Sollte man beim Bewerbungsgespräch zu seiner Legasthenie stehen?

application-1756281_1280Der Umgang mit dieser speziellen, erblich veranlagten Lese-Rechtschreib-Schwäche ist so unterschiedlich wie auch die Betroffenen selbst unterschiedlich sind. Jeder Mensch hat seinen eigenen Hintergrund und einen individuellen Umgang mit der Schwäche erlernt. Auch im Bewerbungsprozess gehen die Betroffenen deshalb sehr unterschiedlich mit dieser Tatsache um. Dabei spielt auch der gewählte Fachbereich eine durchaus wichtige Rolle.

Wir wollen Ihnen an dieser Stelle ein paar Tipps und Ratschläge geben, wie man als Legastheniker am besten mit einer Bewerbung umgehen kann. Außerdem berichten wir über unsere Erfahrungen der letzten Jahre.

Für die meisten Betroffenen ist es ein großes Hemmnis, die Legasthenie bei ihrer Bewerbung zu erwähnen. Denn diese Problematik ist mit einem Stigma behaftet, die Umwelt setzt Legasthenie häufig mit Krankheit oder Behinderung gleich. Diese Etikettierung bedeutet für die Betroffenen, dass man den Wert ihrer persönlichen und fachlichen Fähigkeiten unterbewerten könnte. Vor nicht allzu langer Zeit war die Annahme geläufig: Wer nicht fehlerfrei lesen und schreiben kann, ist nicht intelligent genug, um qualifizierte und anspruchsvolle Berufe auszuüben. Viele Fachleute, unter ihnen auch Pädagogen und Psychologen, meinten, man solle dann einen geringwertigeren Beruf ausüben, zum Beispiel etwas Handwerkliches. Sicher war und ist diese Vorgehensweise für manche Legastheniker eine mögliche Nische. Dort konnten sehr versierte Betroffene gute Erfolge erzielen. Eine ganze Reihe von Legasthenikern hat es dabei zu einem Meisterbrief im Handwerk oder in Ingenieurberufen gebracht. Wir kennen einige Betroffene, die sich in verschiedensten Bereichen gut ins Berufsleben integrieren konnten. Andererseits erleben wir aber auch, dass nicht wenige Legastheniker die Hochschulreife erreicht und ein Studium abgeschlossen haben.

Bei vielen Mitmenschen ist die Problematik „Legasthenie“ nur wenig bekannt. Es ist halt für viele eine unerklärliche Schwäche, die man mit dem Synonym LRS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche bezeichnet. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, was es bedeutet Legastheniker zu sein. Fälschlicherweise werden sie mit Analphabeten in Verbindung gebracht. Andere stilisieren Betroffene zu Genies hoch oder sie meinen, diese seien wie Albert Einstein „Hochbegabte“. Letztere gibt es natürlich auch, aber sie stellen nicht die Mehrheit der Legastheniker. Unseren Schätzungen nach könnten vielleicht 5-10 Prozent der Betroffenen in die Kategorie Hochbegabung passen. Die Mehrheit von rund 90 Prozent ist wie bei der gesamten Bevölkerung durchschnittlich intelligent.

Es wird deutlich, dass viele Arbeitgeber und Personalabteilungen wenig mit der Problematik Legasthenie anfangen können. Auch viele erwachsene Betroffene kennen sich zu wenig damit aus. Meistens dominiert dann das Störbild „Legasthenie“, dass der Bundesverband Legasthenie vertritt. Diese Herangehensweise und der daraus folgende Umgang mit der Schwäche sind zur Bewältigung durch die Betroffenen wenig nützlich. Denn es gibt zu wenige Belege, um aus der Schwäche eine Erkrankung oder gar Behinderung zu konstruieren. Einzelne Fälle fallen sicherlich in diese Kategorie. Konnten die Betroffenen ihre Schwierigkeiten nicht bis zum Erwachsenenalter kompensieren, können seelische Sekundärerkrankungen eine Rolle in ihrem Leben spielen. Das bedeutet aber nicht, dass Legastheniker an sich krank oder behindert sein müssen. Dafür müssen andere Faktoren wirken, die mit der Umwelt der Betroffenen im Zusammenhang stehen können. Denn eine Legasthenie ist nur eine spezielle Lese-Rechtschreib-Schwäche, die mit Schwächen und für das Arbeitsleben durchaus nützlichen Begabungen einhergeht.

Wenn man diese Hintergründe kennt, hängt es häufig vom Beruf ab, ob sich der Betroffene outen kann. Das ist in sozialen, handwerklichen oder ähnlichen praktischen Berufen einfacher. In Berufen mit Führungsverantwortung liegt es am Arbeitgeber und an der Branche. Da Betroffene meistens an ihren beruflichen Leistungen gemessen werden, spielt die Legasthenie eine geringere Rolle. Der Betroffene muss halt genauso funktionieren wie der Nicht-Betroffene. Es gibt keine Bevorzugung für Legastheniker. Diese sollte es auch nicht geben, da Betroffene nur mit einer bewältigten Schwäche im Arbeitsleben Fuß fassen können.

Hier sollte jeder selbst abwägen, inwiefern das Thema Legasthenie bei einer Bewerbung angesprochen wird. Sicherlich wäre es ratsam, grundsätzlich mit offenen Karten zu spielen. Wird das Thema nicht angesprochen, kann es langfristig zu Konflikten in der Firma kommen, wenn zum Beispiel zu viele Rechtschreibfehler in der beruflichen Korrespondenz mit Mitarbeitern und Kunden passieren. Das kann in Personalabteilungen zu größeren Problemen führen, weil dort meist wenig Verständnis für die Betroffenen vorhanden ist. Sicherlich gibt es da auch Unterschiede zwischen den einzelnen Firmen. Es liegt an der jeweiligen Personalführung, wie mit den betroffenen Mitarbeitern umgegangen wird. Darum sollte immer genau überlegt werden, ob und wie man das Thema Legasthenie beim Bewerbungsgespräch anspricht.

Zusammenfassung

Ob man das Thema „Legasthenie“ bei Bewerbungen anspricht, sollte jeder für sich selbst abwägen. Oft hängt es vom Beruf ab, wie man mit der Problematik umgeht. In kreativen, sozialen und praktisch-orientierten Berufen geht man mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche meist pragmatischer um als in anderen Berufen (Jura, Medizin, Geisteswissenschaften, BWL o. Ä.). Zusätzlich sollte man sich Rat bei Fachleuten suchen, die sich mit dieser Materie auskennen. Fach- und Führungskräfte können dazu auch ein persönliches und berufliches Coaching nutzen, bei dem man lernt, selbstbewusster mit seiner Schwäche umzugehen.