Ist der Regelaufbau nach Reuter-Liehr für die Rechtschreibförderung sinnvoll?

Rezension zum Regelaufbau nach Reuter-Liehr

Regelaufbau nach Reuter-Liehr Der Verlag Dr. Dieter Winkler aus Bochum stellte uns die Bände 1. und 2. des Regelaufbaus nach Reuter-Liehr zur Verfügung.

Die Methode kommt häufig bei vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. zertifizierten „Dyslexietherapeuten nach BVL“, bei Logopäden, Ergotherapeuten und an Schulen in der LRS-Lernhilfe, Nachhilfe oder Legasthenie-Behandlung sowie in der Psychotherapie zum Einsatz. Wir wollen in unserer Besprechung der Frage nachgehen, ob dieses Förderprogramm bei der Einzelförderung von Kindern mit Legasthenie sinnvoll ist.

Regelaufbau auf Basis lautgetreuer Lese-Rechtschreibfähigkeit
Band 1: (1. Aufl., 2011), mit 350 Seiten für 182 €, er beinhaltet: Training der orthographisch/morphemischen Strategie ohne Ausnahmeschreibungen: Morpheme und Großschreibung Band 2: (1. Aufl., 2014), mit 319 Seiten für 182 €, er beinhaltet: Training der orthographisch/morphemischen Strategie ohne Ausnahmeschreibung: Ableitungen und i-Endungen.

Ein psychotherapeutisch-linguistisches Behandlungsprogramm für Lese-Rechtschreibschwache

Beide Ringordner basieren auf dem wissenschaftlich erprobten lautgetreuen Lese-Rechtschreibprogramm nach Reuter-Liehr, welcher nun vom pharmanahen Bundesverband als Therapieprogramm empfohlen wird. Es basiert auf der Theorie der umstrittenen Richtlinien psychischer Störungen, in denen die Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) nach dem ICD-10 Manual klassifiziert wird. Demnach werden legasthene Menschen als therapiebedürftig eingestuft – was aus ethischer Sicht – ein bedenklicher Ansatz ist.

Das Konzept bezieht sich auf eine psychotherapeutisch-linguistische Behandlung und basiert als eins der wenigen Programme auf dem sprachwissenschaftlichen Prinzip der lautgetreuen Lese-Rechtschreibförderung. Der Einsatz des Materials eignet sich, für Schulkinder ab Anfang der 4. Klasse, nach Aussagen der Autoren würde es sich auch für funktionale Analphabeten eignen.

Ein geschlossenes Programm mit sprachwissenschaftlichen Hintergrund

Das Material in den beiden Ringordnern ist auf mehrfarbigen Papier bedruckt und mit einfachen Grafiken gestaltet worden. Die Texte und der Aufbau des Programms sind übersichtlich gestaltet. Die Aufmachung ist von hoher Qualität. Jeder der beiden Bände verfügt über eine einführende Erklärung und eine Darstellung des Programmaufbaus. Der Einsatz ist für den Laien unserer Meinung nach nicht geeignet, da dieser Ansatz eine sprachwissenschaftliche Qualifikation voraussetzt. Dieses Konzept wurde von Reutlinger seit 1992 weiterentwickelt. Der 2. Band wurde in der 1. Aufl. in diesem Jahr veröffentlicht. Das gesamte Programm zielt auf eine akusto-motorische Differenzierung, sozusagen: „Schreibe es so, wie Du es sprichst“ sowie eine pilotsprachliche Sprech- und Schreibweise ab – was dem Laut-Buchstaben-Bezug im Erwerb der Schriftsprache mit einer regelgeleiteten Rechtschreibförderung entspricht. Dieser Ansatz soll routiniert die Rechtschreibstrategien den Kindern vermitteln.

Dieser Ansatz ist in Deutschland einzigartig und lobenswert. Es wurde schon mehrfach in Studien von Sprachwissenschaftlern belegt, dass diese Herangehensweise die effektivste Methode ist, das Lesen und Schreiben zu erlernen, was die allgemeine Rechtschreibförderung an den Schulen betrifft. Legastheniker und LRS-Kinder sind mit ihren Schwächen sehr unterschiedlich, daher ist es fraglich, ob ein so geschlossenes Programm flexibel genug ist, den Ansprüchen qualifizierter Legasthenieförderung gerecht zu werden. Aus der Erfahrung heraus eignen sich geschlossene Programme in der Förderung nicht. Denn sie werden den Anforderungen einer guten Förderung nicht gerecht, dafür sind Betroffene zu unterschiedlich in ihren Förderschwerpunkten. Auch wenn die Methode sprachwissenschaftlich gut durchdacht ist, heißt es noch lange nicht, dass dieses Programm den Lernbedürfnissen der Betroffenen gerecht wird – dafür ist dieser Ansatz zu einseitig und unflexibel.

