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Vor einigen Tagen veröffentlichten wir an dieser Stelle einen Bericht zum Legasthenie-Gentest, in dem wir einige Dinge hinterfragten. Als Reaktion auf diesen Artikel meldete sich der Neurowissenschaftler Dr. Jens Brauer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften; er forscht zusammen mit anderen Wissenschaftlern des Fraunhofer IZI im Projekt Legascreen an einem Früherkennungstest für Legasthenie im Kleinkindalter (2 bis 5 Jahre).

Im folgenden Interview wollen wir uns über die wissenschaftlichen Fragestellungen austauschen, die beim Projekt Legascreen erforscht werden sollen – wollen aber auch die Bedenken bzgl. einer solchen Studie ansprechen.

Lars-Michael Lehmann: Wie ist das Forschungsprojekt Legascreen mit dem FhG und MPG entstanden?

Herr Dr. Brauer:

Beide Institute forschen bereits seit mehreren Jahren getrennt voneinander zum Thema Legasthenie. Dabei interessieren wir vom Max-Planck-Institut uns vor allem für die im Gehirn ablaufenden Verarbeitungsprozesse und die hirnanatomischen Voraussetzungen der Sprachverarbeitung. Die Kollegen des Fraunhofer Instituts beschäftigen sich intensiv mit den genetischen Voraussetzungen, die zu der spezifisch menschlichen Fähigkeit der Sprachverarbeitung beitragen. Es lag auf der Hand, unsere Expertise zusammenzuführen, um in einem gemeinsamen Projekt die Legasthenie zu erforschen. Wir sind gemeinsam auf der Suche nach frühzeitigen Indikatoren, die bei Kindern auf eine spätere Legasthenie hindeuten.

Lars-Michael Lehmann: Sie sind auch der Meinung, dass Legasthenie überwiegend von einer genetischen Anlage herrührt und eine spezielle, erbliche Lese- und Rechtschreibschwäche darstellt. Nach verschiedenen Aussagen anderer Autoren (Morgan, Hinshelwood, Orton) ist die These, dass die Legasthenie eine visuelle Erkrankung sei, rückläufig. Man geht heute von deutlich komplexeren neuronalen Prozessen aus. Zum einen sollen diese mit der Seh- und Hörverarbeitung zusammenhängen,  sowie zum anderen am Zusammenspiel von Umweltfaktoren (Schule, soziales Umfeld) liegen, die diese Schwächen verstärken oder kompensieren können. Wie sehen Sie die Zusammenhänge und welche Messmethoden sollen im Detail genauere welche Erkenntnisse liefern?

Herr Dr. Brauer:

Man kann mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass sowohl genetische Anlagen also auch Umweltfaktoren zur Legasthenie führen. Beide Einflussfaktoren, Genetik und Umwelt, können sich sowohl auf Seh- als auch Hörverarbeitung auswirken. Unter bestimmten Voraussetzungen in einem komplexen Geschehen kann es im Laufe der Sprachentwicklung schließlich zu einer Legasthenie kommen. Legasthenie sieht man heute somit als eine vielschichtige Schwäche in der Verarbeitung sprachlicher Informationen an. Dabei spielen vor allem phonologische und akustische, aber auch visuelle Verarbeitungsmechanismen und Aufmerksamkeit eine Rolle. Die jeweiligen Teilbereiche, die für die Ausprägung einer Legasthenie verantwortlich sind, können bei verschiedenen Personen unterschiedlich stark zur Ausbildung der Legasthenie beitragen. Wir möchten mit unserem Ansatz, der genetische, neuropsychologische und psychometrische Methoden vereint, einen möglichst umfassenden Blick auf die Legasthenie werfen. Die Hirnfunktionen bei der Verarbeitung einfacher phonologischer und visueller Reize untersuchen wir anhand des EEG, mit dem wir zeitlich sehr genau verfolgen können, wie das Gehirn auf Reize reagiert. Mithilfe der Magnetresonanztomografie untersuchen wir die für die Verarbeitung zuständigen Hirnstrukturen. Wir wissen durch die familiäre Häufung und Zwillingsstudien aber auch, dass es genetische Ursachen für Legasthenie gibt. Ein Speicheltest soll uns die mit der Legasthenie in Verbindung stehenden Gene und damit einen Anhaltspunkt für das genetische Risiko liefern. Durch die Verbindung dieser drei Ansätze Hirnfunktion, Hirnstruktur und Genetik erhoffen wir uns in der Lage zu sein, ein Legasthenierisiko bereits sehr früh identifizieren zu können.

