2 Min LesezeitEin früher Legasthenie-Gentest ist keine Hilfe!

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Das Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie sowie das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften aus Leipzig forschen gemeinsam daran, frühe Indikatoren für eine Legasthenie herausfinden zu können. Mit dem gemeinsamen Forschungsprojekt Legascreen (http://www.legascreen.de) will man für Kleinkinder im Alter von 2 bis 5 Jahren einen Legasthenie-Gentest entwickeln, um den Kindern einen besseren Start in die Schulzeit zu ermöglichen.

Mit dem Projekt sollen mittels Speichelgentest, MRT und EEG eine genetische Anlage und frühe, neuropsychologische Anzeichen bei Kindern von selbst betroffenen Eltern ausfindig gemacht werden. Weil die Forscher die These vertreten, dass die wesentlichen Grundlagen für den Schrift- und Spracherwerb bereits nach der Geburt erworben würden. Darum will man die Hirnaktivitäten und genetischen Muster untersuchen, die im Zusammenspiel evtl. eine Legasthenie auslösen können.

Das klingt doch nach einer verheißungsvollen Lösung, alle Kleinkinder schon frühzeitig in „gestörte“ oder „nicht-gestörte Kinder“ einordnen zu können, um sie vielleicht, ähnlich wie bei der umstrittenen ADHS-Therapie, medizinisch zu behandeln. Man forscht schon seit einigen Jahren an einer medizinischen Therapie, die ähnlich der Ritalin-Therapie ist. Uns ist bekannt, dass der wissenschaftliche Beirat des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e. V. mit der Pharmaindustrie an solchen Therapien forscht[1]. Die besagte Studie orientiert sich an den Ergebnissen dieser Forscher. Darum ist es möglich dass die gleichen Zusammenhänge bestehen, die wir schon seit Jahren beobachten.

Wir haben auch in Leipzig nachgefragt, wer diese Studie finanziert. Es wurde auf unsere E-Mail nicht geantwortet – wir wollten wissen, ob sie von öffentlichen, privaten bzw. von der Pharmaindustrie finanziert wird. Somit kann man kaum einschätzen, ob man dieser Forschungsarbeit trauen darf. Deswegen sollten sich Eltern genauer mit solchen Studienangeboten beschäftigen, bevor sie sich darauf einlassen.

Nach unserer Sicht hat zwar die medizinisch-psychologische Fachrichtung viele wertvolle Zusammenhänge erkannt. Allerdings nur diese Sichtweise bringt den Betroffenen keine Hilfe. Man will ihnen eine seelische Störung einreden, die eigentlich von Natur aus eine völlig normale Anlage des Menschen ist, die der Betroffene mit umfassender und differenzierter Diagnose und Einzelförderung überwinden kann.

Leider gibt es in Deutschland bis heute Forschungsprojekte mehrheitlich aus der medizinisch-psychologischen Richtung. Nach unserer Forschung und Erfahrung wissen wir, dass diese ausschließliche Sichtweise den Betroffenen keine Hilfe sein kann.

In der Legasthenieforschung wird jedenfalls der medizinisch-psychologisch orientierte Ansatz bei der Diagnostik und Förderung überschätzt. Diese Fachrichtung ist nur ein kleiner Teilbereich, der im gesamten Puzzle als Baustein einen wichtigen Beitrag leistet, die Lernvoraussetzungen und Lernwege besser zu verstehen.

Es wäre besser, diesen Fachbereich von der empirischen Bildungsforschung her zu ergründen, wo die medizinischen, psychologischen, soziologischen und fachdidaktischen Ansätze zusammenfließen. So würde man viel mehr Erkenntnisse sammeln können, die den Betroffenen mehr Differenzierung, deutlichere Förderdiagnosen und umfassendere Förderkonzepte ermöglichen könnte.



[1] Bundesverband Legasthenie: Lässt sich von Pharmalobby für Legasthenieforschung ehren

http://pressemitteilung.ws/node/161997 (01.07.2009)