Wie die Erziehung bei Kindern mit LRS gelingen kann

Erziehung LRSDas Thema Erziehung spielt bei der Bewältung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche bei Kindern eine wichtige Rolle. Wir wollen in diesem Beitrag einige Ratschläge für die Erziehung von Kindern mit Legasthenie oder LRS geben, die sich in der praktischen Arbeit bewährt haben.

Sicherlich gibt es kein Patentrezept für die optimale Erziehung dieser Kinder. Da die Kinder mit Lernschwächen verschieden sind, ist auch die Erziehung für diese Kinder unterschiedlich. Außerdem gibt es keine perfekten Eltern oder Kinder, wie man sie uns in fiktiven Geschichten schönmalt. Eltern haben ihre Vorprägungen und Kinder werden von der elterlichen Umwelt wieder geprägt. Dies soll keine Entschuldigung dafür sein, die Kinder nebenbei laufen zu lassen, indem sich Eltern sagen, diese erziehen sich schon selber. Oder die Schule oder andere persönliche Bezugspersonen erziehen die Kinder. Mit Sicherheit spielt die Kernfamilie eine wichtige Rolle in der Erziehung. Wenn Kinder schulische Lernschwierigkeiten haben, ist eine entwicklungsgerechte Erziehung für diese Kinder wichtig. Eine vollkommene Erziehung gibt es nicht, es werden immer Fehler dabei gemacht. Eltern sollten sich bei unlösbaren Konflikten an professionelle Fachleute wenden. In einigen Fällen kann ein Kinder- und Jugendpsychologe eine gute Unterstützung bieten. So müssen sich familiäre Konflikte nicht hochschaukeln. Gibt es länger anhaltende Konflikte in der Familie, wie sie bei Kindern mit Lernschwächen häufiger auftreten können, ist es durchaus vernünftig sich Hilfe zu holen. Sicherlich ist das Aufsuchen solcher Hilfen mit Scham behaftet, denn wer gesteht sich schon gern ein, dass er Probleme in der Familie hat. Frühe Hilfe und ein ehrlicher Umgang mit Problemen kann hier eine Hilfe sein.

Aus unser langjährigen Erfahrung und Forschung wissen wir, dass Lese-Rechtschreib-Probleme und Schwierigkeiten in der Erziehung der betroffenen Kinder in einem engen Zusammenhang stehen können, aber nicht automatisch müssen. Erziehungsprobleme treten bei LRS-Kindern erfahrungsgemäß häufiger auf. Das ist nichts Unnatürliches. Erlebt ein Kind schulische Probleme und kann es sie möglicherweise nicht bewältigen, weil die Schwierigkeiten nicht richtig erkannt werden, wird es diese innerlichen Konflikte mit seinem Verhalten zeigen. Denn es weiß keinen anderen Ausweg, um auf die ungelösten schulischen Schwierigkeiten aufmerksam zu machen. Mögliche Reaktionen sind dann Verhaltensprobleme wie Wutausbrüche, Unruhe, Hyperaktivität, Leistungs- und Motivationsverweigerung etc. Das bedeutet aber nicht immer, dass diese Kinder psychische Probleme haben müssen. In der Frühphase einer LRS braucht das nicht der Fall sein. Bleiben die Schwierigkeiten über einen längeren Zeitraum bestehen und werden sie nicht mit professioneller Hilfe bearbeitet, können sich daraus längerfristige psychische Störungen entwickeln. Aber nur in seltenen Fällen haben Lese-Rechtschreib-Schwächen im frühen Stadium einen Krankheitswert.

Deshalb können die Eltern präventiv einen positiven Anteil an der Erziehung ihrer Kinder haben, um eine drohende seelische Behinderung der Kinder zu vermeiden. Es gibt Fälle, wo trotz guter Erziehung Verhaltensprobleme auftreten, das kann gehäufter bei Frühchen oder anderen Entwicklungsverzögerungen, bei psycho-emotionalen Vorerkrankungen oder Traumatisierungen vorkommen. Aber das betrifft nicht die Mehrheit der Kinder mit Lese-Rechtschreib-Problemen.