Die von Ihnen zitierten Autoren gehörten vor über hundert Jahren zu den Pionieren der Legasthenieforschung und erkannten bei der Beschreibung der ersten Fälle von Legasthenie auch, dass es sich vermutlich um ein komplexes Symptom- und Ursachenbild handeln müsse. Insbesondere Hinshelwood kam dabei bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu dem Schluss, dass eine erbliche Komponente eine zentrale Rolle spielen müsse. Seitdem hat sich natürlich viel in der Forschung getan, und einige der Vermutungen der frühen Forscher konnten untermauert werden.

Lars-Michael Lehmann: Im heutigen Bildungswesen haben wir sehr große Probleme damit, eine veranlagte Legasthenie von nicht-veranlagten (erworbenen) Lese- und Rechtschreibschwächen (LRS) zu unterscheiden. In der Praxis beobachten wir, dass der Versuch einer differenzierten pädagogischen Förderung mittels LRS-Klassen in den ostdeutschen Bundesländern, für die Überwindung dieser Schwäche nicht hilfreich ist. Man kann dort nämlich nur sehr oberflächlich die Symptome erkennen und zu beschulen versuchen. Daher ist es fast unmöglich, die Ursachen, die mit den Schwierigkeiten beim Erwerb des Lesens und Schreibens einhergehen, zu unterscheiden. Eine bestmögliche Förderung müsste deutlich umfassender aussehen. Ist man künftig in der Lage, diesen Kindern deutlich früher als heutzutage eine differenzierte Diagnose und pädagogische Förderung angedeihen zu lassen (inkl. einer eventuellen Therapie der Begleiterscheinungen, u.a. bei Sprech- und Sehproblemen sowie der Fein- und Grobmotorik)?

Herr Dr. Brauer:

Das ist unsere Hoffnung. Wir möchten mit unserem Ansatz einen möglichst frühzeitigen Blick auf die Legasthenie erhalten, und zwar in einem Alter, in welchem Kinder noch nicht Lesen und Schreiben, also bevor sich mögliche Probleme manifestieren. Wir hoffen, dadurch den Weg zu einer frühestmöglichen Förderung und Unterstützung betroffener Kindern öffnen zu können.

Zur Qualität der LRS-Klassen gibt es aber auch andere Ansichten. Viele gehen davon aus, dass die kleinen Klassen mit speziell geschulten Lehrern den Kindern helfen, da sie ein individuelles Eingehen auf das jeweilige Kompetenzprofil der Schüler ermöglichen.

Doch unabhängig davon bleibt festzustellen: Wenn unsere Forschung dazu beitragen kann, eine frühere Förderung zu ermöglichen, ist dies auf jeden Fall eine gute Nachricht für alle Betroffenen.

Lars-Michael Lehmann: Wir Betroffenen fühlen uns diskriminiert, wenn Mediziner oder Psychologen sowie Selbsthilfeverbände uns zu Gestörten, Schwachen oder gar zu Kranken erklären. Wenn sich eine Legasthenie unabhängig von der Intelligenz als Anlage entwickelt, heißt das nicht, dass wir nur Defizite haben, sondern auch Stärken, die wir in unserem Gemeinwesen und der Arbeitswelt dringend benötigen. Hier könnte man viele Bereiche nennen, in denen Legastheniker gute und überdurchschnittliche Leistungen in Innovation, Forschung, Management, Kunst erbracht haben, um nur einige zu nennen. Prof. Albert Galaburda von der Harvard Medical School in Boston prägte auf der letzten Fachtagung des EÖDL an der Universität in Salzburg folgenden Satz – wobei es um die Frage ging, ob die Legasthenie eine Krankheit sei – und er antwortete (frei   übersetzt) folgendermaßen: “Es ist eine Krankheit nur in dem Sinne, wie Legastheniker vom gesellschaftlichen Umfeld wahrgenommen und beeinflusst werden.”[1] Daher wäre es doch eher eine bessere Herleitung, dass man Legasthenie als weitere Normvariante menschlicher Intelligenz bezeichnen könnte, die an sich keine Therapie oder Heilung benötigt, sondern nur eine Kompensierung in einem bestmöglichen Förderumfeld im Bildungswesen. Was meinen Sie als Neurowissenschaftler dazu?

