conrad clemens im pressegespräch

Ein Kommentar von Lars Michael Lehmann – seit 16 Jahren Legasthenie-Experte und Beobachter des sächsischen Bildungssystems

Seit 16 Jahren beobachte ich als Legasthenie-Experte aus erster Hand, wie das sächsische Bildungssystem mit seinen strukturellen Schwächen – besonders für Kinder mit Lernschwächen – kämpft. Das Gespräch mit Kultusminister Conrad Clemens hat mir gezeigt: Es tut sich was, aber es reicht noch lange nicht.
Am 30. Juni 2026 war ich unter anderen Journalisten beim Pressegespräch im Rahmen des Presseclub Dresden e. V. als Zuhörer anwesend.

Unterrichtsausfall an Dresdner und sächsischen Schulen

Das Thema Unterrichtsausfall an Schulen – besonders an Schulen in Dresden, wo ich die meisten Rückmeldungen von Schülern und Familien erhalte – hält an. Dieses Thema ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Dass Grundschulen und Oberschulen besonders betroffen sind, wird auch beobachtet. Es ist richtig, dass Herr Clemens dieses Thema auf die Agenda gesetzt hat und etwas dagegen tun will. Denn Kinder, denen es besonders schwerfällt – wie etwa Kinder mit Legasthenie – oder die sozial benachteiligt sind, werden von weniger Unterrichtsausfall besonders profitieren. Clemens selbst betont: „60 % Unterrichtsausfall in einer Oberschule – das ist eine Katastrophe.“ Sein Ziel ist klar: „Zum ersten Mal seit 10 Jahren ist in der Jahresstatistik weniger Unterrichtsausfall als im Jahr davor.“

Lehrkräftemangel an Schulen

Lehrermangel ist seit längerer Zeit ein langwieriges Thema. Im Gespräch wurde deutlich, dass man diesen mit Quereinsteigern kompensieren will – die nicht immer für den Beruf geeignet sind. Clemens erklärt dazu: „Wir haben über 1.000 Bewerber, die gerne Lehrerinnen und Lehrer werden wollen. […] Da sind auch welche von VW dabei.“ Über die Jahre hören wir Positives über die Neulehrer, aber auch viele Klagen, da sie didaktisch nicht hinreichend ausgebildet sind. Das Thema Wissensvermittlung ist schon bei klassisch ausgebildeten Lehrkräften eine Herausforderung. Mit einem Crashkurs von drei Monaten ist es nicht getan. Dadurch kann nur die Qualität des Unterrichts leiden. Auf der einen Seite will das Ministerium bis 2032 keine Stellen bei den Lehrern streichen. Clemens macht die Dringlichkeit deutlich: „Wir haben aktuell 1.763 Lehrkräfte, die jedes Jahr in den Ruhestand gehen. […] Da ist in unserer Alterspyramide ein Riesenloch.“ Andererseits wird ein deutlicher Schülerrückgang erwartet. Zudem gehen, laut Aussagen des Ministers, 1.763 Lehrer in Rente, die man mit neuen Lehrern oder Quereinsteigern ausgleichen möchte. Die Lehrergeneration der 1970er-Jahre fehlt und hinterlässt dieses Riesenloch.

Digitalisierung und Handyverbot, Medienkompetenz

Clemens betont, dass in den letzten Jahren Milliarden zur Digitalisierung an Schulen investiert wurden, sodass es nur noch wenige Schulen gibt, die kein Internet haben oder nicht mit Tablets ausgestattet sind. Er sagt dazu: „Es gibt eigentlich keine Schule, die nicht irgendwie Internet hat, die nicht mindestens eine digitale Tafel hat und die nicht mindestens ein, zwei, drei Tabletsätze hat.“ In der Praxis ist es in Dresden jedoch sehr unterschiedlich: An einigen Schulen ist es üblich, dass Tablets für die Medienkompetenz im Unterricht an Oberschulen und Gymnasien eingesetzt werden. Der Minister hat seine liberale Haltung zum Handyverbot an Schulen in Sachsen geändert. An den Grundschulen ist derzeit das Verbot der privaten Handynutzung Standard.

