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Buchbesprechnung: Dyskalkulie (Landerl/Kaufmann)

Montag, Januar 30th, 2012

Das Fachbuch der Reinhardt der UTB-Reihe zum Thema: Dyskalkulie von der Entwicklungsphysiologin Prof. Dr. Karin Landerl und der Neuropsychologin Dr. Mag. Liane Kaufmann.

Es geht auf die allgemeinen Grundlagen der Zahlenverarbeitung ein. Sowie auf die allgemeine Entwicklung der Zahlenverarbeitung bei in der menschlichen Entwicklung. Anhand verschiedener Modelle werden diese Bereiche verdeutlicht. Im zweiten Kapitel geht es um die Definition der Dyskalkulie, Epidemiologie, Prognose, Neuroglosche Befunde. Weiter geht es auch auf verschiedene andere Fragen ein, welche Probleme eine Dyskalkulie verursachen. Man stellt auch die Frage nach den Subtypen und stellt ein interessantes Kausalmodell vor.

Das vierte Kapitel geht auf die Diagnostik der Dyskalkulie ein, geht auf die Schuleingangsuntersuchungen ein. Des Weiteren wird auf die neuropsychologischen Theorien der Zahlenverarbeitung die auf den Rechenleistungen basieren eingegangen. Als Nächstes werden weitere psychologische Testverfahren zusammengestellt. Im letzten fünften Kapitel geht man auf die Instruktionen, Förderung und Interventionen von Schülern mit Dyskalkulie ein. Als Weiteres findend man im Anhang ein nützliches Glossar, Literaturverweise sowie ein Sachregister.

Es ist ein komprimiertes Faktenbuch über den Stand der psychologischen und neurobiologischen Forschung im internationalen Kontext. Dieses Buch zeigt uns auch die Zerwürfnisse in der wissenschaftlichen Theorie und Praxis auf, die auch die Probleme der Differenzierung und Diagnostik aufzeigen. Und zeigt es, dass wir von einem umfassenden Ansatz für die Betroffenen weit entfernt sind. Uns zeigt es, es fehlt eine umfassende Definition der sehr vielfältigen Rechenschwächen, die Diskussion ähnelt, wie genetisch bedingter Legasthenie und erworbener Lese-Recht-Schreibschwäche (LRS). Interessanterweise wird aber auf das Diagnostische Manuel der WHO-ICD-10 (Dilling/Freyberger 2001) anführte Definition der “Rechenstörung” (F 81.2) nur als bedingt hilfreich angesehen. Da eben eine Rechenschwäche viel umfangreicher ist als eine pauschalierte Zusammenfassung. Für Arbeit mit Betroffenen ob in der Diagnostik, als auch umfassenden Förderung sind uns diese Definitionen nicht hilfreich. Dieses Buch zeigt auch nur den pathologischen Ansatz, der nicht wirklich in der pädagogischen Förderung kompatibel ist.

Als Weiteres wird auch angeführt das bei der Diagnostik mittels HAWIK-IV (Petermann/Petermann 2007; K-ABC, Melchers/Preuß 1996) zu Diskrepanzen kommt und häufig schlechter abschneiden. Deswegen werden nicht wenige Schüler auch auf eine Förderschule für Lernförderung verwiesen. Weil, die Betroffenen nicht richtig eingeschätzt werden können. Obwohl diese von der allgemeinen Intelligenz durchschnittlich “normal” sind. So erleben wir die Arbeit mit Betroffenen und beobachten auch das Scheitern vieler im Erwachsenenalter.

Ein nächstes wird auch deutlich das der Zusammenhang einer Legasthenie und Dyskalkulie sehr eng, und mehrere Studien bestätigen eine Kombination bei Schülern. Wir zitieren von Seite 98: “Dyskalkulie tritt in vielen Fällen nicht isoliert auf, sondern in der Kombination mit Legasthenie oder ADHS auf.” Es werden jedenfalls 5. verschieden Studien vorgestellt die, diese Kombinationen bei Kindern und Jugendlichen untersucht haben. Wir finden eine deutsche Stichprobe von, Prof. Michael von Aster von 2007 mit 337 Kindern der 2. Klassenstufe diese besagt, dass sogar 70 Prozent eine Kombination Rechenschwäche und Lese-Rechtscheibstörung aufwiesen. Nach unseren Beobachtungen sin diese Zahlen, auch für Dresden gut nachvollziehbar.

