5 Mythen über LRS Kindern mit Hochbegabung
Lese‑Rechtschreib‑Störungen (LRS) betreffen jährlich zahlreiche Schülerinnen und Schüler und stellen eine bedeutende Herausforderung für das Bildungssystem dar. Gleichzeitig gewinnt das Thema Hochbegabung immer stärker an Aufmerksamkeit, weil hochbegabte Kinder häufig besondere Lernbedürfnisse und Potenziale aufweisen, die in einer wissensbasierten Gesellschaft immer wichtiger werden.
Auf unserem Fachgebiet hören wir immer wieder, dass LRS und Hochbegabung zusammenhängen. Zwar gibt es Kinder, die sowohl LRS als auch eine höhere Begabung besitzen, doch das trifft nicht auf alle zu. Unsere Praxis‑Erfahrungen der letzten 15 Jahre bestätigen diesen Mythos nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass Kinder mit LRS keine guten Fähigkeiten besitzen. Sie sind lediglich nicht „alle“ hochbegabt oder Genies wie Albert Einstein. Die Mehrheit liegt intellektuell im Durchschnitt der Bevölkerung.
Da diese falschen Vorstellungen den betroffenen Kindern zum Nachteil werden können – insbesondere dann, wenn man ausschließlich ihre Begabung fokussiert und die Kompensation sowie Bewältigung der Schwäche vernachlässigt – möchten wir mit diesem Beitrag die Mythen aufräumen.
Mythos 1 – „Jedes Kind mit LRS ist hochbegabt“
Was oft behauptet wird
Kinder, die beim Lesen und Schreiben Schwierigkeiten haben, seien per Definition hochbegabt (IQ ≥ 130).
Warum das nicht stimmt
- Der überwiegende Teil von Kindern mit LRS liegt im durchschnittlichen Intelligenzbereich (IQ 85‑115). In der Gesamtheit der Bevölkerung besitzen etwa 2 % einen IQ ≥ 130.
- LRS ist primär eine Schwäche der phonologischen und orthografischen Verarbeitung, während der IQ die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit misst. Diese beiden Dimensionen können völlig unabhängig voneinander variieren.
- Bildgebende Studien zeigen, dass bei manchen Kindern mit LRS nicht‑sprachliche neuronale Netze stärker aktiviert werden. Diese erhöhte Neuroplastizität kann in Einzelfällen zu besonderen Stärken in Bereichen wie Musik, Kunst oder Mathematik führen – jedoch nicht bei allen Betroffenen.
- Hochbegabte Kinder erhalten häufig intensivere Förderung und fallen dadurch stärker ins Blickfeld von Fachkräften. Das erzeugt den Eindruck, dass Hochbegabung und LRS häufiger zusammen vorkommen, als es tatsächlich der Fall ist.
Realität
Die meisten Kinder mit LRS besitzen einen IQ zwischen 85 und 115 – genauso wie in der Gesamtbevölkerung. Nur ein kleiner Teil zeigt gleichzeitig eine ausgeprägte Hochbegabung (IQ ≥ 130). Ein IQ ≥ 120 kommt bei LRS‑Kindern aufgrund unserer Erfahrung häufiger vor; er ist ein Hinweis auf eine recht hohe Intelligenz, stellt jedoch noch keine formelle Hochbegabung dar. Da nicht wenige Kinder mit LRS relativ leistungsfähig sind, fallen viele im Vergleich zu Lernbehinderungen bei der offiziellen LRS‑Diagnostik im Schulwesen nicht auf. Es ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen – viele Kinder mit LRS werden gar nicht richtig erkannt.
Mythos 2 – Hohe Begabung kompensiert LRS automatisch
Was oft gesagt wird
Durch überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten könne ein Kind seine Lese‑ und Rechtschreibdefizite von selbst ausgleichen; eine gezielte Diagnostik oder Therapie sei nicht nötig.
Warum das nicht stimmt
- Phonologische Bewusstheit bleibt ein Kernproblem
Auch hochbegabte Kinder benötigen explizites Training der phonologischen Verarbeitung (z. B. Laut‑zu‑Buchstaben‑Übungen). Ohne dieses Training bleibt das Grunddefizit bestehen. - Allgemeine Intelligenz ersetzt keine spezifische Förderung
Höhere Auffassungsgabe kann das Erlernen von Strategien beschleunigen, aber sie ersetzt nicht die systematische Arbeit an Rechtschreibregeln, Leseflüssigkeit und automatisierter Worterkennung. - Gefahr sekundärer Probleme
Ohne angemessene Unterstützung entwickeln betroffene Kinder häufig Lernfrustration, geringes Selbstwertgefühl und im Erwachsenenalter sogar Angst‑ oder Depressionssymptome. Studien belegen, dass gezielte LRS‑Lerntherapie die schulischen Leistungen und das psychische Wohlbefinden signifikant verbessert – unabhängig vom IQ. - Erwachsene profitieren ebenfalls von Interventionen
Auch im Berufsleben können unbehandelte LRS‑Probleme zu Schreibblockaden, Missverständnissen und eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit führen und das Selbstwertgefühl beeinträchtigen.
Realität
Hochbegabung kann Lernstrategien schneller aufnehmen, doch eine evidenzbasierte, gezielte Lerntherapie – idealerweise im 1:1‑Setting – bleibt unverzichtbar. Die beste Wirkung erzielt man, wenn kognitive Stärken mit spezifischem LRS‑Training kombiniert werden. Leider gibt es bislang nur wenige Lerntherapien, die speziell auf begabte Kinder zugeschnitten sind.
Praktische Konsequenzen für die LRS‑Bewältigung
- Umfassende Diagnostik – Vor jeder Förderplanung sollten sowohl ein IQ‑Test als auch ein LRS‑Screening durchgeführt werden, um das individuelle Profil zu erfassen.
- Kombinierte Förderansätze – Phonologisches Training wird ergänzt durch ergänzende Maßnahmen, die die vorhandenen Talente (z. B. Musik, Kunst, Mathematik, Sport) nutzen, um Motivation und Lerntransfer zu stärken.
- Psychosoziale Begleitung – Frühzeitige Arbeit an Selbstwert, Stressbewältigung und sozialer Integration verhindert sekundäre psychische Belastungen, durch eine Lerntherapie.
- Spezialisierte Lerntherapie – Gezielte Lerntherapien nutzen, die sich mit LRS/Legasthenie und Hochbegabung oder hören Leistungsfähigkeit auskennen.
- Aufklärung der Eltern – Klare Kommunikation über die Mythen und realistische Erwartungen schafft Vertrauen und unterstützt die Zusammenarbeit.
Kurzgefasst
- Mythos 1 („Alle LRS‑Kinder sind hochbegabt“) ist falsch – die Mehrheit liegt im durchschnittlichen IQ‑Bereich.
- Mythos 2 („Hohe Begabung kompensiert LRS automatisch“) stimmt nicht – gezielte Therapie bleibt notwendig, egal wie hoch der IQ ist.
- Neuroplastizität kann in Einzelfällen zu zusätzlichen Stärken führen, erklärt jedoch nicht die generelle Situation.
Ein weiterer Bericht zum Thema Legasthenie und Hochbegabung