Mit einer kindgerechten Erziehung können Eltern positiv auf die Lernschwierigkeiten der Kinder einwirken, sodass Verhaltensprobleme vermieden oder abgemildert werden. Es wird nicht gelingen, jegliche Probleme zu vermeiden, das heißt, Schwierigkeiten in der Erziehung wird es immer geben. Familien benötigen manchmal externe Hilfe zum Beispiel durch Psychologen, das Jugendamt oder andere Familienberatungshilfen vor Ort. Trotzdem haben Eltern den größten Anteil der Erziehung zu leisten. Je besser die Lebens- und Lernumfelder der Kinder mit Lernschwächen sind, desto größer ist die Chance, diese Schwierigkeiten in der Schulzeit zu bewältigen. Denn soziale Verhaltensauffäligkeiten stehen oft im Zusammenhang mit der Erziehung der Kinder. Die Eltern müssen dazu befähigt werden, diesen Part bestmöglich eigenverantwortlich wahrzunehmen.

Die familiären Konstellationen haben sich in den letzten Jahren verändert, heutzutage leben die Kinder in unterschiedlichen familiären Zusammensetzungen neben dem klassischen Familienbild verheirateter Eltern aus Mutter und Vater. Entwicklungspychologisch ist eine stabile Familiensituation für die Kinder wichtig. Umso stabiler die Eltern-Kind-Bindung ist, desto besser wird die Erziehung der Kinder gelingen. Das trägt dann auch zu einem besseren Gelingen der zu bewältigenden schulischen Anforderungen bei. Denn außerfamiliäre Einrichtungen (Krippe, Kindergarten, Schule) haben natürliche Grenzen in der Erziehung. Wenn das familiäre Sozialgefüge problembelastet ist, sind die Entwicklungschancen der Kinder häufig ähnlich schwierig. Entsprechend wird sich die Bewältigung der Lernprobleme gestalten.

Aus unserer Sicht haben sich folgende Punkte für eine gute Erziehung herausgestellt:

  • Verbote als Gebote umformulieren
  • Nicht lügen
  • Streit sollte nicht vor den Kindern ausgetragen werden
  • Geduldig und nicht nachgiebig sein
  • Grenzen setzen
  • Konsequenzen aufzeigen
  • Verständnis zeigen und fordern
  • Belohnungen und Bestrafungen (zeitnah im richtigen angemessenen Verhältnis)
  • Etikette und Moral sowie Werte vermitteln und einfordern
  • Familiäre Rituale und Traditionen leben
  • Annahme, die signalisiert, du bist geliebt und gewollt
  • Sich Zeit für die Kinder nehmen

Diese Tipps sind grundsätzlich wichtig für eine gesunde psychische Entwicklung, wie sie sich durch eine liebevolle und fördernde Erziehung der Kinder entwickeln kann – unabhängig von der derzeitigen Familienkonstellation. Sie kann seelische Schädigungen bei Kindern vorbeugen helfen. Elternteile haben hier eine große Verantwortung. Zusätzlich gibt es in der Stadt „Hilfe zur Erziehung“ bei Beratungsstellen freier oder kirchlicher Träger oder bei den Jugendämtern.

 

Soziale Akzeptanz unterstützt die Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Soziale Akzeptanz unterstützt die Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Soziale Akzeptanz bedeutet zwischenmenschliches Verstehen und Verstanden-Werden mit einer Funktion, die über den Zweck der zwischenmenschlichen Kommunikation hinausgeht. Oft erlebt der legasthene oder lese-rechtschreib-schwache Mensch in seinem sozialen Umfeld (Elternhaus, Schulwesen, öffentliche Gesellschaft) wenig soziale Akzeptanz. Diese umweltintentionelle Determinante bedeutet eine Wechselwirkung mit der Umwelt, die eine Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Problematik positiv begünstigen oder stark beeinträchtigen kann.