Denn wir, hatten bisher noch keine mit einer Dyskalkulie der keine Kombination einer Legasthenie aufwiesen. Zumindest zeigen sich deutliche Schwierigkeiten im Lesen, nicht immer in der Rechtschreibung. Es wird auch hingewiesen, das es mehrere Varianten gibt. In der Diagnostik werden diese Schwierigkeiten meistens nicht richtig zugeordnet. Deswegen scheitern auch viele Kinder und Jugendlichen in der langfristigen Förderung, weil sie dann von Therapeuten zu Therapeuten gehen müssen, in Deutschland gibt es zu wenige Spezialisten, die sich mit diesen Kombinationen auskennen. Sicherlich wird es hier regionale Unterschiede in Deutschland geben, in welcher Weiße man den Betroffenen zu helfen versucht. Außerdem ist gibt es keine Studien über die Langzeitauswirkung einer langfristigen Auswirkungen auf die Schullaufbahn, sowie der beruflichen Entwicklung, zumindest wird angenommen das die Auswirkungen mit kombinierten Problemen deutlich schwieriger sind als, wenn es nur eine isolierte Lese-Recht-Schreibschwäche ist. Nach englischen Studien gab es Stichproben unter 37-jährigen Männern, dass die Arbeitslosenrate bei diesen mit adäquaten Rechen- und Leseleistungen bei 8 Prozent lag, bei Personen mit auffällig schwachen Rechenleistungen aber bei beachtlichen 48 Prozent und 41 Prozent mit schwachen Leseleistungen. In dieser englischen Stichprobe wird dargelegt, dass jeder zweite Betroffene mit einer Rechenschwäche arbeitslos war. Dies zeigt uns, dass die Relevanz der Forschung nach Gesichtspunkten des Gemeinwohls total vernachlässigt wurde. Gäbe es in Deutschland ähnliche Untersuchungen, käme man mit Sicherheit auf sehr ähnliche Ergebnisse.

Wir haben, schon ein großes Problem in der Differenzierung der verschiedenen Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben, kommen dann komplexe Kombinationen hinzu, scheitern alle Integrationsversuche. Hier in Sachsen beobachten wir es schon mehr als 20 Jahre das sich auf der ganzen Ebene sehr wenig getan hat. Das sich der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. als erster Selbsthilfeverband, um die Belange dyskalkuler Menschen kümmern würde halten wir als völlig hypothetisch und unangemessen, da die Praxis uns ganz andere Fakten zeigen. Denn die meisten Betroffenen kennen diesen Verband gar nicht. Und wenn sie ihn um Hilfe bitte hören wir immer wieder von Betroffenen ernüchterte Berichte, dass man von dieser Seite fast keine umfassende Hilfe bekommt. Der große Fehler den wir schon seit vielen Jahren kritisieren ist der sehr einseitige medizinische Ansatz der sich immer nach der ICD-10 orientiert, dieser ist in der Praxis für die Förderung von Betroffenen aller Altersklassen zum Scheitern verurteil. Aus der Perspektive der Betoffenen können wir nur sagen, dass diese nicht als „Rechen- oder Lesegestörte“ bezeichnet werden wollen. Das ist auch aus wissenschaftlicher Sicht diskriminierend. Uns klingt es manchmal nach Selektion einer alten grausamen Zeit, aber nicht nach umfassender Integration im Dienste legasthener und dyskalkuler Menschen.

