3 Min LesezeitBuchbesprechung: Lesen und Legasthenie aus kognitionspsychologischer Perspektive

Post vom 10.01.2010

Der führende französische Intelligenzforscher Prof. Stanislas Dehaene veröffentlichte im Sommer 2010 die deutsche Ausgabe des Sachbuchs „Lesen – Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert“.

In seinem umfassenden Werk beleuchtet er sehr differenziert heutige wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung der Lesekompetenz. Neuronale Strukturen und Verarbeitungsprozesse werden im Detail genauer beleuchtet. Auch das Lesen lernen beschreibt er sehr gut. Außerdem stellt er die heiß debattierte Ganzwortmethode infrage und zeigt eindeutige Fakten auf für die Ineffizienz dieser Leselernmethode.

Besonders interessant ist das Kapitel über das Legasthenikergehirn, wo er auf sehr wichtige Zusammenhänge bei der Entstehung der Legasthenie eingeht. Dass ein Kognitionspsychologe natürlich von einer Lesestörung schreibt, ist nicht verwunderlich. Er bekräftig aber: „Unter Legasthenie versteht man eine unverhältnismäßige Schwierigkeit beim Leseerwerb, die nicht durch eine Verzögerung der geistigen Entwicklung, durch Mängel der Sinneswahrnehmungen oder durch ein ungünstiges soziales oder familiäres Umfeld erklärbar ist”, was wiederrum bei erworbenen Schwierigkeiten der Fall sein kann. Da treffen mögliche Erkrankungen der Sinnesorgane, Mängel in der geistigen Entwicklung, sowie seelische Erkrankungen, und Schwierigkeiten im sozialen oder schulischen Umfeld auf. Mit dieser Definition wird in dem Jahre währenden Streit, ob man Legasthenie und erworbene Schwierigkeiten, also die Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), differenzieren muss, auch einmal von einem Psychologen eine klare Position bezogen. Bisher gab es in der populären Literatur keine derartige Differenzierung. Daher liegt es nahe, auch bei der Diagnostik zu differenzieren, um bei den Betroffenen mit Erfolg intervenieren zu können.

Die Wissenschaft streitet bis heute, ob nun die Legasthenie nur mit einer anderen visuellen (sehen) oder nur optischen(hören) Verarbeitungsstörung zu tun hat. Die komplexen Zusammenhänge der hörenden und sehenden Wahrnehmung beim Lesen und Schreiben, diese ist bei Legasthenikern unterschiedlich, es gibt vielfältige Kombinationen und Ausprägungen. Verschiedene Studien belegen, dass die Legasthenie auf eine andere neuronale Verschaltung der linken und rechten Gehirnhelfe zurückzuführen ist. Sie bestätigen, dass man mit einem Training aller Sinnesfunktionen das Gehirn neu strukturieren kann, da es sich durch seine Neuroplastiziät umfassend neuorganisieren kann. Daher kann man nach der Lektüre dieses Buches zu dem Schluss kommen, dass legasthene Menschen über eine veranlagte Variation universaler neuronaler Mechanismen verfügen, um anders das Lesen zu erlernen – jedenfalls ist Legasthenie als ein Krankheitsbild, ein Störbild oder gar ein Defizit nicht mehr tragbar. Im engeren Sinne liegt nur eine andere neuronale Verschaltung mit komplexen Zusammenhängen vor, die man durch ein umfassendes Lernumfeld mit Erfolg ausgleichen kann.

Dehaene bezweifelt, dass es längerfristig keine Behandlungsformen einer Legasthenie geben wird, um eine Legasthenie zu heilen, da sie erwiesener Maßen ein Prof. Stanislas Dehaenees und neurologisches Erbe darstellt. Dieses Sachbuch sollte die Wissenschaftswelt animieren, sich viel umfassender und interdisziplinärer mit diesen Thema zu beschäftigen, so dass Menschen mit einer Legasthenie die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln.

Wer sich mit diesem sehr komplexen Thema einmal genauer beschäftigen möchte, dem empfehle ich unbedingt dieses Sachbuch. http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=348725

Buchcover: Knaus Verlag