Eine Legasthenie-Testung darf nicht als Bequemlichkeitsbescheinigung dienen

Eine Legasthenie-Testung darf nicht als Bequemlichkeitsbescheinigung dienenManche Betroffene meinen, sich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bestätigen zu lassen, um sich bequem zurücklehnen zu können. Zum Teil werden dann persönliche Probleme auf die Legasthenie projiziert, die mit dieser gar nicht in Verbindung stehen. Sondern es geht dabei um seelische Probleme, die sich im Sozialverhalten zeigen können. Eine Legsthenie kann im Zusammenhang mit einer problembelasteten Kindheit und nicht bewältigten Lernschwierigkeiten psychische Probleme begünstigen. Die Legasthenie ist trotzdem keine Schwäche mit Krankheitswert, mit einer solche Herangehensweise macht man es sich zu einfach. Deshalb darf eine Legasthenie-Testung nicht als Bequemlichkeitsbescheinigung dienen. Sie sollte ein Anstoß sein, die Probleme anzupacken und zu bewältigen.

Bei erwachsenen Betroffenen beobachtet man nicht selten, dass sie bereits in ihrer Kindheit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hatten. Sie besuchten vielleicht Therapieangebote über das Sozialamt (§35a SGB VIII) oder wie in Sachsen üblich, eine Sonderklasse, die den meisten als LRS-Klasse geläufiger ist. Neben diesen genutzten Hilfsangeboten gibt es nur bei wenigen Betroffenen eine selbstangelegte Lernbereitschaft zur Bewältigung ihrer Probleme. Deshalb bestehen die Schwierigkeiten trotz der Hilfsmaßnahmen im Kindes- und Jugendalter auch im Erwachsenenalter weiter fort. Ohne einen selbständigen Lernwillen, der bereits im Elternhaus als Grundstein gelegt werden sollte, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die nicht bearbeiteten Lernprobleme von psychischen und personellen Schwierigkeiten überdeckt werden, die nicht direkt mit der Legasthenie zu tun haben. Man sollte persönliche Probleme nicht in eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hineinprojizieren, sondern diese eher durch einen Psychologen therapieren lassen.

Ein viel wichtigerer Ansatz muss sein, das Verhalten der Betroffenen zu ändern. Stabilisiert sich das seelische Gleichgewicht, besteht die Chance, diese Schwäche auch weitestgehend zu kompensieren, um das Leben besser zu meistern. Betroffene, die im Leben klarkommen, haben oft ihre Schwierigkeiten reflektiert und sind in der Lage, ihre Kindheit bzw. schulbiografische Entwicklung zu verstehen. Erst wenn die Probleme verstanden werden, besteht die Chance sie zu verarbeiten. Eine Verhaltenstherapie kann hier durchaus eine Hilfe sein, leider kennen sich viele Verhaltenstherapeuten mit dieser Problematik nicht hinreichend genug aus. Bei depressiven Verstimmungen, die Betroffene im Erwachsenenalter nicht selten aufweisen, haben wir schon gute Therapiefortschritte beobachtet. Erwachsene mit schwereren psychischen Problemen tun sich häufig schwerer oder sie wollen es nicht wahrhaben, dass sie neben ihrer Legasthenie auch noch ein seelisches Problem haben. Bei Erwachsenen scheint die Anzahl der Betroffenen mit seelischen Problemen nicht gering zu sein. Wahrscheinlich ist die Zahl höher als bei Kindern und Jugendlichen. Nach unserer Schätzung haben rund 60-70 Prozent der Betroffenen in der Kindheit psychische Schäden durch ein problembelastetes Sozialgefüge und Lernumfeld erlitten. Nur dies kann eine Erklärung für seelische Störungen sein, die bei Legasthenikern auftreten können.  Denn die Legasthenie an sich ist keine seelische Störung. Sie ist nur eine Teilleistungschwäche im Lesen und Schreiben.

Die seelischen Probleme liegen unserer Meinung nach häufig an einer unverarbeiteten Kindheit – die Legasthenie soll dann als Projektionsfläche dienen. Aber die Legasthenie ist nicht an den Problemen in der Kindheit schuld. Sie benötigt aktive Mitarbeit und den Willen, sich mit den anstehenden Aufgaben weiterzuentwickeln. Erst dann kann man sie und das Leben insgesamt bewältigen. Eine Legasthenie-Testung soll kein Attest für eine Krankheit darstellen. Sie ist nur ein Hinweis, dass man etwas aus eigenen Antrieb tun muss. An dieser Stelle kommt die eigene persönliche Verantwortung für das Leben ins Spiel. Erst eine Rückbesinnung auf die persönlichen Ressourcen und eine gezielte Selbsthilfe wird es ermöglichen, diese Schwierigkeiten zu bewältigen. Erst wenn der Betroffene erkennt, das er sich nicht mit einer Legasthenie-Testung zurücklehnen darf, wird er die Schwierigkeiten langfristig bewältigen können.

Fazit:

Eine Legasthenie-Feststellung muss immer den Willen zur Bewältigung der Schwäche stärken. Sie darf keine Bequemlichkeitsbescheinigung sein. Deswegen ist der Krankheitswert einer medizinischen Diagnose einer Legasthenie fraglich. Diese Diagnose will den Glauben zementieren, die Probleme seien krankhaft und nicht zu bewältigen. Unserer Erfahrung nach sind viele Schwierigkeiten langfristig auch im Erwachsenenalter zu bewältigen. Hier gibt es aber keine pauschale Lösung, weil die Gruppe der Betroffenen sehr heterogen ist.