Studien zeigen, dass die Motivationssysteme unseres Gehirns nur dann anspringen, wenn Menschen soziale Zuwendung oder Wertschätzung erfahren. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass lese-rechtschreib-schwache Kinder seltener seelische Schäden davontragen, wenn sie Wertschätzung durch soziale Zuwendung und Anerkennung erfahren. Zuwendung und soziale Einbindung fördern die seelische Widerstandsfähigkeit, sodass die Kinder keine psychische Krankheit entwickeln müssen, die sich später im Erwachsenenalter zu hartnäckigen seelischen Behinderungen entwickeln können. Deshalb kann die Separation in eine Sonderschule (LRS-Klassen) psychische Probleme bei den Kindern begünstigen. Eine LRS-Klasse kann für die Kinder die Abwertung ihrer Persönlichkeit bedeuten, was sich dann häufig durch Verhaltensprobleme, Versagensängste und Motivationsverlust äußern kann. Eine inklusivere Herangehensweise, bei der man diese Kinder nicht separiert, sondern sie im Klassenverband belässt und individuell fördert, begünstigt eine seelisch stabilere Entwicklung als bei Kindern, die eine soziale Ausgrenzung durch die LRS-Klasse erfahren.

Aus den von uns durchgeführten Befragungen von Kindern und Erwachsenen wird deutlich, dass die vorhandenen psychischen Probleme wahrscheinlich weniger mit den Lernschwierigkeiten zu tun haben. Wir nehmen an, dass die beobachteten psycho-emotionalen Probleme bei Legasthenikern oder LRS-Betroffenen maßgeblich auf familiäre Hintergründe in der Eltern-Kind-Bindung bzw. der Beschulung in einer LRS-Klasse als sozialen Umweltfaktor hinweisen.

Wenn diese Kinder in der Familie wenig emotionale Zuwendung, Wertschätzung und Verständnis erfahren, kann das soziale Ausgrenzung und Probleme im Selbstbild bewirken. In diesem Fall werden Verhaltensauffälligkeiten, Isolation und Aggression begünstigt. Vermutlich entsteht daraus der Teufelskreis der Lernstörungen, der bei den Kindern langfristig seelische Behinderungen und Suchterkrankungen auslösen kann.

Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder im Elternhaus durch Wertschätzung eine beständige Eltern-Kind-Bindung erfahren. Diese Selbstbindungserfahrung ist für die ersten zwei bis drei Lebensjahre wichtig. Solche Erfahrungen werden diese Kinder resilienter durch den Schulalltag begleiten. Diese positiven Erfahrungen machen die Kleinkinder weniger stark anfällig für psychische Erkrankungen. Das kann wiederum Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwächen stärken.

Erfahren die Kinder trotz schulischer Lernprobleme Liebe und Annahme und keine Separation in eine LRS-Klasse als ausgrenzende Erfahrung, besteht die Chance, dass sich diese Kinder gesund entwickeln können. Dazu ist das Elternhaus als Institution für die Förderung einer stabil entwickelten Persönlichkeit nicht zu unterschätzen. Diese Grundlage kann die Kinder widerstandsfähiger machen, besonders vor Ausgrenzungserfahrungen und Ablehnungen durch die Umwelt. Deshalb entwickeln sich wahrscheinlich die Betroffenen je nach Umwelterfahrungen recht unterschiedlich. Es kann ein weiterer Hinweis dafür sein, dass sich Lese-Rechtschreib-Schwächen nicht automatisch zu einer chronischen seelischen Krankheit oder gar Behinderung entwickeln müssen. Haben die Betroffenen gute familiäre Bedingungen, werden sie seltener Versagensängste, Überforderung oder Motivationsprobleme infolge ihrer Lernschwächen entwickeln.

Sie werden trotz ungünstiger Lernbedingungen wahrscheinlich besser durch die Schulzeit kommen, als wenn sie im Elternhaus und Schulwesen starke Defizite in ihrer sozialen Akzeptanz erleben. Sind Kinder in der Familie akzeptiert und angenommen, können sie Konflikte in der Schule besser bewältigen, als wenn sie ein instabiles Elternhaus erleben.