Fazit: Dieses Buch ist nur ein Grundlagenbuch für die wissenschaftliche Theorie. Für die praktische Arbeit und Integration eignet sich dieses Buch nicht. Für ein Lehrbuch ist es nach unser Sicht nicht objektiv genug. Weil, es auch andere Ansätze, wie die von Dr. Kopp-Duller völlig ignoriert, was wissenschaftlich einseitig ist. Daher ist dieses, kein unabhängiges Buch für die akademische Bildung. Sondern es ist scheinbar ein Buch aus Sicht des Selbsthilfeverbandes. Der, wie wir schon lange wissen, eng mit der Pharmaindustrie verstrickt ist. Will, man den Betroffenen helfen braucht es einen umfassenden Ansatz. Dieser fehlt uns diesem Buch völlig – es zeigt uns, dass Wissenschaft in ihrer grauen Ignoranz anderer Disziplinen stecken geblieben ist. Für die pädagogische Arbeit eignet sich dieses Buch nicht. Wir haben schon aus der Reinhardts UTB-Reihe schon “bessere” Literatur rezensiert.

Dyskalkulie bei Erwachsenen – Wenn Zahlen keinen Sinn ergeben

Donnerstag, Januar 5th, 2012

Es gibt viele Erwachsene, die nicht richtig Rechnen können, denen zumindest die einfachsten Grundrechenarten nicht gelingen, im Alltag anzuwenden. Sie können mit Größen, Mengen, Zeitabläufe, Maßeinheiten, Gewichten, Geld nicht viel anfangen – weil Zahlen für sie keinen Sinn ergeben, obwohl sie von der Intelligenz her durchschnittlich bis überdurchschnittlich normal sind.

Erwachsene, die mit dem Rechnen Probleme haben, gelten nicht selten aus Unwissenheit in unserer Gesellschaft als Lernbehinderte. Man muss aber auch wissen, dass die Forschung sich bisher recht wenig mit diesen Problem beschäftigt hat, zumindest hat sie es nicht umfassend. Nur als Lernstörung, wie es die WHO versteht, kann man die Probleme nicht einordnen. Das ist einfach zu pauschal und hilft den Betroffenen kaum etwas. Nein, es verstärkt eher noch die Probleme, da man die Schwierigkeiten zu therapieren versucht,
die man nicht therapieren kann. Es gibt zumindest keine wissenschaftlichen Belege dazu. Seit etwa 20 Jahren forscht man in diesem Bereich. Den Begriff Dyscalculia kennt man seit den 70er Jahren in Amerika als umschriebene Rechenstörung, genauer gesagt, als pauschalisierte Lernstörung. Deswegen ist auch die wissenschaftliche Betrachtung auf diesem Gebiet sehr diffus, besonders was die Diagnostik in ihrer Gesamtheit betrifft. Überwiegend werden falsche Diagnosen gestellt, Betroffene wissen selten Bescheid, welche Probleme sie wirklich haben. Nicht zu vergessen ist, dass eine Dyskalkulie überwiegend als Kombination Dsykalkulie/Legasthenie in Erscheinung tritt. Es ist unsere persönliche Erfahrung, und wir beobachten es auch in unserer praktischen und wissenschaftlichen Arbeit mit Betroffenen aller Alterklassen.

Zumindest weiß man heute, dass eine Dyskalkulie auch familiär bedingt ist, wie die Legasthenie schon durch die Genforschung belegt wurde. Zumindest liegen die Indizien dafür sehr nahe. Zum anderen gibt es auch umfangreiche erworbene Rechenschwächen, wie sie häufig bei einer erworbenen LRS zu beobachten ist. Da es keine wirklichen Klassifikationen gibt, ist die Diagnostik und Förderung sehr umfangreich, da es nur sehr wenige Spezialisten gibt, die Ursachen und Wirkungen Unterscheiden können. Von staatlicher Seite gibt es da auch keine optimale Förderung, von der Grundschule angefangen, bis hin zum Berufsleben.