Herr Dr. Brauer:

Legasthenie ist per Definition unabhängig von Intelligenz. Es ist leider ein bei manchen immer noch bestehendes Vorurteil, dass Menschen mit Legasthenie dumm oder zu faul seien. Das ist gänzlich falsch. Ich würde auch nicht von einer Krankheit sprechen. Es ist richtig, dass Legastheniker viele Stärken haben. Dennoch bereiten ihnen Lesen und Schreiben Schwierigkeiten. Kinder mit Legasthenie haben ganz klar große Nachteile in einer Wissensgesellschaft, in der Lesen und Schreiben tagtäglich und allerorten benötigt werden. Da die Anforderungen des Alltags nun einmal so sind, ist es sinnvoll, sich um diejenigen Menschen zu kümmern, die bei dieser für unsere Gesellschaft so wichtigen Fähigkeit Probleme haben. Die Probleme verschwinden übrigens auch nicht, indem man sie ignoriert. Ganz im Gegenteil, denn dann würde den entsprechenden Kindern ihre berechtigte Forderung nach Unterstützung erst recht verweigert und ihre Benachteiligung in der Gesellschaft noch weiter ausgebaut.

Das Wissen über frühzeitige Risikofaktoren, gefolgt von einer entsprechend frühzeitigen Förderung, kann Stigmatisierung möglicherweise sogar verhindern, statt sie zu schaffen. Gerade die Erfahrung in der ersten Klasse, etwas nicht zu können, was für andere selbstverständlich ist, hat einen außerordentlich negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl des Kindes und auch auf die familiäre Atmosphäre, die sich alsdann primär um das (nun tatsächlich stigmatisierende) Defizit des Kindes dreht, begleitet von einer oft nervenaufreibenden Ursachensuche. All diesem würde ein früher Test und damit einhergehende frühzeitige Förderung entgegenwirken können.

An dieser Stelle sei auch noch einmal klargestellt: Förderung kann für Kinder mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben immer eine Besserung der schriftsprachlichen Fähigkeiten bewirken. Dies ist unabhängig davon, ob die komplexen Veränderungen in den neuronalen Grundlagen der Sprachverarbeitung im Einzelfall von Genetik, Umwelt oder einer Mischung beider herrührten. Wenn wir zukünftig besser verstehen, wie Genetik und Umwelt zu einer veränderten neuronalen Verarbeitung und somit zu Legasthenie führen, können wir Förderbedarf besser und vor allem früher feststellen. Um diesem wichtigen Ziel näher zu kommen, arbeiten wir am Projekt LEGASCREEN.

Lars-Michael Lehmann: Bezüglich meines Fachartikels, in welchem ich auf die Zusammenhänge der Entwicklung pharmakologischer Therapien sowie auf die mögliche Finanzierung der Studie durch Pharmakonzerne hinwies, fühlten Sie sich ein wenig vergrämt. Das IZI steht doch als Abkürzung für Zelltherapie und Immunologie. Daher ist es keine unbegründete Befürchtung, dass diese Herleitungen mit anderen Fachkollegen wie z.B. Prof. Schulte-Körne vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. in Verbindung stehen könnten und daher nicht spekulativ ist. Außerdem beziehen Sie sich unter anderem auf Studienergebnisse von Prof. Schulte-Körne. Was spricht nach Ihrer Meinung denn gegen diese Annahme und wie wollen Sie den betroffenen Familien mit ihren Kleinkindern versichern, dass man künftig aus diesen Erkenntnissen keine pharmakologischen Therapien oder Präparate entwickelt? Berichten Sie doch ein wenig genauer über Ihre Ziele mit diesem Forschungsprojekt.

