5 Min LesezeitDas Warnke-Verfahren bringt keine nachhaltigen Langzeiterfolge bei LRS

Elternberfragbung_Warnke-VerfahrenDas  Hörtraining für Kinder mit LRS, welches als Warnke-Verfahren bekannt ist, wird  häufig in der Diagnostik und Therapie von Logopäden, Sprachheilpädagogen und  klinischen Linguisten bei lese-rechtschreibschwachen Kindern eingesetzt  (MediTech Electronic GmbH). 

Bisher wurden kurzfristige Verbesserungen der  Lese- und Rechtschreibfähigkeiten und der Konzentrationsfähigkeit einer Studie
mit signifikanten Ergebnissen bestätigt.

Die Methode basiert auf der Hypothese des  zeitlichen Verarbeitungsdefizits (Automatisierungstörung), was als mögliche  Ursache einer Legasthenie von erschiedenen Forschergruppen beobachtet wurde  (Fitch, R. H., Miller, S. & Tallal, P. 1997), wonach Kinder mit Problemen  der Laut- und Schriftsprache auch Schwierigkeiten bei der zeitlichen  Wahrnehmung rasch aufeinanderfolgender akustischer Signale zeigten. Deshalb  wurden, laut Beobachtungen der Forscher an den LRS-Kindern, Konsonanten von  Phonemen und Graphemen nur unzureichend erlernt. Es ist bisher nicht belegt,  dass alle lese-rechtschreibschwachen Kinder die gleichen Defizite in der  visuellen und auditiven Automatisierung haben.

Man weiß bisher, dass dies, mit erblichen  Zusammenhängen aus einem Anlage-Umweltkomplex (Galaburda 03.06.2012), an der  Hörschallverarbeitung liegen könnte. Diese Sinnesreize werden im Sprachzentrum  im linken Scheitellappen, der linken Hirnhemisphäre, im Millisekundenbereich  langsamer verarbeitet. Einzelne Zusammenhänge sind in der Forschung noch wenig  bekannt, da bis heute zu selten an den Ursachen dieser komplexen Lernprobleme  im Schriftspracherwerb geforscht wurde. Nach unserer Kenntnis gibt es  zusätzlich Umweltprobleme, die diese Schwächen in unserer westlichen  Industriegesellschaft bei Kindern insbesondere in der synaptischen Verschaltung  der beiden Gehirnhälften begünstigen können und damit den Erwerb von
Lese-Rechtschreibschwächen (LRS) fördern. Weitere, bislang unerforschte  Umweltbedingungen in Familie und Schule sind zudem denkbar.

Das Hörtraining mit dem Brain-Boy®, um die  Zeitverarbeitungsdefizite ohne eine systematische Lese- und  Rechtschreibförderung langfristig zu kompensieren – ist wissenschaftlich umstritten
(Schulte-Körner, Gerd, Remschmidt, Helmut 2003).  Eine Studie zeigte schulische Verbesserungen  mit dem nonverbalen Training. Bisher gibt es keine Vergleichsstudien, die  langfristige Kompensierungseffekte bei Legasthenikern oder LRS-Betroffenen repräsentativ  belegen würden. Fördermaßnahmen, die nicht auf das Erlernen und Vertiefen der  Lese- nd Rechtschreibfertigkeiten abzielen, sind als Methode, einzelne  Wahrnehmungsbereiche zu trainieren, nicht empfehlenswert. Die  Verarbeitungsprobleme der visuellen und auditiven Teilleistungen sind bei  betroffenen Kindern unterschiedlich ausgeprägt – jeder Schüler hat individuelle  Schwierigkeiten. Daher ist der Nutzen dieser Methode empirisch nicht belegt.  Eine symptomorientierte Einzelförderung ist für ein LRS-Kind unabdingbar.  Geschlossene Methoden haben sich bisher in der Praxis nicht bewährt. Die  Kärntner Legasthenieexpertin Dr. Astrid Kopp-Duller empfiehlt eine offene  Methodenvielfalt in der Legasthenie- und LRS-Förderung. Diese hat sich in der  Bewältigung der Lese-Recht-Schreibschwäche bei Kindern als wirksam bestätigt
(Legasthenie Coaching 2014).

Unser Gesamturteil:

Nach unserer Sicht ist das Trainieren des  zentralen Hörvermögens strittig, um die mutmaßlichen Defizite lese- und  rechtschreibschwacher Kinder (Warnke 1995) auszugleichen. Es ist nicht belegt,
dass alle betroffenen Kinder in gleichem Maße Verarbeitungsprobleme im  visuellen und auditiven Ortungsschwellenbereich und des Richtungshörens  aufweisen. Unklar  bleibt auch, ob etwaige Verbesserungen der Diskriminationsfähigkeit  (Sprachverständnis) auch langfristige Erfolge in Bezug auf die Lese-Rechtschreibleistungen  bei Kindern nachgewiesen werden können.