Die Wissenschaftlichkeit des Reuter-Liehr-Programms ist zu hinterfragen 

In einer Follow-up-Studie 2003-2004 wurde dieses Programm am Psychologischen Institut der Universität Göttingen durch Professor Marcus Hasselhorn und Frau Dipl.-Psych. Daniele Unterberg (Unterberg 2005, Reuter-Liehr 2007) evaluiert und auf die langfristige Wirksamkeit untersucht. Beim genaueren Hinsehen handelt es sich hierbei um eine kleine homogene Stichprobe, in der ersten Ausgangsstichprobe wurden 168 Fälle und in der zweiten 164 Probanden mit Legasthenie untersucht. In der klinischen Follow-up-Studie wurden 46 Legastheniker (Kinder, Jugendliche und  junge Erwachsene) über einen Zeitraum von durchschnittlich 3,02 Jahren mit einem Therapieabstand von sechs Monaten überprüft, um die Wirksamkeit dieses Programms zu belegen.

Nach unseren Recherchen wurde deutlich, dass man durchaus signifikante Kurz-und Langzeiteffekte bei dieser sehr kleinen medizinisch-psychologischen Stichprobe ableiten könnte. Diese Studie wurde von Fachleuten durchgeführt, die dem Bundesverband nahe stehen – es handelt sich also um keine unabhängige Studie. Wäre das Programm von unabhängigen Fachleuten überprüft worden, wäre der wissenschaftliche Befund objektiver.

Die Probanden kamen überwiegend aus einer homogenen Gruppe, da diese eine Förderung und Therapie gemäß SGB 35 a VIII erhielten und damit eine seelische Behinderung bzw. eine Gefährdung nachweisen mussten. Dies bildet nicht die tägliche Praxis ab, denn nicht alle Legastheniker sind von seelischen Problemen bedroht. Daher kommt bei sehr vielen Fällen eine Förderung durch das Jugendamt nicht infrage. Erhalten Familien Hilfe vom Staat, so ist von einem sozial schwächeren Milieu auszugehen. Denn Familien aus bessergestellten Verhältnissen kümmern sich überwiegend selbst und verlassen sich nicht auf die Hilfe des Staates. Nur rund 30 Prozent der Antragsteller einer LRS-Therapie bekommen eine Förderung oder die  Therapie vom Jugendamt bezahlt. Außerdem ist diese Gesetzgebung kompliziert und für die Betroffenen nicht hilfreich. Darum kann man von einer homogenen Stichprobe in dieser Studie ausgehen. Eine unabhängige Vergleichsstudie mit einer größeren nicht-homogenen Stichprobe wäre glaubwürdiger gewesen. Es fehlt außerdem eine Vergleichsstudie von unabhängigen Fachleuten, die nicht dem Bundesverband Legasthenie angehören. Daher ist die Wissenschaftlichkeit des Therapieprogramms fraglich.

Unsere Einschätzungen und Empfehlungen:

Es ist lobenswert, dass dieses Programm auf einem sprachwissenschaftlichen Konzept basiert. Den Kriterien einer differenzierten Einzelförderung hält es nicht stand, da ein unabhängiger wissenschaftlicher Beleg aus der Bildungsforschung fehlt. Betroffene sollten nicht in der Gruppenförderung mit einem routinierten Programm gefördert werden, sondern jeder benötigt eine bestmögliche eins zu eins Betreuung. Daher sollte es als Ergänzung in der Förderung eingesetzt werden. Sollten Eltern bemerken, das dieses Programm als einziges Therapieprogramm zur Behandlung einer Lese-Rechtschreibschwäche oder als LRS-Förderung verwendet wird, sollte die Seriosität und die fachliche Qualifikation der Lehrer und Therapeuten der Nachhilfeinstitute hinterfragt werden. Der Preis dieses Programms ist mit 182 € zu teuer, da es höchstens als ergänzendes Material für eine qualifizierte Förderung reicht.

Wenn Sie sich das Programm ansehen wollen, können Sie sich auf der Internetseite des Dr. Winkler Verlages informieren.

Erstveröffentlichung am 28.10.2014, überarbeitete Fassung vom 14.06.2016.

 

 

Das Jenaer Lese- und Rechtschreibtraining

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In dieser Besprechung erklären wir das Konzept des Jenaer Lese- und Rechtschreibtrainings von Dr. Thomas Grüning aus Jena und geben eine fachliche Einschätzung darüber ab, ob sich dieses Förderprogramm für Kinder mit Lese- Rechtschreibschwäche oder Legasthenie eignet.

 

Kurze Information zum Autor

Dr. Grüning beschäftigt sich schon seit 18 Jahren freiberuflich mit der Förderung von Kindern, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Bis 2005 war er Lizenznehmer von LOS – Lerninstitut für Orthographie und Schreibtechnik, welches in Deutschland zu den größten kommerziellen Franchise-Nachhilfeanbietern gehört. Nach dieser Zeit führte er die Förderung von Kindern mit seinen eigenen Lernmaterialien durch. Seit 2006 begann er, neben dem Gruppenunterricht im Institut zusätzlich betreute Fernkurse anzubieten und seit 2011 führt er nur noch 12- bis 18-monatige Fernkurse für 70 bis 80 Schüler durch, die überwiegend aus Thüringen stammen.