Zusammenfassung

Zur sozialen Akzeptanz gibt es Hinweise in unserem Forschungsfeld, dass eine frühe und gute Eltern-Kind-Bindung einen wichtigen Schutzfaktor vor psycho-sozialen Problemen darstellt. Vermutlich sind diese Indikatoren ein wichtiger Hinweis darauf, dass Betroffene trotz ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche keinen seelischen Schaden nehmen müssen. Die Betroffenen, die in problembelasteten Familien aufwachsen, in eine LRS-Klasse gingen, wenig Annahme und Zuwendung im Kindesalter erfahren, werden häufiger psycho-soziale Auffälligkeiten und Lernschwächen entwickeln, die sie bis in das Erwachsenenalter begleiten können. Darum haben viele Betroffene im Erwachsenenalter seelische Beeinträchtigungen.

Die genaueren Zusammenhänge müssen noch erforscht werden. In der Praxis erleben wir es nicht selten, dass die sozialen Umfelder der Betroffenen einen wichtigen Hinweis liefern, wie mehr oder weniger gut die Lernprobleme bewältigt werden können. Das ist wiederum ein Hinweis darauf, dass eine generalisierte Lese-Rechtschreib-Störung als Behinderung oder Krankheit so wahrscheinlich nicht existiert, sondern ein theoretisch konstruiertes Störbild sein muss.

Schlussbemerkung: Diese Hinweise verdeutlichen, dass die Förderung der Kinder ein individuelles Fallverstehen voraussetzt. Ohne diesem wird keine nachhaltige Bewältigung oder gar Überwindung der Lese-Rechtschreib-Probleme möglich sein. Eine Förderung muss auf die gesamte persönliche Entwicklung abzielen, bevor an der Fehlersymptomatik im Lesen und Schreiben lerntherapeutisch gearbeitet werden kann. Von dieser Herangehensweise sind wir im deutschsprachigem Raum weit entfernt.

Gute Erziehung legt die Grundlage zur Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Schwäche

Erziehung ist eine gute Basis für die Bewältigung der Lese-Recht-SchreibschwächeUnsere Erziehung gibt vor, wer wir werden und was wir tun (Parens, 2017). So titelt Prof. Henri Parens, MD der Thomas Jefferson University, in einem Fachaufsatz, der im Buch „Bindung und emotionale Gewalt“ des bekannten Bindungsforschers Karl Heinz Brisch herausgegeben wurde. Die Eltern-Kind-Bindung ist eine wichtige Grundlage für die Erziehung und emotionale Entwicklung der Kinder. Sie bildet die Basis dafür, wie sich das Selbst und langfristig das Selbstbild des Kindes entwickeln wird. Diese Erkenntnisse sind wichtig für die Legasthenieforschung, denn eine gute Erziehung ist eine wichtige Grundlage dafür, dass sich Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwächen langfristig bis ins Erwachsenenalter gut entwickeln können. Oder die Kinder haben durch ungünstige Umweltbedingungen und Bindungsmuster eine geringere Bindungsfähigkeit, woraus psycho-soziale Verhaltensstörungen bis hin zu einer seelischen Behinderung entstehen können.

Deshalb muss auch die Definition der Lese-Rechtschreib-Störung als generalisiertes Krankheitsbild Kritik aushalten. Hier müssen wir uns die Fragen stellen: Kommen lese-rechtschreib-schwache Kinder mit einer Krankheit auf die Welt? Oder werden sie erst durch ihre Umwelt, durch ihre Erziehung, das Schulwesen und die Gesellschaft zu auffälligen Kindern?

Ein medizinisches Störbild Lese-Rechtschreib-Störung verhindert holistisches Fallverstehen und vernachlässigt Erziehung und Bildung

Die medizinisch-psychologische Fachwelt betrachtet die Lese-Rechtschreib-Störung häufig als ein pathologisches Konstrukt. Man misst die Auffälligkeiten im Lesen und Schreiben, in vielen Fällen dazu auch die Intelligenz, die Konzentration und vergleicht sie dann mit der entsprechenden Altersklasse. Statistisch gesehen mag man damit auffällige Kinder entdecken. Häufig entdeckt man sie aber nicht, weil die gemessenen Ergebnisse je nach Tagesform schwanken können.

Viel wichtiger aber ist die Frage: Wie hat sich das Kind im Verlauf seines Lebens psycho-emotional entwickelt? Hierbei spielt die Erziehung, die auf der Bindungsfähigkeit zu den Eltern beruht, eine wichtige Rolle, inwiefern langfristig Lese-Rechtschreib-Schwächen durch genauere Kenntnis der Entwicklungsgeschichte kompensiert und bewältigt werden.