Es soll bis zur 8. Klasse ausgeweitet werden. Clemens ist zum Hardliner geworden: „Ein Handyverbot bei Erstklässlern? Das ist doch verrückt, dass man darüber diskutieren muss.“ „Die Geräte sollen für die Dauer des Schultages (8 bis 9 Stunden) in der ‚Box‘ bleiben, um eine ruhige Lernumgebung zu gewährleisten.“ Das Verbot betrifft nur die private Nutzung von Smartphones. Digitale Bildung (Nutzung von Tablets, digitalen Tafeln und Lernprogrammen) bleibt ausdrücklich erwünscht und wird weiter gefördert. Doch für Kinder mit Legasthenie sind barrierefreie Tools wie Vorlese-Apps oder anpassbare Schriftgrößen entscheidend, um wirklich davon zu profitieren. Das Verbot ist kein isolierter Akt, sondern wird durch eine verstärkte Medienpädagogik ergänzt. Schüler sollen den verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien (Datenschutz, Cybergrooming) aktiv erlernen. Clemens warnt: „Es ist dramatisch, wie stark die Konzentrationsfähigkeit nachlässt. Dopamin, Ablenkung, alles.“ Parallel zum Verbot müssen die Schulen die Medienkompetenz-Programme (z. B. durch externe Partner wie Medienpädagogen) weiter ausbauen. Sein Fazit: „Medienpädagogik ab Klasse 1. Was treibe ich da rein über mich? Was für Fotos poste ich? Das muss sofort besprochen werden.“ Diese Entscheidungen basieren auf der Beobachtung sinkender Leistungen (Mathe, Sprache, Sport) und einer nachlassenden Konzentrationsfähigkeit der Schüler. Ob das schlussendlich die Unterrichtsqualität deutlich verbessert, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Aus Expertensicht kann dies ein Baustein zur besseren Wissensvermittlung sein – besonders für Kinder mit Legasthenie, die oft unter Ablenkung leiden.

Dyskalkulie soll im schulrechtlichen Nachteilsausgleich anerkannt werden

Sachsen war bisher das einzige Bundesland in Deutschland, das die Dyskalkulie nicht offiziell anerkannte. Dies führte zu erheblicher Frustration bei betroffenen Eltern, da sie für ihre Kinder keinen Nachteilsausgleich (z. B. Anpassungen bei Prüfungen oder Bewertungen) erwirken konnten. Der Minister hat das Thema als Beispiel für notwendige Reformen angeführt. Er erklärt: „Wir haben als einziges Bundesland die besondere Rechenschwäche nicht anerkannt. Das fügen wir jetzt ein.“ Nach Rücksprache mit Experten und unter Berücksichtigung der Anerkennung durch die WHO hat er entschieden, diese Lücke zu schließen. Im nächsten Schritt wird die Rechenschwäche im kommenden Schuljahr im Rahmen von rechtlichen Nachteilsausgleichen durch eine Verwaltungsvorschrift umgesetzt. Dies ermöglicht einen Rahmen. Wie dieser umgesetzt wird, wird sich in der Praxis zeigen. Es ist ein Schritt, um betroffene Schüler zu unterstützen. Ähnlich wie bei den Lese-Rechtschreib-Schwächen, wo wir – wie im letzten Jahr im „LRS-Fachgespräch mit der LaSuB“ berichtet haben – deutliche Defizite aufgezeigt haben. Und das betrifft auch viele Kinder mit Legasthenie, die oft unter den Radar fallen, weil ihre Probleme als ‚Faulpelz‘ oder ‚Unlust‘ fehldiagnostiziert werden. Aufgrund der personellen Herausforderungen der Schulpsychologie, die seit vielen Jahren überlastet ist, gibt es zwar einen rechtlichen Rahmen, eine adäquate Förderung dieser Kinder ist in der heutigen – und wahrscheinlich auch langfristigen – Situation eher unwahrscheinlich.

Dramatischer Anstieg des individuellen Förderbedarfs

Das Thema „auffällige Schüler“ und der zunehmende individuelle Förderbedarf nimmt im Interview einen wichtigen Stellenwert ein, da der Minister dies als eine der größten Herausforderungen für Lehrkräfte identifiziert hat. Der Minister stellt fest, dass der individuelle Förderbedarf bei Schülern massiv zunimmt.