Herr Dr. Brauer:

Ihre Spekulationen zur Finanzierung unserer Arbeit durch die Pharmaindustrie oder zu pharmakologischer Therapieforschung unsererseits waren aus der Luft gegriffen. Unsere Studie wird nicht von der Pharmaindustrie unterstützt, sondern ausschließlich von Max-Planck-Gesellschaft und Fraunhofer Gesellschaft über den gemeinsamen „Pakt für Wissenschaft und Innovation“ gefördert. Ebenso wenig forschen wir zu pharmakologischen Therapien, sondern betreiben mit unserem Projekt anwendungsbezogene Grundlagenforschung. Unsere Studie soll aber wie erwähnt dazu beitragen, bereits sehr frühe Indikatoren für ein Legasthenierisiko bei Kindern zu identifizieren, früher als das heute der Fall ist. Dies würde den Kindern einen möglichst frühzeitigen Zugang zu fördernden und unterstützenden Maßnahmen gewähren, wobei z.B. an verbesserte Lehr- und Trainingsmethoden zu denken ist. Im besten Fall kann man damit die in der Schule sich manifestierende Legasthenie mildern oder sogar ganz unterbinden.

Lars-Michael Lehmann: Seit einigen Jahren kritisieren Fachkollegen, dass die Legasthenieforschung sehr einseitig von der Medizin und der Psychologie dominiert wird. Bis heute spricht die wissenschaftliche Erkenntnis nicht für eine „Therapie“ der Legasthenie, sondern für eine multisensorische Förderung, die allen Sinnen eine umfassende Stimuli bietet. Wäre es nicht sinnvoller, man blickt ein wenig mehr über den wissenschaftlichen Tellerrand, um andere benachbarte Gebiete zu berücksichtigen, welche sich auch mit diesem Thema beschäftigen? Beispielsweise hat die internationale Forschung in den letzten 30 Jahren auch in der Pädagogik gute Fortschritte erzielt. Wäre es nach Ihrer Sicht nicht besser, mit Rücksicht auf benachbarte Gebiete zu forschen?

Herr Dr. Brauer:

Wir haben vor allem einen diagnostischen Ansatz, das heißt wir wollen dazu beitragen, Legasthenie besser erkennen zu können. Therapeutische Maßnahmen sind nicht Teil dieses konkreten Projektes. Es ist keine Frage, dass die zur Verfügung stehenden Fördermaßnahmen noch besser werden und besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Legasthenikern eingehen müssen. Das ist dann ein therapeutischer Ansatz, der ein wichtiger Punkt für weiterführende Forschung darstellt. Beide Ansätze ergänzen und befruchten sich. Als Wissenschaftler stehen wir im regen Austausch, um stets von den Ergebnissen unserer Kollegen zu lernen.

Lars-Michael Lehmann: Prof. Stanislas Deheane beschreibt es im übertragenen Sinne so: Wir benötigen einen Ansatz der „Neuropsychopädagogik[2]“, um eine bessere Lernmethodik im Schulwesen entwickeln zu können, die eben alle Aspekte berücksichtigen kann. Ich würde es lieber „empirische Bildungsforschung“ nennen. Was halten Sie von diesen Überlegungen? Und was meinen Sie, wie sich die künftige Legasthenieforschung entwickeln müsste?

Herr Dr. Brauer:

Die Weiterentwicklung von Therapie- und Lernmethoden ist ein wichtiger Punkt. In unserem Projekt konzentrieren wir uns jedoch auf die Diagnostik der Legasthenie, um eine Grundlage für frühe Therapie und Förderung zu ermöglichen. Wenn unser Projekt erfolgreich ist und schon sehr früh eine Diagnose von Legasthenie ermöglicht, ergibt sich natürlich sofort die Frage nach weitergehenden Fördermöglichkeiten, gerade auch für Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter. Bislang sind nur sehr begrenzt Therapiekonzepte für dieses Alter verfügbar, was damit zusammenhängt, dass die Diagnose von Legasthenie heute erst in der Grundschule möglich ist. Wir wünschen uns, mit unserer Studie einen Weg zu öffnen, dass auch verstärkt Trainingsangebote schon für jüngere Kindern entwickelt werden. Das wäre der folgerichtige nächste Schritt.

 

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Herrn Dr. Jens Brauer für dieses Interview und dem Max-Planck-Institut, wie auch dem Frauenhofer Institut in Leipzig.


[1] Fachtagung.com, Audioaufzeichnungen des Vortrags Seite 12, unten, von Dr. Albert Galaburda

[2] Stanislas Dehaene, Lesen – Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert, Kaus-Verlag erschien. 2009, Seite 380.

11 Min LesezeitMax-Planck-Institut Leipzig: Im Interview zum Legascreen-Projekt mit Dr. Jens Brauer