Es gibt viele Erwachsene, die nicht richtig Rechnen können, denen zumindest die einfachsten Grundrechenarten nicht gelingen, im Alltag anzuwenden. Sie können mit Größen, Mengen, Zeitabläufe, Maßeinheiten, Gewichten, Geld nicht viel anfangen – weil Zahlen für sie keinen Sinn ergeben, obwohl sie von der Intelligenz her durchschnittlich bis überdurchschnittlich normal sind.
Erwachsene, die mit dem Rechnen Probleme haben, gelten nicht selten aus Unwissenheit in unserer Gesellschaft als Lernbehinderte. Man muss aber auch wissen, dass die Forschung sich bisher recht wenig mit diesen Problem beschäftigt hat, zumindest hat sie es nicht umfassend. Nur als Lernstörung, wie es die WHO versteht, kann man die Probleme nicht einordnen. Das ist einfach zu pauschal und hilft den Betroffenen kaum etwas. Nein, es verstärkt eher noch die Probleme, da man die Schwierigkeiten zu therapieren versucht,
die man nicht therapieren kann. Es gibt zumindest keine wissenschaftlichen Belege dazu. Seit etwa 20 Jahren forscht man in diesem Bereich. Den Begriff Dyscalculia kennt man seit den 70er Jahren in Amerika als umschriebene Rechenstörung, genauer gesagt, als pauschalisierte Lernstörung. Deswegen ist auch die wissenschaftliche Betrachtung auf diesem Gebiet sehr diffus, besonders was die Diagnostik in ihrer Gesamtheit betrifft. Überwiegend werden falsche Diagnosen gestellt, Betroffene wissen selten Bescheid, welche Probleme sie wirklich haben. Nicht zu vergessen ist, dass eine Dyskalkulie überwiegend als Kombination Dsykalkulie/Legasthenie in Erscheinung tritt. Es ist unsere persönliche Erfahrung, und wir beobachten es auch in unserer praktischen und wissenschaftlichen Arbeit mit Betroffenen aller Alterklassen.
Zumindest weiß man heute, dass eine Dyskalkulie auch familiär bedingt ist, wie die Legasthenie schon durch die Genforschung belegt wurde. Zumindest liegen die Indizien dafür sehr nahe. Zum anderen gibt es auch umfangreiche erworbene Rechenschwächen, wie sie häufig bei einer erworbenen LRS zu beobachten ist. Da es keine wirklichen Klassifikationen gibt, ist die Diagnostik und Förderung sehr umfangreich, da es nur sehr wenige Spezialisten gibt, die Ursachen und Wirkungen Unterscheiden können. Von staatlicher Seite gibt es da auch keine optimale Förderung, von der Grundschule angefangen, bis hin zum Berufsleben.
Erwachsene fallen aber auf, dass sie sich völlig normal verhalten und in den allgemeinen Fächern durchschnittlich bis gute Ergebnisse erzielen. Bei einem Dyskalkuliker geht es um den Erwerb rechnerischen Grundfertigkeiten, es geht hierbei nicht darum, dass er nicht rechnen kann, sondern es geht um den Grunderwerb des Rechnens. Sie liegt eindeutig an den unterschiedlichen Funktionen der Teilleistungen, wie bei einer Legasthenie. Darum nennt man auch die Dyskalkulie die Schwester der Legasthenie. Die überwiegend als Kombination auftritt und nach unseren Beobachtungen auch familiär bedingt sind. In unserer langjährigen Arbeit ist uns noch kein Betroffener aufgefallen, der keine kombinierte Variante hatte. Trotzdem kann eine Legasthenie isoliert von einer Dyskalkulie auftreten. In der Wissenschaft gibt es leider keine Studien dazu, die diese Schwierigkeiten zusammen betrachtet haben. Zumindest ist uns keine Studie bekannt. Es gibt sie nicht einmal im Bereich Legasthenie und LRS.
Eine Dyskalkulie ist auch eine andere Denkfähigkeit und Lernfähigkeit, wie die Legasthenie. Das Hirn ist in diesen Bereich anders organisiert, die Sinnesfunktionen, die für das reibungslose Lernen dieser Fähigkeiten zuständig sind, verursachen die Probleme durch eine besondere erbliche Besonderheit in der Verarbeitung im Sprachzentrum, die für die visuelle Verarbeitung von Mengen zuständig ist. Nichts anderes ist eine Dyskalkulie. Trotzdem kann man auch als erwachsener Dyskalkuliker die Schwierigkeiten mit dem Rechnen überwinden und kann das Rechnen wie andere Nicht-Betroffene noch erlernen.
Viele Erwachsene haben das bei guter Intelligenz meistens nur einen Hauptschulabschluss erreicht, da sie meistens an den hartnäckigen Problemen beim Erwerb der Grundrechenarten in der Schule gescheitert sind. Alltägliches Rechnen im Kopf macht ihnen große Probleme, weil sie die Grundrechenarten nicht verinnerlicht haben. Besonders wenn sie Einkaufen gehen, können sie nicht die gekauften Artikel abschätzen oder Zusammenzählen, wie groß der Geldbetrag ist. Sie haben einfach keinen Sinn, wie groß die Menge an Mehl ist, die benötigt wird, wenn sie beispielsweise einen Kuchen backen möchten. Auch Zeitabläufe, wie Stunden, Wochen, Monate, Jahre machen große Probleme – sie haben für andere scheinbar wenig Sinn dafür.
Wenig Sinn für Zahlen zu haben, macht den Betroffenen sehr große Probleme sich im Alltag zu orientieren, an diesen Schwierigkeiten wird der Zugang für eine angemessene Ausbildung in der Regel scheitern. Für die meisten wird diese Entwickelung zum Teufelskreis, da wenige Fachleute sich damit auskennen diese Probleme zu überwinden.
Beobachtet man aber einen Dyskalkuliker, wird einem auffallen, dass er in den allgemeinen Aufgaben völlig normal sich verhält. Er wird sich unauffällig im Leben bewegen können, er kann sich auch völlig Normal sprachlich Artikulieren, was auch ein sehr wichtiger Indiz für eine durchschnittlich normale Intelligenz bedeutet. Wie schon erwähnt muss man eine Dyskalkulie und Legasthenie immer im engen Zusammenhang sehen und verstehen, wie auch diagnostizieren. Leider wird dies sehr selten so gehandhabt, da man die Probleme meistens isoliert voneinander betrachtet. Darum erhalten die meisten Betroffenen keine umfassende Diagnose der Ursachen und Wirkungen ihrer wirklichen Probleme, da die Förderung sehr unterschiedlich ist.
Auch kombinierte Probleme kann man sehr gut durch umfassende Förderung im Erwachsenenalter in den Griff bekommen.
Wir werden demnächst über einen erwachsenen Schützling berichten, der uns an dieser Stelle in Form eines Filmbeitrages berichten wird.
Tags: Dyskalkulie, Erwachsene, Rechenschwäche