LRS ist keine automatische psychische Krankheit
Die Lese‑Rechtschreib‑Störung (LRS) wird in der ICD‑11 der WHO als Entwicklungsstörung des Lernens klassifiziert. Diese Zuordnung dient primär der medizinischen Dokumentation und ermöglicht die Inanspruchnahme von Therapie‑ und Kostenleistungen. Sie bedeutet jedoch nicht, dass jede Person mit LRS automatisch eine primäre psychische Erkrankung hat.
LRS als Risikofaktor, nicht als Determinante
Unbehandelte LRS steigert das Risiko für Angst‑, Depressions‑ und Selbstwert‑Störungen, ohne jedoch zwangsläufig zu deren Entstehung zu führen. Eine groß angelegte Studie von Visser (2019) belegte, dass Kinder und Jugendliche mit LRS signifikant häufiger komorbide Angst‑ und Depressionsstörungen aufweisen (p < 0,01). Gleichzeitig erklärt das reine Vorhandensein von Legasthenie nicht, warum manche Betroffene psychisch stabil bleiben, während andere belastet sind. Weitere Faktoren – das soziale Umfeld, individuelle Resilienz und neurobiologische Unterschiede – bestimmen, ob sekundäre psychische Probleme entstehen.
Einfluss von Umwelt‑ und Sozialfaktoren
Eine fehlende Diagnose im frühen Kindesalter führt häufig zu chronischem Lernstress, weil betroffene Kinder keine angemessene Unterstützung erhalten. Negatives Feedback von Eltern, Lehrkräften oder Peers kann das Selbstwertgefühl langfristig unterminieren und damit das Risiko für sekundäre psychische Störungen erhöhen. Begleitende Aufmerksamkeits‑ oder Sprachstörungen verstärken die Belastung zusätzlich. Bildgebende Verfahren zeigen bei Personen mit LRS veränderte Aktivierungsprofile in den frontalen und temporalen Sprachzentren, was das kognitive Belastungspotenzial erhöht (Thieme‑Connect 2023).
Typische sekundäre psychische Erkrankungen
Zu den am häufigsten beobachteten sekundären Störungen zählen:
Typische sekundäre psychische Störungen bei unbehandelter LRS
- Angststörungen – anhaltende Besorgnis, die besonders in prüfungsähnlichen Situationen, aber auch bei alltäglichen Lese‑ und Schreibanforderungen im Beruf und im privaten Leben auftritt. Die ständige Erwartung, Fehler zu machen, kann zu einer generalisierten Angst vor Leistungs‑ und Bewertungssituationen führen.
- Depressive Episoden – ein tiefes Gefühl von Hilflosigkeit und Antriebslosigkeit, das entsteht, wenn Lernfortschritte stagnieren. Ohne geeignete Unterstützung kann sich diese Stimmungslage bis ins Erwachsenenalter verfestigen und das Risiko für chronische Depressionen erhöhen. Langfristige depressive Verstimmungen können zudem das Auftreten von Suchtverhalten begünstigen (Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Drogen), weil Betroffene versuchen, negative Gefühle zu kompensieren.
- Soziale Phobie – die Tendenz, Gruppensituationen zu meiden, weil das Schreiben oder Lesen als potenzielle Peinlichkeit empfunden wird. Diese Vermeidung führt häufig zu Einsamkeit und sozialer Isolation, was wiederum das Risiko für Angst‑ und Depressionssymptome weiter verstärkt.
Diese Erscheinungsformen sind nicht zwingend, aber das Risiko dafür ist bei unbehandelter LRS erhöht.
Resilienz und schützende Faktoren
Starke Resilienz‑Faktoren – etwa ein stabiles soziales Netzwerk, adaptive Coping‑Strategien und frühzeitige schulische Fördermaßnahmen – können die durch LRS induzierten Stressreaktionen wirksam dämpfen. Persönliche Bewältigungsstrategien und ein unterstützendes Umfeld tragen wesentlich dazu bei, dass ein großer Teil der Betroffenen psychisch gesund bleibt.
Praktische Empfehlungen
Ein systematisches Screening bereits im Grundschulalter ist essenziell, um LRS frühzeitig zu identifizieren und gezielte Fördermaßnahmen einzuleiten. Eine multimodale Therapie, die Lerntherapie mit psychologischer Begleitung kombiniert, bietet eine ganzheitliche Behandlung von Lern‑ und emotionalen Problemen. Eltern und Lehrkräfte profitieren von gezielten Schulungen, die sie für die speziellen Bedürfnisse von LRS‑Kindern sensibilisieren. Selbsthilfe‑Gruppen ermöglichen den Austausch von Strategien und stärken das Selbstwertgefühl der Betroffenen. Regelmäßige psychologische Evaluationen helfen, Angst‑ oder Depressionssymptome frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, sodass ein chronischer Verlauf psychischer Folgeerkrankungen vermieden werden kann.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen: LRS ist keine eigenständige psychische Erkrankung, sondern ein signifikanter Risikofaktor für sekundäre psychische Störungen. Durch frühe Diagnostik, gezielte Lerntherapie und begleitende psychologische Unterstützung kann dieses Risiko jedoch deutlich reduziert werden.
Hinweis aus 20 Jahren Praxiserfahrung
Unsere langjährige Arbeit zeigt, dass die WHO‑Definition nicht für alle Betroffenen zutrifft. Viele Menschen leben trotz LRS psychisch gesund, wenn sie rechtzeitig Unterstützung erhalten. Andere erleben erhebliche Belastungen, wenn die Schwäche im Kindesalter unbehandelt blieb und das soziale Umfeld wenig Rückhalt bot. Jeder Fall sollte deshalb individuell bewertet werden – sowohl hinsichtlich der Lernschwäche als auch der psychischen Situation.
Literatur
- Visser, J. (2019). Komorbidität spezifischer Lernstörungen. Pädagogische Dokumentation. Verfügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2019/17755/pdf/Visser_2019_Komorbiditaet_spezifischer_Lernstoerungen_A.pdf
- Thieme‑Connect (2023). Neurobiologische Grundlagen von LRS und deren Einfluss auf psychische Gesundheit. DOI: 10.1055/a-2708-0618. Verfügbar unter: https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2708-0618
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