Ein Aspekt dabei ist, es muss Indikatoren dafür geben, warum seelische Gewalt oder gar Vernachlässigung sowie eine geringe Bindungsfähigkeit zu Lernschwächen im Lesen und Schreiben führen können. Diese Dimensionen wurden bisher in der Legasthenieforschung nur wenig berücksichtigt.

Aus dieser Betrachtungsweise heraus wird deutlich, dass die Diagnose Lese-Rechtschreib-Störung für eine nachhaltige Hilfe nicht ausreicht. Hierzu braucht es ein holistisches Fallverstehen, welches die gesamte Entwicklung der Betroffenen einbezieht. Deshalb ist der familiäre Hintergrund als Bindungs- und Erziehungsinstitution für das Verstehen des Einzelfalls unumgänglich. Darum greift eine umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fähigkeiten als medizinisches Störbild (Krollner, 2018) zu kurz. Diese Definition etikettiert und stigmatisiert die Betroffenen. Aus ethischer und menschenrechtlicher Perspektive sollte diese Definition aus der ICD-10-GM gestrichen werden.

Institutionelle Prägungen beeinflussen und formen die Erziehung und Bildung

Familien erziehen ihre Kinder von Anfang an unter dem Druck der in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschenden Ideen und Vorstellungen. Diese institutionellen Prägungen beeinflussen und formen die jeweilige Erziehung und dadurch die psycho-emotionale Entwicklung der Kinder. Deshalb spielt die Erziehung eine wichtige Rolle für die kognitive Lernfähigkeit und Reifung der Kinder. Erfahren Kinder Liebe und Angenommensein, werden sie daraus eine gesunde Bindungsfähigkeit entwickeln können, die sie psycho-emotional zu resilienten Kindern werden lässt. Je stabiler die Kinder mit Lernschwächen heranwachsen können, desto besser können sie ihre Legasthenie bewältigen. Andere Kinder wiederum werden keine LRS erwerben, wenn ihre Umwelt (Familie und Schulwesen) bestmögliche Bedingungen bietet.

Andererseits muss es möglicherweise am Erziehungsstil und der familiären Vorprägung und ihrer Familienhistorie liegen, ob sich Kinder fehlentwickeln oder das Leben in seiner Entwicklung gelingen kann. Dabei scheinen gesellschaftliche und öffentliche Bildungsinstitutionen durch eine vorgeprägte Gruppenidentität eine Rolle im dynamischen Entwicklungsprozess zu spielen. Vermutlich spielt die Kernfamilie eine größere Rolle, wie wir in ihr geprägt werden und was aus den Kindern später einmal werden kann. Je günstiger die Bedingungen sind, desto besser werden Betroffene mit Lese-Rechtschreib-Schwäche durch das Schul- und spätere Erwachsenenleben gelangen. Deshalb legt die Familie durch ihre Erziehung eine wichtige Basis für das Lernen allgemein (Lehmann, 2018).

Quellen:

Krollner, D. B. (2018). F81.-Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. http://www.icd-code.de. ICD-10-GM, Version 2018, Systematisches Verzeichnis: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Zugriff am 5.5.2018. Verfügbar unter: http://www.icd-code.de/icd/code/F81.0.html

Lehmann, L. M. (2018, April 17). Eltern-Kind-Bindung und emotionale Entwicklung sind wichtige Faktoren zur Bewältigung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. http://www.legasthenie-coaching.de. Internetpräsenz von Legasthenie Coaching – Institut für Bildung und Forschung gUG (haftungsbeschränkt), Zugriff am 5.5.2018. Verfügbar unter: https://www.legasthenie-coaching.de/eltern-kind-bindung-und-emotionale-entwicklung-sind-wichtige-faktoren-zur-bewaeltigung-einer-lese-rechtschreib-schwaeche/

Parens, H. (2017). Bindung und emotionale Gewalt (Fachbuch Klett-Cotta). Das bösartige Vorurteil – Ein Weg zur Entladung emotionaler Gewalt (Band Bindung und emotionale Gewalt, S. 145–178). Klett-Cotta.