Er sagt: „Der individuelle Förderbedarf bei Schülern nimmt massiv zu – nicht nur im Bereich der geistigen Entwicklung, sondern vor allem bei emotionalen und sozialen Störungen, Angststörungen, Depressionen und psychischen Problemen.“
Der Minister kritisiert, dass Eltern diese Probleme oft bei der Schule „abladen“. Sein Kommentar: „Eltern laden ihre Probleme in der Schule ab.“ Die Schule wird somit zum Ort, an dem gesellschaftliche Probleme bewältigt werden müssen. Lehrkräfte fühlen sich durch diese Flut an individuellen Problemen und die damit einhergehenden Anforderungen (z. B. Elterngespräche, Dokumentation) zunehmend überfordert. Clemens erkennt an: „Die Bewältigung von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Problemen ist kein rein pädagogisches Problem mehr, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.“

Der Minister sieht hier eine doppelte Verantwortung: Einerseits die Unterstützung der Schüler, andererseits die Entlastung der Lehrkräfte. Er betont: „Lehrkräfte leiden darunter, dass sie ein nicht so gutes Image haben. […] Die Eltern sind auch anstrengend. Eltern sind wirklich auch anders geworden.“ Die Elternarbeit wird für die Lehrer anspruchsvoller. Es muss eine klare Kommunikation darüber stattfinden, was Schule leisten kann und wo die Verantwortung der Eltern liegt (z. B. bei der Bewältigung privater psychischer Probleme). Lernschwierigkeiten werden in einer zunehmend komplexeren gesellschaftlichen Umwelt immer häufiger. Clemens sagt: „Man kann sich die Frage stellen, wie lange geht eigentlich eine Grundschule?“
Nichts Neues: In Zeiten des Umbruchs sind Familien mit ihren Kindern besonders gefordert. Das Schulwesen ist auch hier bemüht, die Lehrer besser zu qualifizieren. Mehr Schulpsychologen, mehr Sozialarbeiter an Schulen – doch die finanziellen Rahmenbedingungen sind häufig nicht optimal.

Kann Minister Clemens das sächsische Bildungssystem aus seiner systemischen Krise führen?

Einige Ansätze zeigen sich: Besonders, dass man den Stundenausfall reduzieren will, ist für ein von allen Bürgern finanziertes Bildungssystem eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Mit dem Thema Handyverbot und Medien erhofft man sich, etwas an der Qualität des Unterrichts ändern zu können. Clemens sagt dazu: „Wir haben Milliarden investiert, um unsere Schulen digitaler zu machen.“ Ob und wie sich das qualitativ auf den Schulunterricht auswirken wird, wird sich langfristig zeigen. Dass man mehr Lehrer für den Lehrerberuf gewinnen will, steht schon lange auf der Agenda. Hier sollte man sich überlegen, warum man nicht immer die besten Nachwuchskräfte erreicht. Clemens erklärt: „Es ist ein sehr beliebter Beruf. 18 % aller Schulabgänger würden gerne Lehrerin oder Lehrer werden.“ Wie in anderen Ländern sollte der Lehrerberuf einer der wichtigsten Berufe sein. Neben einer guten Vergütung – als Beamter oder Angestellter – müssen das schulische Klima und die Art und Weise, wie man einen modernen Unterricht gestaltet, im Zentrum stehen. Schulen werden derzeit nicht selten als rückständig und unreformierbar wahrgenommen – von Eltern, von uns Fachleuten und von Lehrern, die nicht immer glücklich sind, diesen Beruf auszuüben. Von Herrn Clemens sollte man keine Bildungsrevolution erwarten. Er selbst sagt: „Ich versuche schon, möglichst viel zu verändern, von dem ich sehe, dass es nicht besser geht.“ Er wirkt eher zu weich und angepasst – so richtig klar und unbequem wirkt er nicht.

Herr Clemens ist ein Bildungspolitiker, der zwar einen groben quantitativen Blick auf das System hat, aber von der pädagogischen Praxis weniger Erfahrung und Ahnung besitzt.

Er ist ein Verwaltungspolitiker. Sein größter Erfolg könnte sein: „Ich habe gelernt, wie sehr Lehrkräfte darunter leiden, dass sie ein nicht so gutes Image haben.“ Ob er wirklich etwas davon versteht, werden die kommenden Jahre zeigen. Doch eines ist klar: Ohne spezifische Maßnahmen für Kinder mit Legasthenie und anderen Lernschwächen werden seine Reformen unvollständig bleiben. Ich werde berichten! Wir bleiben kritisch und unabhängig. Ihre Erfahrungen sind gefragt: Wie erleben Sie die Förderung von Lernschwächen an sächsischen Schulen? Schreiben Sie mir!