Erwachsene fallen aber auf, dass sie sich völlig normal verhalten und in den allgemeinen Fächern durchschnittlich bis gute Ergebnisse erzielen. Bei einem Dyskalkuliker geht es um den Erwerb rechnerischen Grundfertigkeiten, es geht hierbei nicht darum, dass er nicht rechnen kann, sondern es geht um den Grunderwerb des Rechnens. Sie liegt eindeutig an den unterschiedlichen Funktionen der Teilleistungen, wie bei einer Legasthenie. Darum nennt man auch die Dyskalkulie die Schwester der Legasthenie. Die überwiegend als Kombination auftritt und nach unseren Beobachtungen auch familiär bedingt sind. In unserer langjährigen Arbeit ist uns noch kein Betroffener aufgefallen, der keine kombinierte Variante hatte. Trotzdem kann eine Legasthenie isoliert von einer Dyskalkulie auftreten. In der Wissenschaft gibt es leider keine Studien dazu, die diese Schwierigkeiten zusammen betrachtet haben. Zumindest ist uns keine Studie bekannt. Es gibt sie nicht einmal im Bereich Legasthenie und LRS.

Eine Dyskalkulie ist auch eine andere Denkfähigkeit und Lernfähigkeit, wie die Legasthenie. Das Hirn ist in diesen Bereich anders organisiert, die Sinnesfunktionen, die für das reibungslose Lernen dieser Fähigkeiten zuständig sind, verursachen die Probleme durch eine besondere erbliche Besonderheit in der Verarbeitung im Sprachzentrum, die für die visuelle Verarbeitung von Mengen zuständig ist. Nichts anderes ist eine Dyskalkulie. Trotzdem kann man auch als erwachsener Dyskalkuliker die Schwierigkeiten mit dem Rechnen überwinden und kann das Rechnen wie andere Nicht-Betroffene noch erlernen.

Viele Erwachsene haben das bei guter Intelligenz meistens nur einen Hauptschulabschluss erreicht, da sie meistens an den hartnäckigen Problemen beim Erwerb der Grundrechenarten in der Schule gescheitert sind. Alltägliches Rechnen im Kopf macht ihnen große Probleme, weil sie die Grundrechenarten nicht verinnerlicht haben. Besonders wenn sie Einkaufen gehen, können sie nicht die gekauften Artikel abschätzen oder Zusammenzählen, wie groß der Geldbetrag ist. Sie haben einfach keinen Sinn, wie groß die Menge an Mehl ist, die benötigt wird, wenn sie beispielsweise einen Kuchen backen möchten. Auch Zeitabläufe, wie Stunden, Wochen, Monate, Jahre machen große Probleme – sie haben für andere scheinbar wenig Sinn dafür.

Wenig Sinn für Zahlen zu haben, macht den Betroffenen sehr große Probleme sich im Alltag zu orientieren, an diesen Schwierigkeiten wird der Zugang für eine angemessene Ausbildung in der Regel scheitern. Für die meisten wird diese Entwickelung zum Teufelskreis, da wenige Fachleute sich damit auskennen diese Probleme zu überwinden.

Beobachtet man aber einen Dyskalkuliker, wird einem auffallen, dass er in den allgemeinen Aufgaben völlig normal sich verhält. Er wird sich unauffällig im Leben bewegen können, er kann sich auch völlig Normal sprachlich Artikulieren, was auch ein sehr wichtiger Indiz für eine durchschnittlich normale Intelligenz bedeutet. Wie schon erwähnt muss man eine Dyskalkulie und Legasthenie immer im engen Zusammenhang sehen und verstehen, wie auch diagnostizieren. Leider wird dies sehr selten so gehandhabt, da man die Probleme meistens isoliert voneinander betrachtet. Darum erhalten die meisten Betroffenen keine umfassende Diagnose der Ursachen und Wirkungen ihrer wirklichen Probleme, da die Förderung sehr unterschiedlich ist.

Auch kombinierte Probleme kann man sehr gut durch umfassende Förderung im Erwachsenenalter in den Griff bekommen.

Wir werden demnächst über einen erwachsenen Schützling berichten, der uns an dieser Stelle in Form eines Filmbeitrages berichten wird.