Bereich der Alphabetisierung verpasst. Man sollte über nachhaltige und innovative Konzepte nachdenken, die die Betroffenen langfristig in die Mitte unserer Gesellschaft integriert.

Ob dies gelingen kann bleibt abzuwarten.