Die Probleme bei Kindern sind wesentlich  komplexer. Kinder mit Problemen im Schriftspracherwerb benötigen daher einen umfassenden  Ansatz, der nicht nur auf ein nonverbales Training der Wahrnehmungsdefizite abzielt. Deswegen sollten Eltern diese Art der Therapie, welche häufig von  Logopäden oder Ergotherapeuten angeboten wird, hinterfragen.

Auch wenn die Übernahme der Therapiekosten  durch die Krankenkassen ein verlockendes Angebot ist. Nach gesetzlichen  Gesichtspunkten sind solche Umwege einer Therapie bei Kindern in der Grauzone  angesiedelt. Denn eine „Legasthenietherapie“ bzw. Einzelförderung wird nicht  von den Krankenkassen finanziert. Eine Lese-Rechtschreibschwäche ist nach der  Krankenkassengesetzgebung keine anerkannte Krankheit. Kinder erhalten „Hilfe  zur Eingliederung“, nur bei einer attestierten Bedrohung einer seelischen  Behinderung – erst über diesen Umweg in der Sozialgesetzgebung, wird Kindern  mit LRS und Legasthenie eine Therapie oder Förderung vom Jungendamt finanziert
(Vgl., SGB 35a VIII).

Einige Fachleute argumentieren mit einer empirisch  belegten Evidenz, einer Studie, die die Wirksamkeit dieser Methode belegen will  (Tewes, Uwe, et al 2003). Bisher konnten die beobachteten Effekte des  Warnke-Verfahrens nicht rezipiert werden. In einer unabhängigen  wissenschaftlichen Arbeit wurden die Eltern der Kinder nach der Entwicklung der schulischen Leistungen nach Abschluss des Trainings mit dem Warnke-Verfahren  befragt – die Mehrheit der Eltern war der Meinung, dass die Leistungen in der  Schule „gleich geblieben“ wären (Winkler 2006, S.105). Der Freiburger  Neuropsychologe Reinhard Werth übte Kritik an der Tewes‘ Studie: “die falschen  Schlüsse”, die die Forscher aus ihrer Jagd nach einzelnen Genen und  Grundfertigkeiten ziehen: “Der logische Fehler ist: Man schließt aus dem  gleichzeitigen Auftreten von schlechtem Lesen und irgendeiner anderen  Leistungsminderung auf einen ursächlichen Zusammenhang“ (Wolff 2010).

Ein Erfolg mit dem Training basaler  Wahrnehmungsfunktionen ohne eine symptomspezifische Förderung in der  Bewältigung von Lese-Rechtschreibproblemen ist bisher wissenschaftlich nicht
belegt. (Schulte-Körner, Gerd, Remschmidt, Helmut 2003, S. A 396) Daher sollte  nach unserer Einschätzung diese Methode nicht in der Förderung bei LRS und  Legasthenie zum Einsatz kommen.

Quellenverzeichnis

Fitch, R. H., Miller, S. & Tallal, P. (Hg.)
(1997): Neurobiology of speech perception. Review of Neuroscience, zuletzt geprüft am 04.10.2014

Galaburda, Albert
(03.06.2012): Developmental Dyslexia: The Intersection of Genes, Brains, and
Societies.
Vortrag bei der Fachtagung des EÖDL an der Universität
Salzburg, am 02.06.2012, zuletzt geprüft am 17.10.2014

MediTech Electronic GmbH: Warnke-Verfahren.
Online verfügbar unter http://www.brainboy.de/warnkeverfahren.html, zuletzt
geprüft am 04.11.2015.

Warnke, F. (1995): Was Hänschen nicht hört…  Elternratgeber Lese-Rechtschreib-Schwäche. Freiburg i. B., Verlag für
angewandte Kinesiologie

Winkler, Yvonne (2006): Erprobung eines  Trainings der sequentiellen Analyse akustischer Reize bei Kindern mit einer
Lese-Rechtschreibstörung. Dissertation. Ludwig-Maximilians-Universität,  München. Medizinischen Fakultät. Online verfügbar unter
https://edoc.ub.uni-muenchen.de/5475/1/Winkler_Yvonne.pdf, zuletzt geprüft am 08.10.2014

Legasthenie Coaching
(2014): Interview: Methodenvielfalt statt einzelner Förderprogramme sind in der
Förderung bei Legasthenie am wirksamsten. Interview. Hg. v. Lehmann, Lars
Michael. Legasthenie Coaching – Institut für Bildung und Forschung gUG
(haftungsbeschränkt). Online verfügbar unter
https://www.legasthenie-coaching.de/interview-methodenvielfalt-statt-einzelner-foerderprogramme-sind-der-foerderung-bei-legasthenie-wirksamsten/