Die Idee des Konzeptes

Das Motto seines Programms lautet: „Vor Augen führen, statt in den Ohren liegen!“ Er leitet den Schriftspracherwerb der wichtigsten Wortstämme ab, indem die Schüler die richtigen Bilder verinnerlichen. Danach sollen sie die eigene Schreibweise während des Schreibvorgangs fortlaufend mit ihren inneren Bildern und den dort abgespeicherten Wörtern vergleichen. Dieses Konzept basiert nicht auf der sogenannten lautgetreuen Rechtschreibung, wie man sie von Reuter-Liehr kennt. Sondern es fokussiert sich darauf, was man mit den Augen sieht, entsprechend der bekannten Theorie des Wortbildmerkems.

Für diese Methode hat er einen Fernkurs für Schüler der 2. bis 9. Klasse entwickelt. Zuerst werden die Probleme mit einem standardisierten Rechtschreibtest ermittelt, um ein individuelles Fehlerprofil für die Förderung anzulegen. Daraus gestaltet sich dann schwerpunktmäßig die Lese- und Rechtschreibförderung nach dem Jenaer Konzept. Die Kinder werden systematisch nach einem Wortstammsystem geführt (Lese- und Rechtschreibtraining als Ortsführung durch Grundwortschatzhausen), welches sich an den Problemen der Kinder orientiert. Dazu hat er ein eigenes Wörterbuch entwickelt: „das Wörterbuch der wichtigsten Wortstämme“, welches den Schülern das Ziel des gemeinsamen Übens vor Augen führt. Dazu erhalten die Kinder Arbeitsblätter mit selbst entwickelten Lektionen.

Für das Bearbeiten einer 4-seitigen Lektion benötigt das Kind nicht mehr als 20 bis 30 Minuten, was Kindern mit Konzentrationsschwächen nachhaltige Lernerfolge bringen soll. Das Konzept beinhaltet 111 vierseitige Übungen mit Geschichten, Gedichten, Reimwörtern, Wortfamilien, Lückentexten, Morphempuzzles zu allen Wortbausteinen, die einer besonderen Übung in der Rechtschreibung bedürfen.

 Unsere Einschätzungen

Was uns sehr gut gefällt – dieses Konzept ist sehr praktisch und kindgerecht. Mit vielen witzigen Illustrationen und lustigen Reimen können Kinder Freude daran finden, sich dem Lesen und Schreiben zu widmen. Die einleitende Erklärung des Konzeptes ist für die Eltern oder Lehrer gut verständlich, es kann sehr schnell in der Förderung umgesetzt werden. Der theoretische Hintergrund des Wortbildmerkens ist in dieser Form in der Fachwelt umstritten, weil es keine Belege dafür gibt, das Legastheniker oder LRS-Kinder durch diese Methode besser lesen und schreiben lernen würden bzw. diese Probleme nachhaltig kompensieren können. Der Autor behauptet: „In der deutschen Rechtschreibdidaktik herrscht die vollkommen falsche Annahme vor, dass es die Aufgabe des Lehrers sei, seinen Schülern beizubringen, wie sie durch eine Lautanalyse der Wörter die richtige Buchstabenauswahl beim Schreiben zu treffen haben, wie sie also etwas, das sie hören, in etwas zu übersetzen haben, das sie dann sehen.“ Diese Herleitung ist mehr als problematisch.

Es sind uns aus der Forschung keine Studien bekannt, die dieses Konzept belegen würden. Das Lernen und Ableiten der Lautlehre in Verbindung mit den Wortstämmen ist nur ein kleiner Teil der komplexen Probleme bei Kindern mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. Daher ist dieser Ansatz mit gewisser Vorsicht zu genießen, da die Förderung entsprechend dem analytisch-synthetischen Modell (Fibel-Methode) eine sprachwissenschaftlich belegte Methode ist. Darum sollten Kinder nicht mit dieser zusätzlichen Methode gefördert werden. Unserer Meinung nach besteht nämlich die Gefahr, dass sie mit der didaktischen Methodik durcheinander kommen. Denn meistens lernen Schüler den Schriftspracherwerb nach der besagten Fibel-Methode oder nach dem viel diskutierten Schweizer-Modell. Darum macht es wenig Sinn, den Kindern noch eine andere Methode beizubringen.

Legasthene Schüler sollten nicht in der Gruppenförderung oder einem Fernkurs betreut werden. Dazu sind die Probleme der betroffenen Schüler viel zu vielseitig. Betroffene Schüler brauchen eine umfassende 1 zu 1 Förderung. Auch die Verbesserung der Leistungen – nach Aussagen des Autors durchschnittlich nach einem halben Jahr um 20 bis 25 Prozentränge und nach einem ganzen Jahr der Förderung durchschnittlich um 30 bis 40 – ist so nicht nachvollziehbar. Eine unabhängige Vergleichsstudie wäre für die Wirksamkeit dieses Programms glaubwürdiger.

Dieses Programm ist für Kinder mit LRS oder Legasthenie nicht zu empfehlen.

Ein eigenes Bild können Sie sich hier machen: http://www.ilr-gruening.de