ADHS und LRS

Gegenwärtig wird bei jedem zehnten Jungen eine ADHS-Diagnose gestellt. Ob alle impulsiven, hyperaktiven und unaufmerksamen Kinder krankhafte Störbilder im Sozialverhalten aufweisen, ist umstritten. ADHS könnte man als erworbenes Umweltproblem unserer Kinder verstehen. Es gab schon immer aktive, zappelige, unaufmerksame Kinder. In der Praxis erleben wir es, dass ein Großteil der getesteten Kinder mit ADHS-Diagnose als therapiebedürftig eingestuft werden. Nicht wenige werden mit Ritalin behandelt und haben dazu eine Lernschwäche – LRS oder Legasthenie?

Nicht selten sehen Fachleute bei Kindern mit LRS und Legasthenie einen Zusammenhang mit dem Aufmerksamkeitssyndrom „ADHS“. Hier werden scheinbar viele Kinder zu therapiebedürftigen Kindern klassifiziert. Früher waren sie alle normal. Hier muss man die kritische Frage stellen: Ist ADHS eine Umschreibung vieler fabrizierter Umweltprobleme der heutigen Zeit, die unsere Kinder zu gestörten Kindern machen? Der Erfinder des ADHS-Syndroms, der Psychiater Leon Eisenberg, sah die Probleme kurz vor seinem Tod als eine fabrizierte Erkrankung an, die er als psychische Störung klassifizierte. Diese Einordnung sorgte für eine Explosion der ADHS-Diagnosen und Ritalin-Therapien bei sämtlichen Konzentrationsproblemen von Kindern in den letzten Jahren. Eisenberg ging mit seinen Aussagen in einem Interview mit dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech noch deutlicher ins Gericht, in dem er sagte: „ADHS“ sei „ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“. Das Gleiche gilt unserer Meinung nach für die Diagnose Lese-Recht-Schreibstörung im Zusammenhang einer ADHS.

In der Arbeit mit betroffenen Kindern beobachten wir bei ihnen unterschiedliche charakterliche Eigenschaften. Einige sind sehr lebhaft und quirlig, andere wiederum sind ruhig und ausgeglichener. Deswegen sind diese Merkmale ungeeignet, um daraus als Krankheit ADHS oder ADS zu diagnostizieren.

Kinder mit LRS und Legasthenie haben nicht selten Probleme mit der Konzentration. Lese-Rechtschreibschwache Kinder erhalten viel zu häufig eine ADHS-Diagnose. Aber warum sind die Kinder mit diesen Lernschwierigkeiten unkonzentriert oder zappelig und manchmal auch gereizt? Es ist zweifelhaft, darin gleich eine Erkrankung zu konstatieren. Kinder mit Teilleistungsschwächen haben mit der Konzentration häufiger Probleme, da die ungleichmäßige Zusammenarbeit der visuellen und auditiven Sinnesfunktionen Schwankungen in der Konzentrationsfähigkeit beim Lesen und Schreiben hervorrufen kann. Das heißt nicht, dass die Kinder eine ADHS haben. Wirklich krankhafte Probleme in der Aufmerksamkeit sind bei diesen Kindern sehr selten vorhanden.

An unserem Institut fällt uns auf: Kinder wachsen in der heutigen Zeit in ungleichen Lebensbedingungen heran. Hierbei spielt das familiäre Umfeld eine wesentliche Rolle für dieses ADHS-Syndrom, da es mit der Erziehung und Vorbildfunktion zu tun hat. Dann folgt als wichtiger Faktor das schulische Umfeld, dass Verhaltensprobleme bei Kindern begünstigen kann. Verändert man die Ursachen dieser Faktoren, können Konzentrationsprobleme, die sich als Impulsivität oder Hyperaktivität äußern, ohne medikamentöse Therapien bewältigt werden.

Darum ist es wichtig, dass sich Fachleute und Eltern mit den Ursachen und möglichen Auslösern dieser Verhaltensprobleme beschäftigen. Dabei gehört nach unserer Beobachtung ein ausgewogener Umgang mit den Sozialen Medien und dem Fernsehen zu einer guten Erziehung. Kinder müssen in ihrer Entwicklung wahrgenommen werden – was sich in Grenzen setzen, fördern und herausfordern äußert. Ermöglichen Eltern und Pädagogen eine ausgewogene Erziehung und Förderung, werden die Kinder weniger auffällig sein. Etwas Impulsivität, Unruhe oder Konzentrationsschwäche bedeutet nicht automatisch eine Krankheit. Kinder erleben darin völlig natürliche Schwankungen, die selbstständig reguliert werden können. Es gehört viel Verständnis und Einfühlungsvermögen dazu, um die Probleme zu lokalisieren, warum Kinder oder Jugendliche sich so verhalten. Dazu muss man das Ursache-Wirkungs-Prinzip erkennen. Versteht man die Probleme der Kinder, werden diese gut kompensiert.

Wir erleben das in der praktischen Arbeit mit Kindern, die eine LRS und Legasthenie haben. Erhalten sie eine gute Förderung, werden sie die Auffälligkeiten, die als ADHS-Diagnose festgestellt wurden, schrittweise bewältigen. Kinder benötigen eine zielgerichtete Hilfe statt ruhigstellende Medikamente. Das ist mit Sicherheit unbequem und benötigt Zeit und Arbeit mit den Kindern. Die Ursachen der Verhaltensprobleme müssen zeitig genug erkannt und kompensiert werden, damit die Kinder später keine schwerwiegenderen Verhaltensstörungen bekommen. Denn diese resultieren häufig aus Erziehungsfehlern und falschen Lernmethoden im Bildungswesen. Daher sollten Eltern und Pädagogen sowie Ärzte bei einer ADHS-Diagnose den gesunden Menschenverstand nutzen. Der Fokus sollte auf Förderung statt Therapie abzielen.

Erstveröffentlichung: 7.10.2015, Überarbeitet am 25.08.2016

 

 

4 Min LesezeitSind Kinder mit LRS und ADHS wirklich krank?
Markiert in: