LRS und Legasthenie?

Das Ursachen- und Wechselwirkungsmodell der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (nach Lehmann / Feldt, 2018)

Ursachen-Wirkungsmodel-Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten

Es gibt viele Begriffe für Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Heute kennt man Lese-Rechtschreib-Schwäche, LRS, Legasthenie, Lese-Rechtschreib-Störung, Dyslexie, isolierte Rechtschreibstörung, isolierte Lesestörung uvm. Es gibt viele unterschiedliche Interpretationen in der Medizin und im Bildungswesen. Seit etwa 130 Jahren werden LRS und Legasthenie erforscht. Bis heute wird die gesamte Problematik häufig aus medizinisch-psychologischer Sicht als Lese-Recht-Schreibstörung betrachtet. Hier gibt es noch viel Bedarf der Forschung und fachlichen Diskussion.

Aus unserer Forschung und langjährigen Praxis wissen wir, dass es viele Ursachen für Probleme im Schriftspracherwerb geben kann. Hierzu gibt es bis heute wenig Einigkeit in der Fachwelt. Darum werden die Begriffe LRS und Legasthenie bis heute unterschiedlich interpretiert oder auch gleichbedeutend für alle Schwächen im Schriftspracherwerb als Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) umschrieben. Aus ethischer und menschenrechtlicher Sicht ist die medizinische Lese-Rechtschreib-Störung (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V.), wie sie im Manual der ICD-10 (psychischer Störbilder) gelistet ist, kritisch zu sehen. Denn das ist ein medizinisches Konstrukt, dass bisher wissenschaftlich nicht umfassend belegt wurde. Wir wissen aus unserer Praxis, dass es verschiedene Ursachen für Lese-Rechtschreib-Schwächen geben muss. Deshalb sind wir für eine bessere Differenzierung und Kategorisierung dieser Schwächen. Denn jeder Betroffene soll eine umfassende und inklusive Förderung entsprechend seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten erhalten.

Darum ist eine Ablehnung der Unterscheidung der Ursachen dieser Schwächen für die Betroffenen wenig hilfreich. Mit genauer Kenntnis der Ursachen und Wechselwirkungen besteht die Chance, dass die Schwierigkeiten besser bewältigt werden können als es bisher im Bildungswesen der Fall ist.

Darum haben wir ein sozialwissenschaftliches Ursachen- und Wechselwirkungsmodell der Lese-Rechtschreib-Schwächen entwickelt, dass nicht nur für den deutschsprachigen Raum gilt, sondern auf die gesamte westliche Welt übertragbar ist. 

Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS)

LRS ist ein Containerbegriff, unter dem im Bildungswesen alle möglichen Schwächen beim Lesen und Schreiben grob zusammengefasst werden. Hier findet keine Differenzierung statt! Daher ist diese pädagogische Bestimmung für eine umfassende Diagnostik und Förderung der Betroffenen nicht geeignet. LRS-Klassen sind wissenschaftlich umstritten, weil hier die genaueren Ursachen und Wechselwirkungen der verschiedenen Lese- und Rechtschreibschwächen nicht untersucht und differenziert werden.

Die meisten Ursachen der erworbenen LRS hängen mit der sozialen Umwelt zusammen, die mit der Lernumwelt (Lernmethode “Schweizer-Modell“, Klassenklima, Schulwechsel etc.) und der Sozialisierung (Sozialgefüge, familiäre Lernanreize etc.) der Betroffenen im Zusammenhang steht. Sie können dabei psychische Beeinträchtigungen begünstigen. In der Regel sind diese Schwächen als vorübergehende Schwierigkeiten zu verstehen und können gut und schneller bewältigt werden, als es bei der Legasthenie der Fall ist, weil sie von der sozialen Umwelt erworben worden sind. Bei einer Legasthenie spielt die soziale Umwelt bei der Bewältigung der Schwäche nur indirekt eine Rolle. 

Dazu gibt es eine kleinere Gruppe von Lese-Rechtschreib-Schwächen, die infolge organischer Beeinträchtigungen erworben sein können. Diese hängen häufig mit der frühkindlichen Entwicklung zusammen (Hirnschädigungen, Frühgeburten, Erkrankungen der Augen und Ohren). Auch diese Betroffenen haben häufig ähnliche Probleme, die auch zusätzlich in Verbindung mit psychischen Beeinträchtigungen wie auch mit der kognitiven Entwicklung auftreten können.

Legasthenie (Dyslexia)

Eine Legasthenie ist überwiegend auf eine genetische Veranlagung zurückzuführen. Norman Hinshelwood und Pringle Morgan gehörten zu den ersten Pionieren der medizinischen Legasthenie-Forschung. Sie beobachten im 19. Jahrhundert ein häufiges Auftreten der Legasthenie innerhalb von Familien und schlossen schon damals auf eine erbliche Veranlagung. Dieser Verdacht wurde in den letzten Jahrzehnten durch Studien belegt. 50 bis 70 Prozent der Lese-Recht-Schreibschwächen können von einer familiären Häufung herrühren. Dies bestätigt unsere Statistik, nach der etwa 50 Prozent der Probleme mit einer Veranlagung zu tun haben können. Andere Lese-Rechtschreib-Schwächen können erworben worden sein, so wie es unser Modell erklärt.

Heute ist man in der Forschung deutlich weiter und geht davon aus, dass sowohl genetische Anlagen (familiäre Häufung) als auch die soziale Umwelt eine Legasthenie begünstigen können. Beide Einflussfaktoren, Genetik und Umwelt, können sich sowohl auf die Seh- als auch auf die Hörverarbeitung (neuronale Besonderheit) auswirken. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es im Laufe der Sprachentwicklung schließlich zu einer Legasthenie kommen. Legasthenie sieht man heute als eine vielschichtige Schwäche in der Verarbeitung sprachlicher Informationen an.

Eine Dyskalkulie (Rechenschwäche) resultiert wahrscheinlich aus ähnlichen Umständen. In der Praxis beobachten wir häufig eine Kombination aus Dyskalkulie und Legasthenie. Studien zeigen, dass 40 bis 70 Prozent der Kinder mit einer Legasthenie auch eine Dyskalkulie aufweisen. Die genaueren Zusammenhänge beider Veranlagungen müssen noch im Detail erforscht werden.

Eines steht daher fest: Diese Schwierigkeiten haben nichts mit Faulheit oder Dummheit zu tun. Sie liegen auch nicht am sozialen Umfeld, dem Kulturkreis oder einer mangelhaften Bildung. Sie sind nichts anderes als eine Normvariante menschlicher Intelligenz, die spezielle Einzelförderung, beständiges Training und in manchen Fällen die Hilfe eines Psychotherapeuten benötigt. Seelische Beeinträchtigungen sind als indirekte Folge einer nicht-bewältigten Legasthenie zu verstehen, da eine Legasthenie nicht automatisch zu einer seelischen Erkrankung führen muss. Die soziale Umwelt (Lernumfeld und Sozialisierung) der Betroffenen kann diese begünstigen oder davor schützen. Deshalb ist die soziale Umwelt häufig ein indirekter Faktor dafür, ob Legastheniker ihre Schwäche bewältigen oder eine seelische Behinderung davontragen können. Bei einer LRS ist es meistens die soziale Umwelt, die den Erwerb von Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben fördern kann. 

Stand 27.11.2018 (Modellversion: 1.01)


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