Eltern tun sich häufig schwer im Umgang mit LRS

Eltern tun sich häufig schwer im Umgang mit LRS

Wir beobachten häufig, dass sich Eltern mit der Problematik Lese-Rechtschreib-Schwäche schwertun. Sie sind zu wenig über die Schwierigkeiten ihrer Kinder aufgeklärt oder es wird zu spät darauf reagiert. Erst wenn die Lese-Rechtschreib-Probleme in der Schule festgestellt werden, beschäftigt man sich damit. Aber es sollte schon möglichst früh darauf reagiert werden, wenn die Kinder im ersten Schuljahr Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Denn frühe Hilfe ist die beste Prävention, damit die Kinder keine seelischen Schäden davontragen müssen.

Hatte ein Elternteil in seiner Schulzeit Probleme mit dem Lesen und Schreiben, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch die Kinder ähnliche Schwierigkeiten haben. Unsere Statistik zeigt eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent dafür auf, andere Studien gehen von höheren Zahlen aus. Der Ansatz, dass Kinder erst im 1. Halbjahr der 2. Klasse auf LRS getestet werden, greift unserer Meinung nach zu spät. Eine frühere Förderung wäre als Prävention vor seelischen Schäden wichtig und sinnvoll, wenn es bereits bei den Eltern ähnliche Schwierigkeiten gab. Hierfür fehlt leider häufig das Verständnis bei den Eltern und Lehrern. Von einem früheren Förderansatz sind wir in Deutschland weit entfernt. Erst wenn die Kinder auffällig werden, wird darauf reagiert. Dies kann ein Grund dafür sein, dass einige Kinder zusätzliche psychoemotionale Probleme entwickeln.

In Deutschland wird man schnell stigmatisiert, wenn es Probleme beim Lesen und Schreiben gibt. In unserer Leistungsgesellschaft gehören diese Fertigkeiten einfach dazu, die Kinder müssen reibungslos funktionieren, um den Ansprüchen in der Schule und später in der Berufswelt zu genügen. Das erzeugt zusätzlichen Druck auf die Eltern und ihre Kinder. Eltern können sich unterschiedlich gut in die Lage der Kinder hineinversetzen. Daraus ergeben sich die unterschiedlichen Reaktionen wie Mitgefühl, übertriebene Fürsorge oder Ignoranz. Dabei spielen auch die verschiedenen Erziehungsstile eine wichtige Rolle. Ein harter autoritärer oder antiautoritärer Erziehungsstil kann den Kindern gleichermaßen seelischen Schaden zufügen. Ein liebevoller und zielgerichteter Erziehungsstil, der eine gesunde psychoemotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern entwickelt und fördert, ist hilfreich für eine gute resiliente Entwicklung. In der Erziehung von LRS-Kindern werden häufig Fehler gemacht, weil die Eltern mit diesen Problemen überfordert und unsicher sind. Hier sollte eine Erziehungsberatung genutzt werden, die sich mit den Lernproblemen der Kinder auskennt.

Kinder mit einer LRS kommen nicht selten aus problembelasteten Elternhäusern oder aus Familien, wo die Eltern ähnliche Schwierigkeiten hatten, die sie nicht bewältigen konnten. Dies erschwert oft die Bewältigung der Lernprobleme bei den Kindern. Der soziale Aspekt sollte bei einer Lese-Rechtschreib-Problematik nicht unterschätzt werden. Gibt es in der Familie weniger soziale Probleme, steigt die Chance einer frühen Bewältigung der Lese-Rechtschreib-Probleme. Denn ein stabiles soziales Umfeld bringt den Kindern optimale Bedingungen. Das hat auch mit dem sozial-ökonomischen Kontext der Familien zu tun, denn sozial schwächere Betroffene sind in unserem Bildungssystem benachteiligt. Das erkennt man auch auf unserem Fachgebiet. Wahrscheinlich gibt es einen Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und psychosozialer Stabilität bei diesen Kindern. Deshalb sollten diese Kinder in der Grundschulzeit nicht in einer LRS-Klasse separiert werden, denn diese Exklusion kann die sozialen Schwierigkeiten exponentiell verstärken.